Der Generaldirektor zu den ESA-Rechten an Daten

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Raumfahrt aus der Froschperspektive
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“Die ESA” sitzt auf “ihren Daten”.

Ich weiß nicht, wie oft ich diese Behauptung schon hören oder lesen musste. Früher im Usenet, heute in Blogs. In der Presse, dort zumeist in Leitartikeln. Leider auch in Publikationen wissenschaftlichen Charakters. Und in vielen, vielen Kommentaren, immer und immer wieder.

Wie war das doch? “Journalismus besteht darin, das zu schreiben, was nicht publik werden soll.”. Oder sinngemäß, aber mit anderen Worten. Ganz richtig ist die Aussage nicht. Das ist nicht die Definition von Journalismus, sondern die Definition von gutem Journalismus. Aber daneben soll es auch noch schlechten Journalismus geben, habe ich mir sagen lassen. Schlechter Journalismus besteht darin, Fakten nicht zu verifizieren und allein seine Meinung zur berichtenswerten Nachricht zu erheben.

Guter Journalismus setzt dagegen nicht einfach nur das, was jeder zu wissen meint, als unwiderlegbare Wahrheit voraus. Er bohrt nach. Er hinterfragt. Mit Peter de Selding von Space News und Jonathan Amos von der BBC haben sich endlich einmal gute Journalisten der zweifellos wichtigen Frage angenommen, was es mit der Veröffentlichungspolitik bei wissenschaftlichen Ergebnissen von ESA-Weltraum-Missionen auf sich hat.

Wenn es so viele auch hitzige Meinungen zu einem Thema gibt, dann ist dieses Thema wichtig. Und wenn ein Thema wichtig ist, dann sollte man es auch wichtig nehmen, und sauber recherchieren. Auch wenn es sich dann als komplex herausstellt und einfache Lösungen gar nicht einfach zu finden sind. Gerade, wenn dies so ist.

Peter de Selding hat am 16.1.2015 diesen Artikel zu diversen aktuellen Fragen zur Zukunft der ESA nach einem Pressebriefing durch den Noch-Generaldirektor Jean-Jacques Dordain veröffentlicht. Dabei geht es zwar nur am Rande um Veröffentlichungsrechte, was dazu aber gesagt wird, dürfte Manchen überraschen.

Der Wissenschaftsjournalist Jonathan Amos hebt, auch am 16. Januar 2015, auf diese eine Frage ab.

Es ist nicht die ESA, die auf “ihren” Daten sitzt, denn sie hat von vorneherein keine Veröffentlichungsrechte inne. Damit gehören die Daten nicht ihr – was man nicht besitzt, darauf kann man auch nicht sitzen. Die diesbezüglichen Regelungen hat sich nicht die ESA einfallen lassen: sie wurden ihr auferlegt. Das Ganze liegt an unterschiedlichen Interessenlagen. Das daraus entstehende Problem wird durchaus gesehen.

Der wörtlich zitierte Dordain wird jedoch eher vage, wenn es darum geht, wie sich das ändern soll. Die Interessenlagen sind, wie sie sind. Das politische Konstrukt, in das die ESA eingebettet ist und aus dem sie finanziert und kontrolliert wird, besteht nach wie vor. Die Einsicht, dass eine offenere Veröffentlichungspolitik der breiten Allgemein nützen wird, ist zwar erst einmal gar nicht schlecht. Allerdings wird diese Meinung von jemandem geäußert, der die aktuelle Situation nicht zu verantworten hat und von ihr auch nicht profitiert.

Natürlich sind Leute, die die negativen Konsequenzen eines Umstand zu tragen haben, von den Vorteilen des Umstands aber nicht profitieren, und auch nicht wirklich gefragt worden sind, der Meinung, dass dieser Umstand geändert gehört. Überrascht das jemanden?

Aber was ergibt sich daraus? Erst einmal nicht viel.

