Extraterrestrische Bodenproben – Ein Risiko?

Künstlerische Darstellung des Starts der Rakete mit dem Probenbehälter von der Marsoberfläche ins niedrige Marsorbit, Quelle: PIA07187, NASA/JPL

Unlängst schrieb Martina Grüter in ihrem Blog einen Artikel zur Gefahr durch Bodenproben vom Mars, wenn sie im Rahmen von Raumfahrtmissionen wie Mars Sample Return zur Erde gebracht werden, damit sie hier von Wissenschaftlern untersucht werden können. Ich habe mit diesem Thema schon lange zu tun und habe mir dazu einige Gedanken gemacht. Was ich dazu sagen möchte, passt nicht in einen Kommentar zu Martinas Artikel. Also muss daraus ein eigener Artikel werden. 

Sind wir allein im Universum? Ist unser vor Leben überquellender blauer Planet ein seltener Einzelfall oder nur einer von vielen? Das ist offenkundig eine der ganz großen Fragen der Wissenschaft. Es ist aber keineswegs eine Frage, die nur Wissenschaftler interessiert. Jedes menschliche Wesen, das auch nur ein klein wenig über den eigenen Tellerrand hinausschaut, wird sich beim Blick in den Sternenhimnmel genau solche Fragen gestellt haben. 

Als erstes wäre da der Mond ….

Am 24. Juli 1969 landete die Wiedereintrittskapsel von Apollo XI mit Armstrong, Aldrin und Collins an Bord im Nordpazifik. Die drei Mondastronauten wurden mit Natronbleichlauge abgewischt und kamen in eine dreiwöchige Quarantäne – nur als Vorsichtsmaßnahme, denn dass ihnen irgendwelche Lebensformen vom Mond anhaften könnten, galt schon damals als  extrem unwahrscheinlich. 

Auch 53 Jahre später hat sich an dieser Einschätzung nichts geändert:

  • Die Mondoberfläche wird während des zweiwöchigen Mondtags bis zu 130 Grad heiß und wird zudem von extremer UV-Strahlung von der Sonne gebadet. Beides sind tödliche Faktoren für Leben, wie wir es kennen; beide Effekte werden auf der Erde, beispielsweise im medizinischen Umfeld, zur Sterlisierung eingesetzt. Auf der Erde sind wir durch die dichte Atmosphäre geschüzt – die Mondoberfläche ist der Wärme- und UV-Strahlung schutzlos ausgesetzt. 
  • Auch unter der Oberfläche, wo der Regolith (Mondstaub, der durch thermische, radiochemische und mechanische Verwitterung entsteht) eine thermische Isolation bietet und die EUV-Strahlung nicht mehr hinkommt, ist es ungemütlich. Kosmische Strahlung durchdringt mühelos dicke Lagen von Regolith und sogar Gestein. Von der Sonne kommt der Sonnenwind: vorwiegend Protonen und Elektronen, meist solche eher geringerer Energie, dafür aber in rauen Mengen. Aus der Galaxie kommt zwar weniger, davon aber richtig übles Zeug sehr hoher Energie, bis hin zu Eisenkernen. Bei hoher Sonnenaktivität nimmt die Flussdichte der geladenen Teilchen von der Sonne zu, dafür wird die galaktische kosmische Strahlung zurückgedrängt. Bei geringer Sonnenaktivität ist es umgekehrt. Vor der kosmischen Strahlung schützen uns das Magnetfeld und die Atmosphäre der Erde, aber auf dem Mond sind beide Schutzfaktoren nahezu vernachlässigbar. 
  • Starke elektrostatische Ladungen entstehen duch den Sonnenwind, aber auch durch Wechselwirkungen mit dem sonnenabgewandten Teil des irdischen Magnetfelds. 
  • Die Mondoberfläche steht unter Dauerbeschuss durch Staub oder kleine und nicht so kleine Asteroiden. Zwar endete die Phase des schweren Bombardements schon vor rund 3.8 Milliarden Jahren, aber es kommt auch heute noch immer noch einiges runter. Anders als auf der Erde erreichen auf dem atmosphärenlosen Mond selbst kleinste Staubteilchen die Oberfläche. Wenn man Mondgestein unter dem Mikroskop betrachtet, sieht man selbst Krater von Mikrometergröße. 

