Der Teufelskern von Los Alamos

Die Geschichtsschreibung ist voll von Fragen der Art „Was wäre gewesen, wenn …?“ Wenn dieses oder jene Ereignis nicht stattgefunden hätte? Wenn dieser oder jene Unfall nicht so glimpflich verlaufen wäre?

Heute ist der siebzigste Jahrestag eines ungeheuerlichen Verbrechens gegen die Menschlichkeit, dem drei Tage später ein weiteres Verbrechen gleichen Kalibers folgte. Das US-Militär zeigt dabei seinem schon längst als nächsten Gegner identifizierten Noch-Alliierten, der UdSSR, was auch ihnen blühen könnte und testete dabei die zerstörerische Wirkung unterschiedlicher Bauarten nuklearer Sprengsätze (eine simple Uran-Bombe über Hiroshima und eine viel komplexere Plutonium-Bombe über Nagasaki) auf eine moderne Stadt und ihre Bewohner unter realen Bedingungen. Daten dieser Art lassen sich unter Friedensbedingungen aus offensichtlichen Gründen nicht erheben.

Jedoch war auch die Entwicklung der nuklearen Kapazität nicht frei von Pannen, auch wenn man letztendlich Glück hatte. Da ist beispielsweise die Sache mit dem „Teufelskern“ (demon core) aus angereichertem Plutonium, einer in drei Einzelteile zerlegten Kugel, die in zusammen gesetztem Zustand fast kritische Masse erreichte – bzw. die Kritikalität sogar erreichen konnte, wenn gewisse Randbedingungen erfüllt waren.

Das damals schon wohlbekannte Problem mit Plutonium war, dass die Bombenkerne dazu neigten, bei Aufheizung in den unterkritischen Zustand zu gehen oder sich sogar zu zerlegen, wodurch die erwünschte Explosionswirkung um Größenordnungen unterschritten würde. Deswegen mussten Plutonium-Bombenkerne mit komplizierten Anordnungen von Sprengstoff ummantelt werden. Der Sprengstoffmantel war so berechnet, dass er den Kern erst komprimierte und dadurch Kritikalität auslöste. Danach musste der Kern noch zusammengehalten werden, damit die Kettenreaktion weiter gehen konnte. Nach wenigen Bruchteilen einer Sekunde überwindet die nach außen gerichtete Explosionswirkung der nuklearen Reaktion die nach innen gerichtete Wirkung des Sprengstoffs, dann ist Schluss. Die „Kunst“ des Plutoniumbombenbauers besteht darin, dieses Zerplatzen so weit wie möglich hinaus zu zögern.

Bei Bombenkernen aus angereichertem Uran („angereichert“ bedeutet, dass der Anteil spaltbarer Isotope, insbesondere U235 stark erhöht wird. Natürlich vorkommendes Uran enthält nur etwa 0.7% U235) ist das alles etwas einfacher. Ein Mantel aus Sprengstoff ist nicht erforderlich. Der Kern besteht aus zwei unterkritischen Teilen, von denen der eine geformt sein kann wie ein Hohlzylinder, der andere wie ein kleinerer Vollzylinder, der genau in den Hohlzylinder passt. Wird nun der kleinere in den größeren geschossen, dann wird die kritische Masse überschritten. Von den bei Kernspaltungen (Fissionen) freigesetzten Neutronen verlassen einige den Kern; es wird aber immer noch mindestens eine stabile Rate von neuen Kernspaltungen erzeugt. Im Fall eines Sprengsatzes will man natürlich so viele Fissionsereignisse wie möglich, aber es ist nie mehr als nur ein kleiner Bruchteil des spaltbaren Materials an der Kettenreaktion beteiligt, bevor es den Kern zerreißt.

Zurück zum Teufelskern – der war aus Plutonium, nicht Uran. Dieser Kern war an zwei Unfällen beteiligt, bei denen es zu einer kurzzeitigen Überkritikalität und Leistungsexkursion kam. Beide Unfälle wurden durch Leichtsinn und Missachtung von Vorschriften ausgelöst, offenbaren aber auch einen beachtlichen Schlendrian im geheimen Forschungszentrum Los Alamos.

Das erste Ereignis war am 21. August 1945, also knapp zwei Wochen nach dem Nagasaki-Abwurf. Die Japaner hatten kapituliert und der Krieg war vorbei. Der junge Physiker Harry Daghlian ließ versehentlich einen Wolframklotz auf den zusammengebauten Kern fallen, wodurch sich die Rückstreuung von Neutronen erhöhte und der Kern prompt überkritisch wurde. Obwohl Daghlian schnell reagierte und den Wolframklotz weg zog, hatte er eine bereits eine tödliche Gesamtdosis aufgenommen und starb 25 Tage später an den akuten Folgen.

Das zweite Ereignis fand am 21. Mai 1946 unter ganz ähnlichen Umständen statt. Wieder war der zusamengebaute Kern von einer mehrteiligen Hülle umgeben. Diese Hülle – in diesem Fall Beryllium, nicht Wolfram – streute Neutronen in den Kern zurück. Je mehr der Deckel der Hülle abgehoben und abgesenkt wurde, desto näher kam der Kern dem prompt-kritischen Zustand. Der Physiker Louis Slotin senkte den Deckel der Hülle langsam ab, wobei der Grad der Kritikalität zunahm. Es sollte der exakte Punkt bestimmt werden, ab dem Kritikalität eintrat. Leichtsinnigerweise hielt Slotin bei dieser kniffligen Auffgabe den Deckel mit einem dazwischen geklemmten Schraubenzieher auf Abstand – kaum zu glauben. Der Schraubenzieher rutschte heraus, der Deckel fiel zu, der Kern wurde prompt überkritisch. Obwohl Slotin hastig den Deckel hoch zog, erhielt er eine Dosis, die um ein Mehrfaches über der Daghlians lag, Er starb 9 Tage darauf.

Nehmen wir einmal an, dass ein solcher Unfall bereits mit dem Kern der Nagasaki oder der Trinity-Bombe passiert wäre, die ja sicher auch im Vorfeld zu Versuchen aller Art verwendet wurden. Nehmen wir ferner an, dass es den Beteiligten nicht gelungen wäre, durch beherztes Eingreifen das Schlimmste zu verhüten. Das ist sicher keine ganz unplausible Annahme.

Was dann? Eine Energiefreisetzung wie beim geplanten Einsatz der Bombe ist nicht anzunehmen, denn ohne den Sprengstoffmantel wäre der Kern nicht lange genug stabil. Aber dennoch wäre die Energiefreisetzung wesentlich höher gewesen als bei den Unfällen mit Daghlian und Slotin. Vielleicht wären die umliegenden Gebäude durch die freigesetzte Wärme zerstört und der weitere Umkreis durch feinverteiltes Plutonium kontaminiert worden. Hätte das die Entwicklung der Bombe und damit ihren militärischen Einsatz zurück geworfen? Das erscheint mir nicht unwahrscheinlich. Vielleicht hätte allein ein schweres Unglück dieser Art zumindest noch die Abwürfe von Hiroshima und Nagasaki verhindert.

Was aber, wenn ein Unfall beim Herumbasteln am Kern einer Uranbombe passiert wäre? Es ist ja nicht anzunehmen, dass der Leichtsinn in Los Alamos allein auf die Gruppe beschränkt war, die mit Plutonium-Bomben zu tun hatte. Ein Kritikalitätsunfall mit einer Uranbombe hätte ungleich schwerere Folgen gehabt, vielleicht bis hin zur vollständigen Vernichtung des gesamten Komplexes und dem Tod der meisten seiner Mitarbeiter. Wie hätten sich nun die Geschichte der Waffentechnik und die Geschichte der letzten Monate des zweiten Weltkriegs verändert, wenn es zu einem solchen Unglück gekommen wäre?

Ich bin Luft- und Raumfahrtingenieur und arbeite bei einer Raumfahrtagentur als Missionsanalytiker. Alle in meinen Artikeln geäußerten sind aber meine eigenen und geben nicht notwendigerweise die Sichtweise meines Arbeitgebers wieder.

78 Kommentare Schreibe einen Kommentar

    • Wenn der Unfall den ganzen geheimen Laborkomplex samt aller Unterlagen und dazu auch noch sämtliche Schlüsselfiguren des Projekts weghaut, natürlich muss das eine Auswirkung haben.

      Im gegebenen Fall hätte ein schwerer Unfall das Projekt um Jahre zurückgeworfen. So lange hätten die Japaner aber nicht mehr durchgehalten, die waren im Herbst 1945 bereits kurz vor dem militärischen Zusammenbruch. Im August 1945 griff die UdSSR auf breiter Front die japanische Armee in der Mandschurei an, drängte sie binnen kürzester Zeit zurück und nahm auch Sakhalin udn Korea ein. Die Invasion der japanischen Hauptinseln war nur noch eine Frage der Zeit. Die Japaner hatten den Sowjets nichts entgegenzusetzen.

      Also hätte das US-Militär die „Erprobung dieser Waffen unter Realbedingungen“ anderswo vorgenommen. Vielleicht in Korea. Oder gleich in Russland, um der sowjetischen Entwicklung zuvor zu kommen. Denn der Vorsprung der USA gegenüber den Sowjets wäre erheblich zusammengeschnurrt. Letztere hatten 1949 ihre Bombe, also 4 Jahre nach den Amerikanern. Sie haben das auch dank massiver Spionage so schnell geschafft. Ein scxhwerer Unfall hätte sie natürlich auch ihrer Informanten beraubt. Aber vielleicht wussten sie schon genug, um allein weiter zu machen. Schwer zu sagen.

      Es erscheint mir so, dass die Geschichte des kalten Kriegs anders hätte aussehen können, wenn zum Leichtsinn in Alamos ein klein wenig mehr Pech gekommen wäre.

    • Unfälle und Bombenabwürfe wirken sich auf das Verhalten der Nachfolger aus. Der Atombomenabwurf der Amerikaner über Hiroshima und Nagasaki war beispielsweise ein wichtiger Grund warum die Sowjetunion ebenfalls ein Atombombenprojekt hochzog.
      9/11 schliesslich hat den Krieg in Afghanistan und möglicherweise sogar im Irak ausgelöst. Zudem wurde das neue Hochhaus für da World-Trade-Center bombensicher gebaut.

