Eine durchkonstruierte Katastrophe

BLOG: Go for Launch

Raumfahrt aus der Froschperspektive
Go for Launch

Eine Kamera von Fotografen für Fotografen – das kann richtig gut werden, aber auch voll daneben gehen, wenn man Technik und Qualität nicht in den Griff bekommt.

Eine Kamera von Ingenieuren für Ingenieure – das riecht nach technischen Schmankerln, die aber keiner braucht und nach einer Bedienung, bei der man sich ständig die Haare raufen möchte, wenn man nicht schon mit der Kamera alle Hände voll zu tun hätte.

Ideal ist eine Kamera von Ingenieuren für Fotografen, so wie die legendäre Leica CL und deren sogar noch bessere Nachfolgerin, die Minolta CLE – vielleicht die besten Allround-Kameras aller Zeiten.

Der ultimative Griff ins Klo ist aber wohl eine Kamera, die offenbar von der Marketingabteilung entwickelt wurde, und zwar für eine unklare Zielgruppe. Teuer, aber nicht wertig. Voll mit Technik, aber nicht der geeigneten. Überladen mit Bedieneinheiten, aber ohne harmonisches Bedienkonzept. Einfach nur die lustlose Abarbeitung eines nicht durchdachten, letztendlich hingeschusterten Pflichtenhefts. Obendrein auch noch potthässlich mit stark gewöhnungsbedürftigem Erscheinungsbild.

Gestatten Sie, dass ich Ihnen die Epson R-D1X vorstelle? Voilà:

Epson R-D1x mit Leitz Summicron-C-Objektiv mit 40 mm Brennweite. Rechts ober der Sucherausblick. Daneben die Mattscheibe, über die der gewählte Bildfeldrahmen beleuchtet wird. Daneben das kleine Fenster für den Mess-Sucher.
Credit: Michael Khan, Darmstadt / Epson R-D1x mit Leitz Summicron-C-Objektiv mit 40 mm Brennweite. Rechts oben der Sucherausblick. Daneben die Mattscheibe, über die der gewählte Bildfeldrahmen beleuchtet wird. Daneben das kleine Fenster für den Mess-Sucher.
Epson R-D1x von hinten. Ganz links oben das wichtzige Multifunktionsdrehrad. Rechts davon der Suchereinblick. Hier schaut man mit dem rechten Auge hinein. Rechts darüber die Auswahl des Bildfeldrahmens, mit Brennweiten 50, 28 und 35 mm. Daneben der Blitzschuh. Dann kommt eine analoge Anzeige (!) für Weißabgleichsmodus, Batterieladestand, gewhlte Bildqualität (Raw, Hoch, Normal), dann das kombinierte Einstellrad für Belichtungszeit und ISO-Wert, Der Spannhebel für den Verschluss (!!) und darunter der Knopf für Auto-Exposure-Lock und die Schaltwippe für Weissabgleichsmodus udn Bildqualität. Der kleine Bildschirm wird rechts flankiert von fünf etwas kryptischen Funktionstasten zur Menübedienung. Durchdachte Ergonomie geht anders!
Credit: Michael Khan, Darmstadt / Epson R-D1x von hinten. Ganz links oben das wichtige Multifunktionsdrehrad. Rechts davon der Suchereinblick. Hier schaut man mit dem rechten Auge hinein. Rechts darüber die Auswahl des Bildfeldrahmens, mit Brennweiten 50, 28 und 35 mm. Daneben der Blitzschuh. Dann kommt eine analoge Anzeige (!) für Weißabgleichsmodus, Batterieladestand, gewählte Bildqualität (Raw, Hoch, Normal), dann das kombinierte Einstellrad für Belichtungszeit und ISO-Wert, Der Spannhebel für den Verschluss (!!) und darunter der Knopf für Auto-Exposure-Lock und die Schaltwippe für Weißabgleichsmodus und Bildqualität. Der kleine Bildschirm wird rechts flankiert von fünf etwas kryptischen Funktionstasten zur Menübedienung. Durchdachte Ergonomie geht anders!
Objektivflansch (Leica-M-Mount). Oben ist die Rolle zu erkennen, mit der der Steuernocken im Objektivbajonett mechanisch abgefahren und so die eingestellte Entfernungseinstellung erkannt und an das Mess-Suchersystem übertragen wird.
Credit: Michael Khan, Darmstadt / Objektivflansch (Leica-M-Mount). Oben ist die Rolle zu erkennen, mit der der Steuernocken im Objektivbajonett mechanisch abgefahren und so die eingestellte Entfernungseinstellung erkannt und an das Mess-Suchersystem übertragen wird.

Die offensichtliche Frage ist jetzt: Warum kauft der Kerl sich denn so ein Ding? OK. Ich habe mir die Epson mal bei ebay geschossen, weil ich eine digitale Kamera mit Leica-M-Mount und Mess-Sucher wollte, um daran einige sehr gute Leica-M-Objektive auch noch in der digitalen Welt weiter zu verwenden. Solange, bis ich diese Objektive entweder verkaufe, oder bis ich weich werde und eine Leica M Monochrom heirate erwerbe – mein eigentlicher Traum. Bis dahin bleibt die Epson bei mir. Optische Geräte behandle ich ohnehin prinzipiell mit Respekt.

Zumindest die letzten Versionen der R-D1-Serie kamen außerhalb Japans gar nicht auf den Markt. Meine kam mit einem rein japanischen Benutzerhandbuch. Nur Japanisch. Es gibt keine englische Übersetzung, aber man findet die der Vorgängerversion online. Der Export der R-D1x war also noch nicht einmal angedacht, mit gutem Grund. Dennoch ist wenigstens das Menü mehrsprachig, weil die Firmware von den Vorgängern übernommen wurde. Ein Glück. Wer braucht schon ein Handbuch? Ein japanisches Bedienungsmenü würde mich da schon eher stören.

Zunächst einmal die groben Eckdaten. Das Ding ist groß und schwer, was erst einmal nicht schlimm ist. Hier wurde eine Kleinbildkamera, nämlich die Cosina Bessa, zur digitalen Kamera umkonstruiert. Der mechanische Schlitzverschluss wurde beibehalten. Dieser muss sogar mit einem Spannhebel vor jedem Auslösen gespannt werden. Wenn man das vergisst – und man vergisst es garantiert dauernd, wenn man eine Zeit lang mit einer vernünftigen Digitalkamera gearbeitet hat, dann passiert beim Druck auf den Auslöseknopf gar nichts. Hat man für so einen Blödsinn Worte?

Die Qualität. In Online-Kamerarezensionen findet man oft die Formulierung “It’s built like a tank”. Das gilt hier auch und erklärt das Gewicht. Ich weiß allerdings nur zu gut, dass das überhaupt nichts zu sagen hat. Auch eine unglaublich solide erscheinende Kamera kann eingebaute Schwachstellen haben, an denen durch Verschleiß, Fehlbedienung oder einen kleinen Sturz, der keine äußeren Spuren hinterlassen muss, wichtige Bauteile irreparabel kaputt gehen können. Schlimmstenfalls ist dann Schluss mit lustig. Endgültig.

Der Sensor. Es ist ein steinalter 6-Megapixel CCD-Sensor. Jawohl, 6 MP. Sechs. Als die erste Version dieser Kamera 2004 heraus kam, war das noch OK. Aber die Kamera wurde in leicht modifizierter Form noch bis 2014 verkauft, mit demselben Sensor.

2014? Sechs Megapixel? Auf dem japanischen Markt? Mit einer UVP nahe 300,000 Yen? Geht’s noch?

Und es ist ein CCD-Sensor, nicht CMOS. Das bedeutet erst einmal: Langsames Auslesen. In der Tat. Langsam ist sie.

Man könnte von einem CCD-Sensor nun auch geringeres Rauschen erwarten. Zumal die Pixel recht groß sind – bei immerhin 23.7 x 15.6 mm Chipgröße und der erwähnten geringen Auflösung. Aber nix da. ISO 200 geht gerade noch so, aber schon bei 400 wird es körnig. Die Kamera kann zwar bis 1600, aber das ist graue Theorie und in der Praxis absolut unbrauchbar. Am besten, man lässt die Empfindlichkeit bei 200. Dann hat man auch an dem Drehrad weniger zu fummeln. Was macht man bei wenig Licht? Dann nimmt man besser eine andere Kamera.

Kurz und knapp: Farbwiedergabe und Schärfe sind unterdurchschnittlich. Ich mache damit fast ausschließlich Schwarz-Weiß-Aufnahmen. Auch da ist die BQ eigentlich nicht akzeptabel. Aber die Bilder haben einen gewissen Charme. Den Charme alter – wirklich alter – Schwarz-Weiß-Abzüge nämlich … ich würde sagen, so etwa 1935 bis 1940. So wie diese Vorkriegs-Postkarten auf dem Flohmarkt.

