Die Tagesschau zu Gaia

BLOG: Go for Launch

Raumfahrt aus der Froschperspektive
Go for Launch

Die beliebteste deutsche Nachrichtensendung hat in ihrem Internetauftritt die Hauptkategorien “Inland”, Ausland”, “Wirtschaft” und “Wetter”, also die Dinge, die dem deutschen Bildungsbürger wichtig sind. “Wissenschaft” ist keine Hauptkategorie wert. Warum auch – etwa nur deswegen, weil Wissenschaft wesentlich für unser Alltagsleben und unsere Zukunft sein wird? Oder deswegen, weil unser Wohlstand davon abhängt, dass wir in der Wissenschaft führend sind?

Nein, schon klar, das sind natürlich keine Gründe, der Berichterstattung über die Wissenschaft besondere Bedeutung beizumessen. Folgerichtig wird über die Astrometriemission Gaia auch unter der Rubrik “Ausland” berichtet. Da nun aber Wissenschaft nicht wichtig ist, braucht man offenbar auch nicht sorgfältig zu recherchieren. Das sieht man allerdings im fertigen Produkt, allerdings nur – und darin liegt das eigentliche Problem – wenn man schon Vorwissen mitbringt. Vorwissen, das man selbst bei regelmäßigem und aufmerksamem Schauen von Nachrichtensendungen nicht unbedingt erwerben kann.

Dieser Artikel auf tagesschau.de vom 17.12.2013 berichtet nämlich absonderliche Dinge. Die Sound Bites von Thomas Reiter und Andreas Rudolph sind glücklicherweise wortgetreu wiedergegeben. So ist zumindest wenigstens ein Grundgerüst an Fakten vorhanden. Aber das, was sich die Redakteure weiter so alles zusammengereimt haben, erzeugt Stirnrunzeln. Gaia … ein Hochleistungsteleskop? Der wesentliche Unterschied zwischen der Vermessung von Sternpositionen und -eigengeschwindigkeiten ist etwas fundamental anderes als ihre Beobachtung. Der Begriff “Hochleistungsteleskop” stiftet da eher Verwirrung als Aufklärung.

Dass es den Redakteuren gar nicht klar war, was Gaia nun genau macht, sieht man auch aus der Behauptung, Gaia könne von der Erde aus auf dem Mond eine Ein-Euro-Münze entdecken. Vollkommener Unsinn. Es ist etwas vollkommen Anderes, aus der hochgenau gemessenen Parallaxe die Winkelposition eines Sterns zu berechnen und Abbildungen mit einer Auflösung zu machen, die dieser Parallaxe entspricht. Natürlich kann Gaia Letzteres nicht, schon gar nicht angesichts der geringen Apertur seiner Optik. Aber das macht Gaia ja auch nicht. Was die verantwortlichen Redakteuere derart verwirrte, dass sie eine so lauthals quakende Ente produzierten, war vermutlich diese Pressemitteilung der Herstellerfirma Astrium, wo sich die zugegenermaßen nicht gerade hilfreiche Formulierung findet:

“Die Messgenauigkeit von Gaia ist so hoch, dass, befände sich der Satellit auf dem Mond, der Fingernagel eines Menschen auf der Erde vermessen werden könnte.”

Das ist doch aber etwas Anderes, nämlich einfach nur die Umrechnung der erzielbaren Winkelgenauigkeit auf eine greifbare Entfernung. Der nicht wirklich gelungene Versuch, einen sehr kleinen Winkel anschaulich zu beschreiben. Das kann man zwar vielleicht mit der erzielbaren Auflösung einer Abbildung verwechseln. Dann hat man aber noch nie etwas von Beugungsbegrenzung gehört. Dann hat man nicht die geringste Vorstellung von der Leistungsfähigkeit optischer Systeme. dann muss man sich die logische Frage gefallen lassen, wieso denn nicht schon längst ein irdisches Teleskop scharfe Bilder von den Apollo-Landestellen gemacht hat, auf denen die Landestufen, die hinterlassenen instrumente und die Fußspuren der Astronauten in allen Details zu erkennen sind. Wenn selbst eine Optik auf einem Satelliten angeblich eine solche Auflösung erreicht, dann ein irdisches Großteleskop doch wohl erst recht.