      Nun zur eigentlichen Frage: Ein schwerer Unfall bei der Herstellung der Plutonium-basierten Atombombe hätte wohl tatsächlich den Abwurf über Hirohsima und Nagasaki verhindert und damit den Einsatz der Atombombe im 2. Weltkrieg, denn die Amerikaner mussten sich beeilen, damit sie die Atombombe überhaupt noch einsetzen konnten bevor der Krieg vorbei war. Andererseits wäre dadurch vielleicht der Bombenbau im Geheimen weitergegangen und irgendwann wären Atombomben dann doch eingesetzt worden. Zum Beispiel im Vietnamkrieg.

      • Die Sowjets arbeiteten schon lange vor Hiroshima an einer Bombe und investierten in ihr Projekt gewaltige Mittel. Sie hatten zudem den Vorteil, über Spione eine Menge zu erfahren. Den Vorteil hat man als Pionier einer Technologie nicht. Ich halte es für unwahrscheinlich, dass Hiroshima für die sowjetische Politik irgendeinen Ausschlag gab. Über das militärische Potenzial solcher Waffen war man sich im Westen wie im Osten vollkommen klar. Wenn die anderen so etwas haben, dann will man das auch.

        • Tatsächlich begannen die Sowjets laut Wikipedia Mitte der 1930er mit ihrem Atombombenprojekt. Das überrascht mich, denn das amerikanische Manhattan-Projekt – das zur US-Atombombe führte – begann erst 1942.
          Die US-Amerikaner waren im Technologiebereich dazumals sowieso sehr schnell. Man denke nur an die Mondlandung, die von Kennedy innert 10 Jahren versprochen wurde und die dann sogar nur 9 Jahre später stattfand.
          Diese Phase der schnellen technologischen Erfolge ist in den USA nun wohl vorbei oder hat sich auf andere Technologiebereiche verlagert. Auf Bereiche wie die Sequenzierung des Humangenoms, die Immunkrebstherapie oder die Lancierung von neuen Finanzprodukten.

          • In Anbetracht der Tatsache, dass die Kernspaltung erst 1938 entdeckt wurde, würde es mich wundern, wenn die Sowjets bereits seit Mitte der 30er an Kernspaltungswaffen gearbeitet hätten.

          • Mitte der 1930er Jahre liest man aber in Bezug auf das sowj. Atombombenprogramm in der Wikipedia

            Das sowjetische Atombombenprojekt war die Reaktion der Sowjetunion auf das deutsche Uranprojekt und das US-amerikanische Manhattan-Projekt der 1930er und 1940er Jahre. Es begann Mitte der 1930er Jahre zunächst unter der Leitung von Abram Joffe und ab 1941 von Igor Kurtschatow. Das Projekt endete mit der ersten erfolgreichen Zündung einer sowjetischen Atombombe am 29. August 1949 und wurde 1950 zur Entwicklung einer Wasserstoffbombe wieder aufgenommen.

            Es scheint schon eine sowjetische Radioaktivitätsforschung vor der ersten Kernspaltung gegeben zu haben und die wird hier wohl mitgezählt. Der Artikel ist in Bezug auf den wirklichen Anfang einer Atombombenforschung (also Forschung an einer Bombe) recht ungenau.

          • @Martin Holzherr

            »Mitte der 1930er Jahre liest man aber in Bezug auf das sowj. Atombombenprogramm in der Wikipedia«

            Und deshalb muss es stimmen?

            Statt bei wikipedia wollen Sie zur Geschichte der russischen Bombe (mit detaillierten Quellenangaben) vielleicht lieber hier weiterlesen:
            http://alsos.wlu.edu/information.aspx?id=1869

      • @ Martin Holzherr

        „Zudem wurde das neue Hochhaus für da[s] World-Trade-Center bombensicher gebaut.“

        Atombombensicher?

        • Antworten auf 9/11 waren der Krieg gegen den Terror und der Wiederaufbau des World Trade Centers um damit die Unbeugsamkeit der USA unter Beweis zu stellen. Ein adäquate Antwort auf 9/11 ist dabei nicht ein atombomensicheres World Trade Center, weil das eingestürzte World Trade Center ja nicht mit einer Atombombe angegriffen wurde.

          Im allgemeinen sind die Antworten auf Geschehnisse in den Augen der Antwortgeber adäquat. Weil das so ist, haben reale Geschehnisse einen grossen Einfluss auf den weiteren Verlauf einer Entwicklung. Einen deutlich grösseren Einfluss als es Szenarien haben. Um genau das geht es ja in diesem Artikel: Was wäre wenn das und das passiert wäre.

          • @ Martin Holzherr

            „Im allgemeinen sind die Antworten auf Geschehnisse in den Augen der Antwortgeber adäquat. Weil das so ist, haben reale Geschehnisse einen grossen Einfluss auf den weiteren Verlauf einer Entwicklung. Einen deutlich grösseren Einfluss als es Szenarien haben.“

            Ich glaube, Sie unterschätzen die Wirkmächtigkeit von Szenarien.

            Dazu fällt mir gerade Bazon Brock ein und „Die normative Kraft des Kontrafaktischen“. Die wenigsten amerikanischen Waffenbesitzer wurden tatsächlich schon überfallen oder müssten damit im Laufe ihres Lebens rechnen. Die malen sich nur Szenarien aus, meinen in einer Welt zu leben, die so gefährlich ist, wie sie es faktisch gar nicht ist. Es gibt eben einen Unterschied zwischen dem, was adäquat ist, und dem, was in den Augen der Antwortgeber adäquat ist.

            Auch die Entwicklung und Förderung der verschiedenen Atombombenprogramme geschah ja in erster Linie, um auf verschieden Szenarien vorbereitet zu sein, nicht unbedingt als Antwort auf reale, bereits eingetretene Sachverhalte.

            Andererseits kann das Ganze natürlich auch Vorteile haben. Stimmen Sie mir nicht zu, dass es eine sehr nützliche Eigenschaft ist, nicht immer nur reagieren zu müssen, sondern dass speziell wir Menschen schon in Gedanken verschiedene Szenarien durchspielen können und anhand so gewonnener Erkenntnisse selektiv nur bestimmte Handlungen wirksam werden lassen. Ich bin jetzt nicht sicher, ob Sie an den Knöpfen für den Start von Atomraketen sitzen, aber denken auch Sie bitte einmal an das Szenario vom nuklearen Winter

          • @Joker: Die suggestive Kraft des real oder in den Medien Erlebten führt zu subjektiv adäquaten Antworten, die jedoch objektiv -statistisch gesehen – nicht unbedingt angemessen sein müssen.
            Der typische US-Waffenbesitzer der sich selbst verteidigen will, hat beispielsweise bis zu seinem 20. Lebensjahr bereits mehrere tausende Morde miterlebt – im TV, nicht in seiner eigenen Umgebung.
            Szenarien müssen eine subjektiv recht grosse Wahrscheinlichkeit mit sich bringen, damit sie berücksichtigt werden. Die atomare Vertreter der nuklearen Abschreckungsdoktrin beispielsweise können bis jetzt nicht auf konkrete Ereignisse zurückgreifen. Sollten aber irgendwann Atomwaffen als ultima ratio eingesetzt werden, wird das den weiteren Umgang mit Atomwaffen stark beeinflussen.

            Für die Macht des verbürgten Ereignisses gibt es viele Belege. So folgten den ersten weltweit bekannt gemachten Schulmassakern in den USA eine ganze Serie von Copy-Massakern. Ähnlich ist es mit den bei Islamsiten so beliebten Köpfungen von Ungläubigen oder Feinden.
            Die Bekanntmachung und „Feierung“ eines Ereignisses macht zudem aus einem Ereignis ein Szenario. Ein Szenario für alle diejenigen, auf die das Ereignis direkt oder indirekt eingewirkt hat.

          • Nach dem Unfall in Three Mile Islands wurden in den USA 40 Jahre lang keine neue AKW’s mehr gebaut. Die in der Folge des Unfalls verschärften Bestimmungen machten den Bau von neuen AKW’s unattraktiv. Die USA haben heute noch weltweit die grösste AKW-Flotte und erzeugen 30% des Stroms damit. Ein Unfallereignis in den USA hat aber die Einschätzung der Nukleartechnologie grundlegend geändert.
            Das zeigt wiederum die Macht des Faktischen oder besser gesagt die Macht von Ereignissen.

          • Wie Ereignisse interpretiert werden ist wichtig für das zukünftige Handeln. Je klarer eine Ursache zugeordnet werden kann und je klarer die Gegenmassnahmen erscheinen, desto grösser ist die Wirkung des Ereignisses auf das zukünftige Handeln.
            Im Bereich Klimawandel gibt es für die meisten Menschen und Regierungen noch keine Klimawandelereignisse mit ähnlicher Bedeutung wie „Three Mile Island“ für die Atomindustrie. Das wird vielleicht erst der Fall sein, wenn ganze Küstenstädte in den durch steigende Meeresspiegel ausgelösten Fluten zu versinken drohen, also recht spät.

  1. Was wäre wenn?
    Diese Frage kann man immer wieder stellen. Sowohl in Bezug auf die Vergangenheit als auch in Bezug auf die Gegenwart.
    – Was wäre wenn die Dinosaurier erst viel später oder überhaupt nicht ausgestorben wären?
    – Was wäre wenn die Proliferation von Nuklearwaffen nicht verhindert werden kann und es in enigen Jahrzehnten anstatt die heutigen 9 Atomkräfte viel mehr Atomwaffenstaaten gäbe?
    – Was wäre wenn die USA den Vietnamkrieg mit einem Atombombemabwurf auf Hanoi einzudämmen versucht hätten?
    – Was wäre wenn es Terroristen gelänge eine schmutzige Bombe in einer Grossstadt hochgehen zu lassen?

  2. „Was wäre gewesen, wenn …?“

    Kommt drauf an. Ist Geschichte ein chaotisches System, bei dem kleine Änderungen große Unterschiede bewirken, oder ist sie konvergent und läuft auf einen Attraktor zu? Vielleicht auch beides, so dass nur die Wege als sehr unterschiedlich wahrgenommen werden, an deren Ende letztlich doch alles auf das Selbe hinausläuft. Dann wäre es gut, nicht nur Gefahren zu erkennen, bevor sie entstehen ( https://www.youtube.com/watch?v=XNnkIdy307c ), sondern auch Möglichkeiten.

    Ich vermute, der Wissenschaftler, der uns mittlerweile die „Große vereinheitlichte Theorie“ geliefert hätte, ist als Kind durch eine Atombombe getötet worden, der Teufelskerl von Hiroshima.