Anders wäre es, wenn die Leute, die von der aktuellen Situation profitieren – und zwar nicht etwa illegal oder unberechtigterweise, sondern in vollem Einklang mit den Verträgen und Regularien, denen ihre Arbeit unterliegt – jetzt spontan entscheiden würden: “Nee, Leute, so geht’s nicht weiter, wir müssen jetzt wirklich mal ein gutes Stück offener sein.” Ich sehe aber keine Anzeichen dafür, dass dies geschieht. Zwingen kann man sie nicht so einfach – da muss man erst einmal Druckmittel in der Hand haben.

OK; ich weiß, was ich jetzt hier schreibe, wird gar nichts ändern. Im nächsten Blog-Artikel zum diesem Thema und in den Kommentaren dazu werden die gleichen alten Phrasen abgefeiert werden.

Nebenbei bemerkt: Der strategische Plan, einen europäischen Astronauten zur chinesischen Raumstation fliegen zu lassen, ist bemerkenswert und interessant. Jetzt verstehe ich auch, warum zumindest ein mir persönlich bekanntes Mitglied des ESA Astronautencorps in der sicherlich nicht üppig bemessenen Freizeit so eifrig chinesisch lernt. Das ist auch ein Hinweis auf einen beginnenden Politikwechsel in China.

Michael Khan

Ich bin Luft- und Raumfahrtingenieur und arbeite bei einer Raumfahrtagentur als Missionsanalytiker. Alle in meinen Artikeln geäußerten sind aber meine eigenen und geben nicht notwendigerweise die Sichtweise meines Arbeitgebers wieder.

5 Kommentare

  1. Mich würde interessieren, was Generaldirektor in spe Johann-Dietrich Wörner zur Thematik Bilderrechte zu sagen hat. So viel ich hörte, hat er Digitalthemen beim DLR sehr wohlwollend begleitet. Das DLR hat in seiner Amtszeit immerhin als erste Agentur mit CC-Lizenzen begonnen – wenn auch bis dato nur für dezidiertes Pressebildmaterial.

    Anders wäre es, wenn die Leute, die von der aktuellen Situation profitieren – und zwar nicht etwa illegal oder unberechtigterweise, sondern in vollem Einklang mit den Verträgen und Regularien, denen ihre Arbeit unterliegt – jetzt spontan entscheiden würden: “Nee, Leute, so geht’s nicht weiter, wir müssen jetzt wirklich mal ein gutes Stück offener sein.” Ich sehe aber keine Anzeichen dafür, dass dies geschieht. Zwingen kann man sie nicht so einfach – da muss man erst einmal Druckmittel in der Hand haben.

    Das Problem ist ja eigentlich noch größer. Es ist vergleichsweise leicht, einen Adressaten (wie die ESA) unter Druck zu setzen. Aber die Rechteinhaber von Bildern sind ja meist einzelne Institute. Bei Rosettas OSIRIS-Kamera ist es das MPS – aber neue Missionskameras bringen neue Forscher in anderen Instituten, die man erst von einem offenen Weg überzeugen müsste. Und selbst bei Rosettas OSIRIS-Bildern stehen ja so viele ebenso beteiligte Institute hinter dem MPS, dass der Druck auf einen Adressaten hier nicht ausreichen würde.

    Je länger ich über das Problem nachdenke, umso mehr denke ich, dass man weiter oben ansetzen müsste, auf der politischen Ebene. Hier gibt es zwar auch viele Interessen – gerade in den zu Konsens verdammten europäischen Gremien. Aber vielleicht würde es reichen, mal verantwortliche (Forschungs-)Politiker zu fragen, was sie davon halten, dass viele Bilder lange Zeit unter Verschluss bleiben.

    • Wenn Sie an der Meinung Herrn Wörners zu diesem Thema interessiert sind, können Sie ihn ja einfach fragen. Diese Meinung mag interessant sein. Ob sie aber auch wirklich relevant ist, d.h., ob das die Meinung eines Mannes ist, der an der betreffenden Situation etwas ändern kann, ist aber eine ganz andere Frage. Die Antwort des amtierenden ESA-Generaldirektors Dordain liest sich wie die Aussage eines Mannes, dem es nicht passt, wie es läuft, aber nicht wie die Aussage eines Mannes, der weiß, wie man daran etwas ändern soll.