Bei all dem muss man bedenken: Das passiert nicht nur ein paar Stunden oder Tage, sondern über Jahrmilliarden hinweg. Alles Material in Bodenproben wäre diesem Bombardement ausgesetzt gewesen. Hinzu kommt, dass auf dem Mond von vorneherein schon nicht die Voraussetzungen vorherrschen, unter denen Leben gedeiht, wie wir es kennen. Ja, nach langem Suchen konnte die Existenz feinverteilten Wassers belegt werden. Aber dadurch allein wird Leben auf einem Himmelskörper nicht gleich wahrscheinlich. 

Folgerichtig erlegen die COSPAR-Richtlinien (COSPAR = Committee on Space Research = der internationale Dachverband für wissenschaftliche Weltraumforschung) Mondmissionen keine besonderen Beschränkungen auf. Für Missionen zum Mond gilt die Kategorie II. Alle Rückkehrmissionen fallen in die Kategorie V. Dort unterscheidet man aber zwischen “restricted return” und “unrestricted return”. Für den Mond gilt letzteres. Die Vorsicht, die man bei den Apollo-Missionen walten ließ, war also aus heutiger Sicht nicht notwendig, ob nun mit oder ohne Bodenproben. 

Ist der Mars ein anderer Fall?

Beim Mars liegt der Fall schon deutlich anders. In der Frühzeit des roten Planeten hatte er eine dichte Atmosphäre. Es gibt eindeutige geologische Belege für die Präsenz von ausgedehnten stehenden und fließenden Gewässern. Mars ist jedoch zu klein, um eine solche Atmosphäre halten zu können. Als der Vulkanismus dort nachließ, verschwand die Atmosphäre nach und nach. Heute ist die Luftdichte an der Oberfläche nur noch 1.6% der Dichte auf der Erde. Flüssiges Wasser kann sich dort nicht lange halten. Es gibt jedoch große unterirdische Eisablagerungen und zudem in den Polarregionen Permafrost und Oberflächeneis. Auch in der Atmosphäre hält sich Feuchtigkeit und kann zu Raureif am frühen Morgen führen. 

Möglicherweise gibt es lokale doch noch Vorkommen mit frischem Wasser, nämlich dort, wo vulkanische Aktivität Eis zum Schmelzen bringt. Viel kann das aber nicht sein, denn Vulkanismus hinterlässt Spurengase in der Atmosphäre, die man aber nicht gefunden hat. Spektrometrische Messungen durch die ESA-Sonde Mars Express, bestätigt von terrestrischen Teleskopen, lieferten Hinweise auf einen Methanzyklus auf dem Mars. Demnach sollten dort lokale Methananreicherungen festgestellt worden sein, die im Verlauf mehrerer Monate entstanden und ebenso schnell wieder verschwanden. Der NASA-Rover Curiosity bestätigte solche Beobachtungen. Der ESA-Orbiter ExoMars TGO, dessen NOMAD-Spektrometer um Größenordnungen empfindlicher ist als das PFS auf Mars Express, fand jedoch keine Spuren von Methan

Ein kurzperiodischer Methanzklus wäre eine sehr mysteriöse Angelegenheit. Vulkanismus bringt keinen Methanausstoß mit sich. Schlammvulkanismus schon, aber die Quellen hat man auch noch nicht entdeckt. Eine weitere mögliche Erklärung wäre Serpentinisierung – ein geologischer Prozess, der eine unterirdische Wärmequelle in der Nähe eines Wasservorkommens bedingt. 

Organismen auf dem heutigen Mars hätten es allerdings auch nicht einfach. Zwar sind die Maximaltemperaturen und die Temperaturschwankungen nicht so extrem wie auf dem Mond. Die kosmische Strahlung ist dort allerdings immer noch sehr intensiv, ebenso die UV-Strahlung. Die dünne Atmosphäre und die schwachen Überreste des Magnetfelds bieten nicht viel Schutz. Die Atmosphäre hält aber zumindest die kleinsten der vielen Staubteilchen aus dem Weltraum auf. 