    • „Ist Geschichte ein chaotisches System“

      Geschichte ist ein chaotische System zweiter Ordnung. Während sich chaotische Systeme erster Ordnung nicht von Vorhersagen beeinflussen lassen, werden chaotische Systeme zweiter Ordnung von den Vorhersagen beeinflusst, die man über sie trifft.
      Siehe dazu den Auszug aus dem Buch „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ von Yuval Noah Harari: http://bit.ly/1K5EkWZ

      • @ Mona

        „[C]haotische Systeme zweiter Ordnung [werden] von den Vorhersagen beeinflusst, die man über sie trifft.“

        Ja, das ist ein interessanter Gedanke. Er erinnert mich sehr an Heinz von Foersters Kybernetik zweiter Ordnung.

        Die Frage, die sich stellt, gibt es eine sich selbst erfüllenden Prophezeiung, die einen Atomkrieg verhindert? So etwa: „Es wird keinen nuklearen Winter geben!“ Die kleine versteckte Drohung wirkt dabei abschreckend auf die Typen, die an den Knöpfen sitzen.

        • @Joker

          Oh, Heinz von Foersters Kybernetik zweiter Ordnung kannte ich noch nicht. Es ist auf jeden Fall mutig Natur- und Geisteswissenschaften in einen Kontext setzen zu wollen. Da werde ich mich noch etwas einlesen.

          • @ Mona

            „Es ist auf jeden Fall mutig Natur- und Geisteswissenschaften in einen Kontext setzen zu wollen.“

            Das war ein Anspruch der Kybernetik insgesamt, nicht nur der Kybernetik zweiter Ordnung. Einen Überblick findet man in „Die Transformation des Humanen, Beiträge zur Kulturgeschichte der Kybernetik“, Suhrkamp.

            „Wahrheit ist die Erfindung eines Lügner“, von von Foerster, sollte man schon allein aufgrund des Titels im Regal stehen haben, meine ich, ungelogen.

          • @Joker

            In dem Buch „Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners“ beschäftigt sich Förster auch mit der Ursache von Religionskriegen, wo beide Parteien überzeugt sind die Wahrheit zu kennen. Wessen Wahrheit ist nun aber die wahre Wahrheit? Na, die des Gewinners natürlich, denn der ist nun im Besitz der ultimativen Wahrheit und darf andere bekehren. Das erinnert mich an einen anderen philosophierenden Physiker, an Fritjof Capra, der mit seinem „Tao der Physik“ östliche Mystik und moderne Physik zu verbinden suchte.

      • Das verstehe ich jetzt nicht. Die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft wird von Vorhersagen beeinflusst, die man über sie trifft. Soweit klar.

        Aber die Geschichte? Die ist doch schon Geschichte. Also passiert. Da kann sie doch auch nicht mehr im Nachhinein von irgendetwas beeinflusst werden.

        • @ Michael Khan

          „Aber die Geschichte? Die ist doch schon Geschichte.“

          Eine Was-Wäre-Gewesen-Wenn-Frage löst doch gerade diese Fixiertheit auf. Man braucht dann ein Modell wie Änderungen der Fakten den Verlauf der Geschichte beeinflusst hätten. Welches Modell wäre dazu besser geeignet als eines, mit dem man auch die Prozesse der heutigen menschlichen Gesellschaft versucht zu erfassen?

          • Das Geschehene lässt sich im nachhinein nur noch mithilfe einer Zeitmaschine beeinflussen. Also unter Maßgabe bestehenden physikalischen Wissens gar nicht.

          • @ Michael Khan

            Wie würden Sie eine Frage beantworten, „Was wäre gewesen, wenn die Nutzlast der Rakete 2000 kg betragen hätte (anstatt der tatsächlich an Bord gebrachten 1000 kg)?“

            Doch vermutlich nicht so, „Das Geschehene lässt sich im nachhinein nur noch mithilfe einer Zeitmaschine beeinflussen.“ Und nur spekulieren würden Sie sicher auch nicht.

          • Nein, ich würde darauf antworten „War sie aber nicht.“

            Natürlich kann ich jetzt spekulieren, wie in jedem anderen ähnlich gelagerten Fall. Ist ja auch in Ordnung. Ich kann bloss nicht smehr dran ändern. Deswegen ist Geschichte eben kein System, das durch Vorhersagen beeinflusst wird.

            Diskutieren wir jetzt wirklich über diese Aussage?

          • @ Michael Khan

            Auf die Frage, „Was wäre gewesen, wenn die Nutzlast der Rakete 2000 kg betragen hätte“, würden Sie also antworten, „War sie aber nicht.“

            Dann möchte ich Ihnen entgegenkommen:

            „Was aber, wenn ein Unfall beim Herumbasteln am Kern einer Uranbombe passiert wäre?“

            Ist aber nicht passiert!

            Solche Kommentare hätten Sie erwartet und wären damit zufrieden gewesen? Meiner Meinung nach sollten Was-wäre-gewesen-wenn-Fragen doch anders beantwortet werden. Wie, das hatte ich schon erwähnt, anhand der besten Modelle, die man hat und mit allen Kenntnissen, die man von den damaligen Umständen hat. So ist die Diskussion hier ja auch teilweise verlaufen. Und die Frage mit der geänderten Nutzlast wäre in einer Physik-Klausur sicher so aufgefasst worden, dass eine abweichende Flugbahn mit Hilfe hoffentlich bekannten Formeln ausgerechnet worden wäre. In einem anderen Zusammenhang wäre vielleicht auch die Antwort aufgetaucht, der Startversuch wäre abgebrochen worden, No-Go for Launch.

            Ich möchte Ihnen aber noch weiter entgegenkommen, und Ihnen recht geben, dass meine Frage, „Ist Geschichte ein chaotisches System, …“, falsch formuliert war. Bitte interpretieren Sie – und andere Leser – das wohlwollend als eine misslungene Paraphrase für das eigentlich gemeinte, „Wird Geschichte erzeugt durch ein chaotisches System, …“.

          • Gut, wir sind uns einig im Bezug auf die Nicht-Beeinflussbarkeit der Geschichte. Auf die Frage mit der Rakete würde ich erwidern, dass bitte die Frage klarer formuliert werden soll, weil ich nicht raten will, worum es dem Fragenden geht, denn es gibt Dutzende verschiedener Möglichkeiten, auf so eine Situation zu reagieren. Ich bitte einfach mal, das zu glauben, denn ich werden hier nicht darauf eingehen, da off-topic.

            Zu Ihrer Frage: „was, wenn ein Unfall mit einer Uranbombe passiert wäre“: dazu habe ich im Artikel bereits etwas geschrieben. Wäre es ein Unfall gewesen, der zu einer prompt überkritischen Situation mit exponentieller Leistungszunahme geführt hätte, dann kann ich mir nicht vorstellen, wie dieser Prozess dann noch aufzuhalten sein sollte. Ein nuklearer Sprengsatz ist prinzipiell genau dazu entwickelt, prompt überkritisch zu werden, im Gegensatz zu einem Reaktor, wo man sehr viel Aufwand treibt, um zu verhindern, dass ein prompt überkritisches Szenario jemals auftritt. Bei vielen Reaktortypen ist das auch bauartbedingt ausgeschlossen.

            Nun ist es so, dass ein kleiner Plutoniumkern wie der, der im beschriebenen Fall eine Rolle spielt, allein noch eines Implosionssprengsatzes bedarf, um seine volle Sprengkraft zu entfalten. Sonst würde die bei der Kettenreaktion (die erst noch durch Maßnahmen wie Neutronenreflektion herbeigeführt werden muss) freigesetzte thermische Energie bereits frühzeitig zu einem unterkritischen Zustand führen. Was ich allerdings nicht weiß und auch noch nicht herausfinden konnte, ist, wie viel thermische Energie so freigesetzt werden könnte und welcher Zerstörungsgrad damit verbunden wird.

            Ein ineffizienter, aber simpler Sprengkopf aus hoch angereichertem Uran wie der der Hiroshima-Bombe dagegen könnte sehr wohl, wenn man unvorsichtig ist, seine vorgesehene Sprengkraft entfalten. Dass diese Sprengkraft, obwohl verhältnismäßig gering im Vergleich zu späteren nuklearen Sprengsätzen, ausreicht, um große Teile einer Großstadt dem Erdboden gleich zu machen, wurde in Hiroshima demonstriert. Ich vermute, gerade die Ferststellung der Wirkung war einer der Gründe, warum diese Waffe unter diesen Umständen zum Einsatz kam. Es ist ja nicht so, dass keine alternativen Einsatzmöglichkeiten denkbar gewesen wären. Wie auch immer, für die vollständige Zerstörung des Los-Alamos-Komplexes hätte ein solcher Unfall, wäre es dazu gekommen, sicher ausgereicht. Gerade die Gefährlichkeit eines solchen Sprengsatzes mit seiner an und für sich bestechend simplen Bauart spricht gegen seinen Einsatz, neben seiner Ineffizienz.

            All das habe ich eigentlich ja bereits geschrieben.

            Über alles weitere, was sich aus einem der beiden Unfallszenarien an militärischen, politischen oder sozialen Konsequenzen ergeben hätte, müsste man spekulieren, wenn es einen interessiert. Das ist jetzt nicht so meins.

        • @Michael Khan

          Die Geschichte wird von uns im Nachhinein interpretiert. Wenn nun beispielsweise die meisten Amerikaner immer noch überzeugt sind, dass die Bombardierung von Hiroshima und Nagasaki richtig war, dann sagt das doch einiges über deren Geschichtsverständnis aus. Wer Kriege moralisch richtig findet, der wird nicht plötzlich auf diplomatische Lösungen setzen wollen, sonders versucht sie auch im Nachhinein als richtig und notwendig hinzustellen.
          Insofern können auch Unfälle solche „Projekte“ wie die Bombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki nicht wirklich verhindern, denn der Krieg wurde dadurch nicht in Frage gestellt. Erst wenn es in den Köpfen der Menschen zu einem Umdenken kommt, dann können wir vielleicht auf einen positiven Frieden hoffen.
          http://universal_lexikon.deacademic.com/261499/Konfliktforschung%3A_Hoffnung_auf_eine_Welt_ohne_Krieg

          • Eine Interpretation bewertet nur geschehene Ereignisse. Sie hat keinerlei Einfluss auf die Ereignisse selbst. Was geschehen ist, das ist geschehen. Was nicht geschehen ist, das ist nicht geschehen. Geschichte ist eben nicht mehr beeinflussbar. Nur zukünftige Ereignisse sind beeinflussbar.

