Die SETI-Debatte: Leise sein oder Laut geben?

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Raumfahrt aus der Froschperspektive
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Im Rahmen des Jahrestreffens der AAAS (American Association for the Advancement of Sciences, eine non-profit-Organisation, der es um die Förderung der wissenschaftlichen Kooperation geht) im Februar 2015 hielt das bekannte SETI Institute einen eintägigen Workshop an seinem Sitz in Mountain View ab. Da ging es darum, wie aktive Kontaktaufnahme mit außerirdischer Intelligenz gesteuert werden könnte. Soll man riskieren, die Aufmerksamkeit auf die Erde zu lenken, obwohl dies fatale Folgen haben kann? Oder sind jegliche Sorgen unbegründet?

Die Frage nach der Existenz von intelligenten Außerirdischen mit den technischen Möglichkeiten, unsere Kontaktaufnahme zu bemerken und sie sogar zu beantworten, ist hier erst einmal gar nicht so wichtig. Wenn es da draußen niemanden gibt, der unsere Signale empfangen kann, dann erübrigt sich jegliche Debatte darüber, ob und was man sendet.

Aber mal vorausgesetzt, jemand könnte uns hören und sogar mal nachschauen kommen, was sollen wir dann tun?

Das aktive Senden von Signalen wird gern mit einem verglichen, der irgendwo im Urwald Krach macht und damit die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Hm … da muss ich aber gleich mal fragen, ob denn diese Prämisse überhaupt stimmt? Ich denke eher, wenn ich irgendwo im Urwald lande, dann werden Raubtiere oder feindlich gesinnte Eingeborene das ohnehin sofort mitkriegen. Das kann ich gar nicht verhindern.

Da kann ich doch schleichen, so viel ich will.

Raubtiere, die mich als willkommene Beute sehen, wissen schon längst, dass ich da bin. Leute, die mich als unwillkommenen Eindringling wahrnehmen, zielen schon lange mit dem Blasrohr auf einen Punkt zwischen meinen Schulterblättern. Wahrscheinlich werde ich der letzte sein, der merkt, dass ich schon fest als Leopardenfrühstück oder als Ex-Eindringling vorgemerkt bin.

Ein Zoologe oder Ethnologe kann dazu sicher was sagen.

Also wirklich. Wir funken wir doch schon seit Jahrzenten mit hohen Sendeleistungen in alle Richtungen. Nicht nur ungewollt – vielfach auch geplant und zielgerichtet, beispielsweise wenn Arecibo Radarsignale sendet, um die Form vorbeifliegender Asteroiden zu vermessen oder wenn von den Deep-Space-Network-Bodenstationen Kommandosequenzen oder Softwareupdates an interplanetare Raumsonden gesendet werden. Das sind jedesmal wahre elektromagnetische Donnerschläge. Sich jetzt über die Konsequenzen Sorgen zu machen, kommt wohl etwas spät. Wer auch immer da draußen solche Signale empfangen und analysieren kann, wird sofort wissen, dass hier eine technische Zivilisation am Werken ist.

Die viel fundamentalere Tatsache, dass die Erde nicht nur lebensfreundlich, sondern belebt ist, können wir ohnehin nicht verbergen. Wenn es außerirdische Lebewesen gibt, die eine technische Zivilisation hervorgebracht haben, dann werden die genau wie irdische Astronomen nach Exoplaneten suchen, mit dem Konzept habitabler Zonen vertraut sein, und auch wissen, anhand welcher Signaturen man die Existenz von Leben zweifelsfrei feststellen kann, beispielsweise am Vorhandensein von Sauerstoff in unserer Atmosphäre.

Anstatt uns also Gedanken über die Steuerung von Prozessen zu machen, die sich ohnehin jeder Zugriffsmöglichkeit entziehen, wäre vielleicht ein Plan B angebracht? Natürlich nur zur Vorsicht. Etwa so etwas wie in diesem Cartoon von Gary Larson. Sehr wohl möglich, dass man das nicht braucht. Aber zumindest schadet es auch nichts, das mal anzudenken.

Weitere Information

Was könnten Außerirdische von uns wollen? Kosmologs-Artikel vom 1.1.2012

Ich bin Luft- und Raumfahrtingenieur und arbeite bei einer Raumfahrtagentur als Missionsanalytiker. Alle in meinen Artikeln geäußerten sind aber meine eigenen und geben nicht notwendigerweise die Sichtweise meines Arbeitgebers wieder.