      Diese ganze Diskussion war schon immer und ist auch jetzt noch gezeichnet durch eine Grundhaltung, für die mir wirklich das Verständnis fehlt: die schlichte Weigerung, die Situation so zu verstehen, wie sie ist.

      Dass das Ganze ein politisches Problem ist, dass die Situation politisch gewollt ist und nicht etwas, was sich einfach mal ergeben hat und was eigentlich gar keiner mehr will, das ist etwas, worauf ich schon seit langem hinweise. Es nutzt nichts, Aspekte einer Situation zu ignorieren, die einem nicht passen. Davon geht das Problem nicht weg

      Auch mit der “Überzeugungsarbeit” ist das so eine Sache. Sie, ich und fast die gesamte Öffentlichkeit bis hinauf zum ESA-Generaldirektor finden die aktuelle Regelung zu den Rechten an wissenschaftlichen Daten der Instrumente von ESA-Missionen unbefriedigend. Aber eben nicht alle. Manche profitieren davon oder finden sie aus politischen Gründen wünschenswert.

      Zu denen, die davon profitieren, zählen diejenigen, die jetzt die Datenrechte innehaben, also diejenigen, die die jetzige lachhafte Informationspolitik zu verantworten haben.

      Kleiner Check: Anzahl der neu gezeigten Bilder der OSIRIS-Kamera oder der publik gemachten Informationen zu irgendeinem anderen Instrument auf Rosetta und Philae im gesamten Jahr 2015: NULL.

      Es ist reichlich unrealistisch, anzunehmen, dass Überzeugungsarbeit dazu führt, dass sich an dieser Stelle etwas ändern wird. Jeder weiß selbst am besten, auf welcher Seite sein Brot gebuttert ist. Niemand gibt einen Vorteil auf, der ihm rechtlich und vertraglich zusteht, wenn er das nicht muss. Das wird einfach nicht passieren. Hören wir doch auf, uns etwas vorzumachen.

      Ich meine, es liegt am Ende daran, wie die Finanzierung geregelt ist. Solange sich nichts daran ändert, dass die ESA den Lastwagen bereitstellen darf und die Nutzlast auf dessen Ladefläche wird von anderen Stellen finanziert und verwaltet, wird es ganz genau so weiter gehen wie jetzt. Aber dass das so ist, ist kein Zufall, sondern das ist politisch gewollt. Nicht von der ESA, denn die erlangt durch so eine Regelung keinerlei Vorteil und handelt sich nur Scherereien ein. Sondern von Politikern der Mitgliedsnationen, die eher lokal als europäisch.

      • “Manche profitieren davon oder finden sie aus politischen Gründen wünschenswert.”

        Niemand profitiert. Diese Leute glauben zu profitieren, weil sie von irrationalen Ängsten getrieben werden, dass ihnen Entdeckungen (und damit ihre Karriere) geklaut werden könnte (zumindest erzählen sie uns so ein Zeug). Diese Gefahr ist aber nicht real!

        “Es ist reichlich unrealistisch, anzunehmen, dass Überzeugungsarbeit dazu führt, dass sich an dieser Stelle etwas ändern wird. …”

        Die altbekannte Wie-in-Indien-die-Affen-gefangen-werden-Geschichte.

  2. Ich weiß, das ich es mir gleich etwas einfach mache, jedoch halte ich es für eine der besten Lösungen:
    Ergebnisse öffentlich finanzierter Forschung sollte immer für Forschung ohne irgendwelche Einschränkungen weitergegeben werden müssen. Erfolgt eine wirtschaftliche Auswertung dann sind entsprechend auch Gebühren über einen gewissen Zeitraum zu zahlen, sagen wir mal, bis die Kosten zzgl. Inflations/Deflationsausgleich und zzgl., keine Ahnung, 25% Aufschlag als Forschungsinvestition zu zahlen.

  3. grrr, warum fallen Fehler immer erst auf wenn man senden geklickt hat :o(?

    Erfolgt eine wirtschaftliche Auswertung dann sind entsprechend auch Gebühren über einen gewissen Zeitraum zu zahlen, sagen wir mal bis die Kosten zzgl. Inflations/Deflationsausgleich drinne sind und zzgl., keine Ahnung, 25% Aufschlag als Forschungsinvestition.

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