            Für mich steht außer Frage, dass ein schwerer Unfall in der Bombenentwicklung den Verlauf des Kriegsendes in Bezug auf Hiroshima und Nagasaki hätte beeinflussen können. Wenn die Bombe nicht rechtzeitig vor der Kapitulation Japans fertig geworden wäre, hätte sie auch nicht dort abgeworfen werden können.

          • @Michael Khan

            Gut, vielleicht hätte ein schwerer Unfall in der Bombenentwicklung den Verlauf des Kriegsendes in Bezug auf Hiroshima und Nagasaki beeinflussen können, dann hätte man das Exempel ja immer noch an anderer Stelle oder in einem anderen Krieg statuieren können.
            Wäre man aber geschichtlich daran gewöhnt, dass man Konflikte auf diplomatischen Weg lösen kann, dann wäre die Hemmschwelle weitaus geringer überhaupt einen Krieg zu beginnen.

          • Korrektur:
            ….dann wäre die Hemmschwelle weitaus höher überhaupt einen Krieg zu beginnen.

          • @Mona: Was wäre wenn folgendes gälte (Zitat):„Wäre man aber geschichtlich daran gewöhnt, dass man Konflikte auf diplomatischen Weg lösen kann, dann wäre die Hemmschwelle weitaus höher überhaupt einen Krieg zu beginnen.“

            Dahinter steckt ein irreales „Was wäre wenn“. Irreal, weil es einen Menschentypus voraussetzt den es nicht gibt und nie geben wird. Ohne Druckmittel können sie einen überzeugten Aggressor niemals aufhalten und wenn sie das trotzdem allein mit Diplomatie tun wollen, dann brauchen sie eine Diplomatie, die selbst massive Druckmittel einsetzt.
            Wer das Schicksal der Menschheit verbesseren will darf nicht auf untaugliche Mittel oder nicht erfüllbare Hoffnungen setzen. Was in der Strafprozessordnung gilt, dass es nämlich ohne Androhung von Strafe und ohne Bussen und Sanktionen nicht geht, das gilt genauso in der Beziehung zwischen Staaten und aggressiven Gruppen.
            Kriege wird es erst dann nicht mehr geben, wenn es eine Weltregierung gibt, die Kriege nicht mehr zulässt. Diese Weltregierung wird dabei nicht um Gewalt herumkommen um Kriege zu verhindern und oder zu beenden. Genau so wie die Polizei nicht völlig auf Gewalt verzichten kann. Das Gewaltmonopol muss bei einer Institution liegen, damit die alltägliche Gewalt eingedämmt werden kann.

          • @Martin Holzherr:
            Kriege kann man doch nicht mit der Strafprozessordnung vergleichen. Das würde doch sämtliche darin definierten Regeln ad absurdum führen.

            „Wer seine Schwiegermutter totschlägt, wird geköpft. Das ist ein uralter verständlicher Brauch. Wer aber Hunderttausende umbringt, erhält ein Denkmal.“
            (Erich Kästner)

          • (Zitat)„Kriege kann man doch nicht mit der Strafprozessordnung vergleichen. „. Doch, der Weltstrafgerichtshof versucht schon heute Kriegsverbrechen gerichtlich zu ahnden unabhängig davon, wo sie passieren und unabhängig davon ob diese Kriegsverbrechen in kriegsführenden Ländern sogar als Heldentaten gelten.
            Genau das ist der Weg: Genauso wie man heute Privatrache nicht mehr zulässt, genauso wird man in Zukunft keine Kriege mehr zulassen, sondern man wird die Streitigkeit, die zum Krieg führt vor ein Gericht bringen, das die Autorität besitzt Urteile zu fällen an die sich die beteiligten Parteien halten müssen.

          • Ansatt Krieg und Kriegsverbrechen sind nicht das Gleiche. würde ich sagen Solange es voll souveräne Staaten gibt, wird es Kriege geben und diese Kriege wird man nicht als Verbrechen brankdmarken können.
            Weil das so ist und die Aussichten darauf gering sind, dass Staaten sich in naher Zukunft einer „Weltregierung“ fügen und weil heute sogar die USA UNO-Resolutionen im Zweifelsfalle ignoriert oder sich beispielsweise nicht dem Weltgerichtshof unterstellen will, wird es noch lange Kriege geben.

        • „Das Geschehene lässt sich nur mithilfe einer Zeitmaschine beeinflussen.“

          Aha, da hat also so ein böser Zeitreisender verhindert, dass ein Unfall beim Herumbasteln an der Bombe passierte. 😉

  3. Hiroshima+Nagasaki machten die Atombombe automatisch zur Waffe gegen Städte, zu einer Waffe gegen die Zivilbevölkerung. Im Grunde ist dieser Einsatz direkt gegen nicht-militärische Ziele, gegen normale Stadtbewohner, das Ungeheuerliche am Ersteinsatz der Atombombe.
    Zudem sollten die Bombenabwürfe den Krieg gegen Japan beenden. Damit war eigentlich schon die Abschreckungsidee geboren, die dem späteren Aufbau eines Atombombenarsenals zugrundelag.

    Was wäre passiert, wenn die Amerikaner die Atombombe gegen ein militärisches Ziel in Japan gerichtet hätten? Womöglich hätten Atomwaffen damit eine andere Bedeutung erlangt. Eventuell wäre sie als normale Kriegswaffe eingestuft worden und nicht als Mittel der letzten Wahl.

    • Die moralische Bewertung des Einsatzes dieser Waffen in Hiroshima und Nagasaki ist im Rahmen meines Artikels nur ein Nebenthema.

      Ich wollte eigentlich nur aufzeigen, dass selbst Pläne weltpolitischer Natur durch das Verhalten Einzelner, ob absichtlich oder unabsichtlich, umgeworfen werden können.

      Besonders interessant finde ich -wobei dies im Kontext des Artikels auch nur ein Nebenthema ist – dass ein hoch qualifizierter Mitarbeiter im August 1945 durch seinen Leichtsinn einen Unfall verursachte, der ihn sein Leben kostet. Es ist doch davon auszugehen, dass davon jeder in Los Alamos gehört hatte. Und trotzdem wiederholt nur einige Monate später ein anderer hoch qualifizierter Mitarbeiter fast genau denselben Handlungsstrang, was in einem sehr ähnlichen Ergebnis und dem Tod des Akteurs endet. Das heißt, man kann sich nicht darauf verlassen, dass kluge, hoch qualifizierte Leute dumme Sachen bleiben lassen, mit denen sie sich selbst schaden. Man muss also, unabhängig davon, wie schlau und gebildet die mit heiklen Aufgaben betrauten Mitarbeiter sind, Sicherheitsvorkehrungen treffen, um groben Leichtsinn auszuschließen. Nicht nur zu erschweren, sondern zu unterbinden.

      Mich interessieren auch einige naturwissenschaftlich/technische Aspekte der genannten Ereignisse. Beispielsweise, was denn im schlimmsten Fall mit dem Kern hätte passieren können, wenn die Kettenreaktion nicht fort unterbrochen worden wäre.

      • Die Plutonium-basierte Nagasaki-Atombombe war inhärent unsicher, was bekannt war und trotzdem 2 Projekt-Mitarbeitern das Leben kostete.
        Diese Situation ist gar nicht so ungewöhnlich. Rennautofahrer; Bergesteiger und Leute mit experimentellen Fluggeräten kennen das. Sie meinen aber die Situation im Griff zu haben. Doch die vielen Unfälle in diesen Bereichen zeigen eben, dass das Risiko trotz Vorsicht bleibt.

        Schlimmer sind inhärent unsichere Konstrukte im Ingenieurwesen. Leider sind sogar
        die meisten nuklearen Leichtwasserreaktoren inhärent unsicher, denn sie müssen selbst nach Abschaltung gekühlt werden was voraussetzt, dass jederzeit Wasserpumpen aktivierbar sein müssen. Es ist auch hier erstaunlich, dass diese inhärente Konstruktionsschwäche hingenommen wurde und dass inhärent sichere Atomkraftwerke zwar möglich wären bis heute aber kaum realisiert sind.

        • Eine Bombe ist per Definition unsicher. Trotzdem wäre es problemlos möglich gewesen, das betreffende Experiment sicherer zu gestalten. Dieses diente ja dazu, die kritische Masse durch Messung des Neutronenflusses bei zunehmender Ummantelung mit Neutronen reflektierendem Material zu bestimmen. Der Versuchsaufbau war dabei das Problem: Die Ummantelung wurde langsam aufgebaut und dann schnell zurückgenommen, wenn man sich der Kritikalität näherte. Auch 1945 war die Technik schon so weit, dass man diesen Versuchsaufbau sicherer hätte gestalten können, wobei ein Hantieren mit einem Schraubenzieher, das doch einen Unfall geradezu herausfordert, nicht nur unnötig, sondern unmöglich ist. Beispielsweise mit einem Federmechanismus um Deckel der Ummantelung, sodass bloßes Loslassen genügt – der Deckel springt auf unnd der Kern ist prompt unterkritisch.

          Das ist ein konkretes, technisches Problem, udn es gibt auch technische Lösungen. Mich wundert, dass diese angesichts der bekannten Konsequenzen eines Unfalls nicht umgesetzt wurden.

      • Nach den Grundregeln der Stochastik unterlaufen auch hoch qualifizierten Mitarbeitern hin und wieder Fehler. Eine „moralische Bewertung“ des Baus von Bomben lässt sich allerdings kaum vermeiden. Aus diesem Grund sollten „kluge, hoch qualifizierte Leute“ ihr Tun hinterfragen, denn auch sie tragen eine moralische Verantwortung.

  4. Ein um ein Jahr längerer Krieg im Pazifik, mit 100.000en Toten, wenn nicht eine Million die Bombadierung japanischer Städte. Tokio wurde zu 95 % zerstört und das ganze ohne Atombombe. Die meisten Toten in Japan gab es durch amerikanische Flächenbombardments, nicht durch Atombomben. Eine Sowjetunion die mit 1.000en Panzern in Deutschland stand und die keinen Grund gehabt hätte anzuhalten. Bzw. ein Bündnis der Westallierten mit den Teilen der Wehrmacht gegen die Sowjetunion ohne Entnazifizierung.