Die Präsenz von Wasser auf dem Mars hat paradoxerweise eine weitere lebensfeindliche Auswirkung, die es auf dem Mond nicht gibt: In Verbindung mit starker statischer Aufladung kann sich Wasserstoffperoxid bilden, das die oberen Schichten der Atmosphäre tränkt. H2O2 ist ein wirkungsvolles Desinfektionsmittel. 

Dass sich also lebende Organismen auf oder nahe der Oberfläche des Mars halten können, ist immer noch sehr unwahrscheinlich. Denkbar wäre aber immerhin, dass sich in der Frühzeit des Mars Leben gebildet hat, von dem es immer noch lokale Überreste gibt, dort wo Wärmequellen im Untergrund auf Eisvorkommen stoßen. Wenn man in Bodenproben eindeutige Spuren von Leben nachweisen könnte, wäre das eine wissenschaftliche Sensation. Auch wenn es nur fossile Lebensspuren wären. 

Der ESA-Rover Rosalind Franklin, dessen Zukunft aktuell unklar ist, soll auf dem Mars nach Spuren früheren oder extistierenden Lebens suchen. Aufgabe von Rosalind Franklin ist die Suche nach Leben. Eine feste Grundannahme war dabei immer, dass der Rover einen Bohrer braucht, der Bohrkerne aus bis zu 2 Meter Tiefe entnehmen kann. Begründet wurde das mit der Eindringtiefe der kosmischen Strahlung. Da erscheint es nicht plausibel, dass Bodenproben, die von Perseverance entnommen wurden, mit lebenden Marsorganismen kontaminiert sein könnten. 

Sicherheitsmaßnahmen für Bodenproben vom Mars

Dennoch wird bei der Planung von Mars-Sample-Return-Missionen erheblicher Aufwand betrieben, um die Kontamination der irdischen Biosphäre auszuschließen. Die Probenröhrchen werden in einem etwa Wasserball-großen Behälter ins niedrige Marsorbit gestartet und dort von dem Earth Return Orbiter eingefangen. Der Behälter wird in der Eintrittskapsel durch explosive Verschweißung eingeschlossen. Der Orbiter verlässt den Mars und bleibt bis kurz vor der Ankunft an der Erde auf einer interplanetaren Trajektorie, die die Erde verfehlt. 

Künstlerische Darstellung des Starts der Rakete mit dem Probenbehälter von der Marsoberfläche ins niedrige Marsorbit, Quelle: PIA07187, NASA/JPL
Künstlerische Darstellung des Starts der Rakete mit dem Probenbehälter von der Marsoberfläche ins niedrige Marsorbit, Quelle: PIA07187, NASA/JPL

Nach Absetzen der Eintrittskapsel visiert der Orbiter eine sichere Vorbeiflugbahn an. Diese stellt sicher, dass der Orbiter mindestens 50 Jahre nicht auf die Erde stürzen kann. Dabei kommt der Orbiter gar nicht direkt mit den Bodenproben in Kontakt. Allenfalls könnte außen am Behälter haftende Staub (der mit hoher Sicherheit steril wäre) am Orbiter kleben. Die Eintrittskapsel hat keinen Fallschirm, da sie ja ohnehin auch noch dann beim Aufschlag heil bleiben müsste, wenn der Fallschirm ausfällt. Der Behälter wird nach dem Auffinden in ein Hochsicherheitslabor verbracht, das Anforderungen ähnlich denen zu besonders gefährlicher biomedizinischer Forschung genügt. 

Ich bin ja nur Raumfahrtingenieur, nicht Exobiologe. Mir erscheinen die Sicherheitsvorkehrungen jedenfalls mehr als angemessen. Erstens halte ich es für unwahrscheinlich, dass Bodenproben, die Mars-Sample-Return zur Erde bringt, überhaupt lebende, reproduktionsfähige Organismen enthalten können. 