5 Kommentare

  1. Die Technologie von Erd-Besuchern muss um einiges weiter sein als unsere heutige Technologie. Uns Auszulöschen wird ihnen leicht fallen – falls sie das vorhaben. Und es ist nicht unwahrscheinlich, dass nicht sie selbst sondern nur ihre Roboter zu uns kommen. Maschinen, die im Sinne und im Auftrag ihrer Erschaffer handeln, die also den Konsens inkorporiert haben, den die Aliens über die “richtige” Behandlung (anderer) Aliens haben.
    Was ist die richtige Behandlung von Ausserirdischen? Hier tappen wir selbst im Dunklen. Der Mensch weiss mehr über das Innere es Atoms als über sich selbst oder darüber, was rationale Handlungs-Maximen für eine Intelligenz mit der Fähigkeit zur Kolonisation der Milchstrasse sind. Vielleicht verfügen potenzielle Aliens über realistischere Einschätzungsmöglichkeiten, was Gefahren betrifft, die von anderen Intelligenzen ausgehen. Sie würden vielleicht zuerst die Erde und das Verhalten ihrerer Bewohner aus einem Versteck heraus beobachten und dann ihre über beinahe unendliche Rechenfähigkeiten verfügenden Quantencomputer einen Psychohistory-Algorithmus ablaufen lassen, der das endgültige Assessment der Erdlinge vornehmen würde. Der Output dieses Algorithmus könnte beispielsweise sein: “Gefährlicher Mitbewerber um die Kolonisation der Galaxie.Empfohlene Handlungsoptionen 1) Sterilisation des Planeten 2) Unterwerfung und Studium der Fremdlinge 3) Umprogrammierung der Erdlinge”

    Übrigens wird sich jede Zivilisation, die Aliens entdeckt zuerst darum kümmern, ob diese Zivilisation ihr “Nest” schon verlassen hat und möglicherweise Kolonien auf andern Sternen gegründet hat. Bei der menschlichen Zivilisation wäre ein prophylaktischer Erstschlag heute noch erfolgsversprechend. Später, wenn es bereits Kolonien gibt, wird es komplizierter mit den Handlungsoptionen.

  2. Was, wenn andere Intelligenzen viel früher bemerkten, dass (ungebremste) Expansion die eigene Lebensgrundlage gefährdet und sie deshalb vernünftiger Weise die eigene Ausbreitung auf ihrem Planeten seit Jahrtausenden strikt kontrollieren? Würden sie dann jemals eine Expansion auf andere Planeten überhaupt in Erwägung ziehen?

    Ich meine, dass die gesamte Diskussion in dem Dilemma gefangen ist, dass wir stets Intelligenz in unserer Historie definieren und Gefahren und Optionen stets in unserem Kontext bewerten. Aliens haben mit großer Sicherheit einen komplett anderen Kontext, eine andere Historie und damit eine komplett “andere Denke” als wir uns das so naiv vorstellen. Ganz abgesehen davon, dass anderes Leben mit einer komplett anderen Evolution vielleicht auch eine völlig abweichende Meinung zum Thema bewohnbare Planeten haben kann.

    Schon wenn man sich anschaut, wie weit die Auffassungen diverser Völker hier auf der Erde auseinander drifteten (vergleiche europ. Eroberer mit amerik. Ureinwohnern) sieht man schon, dass kleine Änderungen in den historischen Voraussetzungen ganz unterschiedliche Auffassungen und Gedankenwelten hervorbringen. Ich denke, dass die Divergenz Mensch vs. Alien daher viel viel gewaltiger sein müssen…

    • Aliens, die zuhause bleiben, wird die Menschheit nie zu Gesicht bekommen, Aliens aber, die den Weg nicht scheuen, gehören wohl eher zur unternehmunslustigen und auch aggressiven Art.

    • Wir denken uns Aliens immer als (andere) biologische Spezies, doch unsere eigenen Zukunftsvisionen – wie die des Transhumanismus – deuten darauf hin, dass das nicht so sein muss und dass wir uns schon bald von der Biologie emanzipieren könnten. Wenn Körper und Geist zu mobilen Elementen werden , verschwindet der Unterschied zwischen bemannter und unbemannter Raumfahrt, denn fast jeder Blechhaufen kann dann eine Person animieren und der Bordrechner muss dann nicht mehr ein finsterer Geselle wie HAL in Kubricks Odyssee 2001 sein, sondern er kann die Inpersonation einer sonst auch auf 2 Beinen herumgehenden Person sein. Eine solche Zivilisation hätte eine grosse Barriere für die Expansion ins All überwunden. Sie wäre auch beinahe unbesiegbar.

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