      • Also diese Sichtweise ist nicht neu, aber falsch. Ich kenn mich in Geschichte doch ein „wenig“ aus und von allen relevanten Kennern und Analysten der spezifischen Geschichte des pazifischen Krieges und der japanischen Geschichte wird ausgeschlossen, dass Japan sich freiwillig ergeben hätte. Man kann viel über die Atombombenabwürfe diskutieren, aber Historiker sind sich einig, dass wenn es ein Kriegsverbrechen gab, es die Flächenbombadierung japnaischer Städte war und nicht so sehr die Atombombenabwürfe.

        Ausgehend von der Lehrmeinung, die kaum bezweifelt wird, dass Japan eben nicht sich ergeben hätte, sollte man doch mal chinesische Zivilisten befragen, die bis zum Kriegsende durch japanische Soldaten zu Zehntausenden bestialisch gefoltert und ermordet wurden. Wo japanische Soldaten grausame Experimente vollzogen. Es sind mindestens 3,9 Millionen Menschen in China ermordet worden, wahrscheinlich aber über 10 Millionen.

        In der Kritik – komischerweise gerade oftmals von deutscher Seite, die selbst einen in der Geschichte bis zum heutigen Tage beispielosen industriellen Vernichtungskrieg gegen eine ganze Bevölkerungsgruppe vollzog – kommt das Schicksal Millionen chinesischer Gefange niemals zu Wort.

        Ausgehend von der historisch weitestgehend unbestrittenen Tatsache, dass Japan eben nicht zur Kapitualtion bereit war und bis zum Schluß Menschen folterte und ermordete und wohl damit noch lange nicht aufgehört hätte, stellen die Atombombenabwürfe eine schnelle Beendigung dar.

        Ob zwei notwendig waren, ob sie auf Städte notwendig waren, ist dabei eine komplett andere Frage. Vielleicht wäre es vollkommen ausreihend gewesen, sie vor der Küste hochgehen zu lassen. Nur gab es eben nicht soviele Bomben und die USA wollten kein Risiko eingehen.

        Tatsächlich musste sich Japan nicht über diese konsequent harte Haltung der Kriegsgegner wundern. Ebenso wie in Deutschland wusste der allergrößte Teil vond er Bevölkerung von den Kriegsverbrechen, von den verbrechen gegen die Zivilisation.

        Wenn Japan sich jetzt als Opfer des Krieges darstellt und das nur geschuldet durch die Atombombenabwürfe, dann ist das perfide und beschämend. Der Nationalismus, die Veehrung von kriegsverbrechern die Millionen Tote zu verantworten haben, ist in Japan noch immer ein Normalzustand. Die Regierung wandert jedes Jahr zum Schrein für diese Kriegsverbrecher. Reue gibt es für Millionen bestialisch Gefolterte und Ermordete nicht..

        • @Stefan:
          Wir sind uns wohl einig, dass eine Interpretation der Geschichte auch immer vom Standpunkt des Betrachters abhängt. Zudem kommen oft noch Jahre später Details ans Tageslicht, die eine Neuinterpretation notwendig machen. „General Dwight D. Eisenhower berichtete später, die Entscheidung zum Einsatz der beiden Atombomben habe am 16. Juli bereits festgestanden. Er hatte Truman davon abgeraten, weil die Japaner schon Kapitulationsbereitschaft signalisiert hätten und die Vereinigten Staaten solche Waffen nicht als erste einsetzen sollten. Doch Truman schrieb in sein Tagebuch: „Ich glaube, dass die Japsen klein beigeben werden, ehe Russland eingreift.““
          Von hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Atombombenabw%C3%BCrfe_auf_Hiroshima_und_Nagasaki

          Es ist bekannt, dass die Japaner schlimme Kriegsverbrechen begangen haben, trotzdem ist das kein Grund Bomben auf die Zivilbevölkerung zu werfen. Rache ist kein guter Ratgeber!

        • @ Stefan
          „aber Historiker sind sich einig, dass wenn es ein Kriegsverbrechen gab, es die Flächenbombadierung japnaischer Städte war und nicht so sehr die Atombombenabwürfe.“

          Da muss ich mal dumm aber ernsthaft fragen: Wer sind diese Experten, was qualifiziert sie für solche eine Aussage und wie lautet die konkrete Begründung?

          Denn ich persönlich sehe bestenfalls einen technischen Unterschied zwischen einem Flächenbombardement durch viele einzelne Sprengkörper und dem Abwurf einer einzelnen Bombe mit im Grunde noch verheerenderer Auswirkung. Strategisch und humanitär ist da meiner bescheidenen Meinung nach keiner. Der massenhafte Tod der Zivilbevölkerung und die Zerstörung ganzer Landstriche wird in beiden Fällen billigend in Kauf genommen oder ist sogar das Ziel der Aktion. Hinzu kommt bei der Atombombe noch die Tatsache, dass die betreffenden Landstriche auf Jahrzehnte hinweg verseucht sind. Da sind Generationen betroffen, die mit dem Krieg nichts, aber auch gar nichts zu tun hatten.

          Zitat: „Wenn Japan sich jetzt als Opfer des Krieges darstellt und das nur geschuldet durch die Atombombenabwürfe, dann ist das perfide und beschämend. “
          Das Problem ist, dass wir es hier nicht mit einem binären System zu tun haben. Reines Opfer oder reiner Täter – das funktioniert so nicht. Und zwar unter anderem deshalb nicht, weil die staatliche und die individuelle Ebene nie ganz voneinander trennbar sind. Ohne irgendetwas relativieren zu wollen (ernsthaft!): Selbst in Deutschland gab es deutsche Opfer des Krieges, und wenn es nur die Kinder waren. Und von meiner französischen Verwandtschaft weiß ich, dass auch dort Kriegsgefangene gelinde gesagt nicht immer nach Vorschrift behandelt wurden. Nicht, weil der Vorgesetzte das so angeordnet hätte, sondern weil der Hass von Individuen gegen andere Individuen sich Bahn gebrochen hat. (Ich habe den Anflug einer Ahnung von all dem bekommen, als ich 1978, mit neun Jahren, in der Normandie mal ein Brot kaufen sollte. Die schon etwas ältere Dame in dem Laden weigerte sich, mich, eine Deutsche, zu bedienen. Völlig ungeachtet meines Alters.)

          Alleine schon deshalb ist „tu quoque“ kein Argument, zum gegebenen Zeitpunkt _nicht_ an ein Verbrechen zu erinnern und seiner Opfer zu gedenken. Wer einen IQ oberhalb von dem einer Scheibe Toastbrot hat, wird durchaus bemerkt haben, dass auch auf japanischer Seite nicht nur Unschuldslämmer unterwegs waren. Das spielt bei solchen Gedenktagen aber keine Rolle. Gedenken heißt doch schließlich nicht, dass man seinen Verstand ausschaltet und das Wissen um alle anderen Faktoren über Bord schmeißt. Im Gegenteil: Gedenken signalisiert primär die Bereitschaft, aus der Geschichte zu lernen, und das kann in auch diesem Fall garantiert nicht schaden. (Das Gedicht von Erich Fried ist bekannt, nehme ich an.)

          Da wir gerade beim Lernen sind, für die, die es noch nicht kennen: Großartige, verstörende und extrem schwer verdauliche Lektüre ist „Blod and Soil. A World History of Genocide and Extermination form Sparta to Darfour“ von Ben Kiernan. Da wird klar, dass und warum gegeneinander aufrechnen keine Option ist.

          • Zustimmung wobei nicht nur die Bewohner Hiroshimas und Nagasakis, von denen mindestens 129’000 starben, unter den Nachwirkungen des Krieges litten, sondern auch Millionen von Japanern in Städten, die dem Erdboden gleichgemacht wurden, weil viele Familien Angehörige verloren und viele Verletzungen zu lebenslang nachwirkenden Verstümmelungen führten.
            Hiroshima+Nagasaki haben einfach eine grosse symbolische Bedeutung erhalten, damit aber auch andere schreckliche Dinge etwas in den Hintergrund gedrängt. Die Bedeutung Hiroshimas und Nagasakis ist es eben ein Mahmal degen den Atomkrieg zu sein, was heute noch Bedeutung hat während der Krieg um Japan nur noch Geschichte ist.

          • @ Ute Gerhardt

            „Das Gedicht von Erich Fried“

            Welches Gedicht ist gemeint, „Wert der Dichtung“? [1]…

            „Ein Atomkrieg würde dann ganz sicher vermieden werden. Hunderte Millionen Menschen, die jetzt in Gefahr sind, blieben auf jeden Fall leben.“

            … oder „Alte Überlieferung“ [2] …

            „Vor dem dritten großen Krieg“

            … oder ist das die „Antwort“ [3]?

            „Wir sind noch nicht hart genug“?

            [1] http://www.erichfried.de/WertderDichtung.htm
            [2] http://www.erichfried.de/Ueberlieferung.htm
            [3] http://www.suzanne.de/worte/fried/antwort/index.html

          • @ M. Holzherr
            Nicht nur das. Die Nachwirkungen halten ja bis heute noch an. Selbst bei den Kindern und Enkeln der Überlebenden sind noch gesundheitliche Schäden festzustellen. (Ich hatte das bisher auf Verseuchung durch den Fallout zurückgeführt, habe mich da aber wohl geirrt, wie ich inzwischen sehe.) Die Analysen der Nachwirkungen sind noch lange nicht beendet. Mir ist beim besten Willen nicht klar, wie da irgendjemand sagen kann, der Einsatz einer Bombe mit solcher Wirkung sei _kein_ Verbrechen, Flächenbombardement mit herkömmlichen Bomben hingegen schon. Auf die Begründung bin ich wirklich extrem gespannt.

            Ja, hier im Ruhrgebiet hatten wir Flächenbombardement, und hier buddeln wir regelmäßig alte Fliegerbomben aus, die dann aufwändig entschärft werden müssen. Und ab und zu geht das auch leider schief. Generationenübergreifende Nachwirkungen hat der Krieg hier insofern also auch noch, wenn man es ganz genau nehmen will. Die sind aber doch vollkommen lächerlich im Vergleich.

            Für mich sind die Opfer der Atombombe in der Tat eben dies: Opfer eines Verbrechens. Jeder Einzelne. Da kann ich doch nicht sagen „Pff, geschieht dir recht, denn dein Nachbar, der ja auch Japaner ist, hat schließlich dies und das angestellt! Und überhaupt, lieber Ende mit Schrecken als Schrecken ohne Ende!“ Das empfinde ich in seiner Abgebrühtheit schon als zynisch.

            Vielleicht brauchen wir noch mehr Gedenktage, noch mehr Veröffentlichungen, Ausstellungen, was auch immer. Für das, was sonst hinter Hiroshima & Nagasaki zurückstehen muss. Aber ganz sicher brauchen wir nicht weniger.