Zweitens sollte man die möglichen Gefahr durch tatsächlich noch lebende Mars-Organismen realistisch beurteilen und dabei “Science” fein säuberlich von “Fiction” trennen. Martina hat das Argument von extremophilen irdischen Lebensformen gebracht, deren Habitat lange Zeit vom Rest der Biosphäre isoliert war. Das halte ich für sehr stichhaltig. Bei Mars-Organismen wäre es so, dass sie sich über noch viel längere Zeit an sehr eng umschriebene, lokale Bedingungen angepasst haben müssen. Anders als irdische Bakterien hätten sie keine gemeinsamen Vorfahren mit irdischen Lebensformen. Wie beliebig gering wäre vor diesem Hintergrund das Risiko für die Biosphäre? 

Können nicht Roboter die Bodenproben vor Ort untersuchen?

Man will Bodenproben vom Mars nicht nur deswegen auf der Erde untersuchen, weil Menschen schlauer als (auch ferngesteuerte) Roboter sind. Der Hauptgrund ist, dass es sich um Grundlagenforschung handelt, die nur eingeschränkt planbar ist. Die Untersuchung der Bodenproben läuft nicht so ab, dass man einfach die Bodenproben unter das Mikroskop liegt und schaut, ob da was krabbelt. 

Wenn bei der Untersuchung der Bodenproben eine Wissenschaftlerin eine gute Idee für einen alternativen Versuchsaufbau hat, dann kann man diese Idee umsetzen, denn auf der Erde hat man alle Möglichkeiten dazu.

Wenn man dagegen die Untersuchung auf dem Mars vornehmen will, hat man nur die Geräte und Stoffe dabei, die man eingepackt hat. Das sind die, die man vorher auf der Liste hatte. Und davon auch so viel (bzw. wenig) wie das, was ins Raumschiff passte. 

Es scheint in der öffentlichen Wahrnehmung eine überhöhte Wahrnehmung vom Wert robotischer Forschung vorzuherrschen. Ich sehe das ziemlich nüchtern: robotische Forschung auf der Oberfläche eine Planeten hat deutliche Grenzen. Sie ist dann zwar immer noch besser als gar nichts. Sehr oft bleibt sie aber doch Forschung zweiter Klasse, die in erster Linie die Erbsenzähler zufriedenstellt. 

Das trifft für die Rover zu, die im Schnitt einige Dutzend Meter am Tag zurücklegen. Es trifft aber noch mehr zu, wenn geologische oder biologische Forschung durchgeführt werden soll. Die Viking-Lander sind da ein Beispiel. Diese waren neben einem GC-MS noch mit drei biologischen Experimenten ausgestattet, über die heute noch kontrovers diskutiert wird – nicht nur über ihre Ergebnisse, sondern über ihre prinzipielle Eignung. Mit Bodenproben ausreichender Menge in irdischen Laboren wäre Wissenschaft einer ganz anderen Qualität möglich. 

Ich bin Luft- und Raumfahrtingenieur und arbeite bei einer Raumfahrtagentur als Missionsanalytiker. Alle in meinen Artikeln geäußerten Meinungen sind aber meine eigenen und geben nicht notwendigerweise die Sichtweise meines Arbeitgebers wieder.

8 Kommentare

  1. @Hauptartikel

    „Mit Bodenproben ausreichender Menge in irdischen Laboren wäre Wissenschaft einer ganz anderen Qualität möglich.“

    Sicherlich, und ich wäre selbst sehr gespannt auf die Ergebnisse. So wie hier die Sicherheitsmaßnahmen beschrieben sind, ist das Risiko einer Kontamination der Erde mit lebendigen Marsmikroben sicher sehr klein. Sollen es die Forscher machen. Ich hätte dennoch kein gutes Gefühl dabei, und würde es persönlich nicht machen.

    Die Fragen gehen aber dann noch etwas weiter. Was machen wir mit zukünftigen Marsbodenproben aus mehr als 2 Meter Tiefe, von denen wir schon wissen, dass sie wahrscheinlich lebende und vermehrungsfähige Mikroben enthalten? Was machen wir mit menschlichen Rückkehrern eine bemannten Marsmission?

    „Ich sehe das ziemlich nüchtern: robotische Forschung auf der Oberfläche eine Planeten hat deutliche Grenzen.“

    Aktuell auf jeden Fall. Aber wie sieht es mit der Robotik in 30 Jahren aus? Und insbesondere, wenn man dann bereit ist, so viel Geld auszugeben, wie eine bemannte Marsmission mit Rückfahrkarte kosten würde?