Hier ist ein Flickr-Album mit einigen Aufnahmen von mir. Sie brauchen es mir nicht zu sagen, ich weiß es selbst: Scharf geht anders. Ich mache allerdings auch nie Raw-Bilder, sondern ausschließlich JPEGs. Ich habe einfach keine Lust und Zeit, die Raws hinterher nachzubearbeiten. Besser geht’s da nicht. Vielleicht kann Chuck Norris mit der Epson knackscharfe Bilder zaubern. Ich krieg’s nicht hin. Kontrastreich, das ja. Scharf, nein.

Einen Autofokus hat sie nicht, denn sie soll ja manuelle Objektive tragen. Dafür ist ja der Mess-Sucher dran. Man muss im Sucher ein Objekt mit hohem Kontrast und scharfen Kanten anpeilen und die beiden Bilder im weißen Feld in der Mitte des Suchers zur Deckung bringen. Das schafft man nach etwas Übung schnell und zuverlässig. Bei wenig Licht sogar schneller als die meisten Autofokus-Systeme.

Sie hat eine Zeitautomatik, die in Verbindung mit dem AE-Lock gut und zuverlässig funktioniert. Gemessen wird die Belichtung in der Mitte des Sucherbilds. Einfach das anpeilen, was man richtig belichtet haben will und AE-Lock drücken – die Taste sitzt zugegebermaßen ergonomisch ungünstig – dann das Bild gestalten und auslösen. Man kann auch Blende und Belichtungszeit manuell einstellen. Das können heutzutage immer weniger Leute, aber alle, die mit so einer Kamera fotografieren, können es.

Im Sucher wird ein Leuchtrahmen eingeblendet,  der das Bildfeld für 50, 28 und 35 mm Brennweite anzeigt, und zwar in dieser Reihenfolge. Nicht etwa 25, 50 und 75 mm, nein. Die Parallaxenkorrektur scheint aber nicht zuverlässig zu sein. Man muss in der Regel das Bildfeld raten. Bei Verwendung einer anderen Brennweite als den drei einstellbaren Werten muss man das auf jeden Fall.

Liveview? Nö. Der kleine LCD-Bildschirm erlaubt auch nicht wirklich die Begutachtung des Bildes. Dazu hat er eine viel zu geringe Auflösung und Brillianz. Man kann gerade mal prüfen, ob man die Kamera gerade gehalten hat und ob das im Bild ist, was man haben wollte. Und man kann das rudimentäre Menü bedienen. Immerhin hat das so nützliche Funktionen wie die automatische Ausschaltung von Hotpixeln. Außerdem kann man im Schwarz-Weiß-Modus zusätzlich die Verwendung eines Grün-, Gelb-, Orange- oder Rot-Filters simulieren. Nicht wirklich unumgänglich – wer das will, kann es auch bei der Nachbearbeitung am Computer machen. Hier spart man sich diesen Schritt – die Filtersimulation funktioniert zufrieden stellend. Zwischen Orange und Rot sehe ich allerdings keinen Unterschied.

Mit einer Akkuladung kommt man über den Tag. Kunststück, wenn man man eh alles per Hand erledigen muss und der Bildschirm so schlecht ist, dass er meist gar nicht eingeschaltet wird. Wenn keine Strom fressenden Helferlein an Bord sind, dann hält wenigstens der Akku lange durch. Hm … so betrachtet ist die Kapazität des Akkus dann doch nicht wirklich beeindruckend.

Man kann alles positiv sehen. Beispielsweise auch, das man wegen des 6-MP kleinen Sensors selbst auf einer 2-GB-Speicherkarte viele Fotos unterbringen kann.

Was soll ich noch groß sagen? Man muss sich damit abfinden, dass bei ihr die BQ bestenfalls Mittelmaß sein wird, und dass die Arbeit mit ihr immer anstrengend bleibt. In etwa so anstrengend wie das händische Lösen einer Differentialgleichung. Wenn man das akzeptiert hat, kann man mit ihr klar kommen. Wenn’s geschafft ist und auch noch stimmt, ist man stolz. Aber so richtiger Spaß war es nicht.

Eines verstehe ich jedoch selbst nicht. Wenn ich irgendwo hin gehe und eine Kamera mitnehme, stelle ich meistens fest, dass ich mir, ohne nachzudenken, die Epson gegriffen habe. Dafür habe ich jetzt gerade keine plausible Erklärung.

————————————————————————————————

EInige Bildbeispiele – mehr gibt’s in meinem Flickr-Album:

Das Niederwalddenkmal in Rüdesheim am Rhein, ca. 1938 ... nein, es war wirklich der 30.8.2015 und die Kamera stammt aus dem 21sten Jahrhundert (das Objektiv zugegebenermaßen nicht, es ist ein Leitz Summicron-C 40 mm aus den 1970ern). Ich habe es auch nicht darauf angelegt, dass die Bilder so wirken, das macht die Epson R-D1x ohne mein Zutun.
Das Niederwalddenkmal in Rüdesheim am Rhein, ca. 1938 … nein, es war wirklich der 30.8.2015 und die Kamera stammt aus dem 21sten Jahrhundert (das Objektiv zugegebenermaßen nicht, es ist ein Leitz Summicron-C 40 mm aus den 1970ern). Ich habe es auch nicht darauf angelegt, dass die Bilder so wirken, das macht die Epson R-D1x ohne mein Zutun.
Eine Eisenstruktur im Hauptbahnhof Darmstadt (Leitz Summicron-C 40 mm). Die Aufnahme sieht aus wie aus einem Bildband mit alter Industriefotografie
Eine Eisenstruktur im Hauptbahnhof Darmstadt (Leitz Summicron-C 40 mm). Die Aufnahme sieht aus wie aus einem Bildband mit alter Industriefotografie.

Ich bin Luft- und Raumfahrtingenieur und arbeite bei einer Raumfahrtagentur als Missionsanalytiker. Alle in meinen Artikeln geäußerten Meinungen sind aber meine eigenen und geben nicht notwendigerweise die Sichtweise meines Arbeitgebers wieder.

42 Kommentare

  1. wenn man ihre Beschreibung der Kamera so liest, wird man unweigerlich an eine “zwischenmenschliche” Beziehung denken, bei der man im Laufe der Jahre alle Ecken
    (und Macken) kennen- und liebengelernt hat. Deshalb wohl auch der (unbedachte) Griff
    nach der Epson frei nach dem Motto – ich kenne nahezu alle Unzulänglichkeiten – und ich habe mich an sie gewöhnt, mich kann nichts mehr schocken…
    Apropos “nichts mehr schocken”: sie sollten mal prüfen, ob sie einen “50-Graustufen-Modus” hat,
    das ganze hat mich ein wenig an eine Sado(seitens der Ingenieure)Maso(Fotografenseite)-Beziehung erinnert 😉
    Aber die “Retro”-Bildchen, die man damit knipsen kann hat Photoshop wohl nicht einmal als Filterfeature, sollten sie Adobe vielleicht mal vorschlagen…^^

    Auf jeden Fall danke ich für diesen lesenswerten Abstecher in die (Un-)Möglichkeiten der Fotografie und würde mich freuen mehr davon bei Ihnen zu finden, denn es gab ja doch so einiges
    auf dem Markt, wo man sich im nachhinein dachte: “Ich weiß nicht, was die Entwickler geraucht haben – aber sie sollten weniger nehmen…”

    MfG Howie

    • Manchmal liest man in der Presse Berichte, in denen die japanische Industrie als wahrer Hort der kalten, brutal effizienten Perfektion dargestellt wird, die gnadenlos einen Masterplan verfolgt, mit dem der Rest der Welt überrollt wird. Wie verträgt sich aber so eine Darstellung mit der beachtlichen Fehlleistung, die Seiko-Epson, immerhin ein namhaftes (oder zumindest ein bekanntes), großes Unternehmen, im Fall der R-D1-Produktreihe abgeliefert hat?

      Seiko-Epson hat sich dazu, weil ihnen die Kameraerfahrung fehlte, auch noch mit der Firma Cosina zusammen getan. Die hat die Rechte des untergegangenen deutschen Traditionsunternehmens Voigtländer übernommen und bietet Kameragehäuse und Objektive weltweit unter diesem Markennamen an. War das nun ein besonders kluger Entschluss? “Voigtländer” dürfte genau der eine Markenname sein, den wirklich niemand in der Welt aussprechen kann (außer im deutschsprachigen Raum).

      Ich muss mal herausfinden, wie man “Two turkeys don’t make an eagle” auf japanisch sagt. Der Spruch hat offenbar auch in Fernost Gültigkeit.