          • @Joker

            „Ça ira?

            Die Verbrechen von gestern
            haben
            die Gedenktage
            an die Verbrechen von vorgestern
            abgeschafft

            Angesichts
            der Verbrechen von heute
            machen wir uns zu schaffen
            mit den Gedenktagen
            an die Verbrechen von gestern

            Die Verbrechen von morgen
            werden uns Heutige
            abschaffen
            ohne Gedenktage
            wenn wir sie nicht verhindern“

          • @ Ute Gerhardt

            Danke, das Gedicht kannte ich nicht (bis gestern kannte ich ja nicht mal den Autor).

            Mitten im Kalten Krieg entstanden, 1983, ist dessen Bezug zu einem möglichen Atomkrieg offensichtlich und was mit den Verbrechen von gestern gemeint sein könnte, das ist dann naheliegend.

            Der französische Titel,Ça ira? (Werden wir es schaffen?), könnte allerdings ein Hinweis darauf sein, der Autor würde meinen, dass durchaus einige weitere Verbrechen nötig sind – und ihm legitim erscheinen? -, um den Erfolg zu ermöglichen.

            Ah! Ça ira (https://de.wikipedia.org/wiki/Ah!_%C3%87a_ira)

            Die Widmung des Gedichts für Peter Weiss, dessen Hauptwerk „Die Ästhetik des Widerstands“ war, mag weiteren Aufschluss geben.

            Das zu diskutieren, würde uns aber wohl gänzlich vom Thema des Blogs wegführen. Eines solchen Verbrechens möchte ich mich heute nicht schuldig machen.

        • Gemäss Susan Southard von der New York Times ergab sich Japan auch wegen dem Kriegseintritt der Sowjetunion und nicht allein wegen Hiroshima und Nagasaki:

          Many Americans believe their government’s official narrative: that the two bombs, dropped in close succession, led to Japan’s surrender. But it is now well known that the surrender was prompted at least as much by the Soviet Union’s decision to join the Allies in the war against Japan. Just 11 hours before the Nagasaki bombing, 1.5 million Soviet troops crossed into the Japanese puppet state in Manchuria, in northern China, and attacked the depleted Japanese Army there on three fronts.

          so kriegsentscheidend waren die US-Atomomenawürfe nicht, sie waren aber auch nicht schlimmer und bestialischer als die Flächenbombardierungen vieler japanischer Städte. Der Krieg um Japan war in jedem Fall ein sehr brutaler, oft direkt gegen die Zivilbevölkerung gerichteter Krieg. Die Bedeutung des Atombombenabwurfs wurde im Nachhinein emporstilisiert, weil mit dem Atombombenabwurf das Zeitalter der nuklearen Abschreckung begonnen hatte und die Abschreckungswirkung sich noch erhöhte, wenn man das Schicksal der Bewohner von Hiroshima und Nagasaki allen vor Augen hielt, die von Atomwaffen bedroht waren oder mit Atomwaffen drohten. Insoweit haben die Schreckensbilder von Hiroshima und Nagasaki wohl dazu beigetragen, dass Atomwaffen bis jetzt nicht mehr eingesetzt wurden.

  5. „… was denn im schlimmsten Fall mit dem Kern hätte passieren können, wenn die Kettenreaktion nicht fort unterbrochen worden wäre.“

    Das müsste Joachim Schulz vom Blog „Quantenwelt“ eigentlich beantworten können.

    Über alternative Verlaufsstränge lässt sich prima spekulieren. Je nach Kenntnisstand mal mehr, mal weniger stringent. Ich mag solche Gedankenspiele. Aber erfahrungsgemäß führen diese Fragen letzten Endes geradewegs ins Hamsterrad der Metaphysik, und am Ende steht keine echte Erkenntnis.

      • Vielleicht eine kleine Erläuterung, wie ich es meine:
        1) Um aus einer Sprengladung eine Bombe zu machen, ist auch die Hülle wichtig: Ein Häuflein Schwarzpulver brennt relativ unspektakulär ab, ein guter Silvester-Böller wird aus ihm erst durch die Umwicklung mit mehreren Lagen papier. Für die Sprengwirkung einer Bombe ist der Stahlmantel wichtig, in dem sich vor dem zerbersten Druck aufbaut.

        2) Die Flächenwirkung einer Fliegerbombe kommt durch die Explosion in der Luft zustande. Little Boy explodierte etwa 600 Meter über Hiroshima.

        Ich bin sehr sicher, dass die Testaufbauten in Los Alamos weder im Freien, noch in einfachen Werkhallen, sondern in speziellen Bunkern erfolgt ist. Die Kerne sind dabei vermutlich ohne den für eine Sprengbombe typischen Stahlmantel getestet worden. Eine unkontrollierte Kettenreaktion in einem dieser Testbunker hätte wohl ziemlich sicher alle getötet, die sich gerade in diesem Bunker befanden. Sie hätte bestimmt die gesamte Inneneinrichtung des Bunkers verbrannt. Vielleicht wäre ein Gebäudebrand ausgelöst worden und mit großer Wahrscheinlichkeit wäre bedenklich viel Spaltmaterial freigesetzt worden.

        All das ist schlimm genug und hätte das Projekt wohl zurückgeworfen. Aber eine Vernichtung des gesamten Areals halte ich für ein sehr unwahrscheinliches Szenario.

        Davon unbenommen bleibt, dass eine Verzögerung des Projekts um einige Monate vielen Menschen das Leben gerettet hätte. Und wenn das Projekt einige Monate früher fertig gewesen wäre, dann hätten die ersten beiden Ziele wohl in Deutschland gelegen. Historische Andere-Welt-Geschichten sind spannend. Keine Frage.

        P.S. Aus eigener Anschauung weiß ich, dass die Sicherheitsstandards in National Laboratories heute sehr hoch sind. Da hat sich in den letzten Jahrzehnten viel getan.

        • Vielen Dank. Auf die Bedeutung der Ummantelung hatte ich ich mehrfach hingewiesen. Hier war es, wie gesagt, kein Stahlmantel, sondern eine Sprengstoffummantelung, die so geformt ist, dass sich eine Implosionswirkung ergibt, die den Plutoniumkern zusammendrückt und dann für kurze Zeit der auseinanderstrebenden Wirkung der einsetrzenden Kettenreaktion entgegenwirkt. Zwar vielleicht nur für wenige Nanosekunden, aber in jeder Nanosekunde, in der prompt überkritische Bedingungen vorherrschen, finden zahllose Milliarden Kernspaltungen statt.

          Mir war früher nie klar, wieso es so schwierig war, die Sprengkraft („yield“) vorauszuberechnen. Aber wenn man sich den Vorgang vor Augen führt, ist es eigentlich klar.

          Die Sprengkraft einer Leistungsexkursion des „nackten“ Plutonium-Kerns (ohne Sprengstoffmantel, aber mit Neutronenreflektor) konnte ich nicht abschätzen. Es ist klar, dass diese um einige Größenordnungen unter deer der einsatzbereiten Bombe liegen musste. Wäre das nicht so, könnte man sich den Sprengstoffmantel schenken. Wie ich sehe, schätzen wir die Wirkung ähnlich ein: Limitierte Zerstörung durch thermische Einwirkung sowie Kontamination des weiteren Umkreises.

          Ich denke aber weiterhin, dass ein Unfall mit einer Uranbombe des über Hiroshima verwendeten Typs sehr wohl das Potenzial gehabt hätte, das gesamte Areal zu zerstören. Der Aufbau dieses Bombentyps lässt das zu. Was ich nicht weiß, ist, ob Tests mit einem solchen Kern dort durchgeführt wurden. Immerhin war man sich sehr sicher, dass die Hiroshima-Bombe funktionieren würde. Sie ist gleich in den Einsatz gekommen, ohne vorher getestet worden zu sein. Das war mit der „Fat-Man“-Bauart anders. Diese wurde zuerst im Trinity-Test erprobt und erst danach über Nagasaki eingesetzt.

          • Ich meinte durchaus die Uranbombe „Little Boy“. Hier ist die Stahlummantelung für die Sprengwirkung entscheidend, denn sie sorgt dafür, dass sich ein Druck aufbauen kann, der sich dann in eine kugelförmige Explosion entlädt. Der Kern nur mit Neutronendeflektor aber ohne Druckbehälter würde vermutlich nicht explodieren, sondern schmelzen und sich ausdehnen.

            Aber selbst bei einer Explosion in einem unterirdischen Bunker ist keine so große Flächenzerstörung zu erwarten, wie bei einer in 600 Metern Höhe. Der Druck würde durch die schwächsten Strukturen des Bunkers, vermutlich durch die Decke entweichen un dabei „nur“ eine Druckwelle nach oben erzeugen, die nicht das ganze Areal zerstört hätte.

        • „Und wenn das Projekt einige Monate früher fertig gewesen wäre, dann hätten die ersten beiden Ziele wohl in Deutschland gelegen.“

          Der Historiker Hiroshi Hasegawa, der den Atombombenangriff auf Hiroshima rekonstruierte, sagte dazu in der ZEIT ONLINE: „Ich glaube nicht, dass sie die Atombombe auf Deutschland geworfen hätten“. „Dass der Einsatz der neuen Massenvernichtungswaffe den Verantwortlichen nur wenige Skrupel bereitete, hatte nach Hasegawas Ansicht auch mit dem durch Kriegspropaganda verstärkten anti-japanischen Rassismus zu tun.“
          Siehe hier auf Seite zwei unten: http://www.zeit.de/online/2009/35/atombombe-hiroshima

          Wer möchte kann sich noch eine Simulation anschauen, falls die Bombe auf München oder Berlin fiele: http://blog.zeit.de/teilchen/2015/08/06/wenn-die-hiroshima-bombe-auf-muenchen-fiele/

  6. Ob allein der Abwurf der Bomben über Nagasaki und Hiroshima ein Verbrechen war oder das Kriegsende entscheidend beeinflusste – darüber lässt sich sicher streiten. Wäre eine Eroberung der Hauptinseln über Landeoperationen nötig geworden hätte auch dies sicher hunderttausende Tote – auch in der Zivilbevölkerung – gekostet. Von dem, was die japanischen Eroberer in den „Überseegebieten“ noch hätten anstellen können mal ganz abgesehen (bzw. wie die Landkarte dann heute aussehen würde). Auch wurde die Zivilbevölkerung schon bei den Angriffen auf Tokio etc. absichtlich getötet, um die Rüstungsproduktion zu stören – also auch hier nichts neues. Übrigens hatten auch die Japaner ein Atomwaffenprogramm – und (angeblich) einen fast fertigen Kernreaktor.