Dann müsste man sich aber auch fragen, warum die NASA-Mondsonde LRO aus 50 km Höhe über den Apollo-Landestellen nur Bilder mit Auflösungen um 1 m pro Pixel produzieren kann, wenn doch angeblich ein optisches System machbar ist, das selbst von der Erde aus, also in rund 8000fach größerem Abstand, Aufnahmen mit Auflösungen im Millimeterbereich zulässt. Zusammengefasst: Man müsste gar keine Ahnung von Astronomie und klaffende Lücken im naturwissenschaftlichen Wissen haben und sich dieser Mängel so wenig bewusst sein, dass man auch niemanden fragt, der sich auskennt, sondern einfach mit so einem Text online geht und sich damit blamiert.

Da fällt ja auch schon die retroaktive Vergangenheitsveränderung nicht weiter auf. Laut diesem Artikel in der Tagesschau kam es nämlich im Februar 2013 zu einem “verheerenden Einschlag eines Meteoriten in Russland”. Ich kann mich allerdings nur an einen Luftzerplatzer eines Asteroiden mit begrenzten Folgen erinnern und ein kleines Bruchstück in einem See.

Michael Khan

Ich bin Luft- und Raumfahrtingenieur und arbeite bei einer Raumfahrtagentur als Missionsanalytiker. Alle in meinen Artikeln geäußerten sind aber meine eigenen und geben nicht notwendigerweise die Sichtweise meines Arbeitgebers wieder.

14 Kommentare

  1. Man muss ja schon zufrieden sein, wenn Wissenschaft überhaupt in den Nachrichten stattfindet, normalerweise fallen diese Themen ja komplett unter den Tisch. Und da es ja keine Wissenschaftsredakteure bei den Nachrichten (und gleiches gilt für Zeitungen), wird da einfach aus Pressemeldungen abgeschrieben und so lange vereinfacht bis es kompletter Unfug wird. Was dabei Angst macht – bei Wissenschaftsthemen merkt man als entsprechend vorgebildeter ja schon das da was nicht stimmt, aber wie ist das bei den Themen von denen ich nix verstehe, Wirtschaftswissenschaft zum Beispiel…

    • Gratuliere, das war eben der 3000ste Kommentar in “Go for Launch” seit Bestehen dieses Blogs.

      Ich meine, bei “wichtigen” Themen wie Politik, Wirtschaft und selbst Feuilleton passt man schon eher auf. Allemal beim Sport. Würde man da jemanden ‘ranlassen, der meint, die Mannschaft hieße “Schalke 05”? Niemals. Unwichtige Sachen wie der Wissenschaft aber lässt man dagegen gern auch den vollkommen Unbeleckten machen oder man schiebt’s auf den Volontär. Wenn’s gut läuft, kriegt der damit Beauftragte die Flatter und ruft einen an, der’s weiß und lässt sich das praktisch komplett in die Feder diktieren. Wenn der aber wenig Zeit hat, muss er Prioritäten setzen, und die Priorität liegt selten auf dem Wissenschaftsartikel.

      Es gibt Ausnahmen. Das muss man auch immer wieder sagen. Aber das mit der Tagesschau war keine Glanzleistung. Wieder mal nicht. Das ist auch nicht akzeptabel, denn die hatten Zeit und waren sogar vor Ort. Was in den 20-Uhr-Nachrichten kommt, muss besser sein als das hier.

      Wirklich unschön ist es, wenn der Journalist seine Deutungshoheit dazu nutzt, die Grenze zwischen Information und Leitartikel zu verwischen und Meinungsmache als Nachricht tarnt. Das ist eigentlich eher schon die Regel bei Berichterstattung zu den Themenkomplexen Fluglärm, Kernenergie, Genmanipulation und noch einigen anderen. Unlängst wurde beispielsweise in einem Nachrichtenartikel im öffentlich-rechtlichen Sender die Tatsache, dass das Séralini-Paper zurückgezogen wurde, als Komplott der GM-Industrie verkauft. Zur Sprache kam dabei allein Séralini selbst, der berichten durfte, welchen Anfeindungen und Verfolgungen er ausgesetzt war. Dass der Mann eindeutig parteiisch ist und natürlich nicht sagen wird, dass sein eigenes Paper Mist ist, focht den Journalisten überhaupt nicht an. Sowas ist allerdings volle Absicht und hat Methode.