  2. Ihre Kameras sind wirklich jedes Mal für eine Überraschung gut und es sicher eine Herausforderung, so eine komplizierte Kamera richtig bedienen zu können. Die Schwarz-Weiß-Aufnahmen im Flickr-Album sind, wie mir scheint, unbearbeitet. Das ist für Demonstrationszwecke natürlich unumgänglich, damit man sieht was die Kamera leistet. Die Motive sind recht gut gewählt, aber für meinen Geschmack sind die Bilder teilweise etwas zu dunkel. Ich habe mal den Bahnhof nachbearbeitet, um das zu veranschaulichen.
    http://www11.pic-upload.de/04.09.15/5ml57pqivhj.jpg
    Wie gefällt er Ihnen?

    • Einige der Bilder sind ganz gewiss zu dunkel. Das liegt zum Teil an der Tatsache, dass man nicht auf einen höheren ISO-Wert gehen kann. Die Nachbearbeitung von unterbelichteten Bildern ist problematisch, weil man fehlende Information nicht ersetzen kann. Dabei entstehen ganz schnell störende Artefakte. Ich habe hier mal eine behutsame Aufhellung versucht. Die Epson mit ihrem leistungsschwachen und rauschanfälligen Chip erinnert mich immer ein bisschen an Filmkameras.

      • Natürlich hat man bei JPEG-Bildern nicht so viel Bearbeitungsspielraum wie bei RAW-Bildern und es können schneller Artefakte und Bildrauschen in zuvor dunklen Bildteilen auftreten, die sich meist als abgerissene Tonwerte im Bild bemerkbar machen. Für den nachbearbeiteten Bahnhof trifft das meines Erachtens nicht zu, denn um Artefakte zu bekommen muss man schon etwas kräftiger aufhellen.

      • Wie ich sehe haben Sie in Ihrer Antwort noch “eine behutsame Aufhellung” eingefügt. Während ich mir einen hellen Nachmittag auf dem Bahnhofsvorplatz vorstellte, scheint es bei Ihnen schon etwas dunkel gewesen zu sein. 🙂 Aber Spaß beiseite, ich kenne die örtlichen Gegebenheiten nicht aus eigener Anschauung und weiß auch nicht, zu welcher Tageszeit Sie da fotografiert haben.

        Schwarz-Weiß-Bearbeitung ist in erster Linie Geschmacksache. Ursprünglich sprach man ja von Graustufenbildern, das heißt auch, dass man sich an der Realität orientieren und keine unnatürlichen Kontraste kreieren sollte. Außer man setzt bewusst auf grafische Effekte. Bei einigen Ihrer Bildern vermischt sich auf diese Weise Realität mit Ästhetik. Echte Gesamtkunstwerke also, denn nach der Definition von Odo Marquard hat das Gesamtkunstwerk eine Tendenz zur Tilgung der Grenze zwischen ästhetischem Gebilde und Realität. 😉

        • Für einen hellen Nachmittag wäre die Belichtung in der Tat vollkommen daneben gewesen. In dem Fall hätte ich die Aufnahme auf keinen Fall publik machen sollen. Sowas wäre ja wirklich peinlich.

          Ich weiß gerade nicht, was da mit den EXIF-Daten passiert ist. In dieser Aufnahme fehlen sie komplett. Bei allen anderen Bildern sind sie da, wenn auch nicht richtig. Beispielsweise steht da jedes Mal “Blitz an, ausgelöst”. Dabei hat die Kamera gar keinen eingebauten Blitz.

          Das Bild müsste so gegen 18:15 entstanden sein und es zog gerade von Westen eine dichte Wolkenwand herein, sodass die Abendsonne verdeckt war. Das hier verwendete Objektiv hat als größte Öffnung f/4 und wegen des Rauschverhaltens des Sensors musste ich bei ISO 200 bleiben. f/2.8 oder f/2 wäre besser gewesen, aber das ging mit dem Weitwinkelobjektiv eben nicht. Es ist ganz sicher etwas unterbelichtet, aber ich habe da zumindest nicht eine lichtüberfluteten Realität zu einer tiefdunklen Abbildung umgemünzt.

          Sie sehen, diese Kamera ist ziemlich unnachsichtig mit ihrem Besitzer. Schon kleine Fehler schlagen gnadenlos durch. Vielleicht schafft sie es gerade auf diese Art, dass ich immer gerade sie mitnehme und nicht eine, mit der einfacher umzugehen ist.

          Generell versuche ich, eine allzu invasive Nachbearbeitung zu vermeiden. Ich bin auch nicht wirklich für Rettungsversuche bei deutlich unter- oder überbelichteten Aufnahmen. Wenn ein bisschen Nachhelfen nicht reicht, dann lasse ich es lieber ganz bleiben. Die Schaffung von Gesamtkunstwerken überlasse ich lieber anderen. 🙂

          Wo die getreue Wiedergabe des Gesehenen aufhört und die Verfremdung beginnt, kann niemand sagen. Schwarz-Weiß-Fotografie verfremdet ja grundsätzlich. Früher habe ich mal mit orthochromatischem Film gearbeitet. Was da herauskam, war interessant, konnte sich aber beliebig weit von dem entfernen, was in meinem visuellen Gedächtnis gespeichert war. Also ein Artefakt.

          • “Die Schaffung von Gesamtkunstwerken überlasse ich lieber anderen.”

            Das tun Sie mit Sicherheit nicht, wenn ich mir Ihren Blog so anschaue. 😉

          • “Die Schaffung von Gesamtkunstwerken überlasse ich lieber anderen.”

            Das tun Sie mit Sicherheit nicht, wenn ich mir Ihren Blog so anschaue. 😉

            Das denke ich auch. 🙂

            Nebenbei: Es ist immer sehr interessant und lehrreich, wenn Sie beide über’s Fotografieren oder Kameras oder sonst was, das damit zusammen hängt, diskutieren.

        • @Mona

          »Schwarz-Weiß-Bearbeitung ist in erster Linie Geschmacksache.«

          Gerade bei SW-Bildern hat die ambitionierte (Hobby-)Fotografin das Bedürfnis, den Rohaufnahmen den letzten Schliff zu geben.

          Wenn wir früher Farbdias gemacht haben, dann mussten wir das Ergebnis, so wie es aus dem Labor kam, akzeptieren. Den Schwarzweißfilm aber haben wir selbst entwickelt, und haben dann im Badezimmer von den besten Aufnahmen Vergrößerungen angefertigt. Schon allein dieses Prozedere bedingte, dass nachbearbeitet und gestaltet wurde. Hier etwas nachbelichten, dort etwas abwedeln, das gehörte einfach dazu, denn sonst hätte man seine Aufnahmen ja gleich ins Labor schicken können. Schon die Wahl des passenden Fotopapiers, weich, hart, glänzend, matt, usw., nahm Einfluss auf das spätere Ergebnis.

          Für mich ist ein Foto erst dann wirklich „fertig“, wenn es aus der digitalen in die analoge Welt geholt wurde, und das geht nur selten ohne Nachbearbeitung.

          • Ich kenne auch die Arbeit in der Dunkelkammer, muss aber ehrlich sagen, dass ich dieser Zeit keine Träne nachweine. Es hat mich sogar gestört, dass da so viele “Medienbrüche” zwischen Motiv und fertigem Abzug lagen. Ich konnte mich auch nie damit anfreunden, mit stinkenden Chemikalien herumzumachen, wenn ich im Endeffekt doch nur etwas abbilden wolle. Zumal die Eingriffsmöglichkeiten damals ja doch nie an das heran kamen, was heute jedem kostenlos zur Verfügung steht.

            Auch waren mir bezahlbare Papierabzüge immer zu klein. Eine gute Aufnahme wirkt dann am besten, wenn sie groß ist, in Vollauflösung auf einem großen Bildschirm.

            Nostalgie war ohnehin nie mein Ding, aber zudem finde ich es einfach logischer, wenn die ganze Verarbeitungskette eines Bildes, das am Ende ohnehin auf einem digitalen Ausgabegerät betrachtet wird, auch auf dem ganzen Weg digital bleibt.

          • @Michael Khan:

            Es geht hier nicht um Nostalgie, sondern um Gestaltungsmöglichkeiten. Fotografie ist ein weites Feld. Man darf da nicht nur an Schnappschüsse oder an Erinnerungsaufnahmen denken, wie man sie aus den Fotoalben der Verwandtschaft kennt. Das wirklich schöne ist doch die künstlerische Fotografie mit ihren zahllosen Ausdrucksmöglichkeiten.

          • Genau, und ich meine, in der Fülle der Gestaltungsmöglichkeiten, angefangen von den Kamereinstellungen bis zur Nachbearbeitung ist die digitale Welt der analogen weit überlegen.

          • Ja genau, @Mona, mit Licht grafisch gestalten, das ist auch meine Philosophie des Fotografierens. Das beginnt mit der Aufnahme und endet im digitalen Entwicklungslabor.

            Den Fotochemikalien weine ich auch keine Träne nach. Umso mehr genieße ich Möglichkeit, mit Hilfe simpler Schieberegler das Letzte aus den digitalen Negativen herauszuholen zu können. Sei es in SW, oder, was im Vergleich zu früher ja noch viel faszinierender ist, in Farbe.