    Dann gibt es auch noch den Jupitermond Europa und den Saturnmond Enceladus zu erforschen, die sind noch vielversprechender aber auch viel weiter weg als der Mars. Und eine Rückkehrsonde mit Eisproben von dort hätte entsprechend mehr Weg zu bewältigen.

    Und die grundsätzliche Gefahr einer Unverträglichkeit von unabhängig von einander entstandenen Biosphären ist wohl nach wie vor überhaupt nicht einschätzbar. Das wäre dann erst das Ergebnis entsprechender Forschungsbemühungen.

    • Ich hätte dennoch kein gutes Gefühl dabei, und würde es persönlich nicht machen.

      Ich würde mir halt wünschen, dass zuerst einmal die Beschäftigung mit dem Thema kommt und dann die Meinungsbildung, anstatt: “Mir egal, was die Wissenschaft sagt, ich finde das von vorneherein falsch und bin dagegen”. Und nicht nur bei diesem Thema.

      [..] Marsbodenproben aus mehr als 2 Meter Tiefe, von denen wir schon wissen, dass sie wahrscheinlich lebende und vermehrungsfähige Mikroben enthalten?

      Wissen wir das schon? Also ich weiß das nicht. Ich denke, es gibt starke Argumente dafür, dass es auf dem Mars kein Leben gibt und dass man allenfalls fossile Überreste von Milliarden Jahren altem Leben finden wird. Aber das allein wäre schon eine wissenschaftliche Großtat und sehr wichtige Entdeckung, die viele Konsequenzen hat. Wenn irgendwo anders als auf der Erde Leben entstanden sein sollte, dann wissen wir, dass es kein Prozess ist, der nur auf der Erde stattgefunden hat.

      Was machen wir mit menschlichen Rückkehrern eine bemannten Marsmission?

      Dazu kann ich natürlich nur meine Meinung abgeben. Was am Ende entschieden wird, weiß ich nicht. Meine Meinung ist, dass man, sollte es wirklich Anzeichen für existierendes Leben auf dem Mars geben, keine Menschen zum Mars reisen lassen sollte. Nicht wegen des Risikos für die Erde, sondern wegen des Risikos für die einzigartigen, möglicherweise sehr fragilen und schutzbedürftigen Lebensformen auf dem Mars. Wenn Menschen irgendwo hingehen, dann kontaminieren sie diesen Ort. Roboter kann man desinfizieren und sterilisieren (wohlgemerkt, es gibt diesbezüglich sehr strenge Vorschriften), Menschen nicht. Es wäre eine ewige Schande für die Menschheit und die Wissenschaft, wenn die erste Entdeckung von extraterrestrischen Lebensformen auch zu deren Auslöschung führt.

      Aber wie sieht es mit der Robotik in 30 Jahren aus?

      Die Frage ist nicht: Robotik oder bemannt. Die Frage ist “vor Ort auf dem Mars oder hier auf der Erde”. Auch in 30 Jahren wird es nicht annähernd die Möglichkeiten zur wissenschaftlichen Analyse geben wie auf der Erde, auch nicht bei einer erheblichen Aufstockung der Mittel für die planetare Forschung. Egal ob Roboter oder Menschen, die werden da draußen eben nicht die Ressourcen nutzen können, die hier auf der Erde zur Verfügung stehen.

      Dann gibt es auch noch den Jupitermond Europa und den Saturnmond Enceladus zu erforschen

      Richtig, und auch noch den Saturnmond Titan. In allen drei Fällen hat man es mit einer ganz anderen Qualität zu tun als mit Mars, nämlich mit einem ausgedehnten Ozean aus flüssigem Wasser, mit einer kontinuierlichen und ergiebigen Wärmequelle und mineralischen und organischen Nährstoffen.