  2. Ähnliches ist mir auch vor einigen Wochen im heute Journal aufgefallen. Dort hatten sie eine kurze Erwähnung (wohl Lückenfüller) des letzten SpaceX Starts eines geostationären Fernsehsatelliten, allerdings mit wilden Behauptungen wie z.B. das dies der erste Satellit war der von einer privaten Firma gestartet wurde (vollkommen unwissend das SpaceX selbst nur wenige Wochen zuvor gleich mehrere Satelliten in eine Umlaufbahn gebracht hat).

    Die Email an die Redaktion habe ich mir dann allerdings gespart, diese Beiträge zum ende der Sendung sind fast täglich, und unabhängig vom Thema, wenig bis gar nicht recherchiert.

  3. Wie wäre denn die Genauigkeit der Winkelvermessung von Gaia adäquat für eine TV-Nachrichtensendung zu beschreiben?
    Mein Vorschlag (bar allen Detailwissens): Gaia kann den Positionsunterschied zwischen zwei Lichtpunkten, die sich auf dem Mond im Abstand von einer Euromünze befinden, feststellen.

    Ist das richtig und adäquat? Oder doch nicht?

    • Das Wesentliche ist doch, dass es bei der genannten Genauigkeit gar nicht um die Einzelmessungen geht. Was Gaia macht, ist eine Riesenmenge an Messdaten zu bestimmen, an die später ein Satz von Parametern gefittet werden, die die Komponenten von Position und Eigengeschwindigkeit, evt. auch bis hin zu nicht-linearen Zusatztermen beschreiben.

      Das ist gar nicht unähnlich der Vorgehensweise bei der Bestimmung der Bahn eines Raumfahrzeugs. Dort lässt ja auch keine einzelne Messung die Bestimmung der Bahnparameter zu. Gemessen wird etwas ganz anderes als die Bahn. Aber wenn die Menge der Einzelmessungen ausreichend ist, kann eine Anfangsschätzung der Bahnparameter sowie eventueller Zusatzterme soweit verfeinert werden, dass die Summer der Fehlerquadrate der daraus resultierenden simulierten “Messwert” bezüglich den tatsächlichen Messungen minimiert wird.

      Wesentlich für die Genauigkeit der Bahnbestimmung ist neben der Anzahl der Messungen auch die Qualität des Modells, mit dem die systematischen Messfehler erfasst werden, die Größe der stochastischen Restfehler sowie der Zeitraum, über den die Messdaten gewonnen wurden.

  4. Wie Gaia eigentlich arbeiten wird, scheint fast niemand kapiert zu haben: Ich hörte heute, wie sich zwei Berufsastronomen (von einer an Gaia nicht direkt beteiligten Uni, aber immerhin einer mit Astrometrie-Tradition) unterhielten und auch zu glauben schienen, das sei ein Teleskop mit einer Milliarde Pixeln und 5 Mikrobogensekunden Auflösung …

    Die mit Abstand beste Beschreibung der tatsächlichen Funktionsweise Gaias, der man ihr Erbe von Hipparcos durchaus noch ansieht, habe ich in diesem Paper von 2012 gefunden: eine wirklich eine faszinierende Lektüre, wenn man sich in die technischen Details einlässt. Das erste große Datenprodukt Gaias – ein Katalog mit einer Milliarde Sternen, die meisten noch ohne Distanzen – soll Ende 2015 erscheinen: Wir Outreachler haben also noch zwei Jahre Zeit, das Gaia-Prinzip zu erklären …

    P.S.: Waaas, eine Mathe-Aufgabe statt eines Captcha?! Scilogs wird auch immer schräger …

    • 5 Mikrobogensekunden Auflösung? Also, von Berufsastronomen hätte ich schon erwartet, dass solche Dinge wie Beugungsbegrenzung oder die Abschätzung der maximalen Auflösung als Funktion der Apertur präsent sind.