          • Wahrscheinlich habe ich Sie anfangs missverstanden, aber dieser Aussage von Ihnen stimme ich absolut zu.

            Damit verbunden ist ein wichtiger Aspekt:

            Fotografie ist eine Kunstform. Sie umfasst ein breites Spektrum technischer Fertigkeiten, die erlernt und beherrscht werden müssen, aber sie bedarf auch des künstlerischen Talents. Ohne die technischen Fertigkeiten kann sich das Talent nicht entfalten, aber ohne Talent wird auch bei optimaler Beherrschung der Technik am Ende nichts wirklich Bemerkenswertes herauskommen.

            Durch die digitale Fotografie bekommen viel mehr Menschen Zugang zu leistungsfähigen Mitteln der Fotografie und der Nachbearbeitung, als dies in der analogen Welt der Fall war. Dadurch bildet sich zwar nicht mehr Talent. Wer keins hat, der hat keins. Aber wer Talent hat, hat nun eine weitaus bessere Chance, seine technischen Fertigkeiten zu vervollkommnen und damit sein Talent zu entfalten. Früher gab es da harte Randbedingungen. Kameras, Filme, Chemikalien und Fotopapier waren teuer. Der Zugang zu Dunkelkammern, vor allem solchen mit guter Ausrüstung, war limitiert. Die Arbeit in der Dunkelkammer war zeitraubend und bei vielen Lebenssituationen einfach nicht zu schaffen.

            Zudem war der Lernprozess sehr langwierig und wenig geeignet, Fehler zu erkennen und zu vermeiden. Wenn man irgendwo Filme schoss und diese Tage bis Wochen später entwickelte, hatte man schon längst die Umstände vergessen, unter denen eine Aufnahme entstanden war. Auch bei Entwicklung des Films und Erstellung von Abzügen konnte alles Mögliche schief gehen, ohne dass dies am Ende noch komplett nachvollziehbar blieb. Natürlich gab es auch früher schon talentierte Fotografen mit unglaublich hohem technischem Können. Aber der ganze Prozess war doch eher so angelegt, dass Einsteiger abgeschreckt statt gefördert wurden. Das ging nicht anders. Es lag an der Kompliziertheit der Vorgänge.

            Heute ist es um ein Vielfaches einfacher geworden. Ich behaupte: Für die Kunstform Fotografie ist das von Vorteil, weil sich mehr Talent entfalten kann.

            Randbemerkung 1: Als ich vor mehr als 20 Jahren meinen ersten Dunkelkammerkurs machte, war die Dominanz der Filmfotografie noch ungebrochen. Es zeichnete sich am Horizont ab, dass die digitale Fotografie kommen würde, aber niemand wusste, wie bald. Das war immer ein Thema für hitzige Diskussionen. Der Kursleiter, ein alter Haudegen von Profifotograf, vertrat die Ansicht, dass es noch Generationen dauern würde, bis die digitale Fotografie der analogen den Rang ernsthaft streitig machen könne. Es gäbe einfach nicht die geeigneten Speichermedien und in der Feinheit der Kontrastabstufungen wären von digitalen Sensoren immer unterlegen. Gut, das war damals eine verbreitete Meinung.

            Was er aber auch sagte, fand ich in dieser Absolutheit ziemlich snobistisch: In der analogen Welt erfordere die Beherrschung des gesamten Prozesses der Bildentstehung eine derartige Ansammlung von künstlerischer und technischer Kompetenz, dass jeder Abzug eines Profis ein einzigartiges Kunstwerk sei. In der digitalen Welt würde sich aber jeder Hans und Franz den Bildentstehungsprozess aneignen, wobei alle Arbeitsschritte automatisiert seien. Die Fotografie würde durch die Digitalisierung trivialisiert und ihrer Einzigartigkeit beraubt.

            Ich hörte mir das alles an und widersprach nicht. Ich wollte ja Wissen von ihm abgreifen und nicht mit ihm streiten. Aber ich dachte mir still: “Na, wart’s mal ab, Freundchen, Hihi …”

            Randbemerkung 2: Meine erste Spiegelreflex-Kamera, eine Minolta X300, kostete mich Anfang der 80er über 300 DM. Nur das Gehäuse, versteht sich. Das war viel Geld. Die Monatsmiete meiner Studentenbude beispielsweise lag bei 150 DM. Ein Objektiv brauchte ich natürlich auch. Filme kosteten auch einen Batzen, ebenso die Entwicklung. Viele machten Dias allein aus finanziellen Erwägungen. Die Kamera selbst konnte nicht viel, aber in der analogen Welt kam lag die Bildqualität ohnehin in erster Linie an Objektiv und Film. Wollte man selbst entwickeln und vor allem großformatige Abzüge machen, wurde es wirklich teuer.

            Für rund 350 Euro kriege ich heute ein Einsteiger-Kit (Gehäuse und Objektiv). Ich meine, mit 350 Euros komme ich heute weniger weit, als ich damals mit 300 DM kam. Soweit mir bekannt, belegen Berechnungen der inflationsbereinigten Kaufkraft diesen Eindruck. Ich bekomme also heute für effektiv weniger Geld viel mehr Kamera. Die Kosten, die pro geschossenem Foto hinzukommen, sind vernachlässigbar. Leistungsfähige Bildbearbeitungssoftware gibt es schon in der Public Domain. Einen Computer braucht man natürlich, aber den braucht man heutzutage nicht allein wegen der Bildverarbeitung. Deswegen haben die Leute sowieso so etwas daheim. Die finanzielle Einstiegshürde ist also deutlich gesunken, die laufenden Kosten fallen ganz weg.

          • @Michael Khan

            Sie schreiben: „Auch waren mir bezahlbare Papierabzüge immer zu klein. Eine gute Aufnahme wirkt dann am besten, wenn sie groß ist, in Vollauflösung auf einem großen Bildschirm.
            Nostalgie war ohnehin nie mein Ding, aber zudem finde ich es einfach logischer, wenn die ganze Verarbeitungskette eines Bildes, das am Ende ohnehin auf einem digitalen Ausgabegerät betrachtet wird, auch auf dem ganzen Weg digital bleibt.“

            Ich arbeite momentan mit einem geliehenen Notebook älterer Bauart und muss zu meiner Überraschung feststellen, dass die hier gezeigten Fotos um ca. zwei Stufen heller angezeigt werden als auf meinem Gerät. Zudem erscheinen Farbfotos in recht verwaschenen Tönen. Insofern ist die Vergleichbarkeit „auf einem digitalen Ausgabegerät“ wohl eher unbefriedigend. Besser wäre es man könnte die Fotos vorher ausdrucken, aber selbst dann müsste der Monitor mit dem Ausgabegerät abgestimmt werden, ansonsten hat man seine Fotos umsonst bearbeitet.

            Es gibt Programme mit deren Hilfe man seinen Monitor optimal abstimmen kann, das erfordert jedoch auch eine entsprechende Grafikkarte. Mit älteren Geräten braucht man sich also gar nicht mehr abzumühen. Wenn ich Fotos verschenken möchte, dann drucke ich sie oft in einem Geschäft aus, um zu sehen, ob ich mit meiner Bildbearbeitung richtig liege. Das ist auch nicht teurer als auf dem häuslichen Drucker, der sich leider nicht mit meinem Monitor in Einklang bringen lässt.

            Beispiel für eine Monitorabstimmung: http://www.dipixelprinter.de/monitor-abstimmen/

            Ihr neu eingestelltes Niederwalddenkmal schaut auf dem alten Notebook optimal aus, vermutlich zeigt es mein gewohnter Monitor jedoch wieder etwas zu dunkel an. Das ist vielleicht auch der Grund, warum wir uns da manchmal nicht einig sind.

          • Ich denke – vor allem, wenn ich das eine Bild von mitr anschaue, das Sie und ich nach jeweils eigenem Gusto nachbearbeitet haben, wobei wir zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen kamen – es liegt einfach ein Unterschied in den persönlichen Präferenzen vor. Ich mag gern intensive Kontraste, achte aber gleichzeitig darauf, dass weder in den hellen noch in den dunklen Partien etwas absäuft. Dabei nehme ich in Kauf, dass ein unterbelichtetes Bild zu dunkel bleibt. Wobei ich sowieso dazu neige, ein Drittel bis zwei Drittel Belichtungswerte knapp zu fotografieren. Sie haben einen anderen Stil und setzen andere Gewichtungen. Wenn wir zur selben Zeit dieselben Motive fotografieren würden – selbst wenn man uns mit der gleichen Kamera ausstatten würde, wären die Ergebnisse ganz verschieden. Keiner von beiden hat Recht oder Unrecht. Jeder versucht nur in einem Bild das umzusetzen, was ihm oder ihr am Motiv am meisten ins Auge stach. Bei verscheidenen Menschen werden dies aber jeweils unterschiedliche Dinge sein.