      Das heißt, die Chancen für das Leben stehen zumindest auf Europa und auf Titan deutlich höher als auf dem Mars, der eher eine sterbende Welt auf dem absteigenden Ast zu sein scheint, und unermesslich besser als auf dem Mond, der schon seit jeher eine tote, lebensfeindliche Welt war. Da denke ich, es ist erhebliche Vorsicht angebracht, um die Vorwärtskontamination zu vermeiden, denn im Zweifelsfall steht der Schutz der möglichen dortigen Lebensformen über dem sicher starken wissenschaftlichen Interesse.

      Und die grundsätzliche Gefahr einer Unverträglichkeit von unabhängig von einander entstandenen Biosphären ist wohl nach wie vor überhaupt nicht einschätzbar

      Das trifft auf Sie und mich sicher zu, was aber daran liegt, dass wir uns nicht ausreichend mit dem Thema beschäftigt haben und die Datenlage nicht hinreichend kennen.

  2. Danke für den Artikel und die vielen Aspekte, die darin berücksichtigt wurden.

    Ja, es ist eine vernünftige Annahme, dass allfälliges Leben egal wo im Universum kohlenstoffbasiert ist, da nur Kohlenstoffverbindungen die nötige chemische Vielfalt besitzen um etwas so komplexes wie die Reproduktion eines Organismus zu ermöglichen. Damit wird Leben unabhängig davon wo es entstanden ist, empfindlich sein für ionisierende oder UV-Strahlung. Ferner benötigt Leben bevorzugt Wasser, wobei aber flüssiges Ammoniak oder Methan auch noch in Frage käme. Keine dieser Flüssigkeiten gibt es auf der Marsoberfläche in hinreichenden Mengen.

    All das zusammen macht Leben auf der Marsoberfläche unmöglich bis sehr unwahrscheinlich. Nicht einmal Lebenssporen wären der anhaltenden Strahlung über Jahrtausende gewachsen.

    Nun zur robotischen Auswertung von Marsproben. Das wäre höchst ressourcenineffizient. Denn die Bodenprobe vom Mars ist angesichts des Missionsaufwandes viele Millionen bis Milliarden Dollar wert. Ganz ähnlich wie die Proben vom Mond (die ebenfalls wertvolle Ressourcen waren) werden auch Proben vom Mars durch tausende von Händen gegen und allen möglichen Untersuchungen unterworfen werden.
    Eine robotische Untersuchung auf dem Mars selbst wäre dagegen von vornherein beschränkt auf die wenigen Untersuchungen, die die Planer der Mission berücksichtigt haben. Die entscheidende Beschränkung wäre, dass die Probe auf dem Mars bliebe und damit so isoliert von der Erde und ihren Forschern wäre, wie alles, was sich auf dem Mars befindet.

    Das alles spricht aber nicht gegen Robotik in Weltraummissionen. Noch vor 30 Jahren wäre die heutigen Marsrover nämlich noch gar nicht möglich gewesen, weil die damalige Robotik nicht in der Lage gewesen wäre, ein Fahrzeug auch nur einen Meter autonom zu fahren. Das aber, eine gewisse Teilautonomie, ist auf dem Mars nötig, denn die Signallaufzeit zwischen Erde und Mars beträgt ja viele Minuten, zu lange für eine telemetrische Direktlenkung eines Fahrzeuges.

    Robotik wird meiner Ansicht nach bei Weltraummissionen immer dominanter/wichtiger werden, weil
    1) die Robotik mit der künstlichen Intelligenz verschmilzt und damit menschenähnlicher in ihren Fähigkeiten wird
    2) Bemannte Missionen 10 Mal so teuer sind wie unbemannte

    • Was die Kosten von bemannten gegenüber unbemannten Missionen angeht, da stelle ich mal die folgende Berechnung an:

      Das Apollo-Programm hat 25 Milliarden $ der damaligen Zeit gekostet, nach heutigem Geld etwa das Fünffache. Damit wurden 382 kg Mondgestein zurück zur Erde gebracht. Es wurden natürlich noch Experimente vorgenommen und andere Erkenntnisse gewonnen, aber das lasse ich gerade mal außen vor, obwohl ich damit dem Apollo-Programm sogar noch Unrecht tue.

      Die drei sowjetischen Probenrückführungsmissionen Luna 11, Luna 20 und Luna 24 brachten gemeinsam 301 Gramm Mondstaub zurück zur Erde.