  5. In diesem Zusammenhang fällt mir wieder die Definition von Bildung ein, die Dietrich Schwantiz in seinem Buch “Bildung” abgegeben hat, wonach naturwissenschaftliches und/oder technisches Fachwissen eben keine Bildung sein soll. Wenn das so ist, dann muss man der “ungebildeten Öffentlichkeit” eben auch nicht erklären, um was es genau geht. Da genügt es ja, wenn die ebenfalls ungebildete Fachöffentlichkeit Bescheid weis. Das “Volk der Dichter und Denker” hat wichtigere Probleme…
    Wer Ironie oder Sarkasmus in den letzten 3 Sätzen findet, kann sie behalten. 😉

  6. Also, Florian Renks Darstellung im Raumzeit-Podcast 57, wie groß die Winkelgenauigkeit von Gaia ist, trifft es am besten. Der hat sich aber mit der Erklärung der Mission auch fast zwei Stunden Zeit genommen, in nicht einmal anderthalb Minuten sind eben nur grobe Fakten unterzubringen. Da bleibt dann das Verständnis des Laien voll auf der Strecke – Aber Deutschland weiß jetzt immerhin, dass Gaia gestartet ist und 740 Mio EUR kostet 😉 .

  7. “Und da es ja keine Wissenschaftsredakteure bei den Nachrichten (und gleiches gilt für Zeitungen), wird da einfach aus Pressemeldungen abgeschrieben”

    Das ist für die “Zeitungen” übrigens genau so Quatsch wie die Beschreibung von Gaia auf tageschau.de. Beim TV stimmts, aber bei allen überregionalen Zeitungen gibt es Wissenschaftsressorts, die auch beim Newsprozess dabei sind. So leicht kann man Fehler machen, wenn man nicht vom fach ist 😉

  8. Manche, wenn nicht gar viele Dinge sind so komplex, dass sie nicht ohne Weiteres zu verstehen sind, ohne sich intensiver mit dem jeweiligen Thema zu befassen. Die Beschwerde, dass Journalisten Sachverhalte nicht richtig wiedergeben, ist einerseits nachvollziehbar, andererseits nur eine Seite der Medaille. Grundsätzlich scheint hier eine gesellschaftliche Symptomatik mitzuschwingen, die zumindest anteilig mit unserem Bildungssystem in Zusammenhang zu bringen ist. Wenn eine Gesellschaft zu bestimmten Fachrichtungen und Themenkomplexen nichts Detailliertes erfährt, weil der Schulplan das nicht vorsieht (hier Astronomie), darf man sich nicht wundern, wenn die daraus hervorgehenden späteren Journalisten und Leser derer Texte mangels Sachkenntnis ihre eigene Realität aus Vorgängen und Ereignissen kreieren. Andererseits: ein perfektes Bildungssystem wird es wohl nie geben – ich befürchte, dieses würde spätestens an der Begrenztheit des Menschen an sich scheitern… Im übrigen finde ich dennoch, dass unsere Medien insgesamt ein gutes Spektrum an Informationen bieten. Es gilt hier letztlich das Gleiche wie in der Wissenschaft, dass sich dem Interessierten die Aufgabe stellt, zu recherchieren, zu vergleichen und zu vertiefen.

    • Ich stimme Ihnen hierin nicht zu. Die Funktionsweise von Gaia lässt sich sehr wohl in unterschiedlichen Graden der Verständlichkeit und Detailliertheit beschreiben, ohne dass es grob falsch wird (Beispiel). Das muss der Journalist gar nicht selbst so weit verstanden haben. Er muss einfach mal jemanden fragen, der weiß wovon er redet, wenn er es selbst nicht weiß. Wenn die ARD schon ein Team zum ESOC schickt, um über den Start zu berichten, dann könnten sie sich auch die Mühe machen, dort jemanden zu fragenb, der ihnen erklären kann, wie der Apparat funktioniert, über dessen Start sie berichten wollen. Sonst frage ich mich, wozu sie überhaupt gekommen sind. Für das, was die da zustande gebracht haben, hätte auch ein Einklinken in den Live-Feed ausgereicht.

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