China schließt zur Spitzengruppe der Raumfahrtnationen auf

BLOG: Go for Launch

Raumfahrt aus der Froschperspektive
Go for Launch

Spaceflightnow.com hat darauf hingewiesen, dass China 2011 möglicherweise erstmals mehr Raketenstarts ins Orbit durchführen könnte als die USA. Nun sagt die Zahl der Starts allein nicht alles – aber doch Einiges – über die Bedeutung einer Raumfahrtnation aus. Die Tatsache, dass China bemannte Missionen autonom durchführen kann, ebenso wie der Start des ersten Elements einer chinesischen Raumstation, unterstreicht dies. Russland ist in punkto Starts zwar 2011 formal die Nummer 1. Ob das Land aber wirklich eine führende Raumfahrtnation bleibt, wird sich erst noch zeigen. Ohne eine komplette Neuordnung seiner Raumfahrtaktivitäten und eine massive Steigerung der Investitionen droht der Abstieg in die zweite Liga. Die Pfunde, mit denen Russland in der Raumfahrt wuchern konnte, sind (1) die Erfahrung, (2) die Rolle als Bereitsteller des momentan einzigen bemannten Zubringers zur ISS und (3) die Kosten. Aber die Erfahrung geht so schnell flöten, wie die Experten in Rente gehen, das Alleinstellungsmerkmal der Sojus ist futsch, wenn die Dragon von SpaceX und die CST-100 von Boeing in den operationellen Betrieb gehen und im kommerziellen Wettbewerb gegen die Falcon und ihre Konkurrenten wird den Russen ein viel schärferer Wind entgegen wehen, als sie es bis jetzt erlebt haben.

Übrigens wird, wenn diese neuen Startvehikel von US-Startups in den Markt drängen, auch den Chinesen ein gefährlicher Gegner erwachsen. Wir werden sehen, wer in ein paar Jahren die Nase vorn hat. Ich lehne mich sicher nicht zu weit zum Fenster hinaus, wenn ich prophezeie, dass die USA noch lange nicht weg vom selbigen sind und dass China auch in diesem Feld den Anspruch auf eine Führungsrolle erheben wird.

Die Art der Neuausrichtung der NASA ist sicher wichtig für die Rolle der USA in der Zukunftsbranche Raumfahrt. Aber die NASA hat nicht mehr dieselbe Bedeutung wie früher. In vielen ihrer Kernaktivitäten stehen von der NASA zunehmend weniger abhängige kommerzielle Anbieter in den Startlöchern. Da diese weniger den politischen Erwägungen unterliegen, die bei der NASA bei vielen Entscheidungen Vorrang vor technischen Erwägungen haben, können ihre Konzepte sogar denen der NASA überlegen sein. Ein Beispiel ist die von Boeing und der Firma Bigelow Aerospace  gemeinsam vorgeschlagene kommerzielle Raumstation. Wir stehen an einem Wendepunkt: Die Zeit, in der Raumfahrer vorwiegend staatliche Bedienstete sind, neigt sich dem Ende zu.

An dieser Stelle sollte man die Entwicklung der Raumfahrt in den letzten Jahrzehnten anschauen. Glücklicherweise machen sich nette Leute die Arbeit, unermüdlich Daten zu sammeln und aufzubereiten und sie im Internet  zugänglich zu machen, sodass faule Zeitgenossen wie ich sie dort abgreifen können. Einer von diesen netten Leuten ist Claude Lafleur mit seiner Spacecraft Encyclopedia.

Lafleurs Statistiken entnimmt man unter Anderem die erfreuliche Tatsache, dass sich seit dem Ende des kalten Kriegs das Verhältnis von militärischen zu zivilen Satelliten umgekehrt hat. Kamen zuvor auf einen zivilen drei militärische Starts, sind es heute rund drei zivile auf einen militärischen. Gut – auch das ist nur ein Aspekt des Gesamtbilds und spiegelt in erster Linie die verringerte Anzahl russischer militärischer Starts wieder. Wichtiger wäre es, festzustellen, wie viel Kapital in militärischen Satelliten gebunden ist – dem Thema widme ich demnächst einen eigenen Artikel.

Ich bin Luft- und Raumfahrtingenieur und arbeite bei einer Raumfahrtagentur als Missionsanalytiker. Alle in meinen Artikeln geäußerten Meinungen sind aber meine eigenen und geben nicht notwendigerweise die Sichtweise meines Arbeitgebers wieder.

4 Kommentare

  1. Fragen zu Lafleurs Statistiken:

    Kann man da eine so saubere Trennung zwischen militärischen und zivilen Satelliten machen? Lassen sich Satelliten nicht auch zu Überwachungssystemen umfunktionieren um die Aktivitäten potentieller Gegner auszuspionieren? Und woher hat Lafleur Kenntnis über streng geheime Militärsatelliten und ähnliches?

    [Antwort: Stimmt schon, eine saubere Trennung lässt sich nie vornehmen. Auch Militärs verwenden meteorologische Informationen von zivilen Wettersatelliten, auch Zivilisten verwenden, wenn sie dürfen, militärische Systeme wie GPS. Als grobe Regel gilt, dass Militärs bei bildgebenden Verfahren sehr hohe Auflösungen brauchen. Bei zivilen Anwendungen will man eher die globale Abdeckung. Aber das ist nur eine grobe Regel. Eine weitere Regel ist die, dass es zu jeder Regel immer Ausnahmen gibt.

    Ich gehe davon aus, dass Lafleur einfach vom Eigentümer bzw. Finanzier der betreffenden Satelliten ausging.

    So furchtbar geheime Information hat er gar nicht verwendet, meine ich – was meinten Sie denn damit? MK]

  2. gegen die Falcon und ihre Komkurrenten

    Ich glaube da hat sich ein Rechtschreibfehler eingeschlichen …

    [Antwort: Ja, in der Tat, ist bereits korrigiert. Danke. MK]

Schreibe einen Kommentar