      382 kg durch das Apollo-Programm gegenüber 301 Gramm durch die drei robotischen Missionen. Also ein Faktor von 1269. Aber: Haben die drei Luna-Missionen gemeinsam auch nur 1/1269stel des Apollo-Programms gekostet? Also alle drei Lunas zusammen nur 20 Millionen in damaligen Dollars oder 100 Millionen der heutigen? Das erscheint mir höchst unwahrscheinlich.

      Hinzu kommt, dass 382 kg Gestein wissenschaftlich gesehen viel mehr wert sind als 301 Gramm Staub. Warum? Weil man aus ganzen Steinen viel mehr herauslesen kann. Man sieht den geologischen Kontext. Man sieht solche Dinge wie die Vielzahl der Einschläge kosmischen Staubs und deren Folgen. Man sieht das Ausmaß der Verwitterung und dessen Ursachen. Wenn man das alles realistisch ins Kalkül zieht, dann sieht es noch besser aus für Apollo und noch schlechter für die rein robotische planetare Forschung.

      Gerade diese Faktoiden, die jeder für belegte Tatsachen hält und deswegen ungeprüft wiederholt, sollte man besonders genau einer Prüfung unterziehen.

      Ich sage dazu jetzt nichts mehr, denn es ist nicht Thema des Artikels und ich habe gesagt, was es dazu zu sagen gibt.

      Nur eins noch: Diese Obsession mit den Kosten kann ich nicht verstehen. Das Apollo-Programm war ein Erfolg und seine Durchführung hat viele Spin-Offs mit sich geführt. Es ist fast schon egal, was das gekostet hat, denn der Gewinn aus diesen Spin-offs überwog die Kosten bei weitem. Zeitgleich jedoch haben die USA den Vietnamkrieg geführt. Der hat Monat für Monat so viel gekostet wie Apollo in einem Jahr. Und das auch nur, wenn man nicht mitrechnet, was in Vietnam alles kaputt gemacht wurde und was für soziale Folgekosten in den USA auftraten. Und der Krieg war für die USA dann auch noch ein Misserfolg.

      Also: Wer rumheulen will wegen der angeblich so teuren Raumfahrt, soll das gerne tun, aber ich meine, dass diese Leute die Fakten nicht kennen (wollen).

      • Eine schöne Milchmädchenrechnung! Sie vergleichen ein großes System mit einem kleinen und vergessen dabei wie gut automatische Systeme mit der Größe skalierbar sind. Soll heißen, wenn a priori das Ziel gewesen wäre an die 400 kg Gesteinsproben mit dieser geographischen Verteilung und jenen geologischen Kontext zu sammeln und auf die Erde zu bringen wäre ein automatisches (ferngesteuert, heißt menschliche Erfindungsgabe geht nicht verloren) System im Vergleich immer günstiger gekommen und auch wissenschaftlich (z.B. weitaus geringere Einschränkungen durch Sicherheitsanforderungen) einem bemannten System überlegen gewesen.

        Die Vorstellung, das Menschen in einer absolut lebensfeindlichen Umgebung irgendeinen Mehrwert haben könnten, und nicht nur einen zusätzlichen Kostenfaktor darstellen ist schon sehr sonderbar.

        Spin-Offs hätte es genauso bei einem automatischen Mondprogramm gegeben – also kein Alleinstellungsmerkmal.

        Den Kriegskostenvergleich sollten die Akteure beim nächsten ESA-Ministerrat im Auge behalten werden.

        Teure Raumfahrt? Sie meinen, teure bemannte Raumfahrt. Die vorhandenen Mittel sollten effektiv und zukunftsträchtig eingesetzt werden, bemannte Raumfahrt ist nichts davon, deren Befürworter bekannt Fakten zu ignorieren und (schlimmer) zu verdrehen.

        • Vorausschicken möchte ich folgendes: Thema des Blog-Artikels ist nicht die bemannte Raumfahrt. Diese wird im ganzen Artikel nicht erwähnt.