          • „Keiner von beiden hat Recht oder Unrecht.“

            Das möchte ich doch schwer hoffen! Wobei es in der professionalen Fotografie natürlich einige Standards zu beachten gilt. Wichtig ist auch, dass man „sehen“ lernt und dazu sind auch Vergleiche wichtig. Insofern liegen wir also nicht falsch. 🙂

          • @Michael Khan:

            » Ich behaupte: Für die Kunstform Fotografie ist das [Digitale] von Vorteil, weil sich mehr Talent entfalten kann.«

            Da würde ich nicht widersprechen wollen. Wenn bestimmte technische Hindernisse entfallen, hat man es eben leichter.

            Interessant vielleicht auch in diesem Zusammenhang, wie sich die Ausbildung im „Fotohandwerk“ im Vergleich zu den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts (nur diese kenne ich aus eigener Anschauung) geändert hat.

            Damals endete die zweijährige schulische Ausbildung (in Berlin) noch mit einem Gesellenbrief, heute wird dort „Fotodesign“ gelehrt, über drei Jahre hinweg.

            Man könnte meinen, im professionellen Bereich sei es nicht leichter, sondern schwieriger geworden.

          • @Balanus

            Berufsbilder wandeln sich im Laufe der Zeit und vieles was man früher lernte wird heutzutage nicht mehr gebraucht, dafür kommen neue Erfordernisse dazu, wie der Umgang mit digitalen Kameras oder Bildbearbeitungsprogrammen.

            Die Ausbildung zum Fotografen dauert im Handwerk drei Jahre und nach weiteren drei Jahren kann man die Meisterprüfung ablegen. (Die zweijährige Ausbildung gab es lediglich für Fotolaboranten. Diesen Beruf gibt es jedoch seit 2013 nicht mehr.) Da die meisten Auszubildenden einen höheren Schulabschluss haben können sie u.U. eine Lehrzeitverkürzung beantragen. Natürlich kann man auch irgendwo einen Kurs absolvieren, aber das gilt dann nicht als staatlich anerkannte Berufsausbildung.

            Vor einigen Jahren gab es eine Lockerung der Handwerksordnung und im Bereich der geschützten Berufsbezeichnungen hat sich dadurch ein ziemliches Durcheinander ergeben. Inzwischen dürfen „Nicht-wesentliche Tätigkeiten“ von beinahe jedem angeboten werden ohne dass er mit der Handwerksordnung in Konflikt gerät. Hauptsache die Tätigkeit wird versteuert.

            Fotodesigner ist ein ziemlich junger Beruf und ein großer Teil der Absolventen arbeitet in der Modeindustrie oder in der Werbung. Deren Produkte müssen natürlich entsprechend „geschönt“ werden und dazu braucht es Kenntnisse, die über die bloße Bildbearbeitung hinausgehen.

          • Nachtrag:
            Ich habe mir interessehalber mal die neue Ausbildungsverordnung angesehen, die seit 2009 im Fotografenhandwerk gilt. Demnach sind sämtliche Laborarbeiten weggefallen und man braucht nicht mal mehr das ganze Berufsfeld zu beherrschen, sondern kann sich entweder auf Porträtfotografie, Produktfotografie, Industrie- und Architekturfotografie oder Wissenschaftsfotografie spezialisieren. (Früher spezialisierte man sich erst nach der Ausbildung.) Mit dem Wegfall der analogen Fotografie fiel natürlich auch die ganze Chemie weg und die optische Physik wurde entsprechend reduziert. Neu hinzugekommen sind der Umgang mit Bilddaten sowie rechtliche und wirtschaftliche Aspekte.

          • Dass die ganze Photochemie und die Prozesse der Entwicklung und Fixierung fortfallen, leuchtet ein. Dass aber die optische Physik reduziert wird, nicht. Nach allem, was ich so mitgekriegt habe, müsste dieser Themenkomplex im Rahmen der digitalen Fotografie sogar noch zunehmen. Die Optik ist nach wie vor ein wesentlicher Faktor. Die Werbung der Kamerahersteller stellt das oft so dar, als könne die Elektronik allein gute Bilder zaubern. Viele Kunden nehmen ihnen das so ab, und manche Berater in Fotofachgeschäften leider auch. Sollte man nicht machen.

            Die Optik ist nach wie vor ein bestimmender Faktor für die Bildqualität. Allerdings ist es nicht unbedingt so, dass Objektive, die für Film berechnet wurden und dort hervorragende Abbildungsleistung zeigen, diese Eigenschaften auch noch beibehalten, wenn sie an einer Digitalkamera montiert werden, weil die geometrischen Verhältnisse anders sind und sich noch weitere Elemente im Strahlengang befinden.

            Dann hat das Verhalten des Sensors einen starken Einfluss, und damit seine Bauart und technische Einführung. Ferner hat man den Bayer Filter und Anti-Alias-Filter (oder eben nicht, siehe hier), einen Tiefpassfilter und die Mikrolinsenschicht. Das alles sollte man gelernt und verstanden haben, wenn man das Beste aus seiner Kamera herausholen will, was ein ausgebildeter Berufsfotograf ja sicher will.

            Also, ich sehe hier einen Zuwachs an optischer Physik.

          • Dass die Laborarbeiten in der Ausbildung zum Fotografenhandwerk weggefallen sind, wundert mich.

            Im Berliner Berufsausbildungszentrum Lette-Verein wird seit 2003 zum staatlich geprüften Fotodesigner (m/w) ausgebildet, zuvor gab es den Gesellenbrief im Fotografenhandwerk. Der/die Auszubildende muss eine Kleinbild-Spiegelreflex mitbringen (ab 7 Megapixeln, mit einem 35mm und einem 50mm Objektiv, bezogen auf das Kleinbildformat 24 x 36), aber fotografiert wird auch mit der (analogen) Großbildkamera, die Kosten für Filme, Fotopapier usw. liegen zwischen 1000 und 1500 Euro/Jahr.

          • @Michael Khan:
            Ich schließe mich Ihren Argumenten voll und ganz an. Aber Sie schreiben ja selbst: „Die Werbung der Kamerahersteller stellt das oft so dar, als könne die Elektronik allein gute Bilder zaubern. Viele Kunden nehmen ihnen das so ab, und manche Berater in Fotofachgeschäften leider auch.“ Im Gegensatz zu früher kann man heutzutage aber mit den meisten Kameras ohne jegliches Hintergrundwissen fotografieren. Zumindest wenn es sich um technisch eher anspruchslose Fotos handelt. Wer anspruchsvollere Bilder machen möchte, der muss sich auch gründlicher mit der Materie befassen.

          • Ja, absolut, es gilt nach wie vor “Caveat emptor”. Wie überall.

            Ich wünsche mir halt manchmal, dass der Verkäufer im Geschäft nicht nur erzählen kann “Die Kamera hat diese Fuktion” und “Jene Kamera hat jene Funktion”. Sowas kriegt man auch allein ganz leicht auf den Webseiten der Hersteller heraus. Wenn er sagen würde “Diese Funktion wird zwar vom Hersteller beworben, funktioniert aber nicht und außerdem scheint es mit dem Gerät ein besonderes Problem mit Staub auf dem Sensor zu geben.” – das würde mir wirklich weiter helfen.

            Gut, auch so etwas bekommt man im Internet mittlerweile heraus. Wenn man weiß, wo man zu suchen hat.

          • @Balanus:
            Wenn der Lette-Verein nach wie vor das ganze Spektrum in seiner Ausbildung anbietet, dann ist das ja erst mal nicht schlecht. Über die hohen Materialkosten kann man allerdings geteilter Meinung sein, weil die analoge Fotografie kaum mehr existent ist. Für Architekturaufnahmen braucht man zwar eine Großformatkamera, um stürzende Linien zu vermeiden, aber man muss davon nicht unbedingt Papierabzüge machen. Man kann beispielsweise auch ein 9×12 cm Diapositiv erstellen, das man dann einscannt, um es mit Photoshop bearbeiten zu können.

  3. @Balanus:
    „Gerade bei SW-Bildern hat die ambitionierte (Hobby-)Fotografin das Bedürfnis, den Rohaufnahmen den letzten Schliff zu geben.“

    Das stimmt! Ich habe die Schwarz-Weiß-Entwicklung selbst noch gelernt und auch das ganze Drumherum. Vieles geht mit den modernen Bildbearbeitungsprogrammen natürlich leichter, aber zuweilen vermisse ich einfach das Handwerkliche. Außerdem musste man sich früher wirklich intensiv mit dem Motiv beschäftigen, das können sich die heutigen Handy-Fotografen gar nicht mehr vorstellen. Ich habe mir vor Jahren mal ein altes Buch mit Landschaftsaufnahmen in SW auf dem Flohmarkt gekauft. Die Aufnahmen darin sind nicht einfach nur schön, weil sie eine weitgehend intakte Natur zeigen, sondern man kann auch viel über Gestaltung lernen.