    Was aber *wirklich* ein Verbrechen war: dass man die Auswirkungen geheim hielt, sogar vor der betroffenen Bevölkerung, und auch lange keine wirkliche medizische Hilfe gewährte. Und das noch lange nach Kriegsende!

    Was sich geändert hätte, wäre es bei der Entwicklung der Atombombe zu einem Unfall oder einer Verzögerung gekommen – darüber haben sich schon viele Leute (literarische) Gedanken gemacht. Als letztes habe ich zum Thema „The Trinity Paradox“ gelesen. Auch wenn hier letztlich eine Zeitreise Auslöser war: die ganzen Wissenschaftler sterben beim Trinity-Test (an einem Anschlag mit Sprengstoff, nicht durch die Bombe). Folge: Die Plutonium-Bombe kann nicht mehr weiter gebaut werden (wichtige Details waren ja nur in den Köpfen der Wissenschaftler, und danach will keiner mehr so viel Geld ausgeben), die Wasserstoffbombe wird nicht entwickelt – und die Uranbombe wird dann im Koreakrieg eingesetzt sowie als Drohung gegen Vietnam genutzt…

    • »Ob allein der Abwurf der Bomben über Nagasaki und Hiroshima ein Verbrechen war oder das Kriegsende entscheidend beeinflusste – darüber lässt sich sicher streiten. Wäre eine Eroberung der Hauptinseln über Landeoperationen nötig geworden hätte auch dies sicher hunderttausende Tote – auch in der Zivilbevölkerung – gekostet.«

      Wie kommen Sie darauf? Sind Ihnen die Abschätzungen für die zu erwartenden Verluste an Menschenleben geläufig, welche das U.S. Militär in worst case Szenarios für den Fall einer Invasion veranschlagt hat? Und wie verträgt sich Ihre Sicht der Dinge mit folgender, von Maj. Gen. Curtis LeMay in einer Pressekonferenz am 20 Sep 1945 getroffenen Feststellung:

      The war would have been over in two weeks without the Russians entering and without the atomic bomb.

      Wenn der Einsatz der A-Bomben gegen zivile Ziele schon irgendwie relativiert werden soll, dann bitte doch historisch nachvollziehbar und nicht wild spekulativ.

      • zu den erwarteten Verlusten: ich weiß nur, dass die Amerikaner im Jahr 2003 (nach Korea und Vietnam!) noch 120.000 Purple Heart Medaillen *übrig* hatten, die eigentlich für die Eroberung Japans „vorgesehen“ waren.

        „During World War II, nearly 500,000 Purple Heart medals were manufactured in anticipation of the estimated casualties resulting from the planned Allied invasion of Japan. To the present date, total combined American military casualties of the seventy years following the end of World War II—including the Korean and Vietnam Wars—have not exceeded that number. In 2003, there remained 120,000 Purple Heart medals in stock. “ — [1]

        Zu LeMay: das war doch die Person, die Brandbombenangriffe auf Japan befahl und Wohngebieten dabei direkt die zweite Priorität nach Waffenfabriken einräumte? Eigentlich auch eine Person, die wegen Kriegsverbrechen hätte angeklagt werden sollen… Ein anderes Zitat von LeMay (zu Vietnam-Zeiten) ist übrigens „I have to say, we have a phobia about nuclear weapons. I think there may be times when it would be most efficient to use nuclear weapons.“[2] Verdammt hat er deren Einsatz also nicht.

        Ob er beim von dir gebrachten Zitat richtig lag wage ich auch zu bezweifeln, da sogar *nach* den Atombombenabwürfen ein Putsch gestartet wurde um zu verhindern, dass der Tenno kapituliert.

        Können wir uns auf folgendes einigen: Die mangelhafte Versorgung und Information der Überlebenden der Atombombenabwürfe war ein Verbrechen. Ob der Abwurf – unter den damaligen Voraussetzungen (inklusive „Fog of War“) – ein Verbrechen war, darüber kann man verschiedener Meinung sein (speziell zu Nagasaki, deren Abwurf ja vorgezogen wurde)

        [1] https://en.wikipedia.org/wiki/Purple_Heart
        [2] https://books.google.de/books?id=6QYlAAAAQBAJ&pg=PA41&lpg=PA41&dq=I+have+to+say,+we+have+a+phobia+about+nuclear+weapons.+I+think+there+may+be+times+when+it+would+be+most+efficient+to+use+nuclear+weapons.&source=bl&ots=TbhrYPGrCH&sig=uutQhKzsKVgNoSv1J1S3u-eEkLo&hl=de&sa=X&redir_esc=y#v=onepage&q=I%20have%20to%20say%2C%20we%20have%20a%20phobia%20about%20nuclear%20weapons.%20I%20think%20there%20may%20be%20times%20when%20it%20would%20be%20most%20efficient%20to%20use%20nuclear%20weapons.&f=false

      • @Engywuck
        Quick and dirty, zwei Links:

        1) Auf das LeMay Zitat war ich über Gar Alperovitz gekommen, und wie ich jetzt gesehen habe, hat der gerade anlässlich des 70. Hiroshima-Jahrestages noch einen dazu passenden Artikel verfasst: The War Was Won Before Hiroshima—And the Generals Who Dropped the Bomb Knew It.

        2) Die Abschätzungen von zu erwartenden Verlusten betreffend gibt Alperovitz u.a. einen Verweis auf diese Arbeit:

        Barton J. Bernstein, “A Postwar Myth: 500,000 U.S. Lives Saved,” Bulletin of the Atomic Scientists, Vol. 42, No. 6 (June-July 1986), pp. 38–40.

        Eine andere open access Version davon habe ich nicht gefunden, mir wurden jedoch die drei Seiten komplett angezeigt und ich hoffe, dass es damit klappt.

        • die Schätzung, daß eine Invasion 1/2 Million US-Soldaten das Leben gekostet htte, war extrem optimistisch. Japanische Strategen, die fest davon ausgingen, daß die US-Regierung den Krieg vor den nächsten Kongresswahlen beenden wollte, hatten für den einzigen Strand, der für eine Massenanlandung a la Normandie geeignet gewesen wäre, ein Blutbad vorbereitet, das Millionen Tote auf beiden Seiten bedeutet hätte.

          Beiu der moralischen Bewertung des Bombeneinsatzes muß man berücksichtigen, daß eine Invasion ohnehin schon der „Plan B“ gewesen wäre. „Plan A“ wäre die Fortsetzung der Seeblockade bis zum Winter gewsen – der sichere Hungertod für ca. 1/3 der Gesamtbevölkerung Japans, weil die gesamte Wirtschaft komplett auf Krieg umgestellt war und die heimische Nahrungsproduktion fast komplett zum Erliegen gekommen war.

          Die Bombe gab den USA eine Dritte Option. Grausam wie der Krieg selbst, aber mit wesentlich weniger Toten als Plan A und B – sicher wäre es „diplomatischer“ gewesen, Japan einen Friedensschluß ohne Kapitulation anzubieten, aber „Appeasement“ war gerade etwas aus der Mode gekommen – so ungefähr seit 1939…

        • Die Rechtmäßigkeit des Einsatzes nuklearer Waffen gegen die japanische Zivilbevölkerung war eigentlich nicht Thema des Artikels. Aber geschenkt, bei manchen Stichworten ist der Verlauf der Diskussion ohnehin schon vorgezeichnet und unausweichlich, unabhängig vom Inhalt des Artikels selbst.

          Wer bei den angeblich zu erwartenden Opferzahlen bei einer Invasion der japanischen Hauptinseln mit weiteren Höchstzahlen mitbieten zu müssen meint, hat sich hoffentlich auch über einige wesentlich Details informiert: 1.) Wieso sollte die Bombardierung einer dicht besiedelten, aber militärisch unbedeutenden Stadtmitte kriegsentscheidender sein als die Bombardierung eines militärisch wichtigen Ziels wie dem Hafen von Hiroshima oder den militärischen Werftanlagen von Kure? 2.) Wie hätte Japan nach dem Komplettverlust seines Ölnachschubs und anderer Ressourcen und bei erdrückender Luftüberlegenheit der Allierten nennenswerten Widerstand leisten können? und 3.) sowie wichtigstens: Wieso wird in den Spekulationen über die zu erwartenden Verluste seitens der Amerikaner der sowjetischen Armee keine Bedeutung beigemessen? Immerhin war sie es, die die japanischen Landtruppen in Nordchina und Korea vor sich her trieb, sodass kaum davon auszugehen war, dass sie nach Einnahme der japanisch besetzten Regionen in Nordostasien vor einer Invasion der Hauptinseln zurückschrecken würde. Mehr hier und hier.

          • Um die „Rechtmäßigkeit“ ging es mir garnicht, die war in diesem Krieg allen Seiten schon viel früher verlorengegangen. Internierungslager (für US-Bürger mit japanischen Wurzeln!), Gulags und KZs waren auch nicht „rechtmäßig“, und die Entscheidung, den Bombenkrieg nicht nur gezielt gegen militärische Ziele, sondern flächig gegen ganze Städte zu führen, wurde nach Coventry nicht mehr infragegestellt. Die Enola Gay war keine StuKa, es war von alliierter Seite nie vorgesehen, irgendetwas zu bombardieren, für das man genauer zielen muß, als plusminus ein paar Kilometer – die Entscheidung für maximale Flächenwirkung hatte schon die Feuerstürme von Dresden und Tokio bewirkt, und es wäre verträumt, anzunehmen, die Atombombe wäre anders eingesetzt worden, als die Phosphorbomben vorher.

            Stalins Armee war zu Lande unschlagbar, weil die Sowjetunion schlicht mehr Infantristen und schnell-und-billig zusammengeschraubte Panzer hatte als jeder andere Kriegsteilnehmer. Eine nennenswerte Marine hatte die damalige Sowjetunion nicht, und brauchte sie im „Großen Vaterländischen Krieg“ auch nicht. Die Sowjets wären bis nach Korea marschiert, aber sie konnten nicht über’s Wasser laufen.

            Invasionen an verteidigten Küsten sind schwer. In der Normandie haben die Alliierten die Wehrmacht ausgetrickst, indem sie viel weiter westlich landeten als erwartet – eben nicht bei Calais. Trotzdem hat ein einzelner deutscher MG-Schütze, der einfach nur versucht hat, seinen Job zu tun und seine Stellung so lange wie möglich zu halten, an Omaha Beach 2000 alliierte Soldaten niedergemäht..

