Der einsamste Mensch im Sonnensystem

BLOG: Go for Launch

Raumfahrt aus der Froschperspektive
Go for Launch

Wer war der erste Mann auf dem Mond? Das wissen wohl die meisten. Auch an den Namen des zweiten kann man sich ohne allzu große Schwierigkeiten erinnern. Aber die Mannschaft von Apollo 11 bestand aus drei Männern; den dritten vergisst man schnell, selbst wenn man ihn überhaupt registriert hat. Micahel Collins (Read this article in English here)

Im Fall von Apollo 11 handelt es sich um Michael Collins. Der Astronaut, der bei den Apollo-Missionen im Kommandomodul “Columbia” verblieb, während seine zwei Kollegen sich im Landemodul “Eagle” auf den Weg hinunter zur Mondoberfläche und hinein in die Geschichtsbücher machten, hatte einen der undankbarsten Jobs der Raumfahrtgeschichte.

Collins war einer der wenigen US-Bürger, die weder am 20. Juli 1969 noch an den folgenden Tagen bis zur sicheren Landung im Pazifik Zugang zu einem Fernseher hatten – gerade für einen Amerikaner ein ungewohnter Verzicht. Alle Welt hatte die Direktübertragungen gesehen, in denen Armstrong und Aldrin ungelenk über die Mondoberfläche hüpften. Nur Michael Collins nicht, obwohl er unter allen Menschen Armstrong und Aldrin am nächsten war. Ausgerechnet dieses Ereignis, bei dem Bilder so wichtig und einmalig sind, konnte er nur per Audio verfolgen.

 Da ist aber nicht nur die Tatsache, dass seine Rolle so angelegt war, dass er im Schatten der anderen stand und dass er auf Informationen verzichten musste, die praktisch allen seiner Landsleute und auch sonst den meisten Bürgern der Erde zur Verfügung standen.

Auf dem Piloten des Apollo-Kommando-Moduls lastete eine besonders schwere Verantwortung. Zwar war seine Aufgabe – obwohl sicherlich gefährlich genug – weniger risikobehaftet als das seiner Kollegen. Die psychologische Belastung dürfte aber enorm gewesen sein.

Wären Armstrong und Aldrin bei Landung, Aufenthalt auf der Oberfläche oder Rückstart verunglückt – die Chancen für ein Unglück waren nicht gering, angesichts der Kühnheit der ganzen Mission und der Neuheit der Technologie – hätte er tatenlos aus dem Orbit um den Mond zusehen müssen.

Hätten die beiden gar nicht starten können, wäre Collins gezwungen gewesen, bei Öffnen des Rückkehrfensters das Haupttriebwerk zu starten und “Trans-Earth Injection”, die Mondflucht und den Einschuss in die Rückkehrellipse zur Erde einzuleiten und seine Freunde und Kollegen ihrem sicheren Tod zu überlassen.

Hinzu kam: Von jedem der zweistündigen Umläufe um den Trabanten verbrachte Collins in der Columbia 48 Minuten im Sichtschatten des Mondes und war damit vom Funkverkehr mit der Erde abgeschnitten. Was auch immer während dieser Zeit in der “Tranquillity Base” passierte, er hätte nichts davon mitbekommen.

Obwohl Collins natürlich während der Warteperiode keineswegs untätig blieb, die Bewältigung dieser ziemlich einzigartigen Kombination aus Einzelhaft und Verantwortung bedarf schon eines außergewöhnlichen Menschen.  

Neben Michael Collins möchte ich ausdrücklich auch seine Nachfolger erwähnen, Richard Gordon (Apollo 12), Stuart Roosa (Apollo 14), Alfred Worden (Apollo 15), Ken Mattingly (Apollo 16, Mattingly sollte ursprünglich auf Apollo 13 mitfliegen, wurde aber wegen der möglichen Infektion mit einer Krankheit zurückgestellt) und Ron Evans (Apollo 17).

(Ja, ich muss zugeben, einige dieser Namen musste ich nachschlagen).

  • Veröffentlicht in: Leute
Michael Khan

Ich bin Luft- und Raumfahrtingenieur und arbeite bei einer Raumfahrtagentur als Missionsanalytiker. Alle in meinen Artikeln geäußerten sind aber meine eigenen und geben nicht notwendigerweise die Sichtweise meines Arbeitgebers wieder.

6 Kommentare

  1. Houston hat mich die ganze Zeit zugequatscht

    … war übrigens die Antwort von Michael Collins zu diesem Thema. “Wie konnte ich da einsam sein?”

    Er hat schon einen guten Humor, auch heute noch. Übrigens hat Michael Collins es abgelehnt, als man ihm einen Platz in Apollo 17 angeboten hat, damit auch er die Chance hatte, den Mond zu betreten.

  2. Collins auf Apollo 17?

    Ist denn bekannt, was passiert wäre, hätte Collins die Stelle als Kommandant von Apollo 17 bekommen? Wäre Gene Cernan dann zum “Lunar Module Pilot” relegiert worden und der einzige Wissenschaftler unter den Apollo-Astronauten, Harrison Schmitt, hätte nicht fliegen dürfen?

  3. Collins auf 17

    Glaube ich nicht. Die Wissenschaftler-Gemeinde hat sich so sehr für Cernan, den einzigen Wissenschaftler im Astronauten-Corps, eingesetzt, dass ein solches (Horror-)Szenario nach den 3 Streichungen wohl kaum mehr zur Debatte stand.

  4. Korrektur

    Ich meinte natürlich Schmitt (nicht Cernan). Der Flug von Schmitt auf der 17 war ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr wirklich gefährdet.

  5. Abgesandte der “Menschheit”

    Die Tatsache, dass unter den sechs Menschen auf dem Mond keine Frau und nur ein Wissenschaftler waren, sondern fast ausschließlich Militärs, ist schon bedauerlich und sollte bald geändert werden!

  6. Autor

    Michael Collins ist unter allen Astronauten mein Favorit, was das Schreiben angeht. Von allen Büchern ist seins das mit Abstand interessanteste und persönlichste. In der Tat ein bemerkenswerter Mann.

    (Michael Collins: Carrying the Fire)

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