    • Ich habe die Schwarz-Weiß-Entwicklung selbst noch gelernt und auch das ganze Drumherum.

      Tschuldigung bezüglich meiner Unwissenheit, Naivität oder was auch immer, aber Sie haben als Fotografin NUR Schwarz-Weis-Entwicklung gelernt?! – Ich dachte, Fotografen (m/w) müssten auch den ganzen Entwicklungsprozess bei Farbaufnahmen kennen, selbst wenn das meisste dabei dann am Ende doch wieder maschienell erledigt wird. Ich kenne auch die Schwarz-Weis-Entwicklung in der Dunkelkammer, aber zur Farbentwicklung hab ich in der (freiwilligen) FotoAG in der Schule nicht viel gelernt. Der Lehrer erklärte blos, dass das bei der Farbe eine knifflige Sache ist, weil dabei u.a. die Temperaturen der Entwicklungsbäder sehr präzise eingehalten werden müssen, damit am Ende was gescheites dabei heraus kommt. Das war’s dann aber auch. Dabei hätte es mich auch mal interessiert, mal mit Farbfilmen und dem ganzen drum herum zu experimentieren. – Faiererweise muss ich aber auch dazu sagen, dass es das Fotolabor nur aufgrund des Engagements des Lehrers überhaupt gab und die für Farbentwicklung nötige Ausrüstung fehlte. … D.h. es gab da wohl einen Vergrösserer, der auch zur Belichtig von Farbpapier taugte, aber das war’s dann auch.

      Und was die Motivgestaltung angeht, so denke ich, dass es früher ganz einfach auch notwendig war, sich ein paar intensivere Gedanken darüber zu machen, weil es ganz einfach auch teuer war. Wenn man eine Menge Fehlmotive fabriziert hat, aus denen nicht klar hervor geht, was sie eigentlich zeigen sollen, bzw. die Ergebnisse irgendwie Lieblos wirken, also künstlerisch eher Wertlos sind, dann hatte man trotzdem eine Menge Geld in den Sand gesetzt.

      • @Hans:

        Wenn man einen Beruf lernt, dann lernt man ja nicht nur eine Sache. Der Umgang mit SW gehörte da halt einfach mit dazu. Die sorgfältige Arbeitsweise war natürlich auch den hohen Kosten geschuldet, die die Filme, das Fotopapier und die Chemikalien verursachten. Zudem brauchte man eine Laborausstattung und ein Vergrößerungsgerät, was sich sicher nicht jeder Amateur leisten wollte oder konnte.

        Colorfilme per Hand zu entwickeln und Bilder davon zu erstellen ist in der Tat sehr anspruchsvoll. Das wollte sich kaum ein Amateur antun und auch die Profis schickten ihre Erzeugnisse oft in Großlabors, weil die einfach schneller und billiger arbeiten konnten. Wenn man heutzutage die Bilder selbst am Computer bearbeiten kann, dann ist man den handwerklichen Anfängen eigentlich wieder ein Stück näher, weil man die Gestaltung selbst übernehmen kann – was ja nicht möglich ist, wenn die Filme in ein Fremdlabor geschickt werden.

  4. Liebe Kollegen, hallo Herr Khan,

    – auf eine Empfehlung hin, von Ute Gerhardt, bin ich hier gelandet, habe leider Mangels Zeit nicht alle Kommentare lesen können, möchte aber gerne ein paar Zeilen analog, nicht ausgelesen und komplett unkomprimiert zum Subjekt der Analog-Digital-Fotografie schreiben … Fotografie, im Wandel, nämlich analog-digital gewandelt ;-D
    Bin selbst Fotografenmeisterin (und Fotolaborantin, der alten Zeit), und stimme in Vielem, was ich von Ihnen, Herrn Khan, gerade gelesen habe überein; auch, dass es moderne Felder der Fotografie gibt, die man analog-chemisch natürlich nicht mehr bewältigen könnte; sie entsprechen einfach nicht mehr den Prozessen, wie ich sie heute als Journalistin von der Medienwelt kenne und erwarte. Ist klar, kein Sportfotograf wird sich mit einer 4×5 inch Linhof in eine Kurve legen, um dann das Fachnegativ in der Schale zu entwickeln, bis er den fertigen Abzug in Händen hält (noch un-gewandelt in ein digitales Format), hätten seine KollegInnen doch schon längst den kompletten Bericht an die Zeitung abgeschickt.

    Ich habe selbst Fotografen ausgebildet und ihnen als Rat mit auf den Weg gegeben, die vergangenen Technologien niemals gegen die gegenwärtigen auszuspielen.

    Leute, die auf Twitter schreiben, heute gibt’s ja auch keine Kutschpferde mehr, sondern Autos, disqualifizieren sich selbst, weil sie den Entwicklungsweg einer Errungenschaft bis zur Jetztzeit einfach ausblenden. Ohne die Beobachtung der Pferdestärke, gäb’s eben keine motorisierten PS – und so war die analoge Fotografie eine Epoche fantastischer Technik und Kreativität, denn hinter einer Vergrößerung von einem 18×24-Fachnegativ muss sich leider jeder Digi-Plot einer Digi-Durchschnittsnutzerkamera immernoch schamhaft verstecken (selbst mit Interpolation) – obgleich im Profi- und HiEnd-Bereich die Sensortechnik enorm aufgeholt hat. Wir drehen mit einer Canon EOS 5D Mark III bereits ganze Spielfilme, das ist natürlich eine wunderbare Chance für Jungfilmer und Nachwuchstalente der Medienbranche mit wenig Kapitaleinsatz, wirklich wertvolles Material zu liefern!

    Man darf aber bei aller Digital-Euphorie eines nicht ausklammern: Die Sehgewohnheiten der Menschen bzw. User haben sich erheblich verändert. Eine analoge Aufnahme eines Leica-Fotografen aus dem letzten Jahrhundert, wird uns noch lange verblüffen, wenn wir eine Galerie besuchen und eben kein Korn, sondern Brillianz und Schärfe einer Epoche optisch hochwertiger Linsen mit Fachwissen und Kreativität verbunden sehen. Während wir mittlerweile im Internet Output von Millionen komprimierter Images auf milchigen Bildschirmen als optischen Maßstab bezeichnen.
    Sie erwähnten, dass es für Sie schöner sei, die digitalen Daten dann auf ihrem Monitor “größer als einen damaligen Papierabzug” anzuschauen, Herr Khan; dann würde ich Sie fragen, wie viel Zoll hat denn Ihr Monitor? Und wie groß wird der Ausschnitt, den Sie letztlich in ein Web-Portal einfügen? Schnell finden wir nämlich heraus, dass wir Fotos auf dem Bildschirm auch nicht höher vergrößern als durchschnittlich 20×30 cm, im Gegenteil, viele schauen sich Bilder auf popligen 13×18-Tablets oder Smartphone-Displays an, und sind vollkommen damit zufrieden.
    Auch die Qualität der Profi-Fotos spielt keine wirkliche Rolle mehr, man schiesst schnell, läd zumeist nicht mal RAW-Daten in ein billiges Editierprogramm, haut ein paar Preset-Filter drüber, die die Daten nochmals verschlechtern, und “published” dann diese “Werke”.
    Hinterher kann man ja immer behaupten, das sollte so grobkörnig wie im Rattennest sein, rein aus künstlerischer Begründung, oder — wie es heute sehr trendy ist — man zieht die Farbsättigung und Luminiszenz bis zum Anschlag hoch, weil man glaubt, es würde die Betrachter beeindrucken, wie weit ab ihr Ergebnis von der Realität der lauen Farben von Güterloh ist.
    Persönlich, also als Künstlerin UND Fachfrau, empfinde ich diese Entwicklung als eher unkreativ – wenn einem mit einer App eine stark begrenzte Bearbeitungsmöglichkeit gar keine Chance lässt, sich selbst zu verwirklichen, schon gar nicht, wenn man nicht wenigstens von Lichtführung, Perspektive, Verzerrung von Brennweiten und Motivwahl gelesen hat.
    Seine kreativen und technischen Möglichkeiten ausschöpfen, kann man schließlich nur dann, wenn man die Fotografie nicht als Konsumtechnik für Flickr und Co. sieht, sondern als Technik der Wellen und Teilchen des Lichts, die ursprünglich aus der Astronomie entstanden ist.
    In meiner Ausbildungszeit hatten wir noch eindeutig Ehrfurcht vor dem Licht (und dem Schatten!), für uns war eine Solarisation mit Schwarzschild-Effekt kein Photoshop-Filter und kein Algorithmus, sondern wir haben noch gelernt, was für ein bedeutender Forscher der Herr Schwarzschild war, und welche Phänomene der Optik er erkannte und beschrieb (dazu gehört u.a. auch die Beschreibung der Menge an Licht auf kolloidalem Silber, als ein chemischer Vorgang).
    Dieses Wissen sollte uns niemals abhanden kommen, denn mit der Errungenschaft eines Internets und der Behauptung, jenes Wissen wäre doch nun für alle digital zugänglich (was bis heute auch nur für einen gewissen Teil der Menschheit möglich ist) — bleibt uns das Lehren und Lernen dennoch nicht erspart.
    Zu diesem Lernen gehört in der Fotografie eben auch, dass ein guter Fotograf kein Postproducer ist, und miese Qualität in der Aufnahme, kein Photoshopper der Welt in ein HiEnd-Resultat wandeln kann; es sei denn, er macht das Foto nochmal … wo keine guten Daten, da kein Profifoto!
    So einfach ist das, das nennt man — gottlob zeitlos gültig — die Gesetze der optischen Physik!
    Das gleiche Phänomen kennen wir aus der Akustik, ein 30-Euro-mp3-Player, kann eben keine Burmaster-HiFi-Anlage ersetzen, und niemand kann behaupten, dass ein mp3-Song einer Beethoven-Sonate einem menschlichen Ohr schmeichelt. Wir finden uns lediglich damit ab, weil ein mp3 mit einem In-Ear-Headset eh schrottig klingt, wenn wir damit durch den Lärm (Farbrauschen – Tonsignalrauschen) einer Großstadt joggen …

