ExoMars: cock-up with the mock-up

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Raumfahrt aus der Froschperspektive
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Situationsbericht vom 1. April 2016: Die ESA-Mars-Mission “ExoMars 2016” ist bekanntlich nach dem Start am 14. März auf dem Weg zum Mars. Bei der Inbetriebnahme der Schwungräder und dem Ausfahren der Hauptantenne wurden bereits mehrfach die kleinen Lageregelungstriebwerke verwendet. Es stellte sich dabei aber heraus, dass deren Wirkung nicht so ausfiel wie erwartet. Dies kann eigentlich nur bedeuten, dass die Massenverteilung an Bord, beschrieben durch den sogenannten Trägheitstensor, von den vorausberechneten Werten abweicht … und zwar beträchtlich.

Aber wie kann das sein? Die Masse und Einbauposition jeder einzelnen Komponente ist exakt bekannt und wird genau überwacht. Jeder Schritt bei der Integration wird durch den Qualitätsbeauftragten überwacht.

Die Situation hat jedoch Bestand und verursacht dem Kontrollteam und auch den beteiligten Industrieunternehmen zunehmende Sorgen.

Dies ist nicht das einzige Problem.

Wie am 1. April bekannt wurde, wurde am Vortag beim Aufräumen der Integrationshalle für die ExoMars-Sonde in Baikonur in einer Ecke, verdeckt durch die dort ebenfalls abgestellten Hebevorrichtungen für die Endintegration, auf einem mobilen Gestell ein konisches Objekt mit einer Masse von knapp 600 kg, einer Höhe von  1.8 m und einem Durchmesser von 2.4 m gefunden. Das Objekt war komplett in MLI (multi-layered insulation)-Folie eingepackt und trug einen Aufkleber mit der Aufschrift:

Entry Demonstrator Module

Made in Europe – Property of ESA

Do not drop on Mars from altitude of > 2 m

Enter Mars atmosphere with blunt side facing the flow

Do not exceed Mars atmosphere entry velocity of 21,000 km/h

Selbst eine kurze Untersuchung machte klar: Dies ist definitiv und zweifelsohne Schiaparelli, der Landedemonstrator, der jetzt eigentlich oben auf dem TGO auf der Reise zum Mars sein sollte. Schiaparelli ist offenbar in Baikonur vergessen worden.

Also, wie kann das nun sein? Zahlreiche Aufnahmen, beispielsweise diese hier, zeigen doch eindeutig Schiaparelli auf dem TGO während der Integration.

ExoMars 2016 während der Integration mit der Oberstufe am 2.3.2016, Quelle: ESA
ExoMars 2016 während der Integration mit der Oberstufe am 2.3.2016, Quelle: ESA

Es ist aber vollkommen unmöglich, dass Schiaparelli gleichzeitig auf dem TGO und in einer Ecke der Halle steht. Das verstehe ich schon einmal überhaupt nicht.

Zu diesen zwei ungelösten Rätseln gesellt sich noch ein drittes.

In den Wochen der Startvorbereitung wurde zeitgleich eine Attrappe (engl.: “mock-up”) des Landedemonstrators für PR-Zwecke hergestellt, und zwar direkt in der Integrationshalle selbst, damit die Künstler der damit beauftragten Werbeagentur sich bei ihrer Arbeit jederzeit am Aussehen der tatsächlichen Raumsonde orientieren konnten. Die Attrappe ist massiv, wertig … sie soll wirklich extrem realitätsnah gelungen sein.

Das Problem ist aber: Über den Verbleib dieser Attrappe ist nichts bekannt. Niemand kann sich erinnern, dass sie aus der Integrationshalle abgeholt worden ist. Aber weder ist sie jetzt dort aufzufinden, noch ist sie irgendwo anders aufgetaucht. Hier in Darmstadt beim ESOC ist sie jedenfalls nicht. Die Suche geht weiter – bis jetzt ohne Erfolg.

ExoMars 2016 soll ja die Antworten zu einigen bis jetzt ungelösten Fragen der Wissenschaft am Mars finden. Bis jetzt sieht es aber eher so aus, als hätte die Mission uns mindestens drei neue ungelöste Fragen auf der Erde beschert. Mir zumindest ist vollkommen schleierhaft, wie man die drei oben beschriebenen Sachverhalte schlüssig erklären könnte.

Für sachdienliche Hinweise wäre ich sehr dankbar.

Michael Khan

Ich bin Luft- und Raumfahrtingenieur und arbeite bei einer Raumfahrtagentur als Missionsanalytiker. Alle in meinen Artikeln geäußerten sind aber meine eigenen und geben nicht notwendigerweise die Sichtweise meines Arbeitgebers wieder.

5 Kommentare

  1. …bis zur Mitte des Artikels hatte ich doch tatsächlich nicht das heutige Datum auf dem Schirm… 😉
    gut gemacht!
    cs Matz

  2. Der Schiaparelli ist mit der Deutschen Bahn auf dem Weg zum neuen Berliner Flughafen BER und wird dort bei Fertigstellung wichtige Einmessungen vornehmen.

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