          Ich habe mich lediglich in einem Kommentar zu einer Aussage in einem anderen Kommentar geäußert. Dazu habe ich auch korrekte und nachprüfbare Zahlen genannt. Ich gehe davon aus, dass Sie diese Zahlen nicht widerlegen können, denn sonst hätten Sie es getan.

          Generell gilt, dass die Kosten von Projekten am Ertrag gemessen werden müssen. Ansonsten wäre es immer das Beste, gar nichts zu tun – das bringt zwar nichts, kostet aber auch nichts. Berücksichtigt man den Ertrag des Apollo-Programms, dann war dieses viel preiswerter als die in diesen Jahren laufenden unbemannten Projekte mit ähnlicher wissenschaftlicher Zielsetzung. Damit ist die zuvor Falschaussage wiederlegt, auf die ich geantwortet hatte.

          Was Sie danach anfügen, sind unbelegte Behauptungen, Spekulationen und persönliche Meinungen, die Sie aber nicht belegen und wahrscheinlich auch nicht belegen können. Ich sehe auch nicht, warum man sich an Spekulation darüber beteiligen sollte, was eine hypothetische robotische Großmission hätte leisten können und was sie gekostet hätte, wenn irgendjemand so etwas finanziert hätte. Oder auch darüber, welche Spin-Offs eine solch hypothetisches Großprogramm gebracht haben könnte.

          Es bleibt dabei: Das Apollo-Programm hat stattgefunden und die drei Luna-Probenrückführungsmissionen auch, und angesichts der Qualität und der Menge des jeweiligen wissenschaftliche Ertrags ist die einzig mögliche Schlussfolgerung, dass das bemannte Apollo-Programm erheblich kostengünstiger war als das robotische Programm.

          Abschließend weise ich darauf hin, dass ich mir durchaus das Recht vorbehalte, Kommentare nicht freizugeben, wenn die Autoren sich hinter Pseudonymen verstecken, um sich dann im Ton zu vergreifen.

          • Der erste Satz in ihren Kommentar eines anderen Kommentars, den wiederum ich so frei war zu kommentieren (unabhängig vom Inhalt des Blog-Artikels, wieso auch nicht) ist dahingehend klar, dass sie mit ihrer Berechnung bemannte mit unbemannten (planetaren) Missionen im Generellen und nicht Apollo vs. Luna im Speziellen vergleichen (bewerten) möchten. Wie auch immer, in beiden Fällen, denke ich, ist ihre Berechnung, wenn auch technisch richtig, wegen der Vernachlässigung wichtiger (technisch-wissenschaftlicher) Aspekte, eine naive Argumentation und deshalb wenig schlagkräftig (also, laut Definition, eine Milchmädchenrechnung).

            Ich weiß zwar nicht wo ich mich im Ton vergriffen haben soll, aber meine aufrichtige Entschuldigung dafür. Ihre Aussagen kritisch zu kommentieren wird hoffentlich auch in Zukunft noch möglich sein…

          • Naja, den Vorwurf, dass ich “Fakten verdrehe”, sehe ich schon als ziemlich unhöflich. Zumal Sie ja selbst zugeben, dass die von mir angegebenen Daten richtig sind. Übrigens nicht nur die reinen Zahlen – Sie können auch die Aussage zum relativen Wert von Gesteinsproben gegenüber bloßem Staub recht einfach verifizieren.

            Sie haben Ihr offenbar Ihr Lieblingsthema, auf dem Sie herumreiten wollen, ob das nun zum Thema passt oder nicht. Hinweis: Hier geht es darum, ob die Rückführung von Bodenproben von anderen Himmelskörpern ein Risiko darstellt. Das steht auch schon so in der Überschrift. An anderer Stelle ging es darum, ob das Apollo-Programm positive gesamtgesellschaftliche Auswirkungen hatte. Ich bin sicher, Sie finden irgendwo im Web einen Blog-Artikel, in dem es um das Thema geht, von dem Sie reden wollen. Dort können Sie sich dann nach Herzenslust auslassen.

            Ich möchte Ihnen aber nahelegen, sich etwas eingehender mit den technischen Möglichkeiten und auch den Einschränkungen der robotischen Planetenerkundung auseinanderzusetzen. Literatur zum Thema gibt es ja zuhauf.

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