Einer von uns. Ein Deutscher.

1978. Auch schon wieder fünfzig vierzig Jahre her. Mittlerweile sind zwei Generationen herangewachsen, die den kalten Krieg gar nicht oder nicht bewusst miterlebt haben. Heutzutage sind Grenzen für Deutsche eher eine Formsache. Sie existieren, man weiß in etwa, wo sie verlaufen, aber ganz genau muss man es nicht wissen. Für meine Generation aber waren Grenzen etwas sehr konkretes. Mitten durch Deutschland verlief die am schärfsten bewachte Grenze Europas, und ein Teil der größten Stadt Deutschlands war komplett eingezäunt. Eine vollkommen absurde Situation.

Ebenso war der kalte Krieg Bestandteil der gelebte Realität, auch wenn er Ende der Siebzigerjahre schon nicht mehr gar so eisig war. Da gab es noch einen weiteren deutschen Staat. Alles, was dort vor sich ging, wurde in der Presse der damaligen Bundesrepublik sogleich kommentiert, zumeist hämisch. Umgekehrt natürlich auch. Das weiß ich, weil die zwei Fernsehsender der DDR auch in weiten Teilen Westdeutschlands zu empfangen waren. Ich bin in einer Kleinstadt mitten in Niedersachsen aufgewachsen. Dank DDR-Fernsehen konnten wir dort fünf Fernsehsender empfangen: zusätzlich zu ARD, ZDF und NDR 3 auch DDR 1 und DDR 2. Pittiplatsch kannte jeder, und von Serien wie “Zur See” habe ich keine einzige Folge ausgelassen.

Waleri Bykoski und Sigmund Jähn, Quelle: ESA

Waleri Bykowski und Sigmund Jähn, Quelle: ESA

Im August 1978 wurde im DDR-Fernsehen lang und breit über den Flug des ersten deutschen Raumfahrers Sigmund Jähn berichtet. Der damals 41jährige startete am 26. August 1978 gemeinsam mit Waleri Bykowski in Sojus-31 zur sowjetischen Raumstation Sajut 6 und landete nach knapp 8 Tagen wieder (allerdings reichlich hart) mit Sojus -29 auf kasachischem Boden.

Waleri Bykowski gehörte, gemeinsam mit Gagarin, Titow, Nikolajew, Tereschkowa und Popowitsch und anderen zur ersten Kosmonautengruppe der UdSSR und flog 1963 mit Wostok 5. Er war als Kommandant des Flugs Sojus-2 nominiert, der im April 1967 ein Rendezvous- und Andockmanöver mit der einen Tag zuvor gestarteten Sojus-1 mit Wladimir Komarow an Bord durchführen sollte. Sojus-2 konnte jedoch – glücklicherweise – nicht planmäßig starten und wurde  gestrichen, als die gravierenden Probleme mit Sojus-1 offenkundig wurden. Sein Flug mit Sigmund Jähn war sein dritter und letzter Weltraumflug.

Wenige Monate vor Jähns Flug durfte ich auf eine Reise nach Polen mitfahren. Da erlebte ich schon den Presse- und Propagandarummel um den Start des ersten polnischen Kosmonauten Mirosław Hermaszewski. Die Aufregung in der DDR erschien mir ähnlich, was ich gut nachvollziehen konnte: Ich selbst war genau so aufgeregt. Ich kann mich noch erinnern, wie man sich in der westlichen Presse krampfhaft bemühte, das Ereignis kleinzureden. Einer der Slogans war “Einer von uns. Ein Deutscher.” Ich weiß noch, wie ich bei der Lektüre des gefühlt dreiundzwanzigsten überheblichen westdeutschen Presseberichts genervt dachte: “Was wollt ihr eigentlich? Ich bin Deutscher, ihr seid Deutsche, Sigmund Jähn ist Deutscher, also ist er einer von uns, verdammt noch mal. Jetzt fliegt zum allerersten Mal einer von uns ins Weltall, also hört endlich auf zu meckern.”

Damals war ein politisches Interesse und eine politische Verortung viel verbreiteter unter jungen Leuten als heute. Sicher war ich in in vielen Dingen einfach zu naiv. Was soll’s – ich war halt noch sehr jung. Aber selbst bei einem naiven, jungen Menschen verfängt propagandistisches Sperrfeuer auf die Dauer nicht. Das von der DDR-Führung top-down organisierte ebenso wenig wie das westliche, das zwar in manchen Punkten subtiler war, aber dennoch nicht einmal den Versuch machte, ein differenziertes Bild von der Gegenseite zu vermitteln.

Wenn zu sehr auf die Pauke gehauen wird, kommen die Leute irgendwann – ziemlich schnell – zum Schluss: Mensch, wenn die das nötig haben, so dick aufzutragen, dann stimmt was nicht. Die langfristig beste, weil glaubwürdigste Strategie ist immer noch die Offenheit.

Der Jubel in der DDR wirkte verordnet und organisiert. Das wäre überhaupt nicht nötig gewesen – bis jetzt hat noch jeder ehemalige DDR-Bürger, der die damalige Zeit miterlebt hat, bestätigt, wie groß das wirkliche Interesse und der Stolz waren. Und warum auch nicht? Ich selbst – zwar kein DDR-Bürger, aber bereits seit neun Jahren bekennender Raumfahrtfan, verfolgte den ersten Weltraumflug eines Deutschen doch auch mit Interesse und Stolz. Ich meine, die Vermittlung dieses Ereignisses hätte viel entspannter, und vor allem viel wärmer und unmittelbarer gewirkt, hätte man einfach mal die normalen Leute zu Wort kommen lassen – und mehr auf die bescheidene, sympathische Person Sigmund Jähn gesetzt.

Was die Einstellung der westdeutschen Politik und Presse angeht – die wirkte ziemlich überheblich  und pikiert. Das allerdings sehr deutlich und unverfälscht, was aber nichts daran ändert, dass es ziemlich unsympathisch herüberkam.

 

 

Ich bin Luft- und Raumfahrtingenieur und arbeite bei einer Raumfahrtagentur als Missionsanalytiker. Alle in meinen Artikeln geäußerten sind aber meine eigenen und geben nicht notwendigerweise die Sichtweise meines Arbeitgebers wieder.

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. So überheblich wie die Medien auch heute sind.
    Heute den eigenen Staatsbürgern gegenüber.
    Ja das Thema Nationalität kommt in immer mehr Beiträgen vor, ob nun absichtlich oder auch unabsichtlich. Aber das ist gut so.

  2. Ich kann mich noch gut an diesen Tag 1978 erinnern. Rundfunk und Fernsehen unterbrachen laufend ihre Sendungen für Sondermeldungen. Mich hat bei all dem damals erstaunt, dass ich medial auf einmal auch ein “Deutscher” war und kein DDR-Bürger. Auch hieß es immer das Volk der DDR und nicht das Deutsche Volk. 1989 riefen wir dann auf der Straße “Wir sind das Volk/ein Volk”. Diese Volkstümelei wurde damals von den Westmedien, die solche VolksMenschen nicht mehr kannten und wie Exoten anschauten, populistisch aufgesaugt und ausgenutzt. Heute wäre man mit solchen Sprüchen wahrscheinlich ein Rassist den man mit der Nazikeule drohen würde.Daher will ich mir, bevor ich ins mediale Abseits gestellt werde, die Begriffe “Volk” und “Deutscher” abgewöhnen.Siegmund Jähn war für mich damals in erster Linie ein HELD !- Und ein Sachse ! (Schon wieder diese Volkstümelei)

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