            In Japan hätte es kein minimal verteidigtes Omaha Beach gegeben. Japan ist gebirgig, Japan hat hat rundherum Steilküste. Das japanische Oberkommando wußte genau, an welchem Strand ein alliierte Invasion erfolgen würde – die Pläne der Japaner und die der Alliierten waren, wie sich hinterher herausstellte, deckungsgleich in Bezug auf den Ort und die einzusetzenden US-Truppen – nur daß die US-Seite nicht wußte, daß die Japaner für genau diesen Ort einen „Volkssturm“ mit Sushi-Messern und Haarnadeln vorbereiteten.

            Der Krieg im Pazifik wurde durch Kaiser Hirohito’s „ich bin kein Gott“-Rede beendet. Und Hirohito persönlich war von der Hiroshima-Bombe sehr beeindruckt. Ob die Nagasaki-Bombe noch nötig war, darüber mag man streiten, aber die Hiroshima-Bombe hat tatsächlich mehr Japaner gerettet, als sie getötet hat.

            Wie bereits angeführt, Plan A hätte bedeutet, die Blockade noch ein paar Monate fortzusetzen – das hätte weniger Kriegstote, aber viel mehr Hungetote bedeutet.

          • Die Diskussion zeigt die übliche Problematik in Kommentaren zu Blogs. Wer sich die Mühe macht, zu recherchieren, ist klar im Nachteil, denn das kostet Zeit. Inzwischen kann der Gegenüber, der einfach nur frei weg behauptet, bereits drei neue (unbelegte) Behauptungen aufstellen. Ich sage deswegen nur noch zu wenigen Punkten etwas, dann klinke ich mich aus.

            1.) Erzielbare Zielgenauigkeit: Bekanntlich war das Ziel die wegen ihrer T-Form leicht zu erkennende Aioi-Brücke. Das Hypozentrum liegt in der Nähe des Genbaku-Dome. Der ist nur rund 150 Meter von der Aioi-Brücke entfernt. Link zu Google Maps
            2.) Einsatzbarkeit der Bombe über dem Hafengebiet: Es ist genau das Merkmal einer nuklearen Waffe, selbst einer kleinen wie „Little Boy“ mit ihrer Sprengkraft von 15 Kilotonnen +/- 20%, dass die erforderliche Zielgenauigkeit, anders als bei konventionellen Bomben weniger wichtig ist. Mehr dazu siehe hier. Wenn die Druckwelle im Radius von 1.6 km um das Hypozentrum herum komplette Zerstörung hervorruft, hätte das selbstverständlich ausgereicht, um das gesamte Hafengebiet von Hiroshima oder jeden anderen militärisch wichtigen Hafen auf erhebliche Zeit unbrauchbar zu machen. Es gibt ja nicht nur die Wirkung der Druckwelle, sondern auch die Brände und die Strahlung, die das dort beschäftigte Personal getötet hätte. Allerdings wäre ein unbrauchbarer Militärhafen in Japan, das kurz vor dem militärischen Kollaps udn der Besetzung stand, auch für die Sieger ein Problem gewesen. Ein viel größeres Problem als die zerstörte Innenstadt mit den damit einhergehenden zivilen Opfern.
            3.) Fähigkeit der sowjetischen Armee zur Invasion: Im Juli 1945 wurde der Kriegshafen von Kure, eine wichtige Marinebasis und Militärwerft, konventionell bombardiert (siehe Wikipedia-Artikel). Ziel war die Vernichtung der dort vor Anker liegenden verbleibenden großen Kriegsschiffe Japans, die wegen Treibstoffmangels nicht einsatzbereit waren. Allein schon diese Tatsache stellt das Gefährdungspotenzial der japanischen Streitkräfte infrage. Eine moderne Armee ohne Treibstoff ist praktisch wertlos. Wenn dann noch die komplette Luftüberlegenheit der Alliierten hinzukommt, muss man sich schon fragen, was die Japaner überhaupt noch einer Invasion, egal von welcher Seite, hätten entgegen setzen wollen. Als einen Grund für die Vernichtung der japanischen Dickschiffe nennt Admiral William F. Halsey, USN:

            „[…] it would ensure that the Japanese could not disrupt the planned Soviet invasion of Hokkaido“

            Seltsam, oder? Man traut den Sowjets im Juli noch die Invasion der Nordinsel Hokkaido zu, aber im August hält man sie angeblich für unfähig zu einer solchen militärischen Operation.

            Appeasement ist hier nun wirklich überhaupt nicht das Thema.

          • @Störk:
            Auch wenn Sie hier versuchen die Geschichte neu zu interpretieren, so sollte Ihnen trotzdem nicht entgangen sein, dass selbst General Curtis E. LeMay, der den Atombomben-Abwurf auf die japanischen Städte Hiroschima und Nagasaki befehligte, Jahre später sagte, dass die Japaner auch ohne atomare Verwüstung kapituliert hätten.
            Von hier: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13501720.html

            Und Curtis E. LeMay war gewiss kein Freund der Japaner. Zitat: „Japaner zu töten, kümmerte mich nicht besonders zu jener Zeit … Wenn ich den Krieg verloren hätte, wäre ich als ein Kriegsverbrecher angeklagt worden … Jeder Soldat denkt etwas über die moralischen Aspekte seines Handelns nach. Aber der ganze Krieg ist unmoralisch, und wenn dir das Sorgen bereitet, bist du kein guter Soldat.“
            Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Curtis_E._LeMay

          • @Störk

            »Ob die Nagasaki-Bombe noch nötig war, darüber mag man streiten, aber die Hiroshima-Bombe hat tatsächlich mehr Japaner gerettet, als sie getötet hat.«

            Das scheint mir doch eine bemerkenswerte Form von Ignoranz gegenüber den historischen Quellen zu sein.

            Bereits im Mai 1945 war es auf amerikanischer Seite längst kein Geheimnis mehr, dass die Japaner eine Kapitulation anstrebten und es ihnen dabei im wesentlichen nur noch um eine Zusicherung für den Fortbestand des Kaisertums ging, was später ja ohnehin gewährt wurde. Ein Jahr später, im Mai 1946, hatte der vormalige US Präsident Herbert Hoover ein Treffen mit Gen. Douglas MacArthur und notierte dazu in seinem Tagebuch:

            I told MacArthur of my memorandum of mid-May 1945 to Truman, that peace could be had with Japan by which our major objectives would be accomplished. MacArthur said that was correct and that we would have avoided all of the losses, the Atomic bomb, and the entry of Russia into Manchuria.

            Hinsichtlich der Gesamtbeurteilung ist da nichts mehr, worüber seriöse Historiker noch zu streiten hätten.

    • Ich denke schon, dass man den Abwurf der Bomben als Verbrechen bezeichnen kann und auch sollte. Die von Truman selbst immer wieder in die Höhe geschraubte Schätzung von amerikanischen Verlusten bei einer rein konventionellen Eroberung Japans entbehren jeder Grundlage. Das japanische Volk war kriegsmüde, die japanische Führung wusste dies und war bereit zur Kapitulation. Es ging eigentlich nur noch um die Frage, wie sich das japanische Kaiserhaus unbeschadet aus der Affäre ziehen könnte. Die Amerikaner (, genauer: der CIA) wussten das, wollten aber ihr neues „Spielzeug“ unbedingt anwenden. Es gibt sogar Historiker die bestreiten, dass die Bomben die japanische Führung stark beeindruckt hat. Dank der Zensur wussten die Japaner außerhalb Hiroshimas lange Zeit nichts von dem Einsatz dieser neuen Waffe. Was die japanische Führung mehr beeindruckt hat, war der Eintritt Stalins in den Krieg. Siehe hierzu auch: http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/sonntag/japan-1945-stalin-sollte-vermitteln/12101946-3.html
      Ohne jegliche Vorwahrnung eine Massenvernichtungswaffe auf ein nichtmilitärisches Ziel abzuwerfen, nicht um eine Infrastruktur zu beschädigen, sondern um möglichst viele Menschen umzubringen – also wenn das kein Verbrechen ist, was dann?

  7. „Was aber *wirklich* ein Verbrechen war: dass man die Auswirkungen geheim hielt, sogar vor der betroffenen Bevölkerung, und auch lange keine wirkliche medizische Hilfe gewährte. Und das noch lange nach Kriegsende!“

    Wenn man sich mit Geschichte beschäftigt, dann gibt es immer wieder beachtenswerte Nebenstränge. So waren die Überlebenden in Japan lange Zeit eine geächtete Kaste.
    http://www.sueddeutsche.de/wissen/jahre-hiroshima-und-nagasaki-die-ueberlebenden-waren-eine-geaechtete-kaste-1.2597629

    Und was machte Amerika mit den japanischen Kriegsverbrechern? Die Forschungsergebnisse der Einheit 731 wurden nach dem Krieg über die G-2 Section von den Amerikanern aufgekauft. Den Mitgliedern der Einheit 731 wurde im Austausch für ihre Daten Straffreiheit zugesichert. Die Amerikaner scheuten sich auch nicht, die Ergebnisse später im Vietnamkrieg zu verwenden.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Einheit_731

  8. @Ute Gerhard zu Nachwirkungen und Bedeutung von Hiroshima: Nachwirkungen von Kriegen, Hungersnöten, Terror und Angst werden generell unterschätzt. Scheinbar kann die nächste Generation sogar genetisch davon betroffen sein, durch epigenetische Veränderungen. Die Überlebenden von Hiroshima und Nahasaki haben zudem noch hohe Strahlendosen abbekommen. Nicht alle stark bestrahlten sind aber an Folgekrankheiten erkrankt. Viele haben trotzdem unter ihrem Schicksal gelitten auch weil sie in Japan gemieden wurden, ja geradezu geächtet waren. Viele hatten allein wegen ihrer „Vorgeschichte“ Schwierigkeiten eine Arbeitsstelle oder einen Ehepartner zu finden.

    Allgemein gilt, dass ein Krieg und Ausnahmezustand nicht einfach vorbei ist, wenn er als beendigt erklärt wird (Mission accomplished). Deshalb sollte man Kriege wie den in Syrien möglichst früh beenden, denn sonst entsteht eine ganze Generation von Kriegsversehrten – kriegsversehrt, auch wenn man ihnen das nicht ansieht.

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