    Mein Fazit daher:
    Lustige LowQuality-Selfies sind was für Twitter, Fachfotografien etwas für Galerien – und nicht umgekehrt. Jeder Lebensbereich hat seine Art (Kunst) der Fotografie, und jeder dieser Arten gebührt Anerkennung … als Fotografenmeisterin muss ich dennoch nicht vor einem kaputt-editierten Datenbrei auf die Knie sinken, selbst wenn Ihnen das nun — wie sie anmerkten — “snobistisch” scheint, Herr Khan, aber es gibt nun mal einen Unterschied zwischen Fachwissen und Halbwissen, Amateur-Kamera-Preisklasse und Profi-Kamera-Technik, sonst würde es SciLogs nicht geben, nicht wahr? Es ist also durchaus nicht zu belächeln, wenn es weiterhin Kollegen und Liebhaber der analogen Fotografie gibt. Man muss ja nicht gleich zum Analog-Extremisten werden!

    Und zum Schluss — weil ich bisher off topic kommentiert habe — noch eine Anmerkung zu ihrem Beitragsfoto:
    Wenn Sie das beschriebene Objektiv an die Epson adaptiert haben, sollte das Ergebnis eigentlich — auch bei mäßigem Sensor — besser sein, denn gerade bei guten Lichtverhältnissen am Tag und einem kleinen, aber lichtstarken 40-mm-Summicron, kann man locker 100 ISO einstellen, und wird sicher kein unterbelichtetes Foto erhalten. Wenn die Kamera tatsächlich solch unverhältnismäßig schlechte Aufnahme-Daten liefert, würde ich sie keinesfalls behalten – denn sonst brauchen Sie auch ihre kostbaren Zeiss/Leitz-Schätze nicht in Ehren halten 😉

    P.S.: Zum Thema EDITIEREN: Images aus einem Beitrag in ein Editierprogramm zu kopieren, um sie dann zu verschlimmbessern, ist Zeitverschwendung, es sei denn, man tut’s aus Lehrzwecken, denn natürlich kann ein webkomprimiertes Datenpaket nicht mit den Ursprungsdaten mithalten. Man kann daher das “Foto” eines Beitrags nicht wirklich editieren, wie es in der Postproduktion verlangt wird und technischer Standard ist, welchen man ebenfalls in der modernen Digitalfotografie benennen kann und einhalten sollte … — als Profi!

    P.S.S.: Ihre Beiträge sind wirklich spannend verfasst und bieten eine Menge Informationen, Herr Khan, werde sicher zukünftig häufiger vorbeischauen.

    • Vielen Dank für den ausführlichen Kommentar, vor dem Hintergrund sehr fundierten Wissens.

      Ich kann aus Zeitgründen jetzt nicht auf alles eingehen, was mir wichtig erscheint, sondern beschränke mich auf zwei Punkte:

      …und miese Qualität in der Aufnahme, kein Photoshopper der Welt in ein HiEnd-Resultat wandeln kann; es sei denn, er macht das Foto nochmal … wo keine guten Daten, da kein Profifoto!

      Das sollte auf eine Messingplakette gedruckt und auf jede Kamera genietet werden.

      Es gilt wohlgemerkt nicht nur in der Fotografie, sondern überall in der Wissenschaft. “Wenn ich die Aussage generalisiere, dann wird daraus: Man muss sehr vorsichtig sein, dass man nicht Schlüsse zieht, die die Daten einfach nicht hergeben.” So wie Ihre auf Bildmaterial bezogene Aussage oft von Fotografen ignoriert wird, wird die von mir generalisierte Aussage oft von Wissenschaftlern ignoriert.

      Wenn die Kamera tatsächlich solch unverhältnismäßig schlechte Aufnahme-Daten liefert, würde ich sie keinesfalls behalten.

      Meine Meinung über die Kamera kommt ja schon in der Überschrift des Artikels zum Ausdruck. Damit kein Missverständnis aufkommt: Ich möchte das Bild, das ich hier gepostet habe, ebenso wie die, die ich in meinem Flickr-Album zur R-D1x hinterlegt habe, lediglich als Dokumentation der Eigenschaften der Kamera verstanden wissen. Es gibt ganz offensichtlich ein Problem mit dieser Kamera. Ich versuche, herauszufunden, wo dies genau liegt. Ich meine inzwischen, es liegt an dem Teil der Firmware, der die Sensordaten in JPEGs umwandelt.

      Zudem gibt es ja das beschriebene Problem, dass ich aus mir nicht ersichtlichen Gründen doch immer wieder zu dieser Kamera greife. Die Ursache dieses Phänomens liegt noch im Dunkeln. Ich möchte doch zumindest einmal herausfinden, was das ist.

      • Der gerühmte Fotograf Helmut Newton war einmal zum Abendessen eingeladen. Die Hausfrau gratulierte ihm zu seinen Bildern und sagte: „Ihre Bilder sind großartig, Sie haben sicher einen guten Fotoapparat.“ Nach dem Essen bedankte sich Newton bei ihr: „Gnädige Frau, Ihr Essen war vorzüglich, Sie haben sicher gute Pfannen.“

        • Der vielleicht umstrittenste Blogger zum Thema Fotografie, Ken Rockwell, schreibt: “It’s not about your Camera” und “Your camera doesn’t matter“. Eine provokante Aussage. Sicher kann ich vielem von dem, was er hier schreibt, zustimmen. Aber es ist wie mit vielem, was Rockwell schreibt: es ist nicht falsch, aber auch nicht ganz richtig. Man kann eben nicht immer alles auf einfache Formeln herunterbrechen.

          Newton hatte sicher einen guten Fotoapparat, und mehr als einen, und jeder Koch und jede Köchin wird zustimmen, dass die Qualität der Messer und Pfannen sehr wohl zählt.

          Andererseits: Helmut Newton hatte bestimmt auch ein gutes Auto. Und was hat es ihm genützt?

          PS: Falls die Bilder, mit denen Rockwell seinen Leitartikel illustriert hat, seine These stützen sollen, dass die Kamera egal ist, dann ging ihm das daneben. Die Bilder entstanden mit schlechten Kameras, und die Bilder sind furchtbar. Das würde noch mehr auffallen, wenn man sie nicht so klein und mit so geringer Auflösung sehen würde.

          • Sind es nicht gerade die „Umstrittenen“, die uns von den eingefahrenen Sehgewohnheiten wegbringen? Es gibt sogar eine Fotografiekunst, die Lomographie, deren Credo heißt: „Don’t think, just shoot!“
            http://www.punktmagazin.ch/genussliches/lomography/

            Gutes fotografisches Rüstzeug brauchen Sie, wenn Sie technisch hochwertige Fotos machen wollen, die beispielsweise als Druckvorlage für einen Katalog dienen sollen. Da kann sich auch der kleinste Fehler bemerkbar machen. Aber wie ich weiter oben bereits schrieb: „Die Fotografie ist ein weites Feld.“

          • Auch umstrittene Leute können mal falsch liegen. Ich denke, Rockwell hat – allerdings ungewollt – mit den Beispielbildern den Beweis angetreten, dass die Kamera eben nicht ganz egal ist. Unbestritten ist natürlich, dass jemand, der keine Ahnung hat, auch mit dem besten Gerät nichts reißt.

            PS: Ein typischer Rockwellismus ist seine “Rezension” der Kamera, um die es hier geht. Eine Menge Geschwätz, aus dem klar wird, dass er die Kamera noch nicht einmal in den Händen gehalten hat, eine Menge persönlicher Meinungsäußerung ohne Relevanz zum Thema, und dann, mittendrin, ein absolut zutreffender Einwand, nämlich dass der Sensor zu klein und veraltet ist und dass man bei der Neuauflage einen Vollformat-Sensor hätte erwarten können.

            In diesem Punkt stimme ich zu, aber rezensieren geht dann doch anders. Ich bitte auf meinem Blog niemanden, mir Geld zu schicken, und trotzdem mute ich niemandem meine Meinung zu einem Gerät zu, das ich gar nicht kenne. Wenn ich hier etwas über eine Kamera schreibe, dann habe ich sie vorher mindestens einige Wochen ‘rangenommen.

      • Zudem gibt es ja das beschriebene Problem, dass ich aus mir nicht ersichtlichen Gründen doch immer wieder zu dieser Kamera greife. Die Ursache dieses Phänomens liegt noch im Dunkeln. Ich möchte doch zumindest einmal herausfinden, was das ist.

        Ich behaupte jetzt einfach mal, dass der dem Ingenieur innewohnende Drang, einem Problem auf dem Grund zu gehen, etwas damit zu tun hat. 🙂

        • Ich tippe eher auf das Schwiegermutter-Phänomen: Gerade erst hat man sich über die drölfzigste Übergriffigkeit geärgert, und dennoch denkt man nach zwei Wochen wieder: “Eigentlich isse ja doch ganz nett.” 😉

  5. Moin,

    Warum man so ein obskures Fotoding immer mit nimmt? Das sieht mir sehr nach Spaß am Fotografieren und Freude an der Beschäftigung mit Technikspielzeug aus.

    Ansonsten klingt die Beschreibung der Kamera so als würde sie genau das tun was der Mensch hinter der Kamera einstellt und kein bisschen mehr. Ein Ding das Fotos macht und dabei nicht nervt mit Piepsen oder Auslöseverzögerung bis die Menschen im Bild lächeln oder sonstigem Kroppzeugs.

    Mehr braucht man halt manchmal auch nicht.

    Hat man für so einen Blödsinn Worte?
    Kaufgrund!
    Ich gebe zu ich steh auf solchen Blödsinn, ich kann mir auch gut vorstellen wie das entstanden ist. Leica kündigt eine neue Kameraoffensive an und irgendein Marketing oder Vertriebsmensch bei Epson sagt “Wir müssen diese Kamera vorher auf dem Markt haben dann kaufen ALLE bei uns! Bis Morgen Abend steht das Konzept, nächste Woche ist Messe Blablablabla bis dahin funktioniert die sonst rollen Köpfe!”
    (Gut, die Kamera hätte zehntausendfach besser als eine Leica sein können, es hätte wohl trotzdem niemand bei Epson gekauft.)

    Dann hat man halt einen alten Body genommen der irgendwie aussieht wie Leica, einen Detektor der gerade da war und das angebliche Leica Geheimnis teilt (der CCD Detektor macht die Fotos so toll und ist teuer deswegen verkauft kein Billigjapaner diese), Elektronik und Anzeigebildschirm dahin gesetzt wo sonst ein Kleinbildfilm ist und sich die Neukonstruktion für den Rest gespart. So macht man Entwicklung an der Werkbank und ist in zwei Tagen messefertig. Die Digibacks für alte Hasselblad oder Mamiya sind an sich nichts anderes, nur hoffentlich dem Preis angemessen umgesetzt, die Bedienung dürfte ähnlich anfängerfreundlich sein.

    • Mit dem Szenario, das Sie sich zur Entstehungsgeschichte der R-D1 ausmalen, liegen Sie wahrscheinlich recht nahe an der Realität. Seiko/Epson hatte eine Marktlücke entdeckt, die von allen etablierten Kameraherstellern vernachlässigt worden war: die der digitalen, weitgehend manuell bedienten Messucherkameras. Diese Marktlücke war umso interessanter, als der Patentschutz für das M-Bajonett angelaufen war. Jeder konnte kompatible Objektive auf den Markt werfen, und gerade Cosina tat das unter dem von der Pleite gegangenen deutschen Firma Rollei übernommenen Markennamen “Voigtländer”. Wenn Seiko/Epson das damals richtig gemacht hätte, dann wäre es für Leica eng geworden. Gerade um die Zeit schrammte Leica eng am Bankrott vorbei. Dass niemand die Epson gekauft hätte, glaube ich nicht. So wie Leica sich damals präsentierte, waren die abschussreif.

      Messucherkameras haben unbestreitbare Vorteile und es gibt einen harten Kern überzeugter Anhänger dieser Technik. Ich gehöre dazu. Von diesem harten Kern gibt es aber eine ganze Menge, die die analoge Fotografie hinter sich gelassen haben. Viele von diesen, wenn nicht gar die Mehrheit, hatte eine Menge Geld in M-Objektive versenkt und wollte die weiter verwenden. Wenn jetzt Seiko/Epson mit ihrem Partner Cosina Butter bei die Fische gemacht und ein wirklich überzeugendes System präsentiert hatte, dann hätten die diese Marktnische besetzt.

      Aber diese Chance haben sie verschenkt, aus mir unerfindlichen Gründen: Kapitalmangel kann’s nicht gewesen sein. Seiko/Epson? Keine Kohle? Also bitte. Was dann? Ein Sieg der Erbsenzähler? Gut möglich, dann war das ein sauberes Eigentor.

      Fazit: Gute Idee, gute Marktanalyse, visonärer Ansatz – aber die Umsetzung leider versiebt und im Endeffekt eine sichere Chance vertan. Da hat man eine todsichere Torchance und setzt das Ding voll an die Latte. So ungefähr.

      Sowas kriegen also auch japanische Großkonzerne hin. Gut zu wissen.

      Apropos anfängerfreundlich. Die Anforderung hätte im Pflichtenheft nichts zu suchen. Wer sich so eine Kamera kauft, kann fotografieren. Aber die ganz üblen Patzer bei der Ergonomie udn Funktionalität nerven halt auch den erfahrenen Anwender. An manche Sachen gewöhnt man sich nicht wirklich. Man nimmt es hin, aber es nervt nach wie vor.

  6. Kleiner Nachtrag, geschrieben in tiefer Verwunderung.

    Ich bin seit knapp einem Jahr auf Flickr aktiv. Seitdem sind zwei meiner Bilder in “Explore“ aufgenommen worden, dem Verzeichnis der jeweils 500 “besten“ Bilder eines Tages, wobei das natürlich eine subjektive Auswahl ist. Eines der zwei Bilder habe ich mit der R-D1x gemacht. Dieses Bild ist auch das meistgeklickten und meistgefavete aller meiner Bilder auf Flickr. Mir unerklärlich, wie das passieren konnte. Teil des Epson-Mysteriums.

  7. Guten Tag!
    Dieser Beitrag ist nun schon über 5 Jahre alt. Mich würde interessieren, ob Sie diese Kamera immer noch nutzen.
    Ich habe mir als Weihnachtsgeschenk 2020 den Vorgänger, die Epson R-D1s zugelegt und mir ist direkt aufgefallen, dass die von der Kamera erzeugten JPEGs sehr „weich“ erscheinen, während man aus den RAW‘s in der Nachbearbeitung doch noch einiges an Schärfe heraus holen kann.
    Wie dem auch sei, es ist (und war zum Zeitpunkt ihres Erscheinens) keine perfekte Kamera. Heutzutage schon aufgrund der Auflösung, welche 1/7 meiner digitalen SLM entspricht, eigentlich „schrottreif“ und trotzdem und wegen Ihres Charmes, ihrer Art der Bedienung, ihrer Fehler und Macken, ein Traum, welchen ich mir nun erfüllt habe.
    Viele Grüße!

    • Es freut mich, dass auch meine alten Artikel noch gelesen werden. Ich habe die Kamera immer noch und nutze sie auch, gar nicht so selten. Manchmal einfach nur zum Test von Objektiven, oft aber auch gezielt.

      Das Flickr-Album mit den inzwischen mehr als 400 hochgeladenen Bildern ist hier.

      Der Kritik an der geringen Auflösung würde ich heute nicht mehr so zustimmen – 6 gute Megapixel sind mit allemal lieber als 30 mit Gewalt und großem Firmware-Aufwand aus dem Sensor gequetschte, mit denen ein Hersteller nur einen Konkurrenten ausstechen will.

      Das sage ich vor dem Hintergrund meiner eigenen Entwicklung – ich habe mich wieder mehr und mehr der analogen Fotografie zugewandt und mich reizt die “horrende”, eigentlich schon unnatürlich wirkende Schärfe moderner digitaler Kameras weniger als schöne Farbwiedergabe, bei der nach meinem Dafürhalten ein CCD-Sensor immer noch einen CMOS-Sensor aussticht, und eine Filmemulsion ohnehin unschlagbar ist. Auch das ist natürlich eine subjektive Einschätzung.

      Die R-D1 hat auf dem Gebrauchtmarkt im Preis ganz schön angezogen und liegt auf ebay aktuell etwa gleichauf mit der Leica M8.

Schreibe einen Kommentar