China: Nutzlastverkleidung fällt auf bewohntes Gebiet

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Am Freitag, 15. Oktober 2015 um 16:16 GNT startete eine eine chinesische Rakete vom Typ Langer Marsch 3B vom Weltraumzentrumm Xichang in der innerchinesischen Provinz Sichuan den 5 Tonnen schweren Nachrichtensatelliten APSTAR 9 ins geostationäre Transferorbit. Der Start war ein Erfolg, aber laut Presseberichten aus China vom Wochenende fiel eine Schale der Nutzlastverkleidung der Rakete auf ein Feld nahe der Ortschaft Yuanxi in der Provinz Jiangxi.

Die Nutzlastverkleidung soll die zu startende Nutzlast nur während der ersten Phase des Aufstiegs vor der thermischen und aerodynamischen Belastung durch die Luftreibung schützen. Sie wird üblicherwiese so früh wie möglich abgesprengt – dann, wenn der vorausberechnete Wärmestrom und der dynamische Druck unterhalb der Grenzwerte liegen, die von der Nutzlast nicht mehr verkraftet werden können. Die Nutzlastverkleidung besteht in der Regel aus zwei Halbschalen, die relativ leicht sind, aber eine große Querschnittsfläche aufweisen und deswegen schnell abgebremst werden und den Erdboden noch ziemlich intakt erreichen.

Im zitierten Pressebericht ist nur von der einen Schale die Rede – die andere kann aber nicht weit sein. Es handelte sich nicht um eine Fehlfunktion an Bord der Rakete, sondern im Prinzip um einen normalen Vorgang. Nicht normal sollte allerdings der Einschlag der Verkleidung nahe des Dorfs sein. Auch wenn die zu erwartende Absturzstelle mit einer gewissen Unsicherheit behaftet ist, weil das Ausmaß der Abbremsung davon abhängt, welche Ausrichtung relativ zur Anströmung  die Schalen der Verkleidung nach der Abtrennung einnehmen, sollten die Aufstiegsbahn und die Zeit der Abtrennung doch so gewählt sein, dass die Wahrscheinlichkeit, bewohntes Gebiet zu treffen, minimiert wird.

Hier liegt in China aber einiges im Argen. Nicht nur landen manchmal ganze Stufen nahe von Siedlungen und bleiben vollkommen ungesichert, obwohl sie auch nach dem Absturz wegen der in den Tanks verbleibenden möglichen Rückstände von Brennstoff und Oxidator noch eine tödliche Gefahr darstellen.

Im Juli 2015 stürzte ein Triebwerk eine Rakete vom Typ Langer Marsch 3B auf ein Feld in der Provinz Guangxi im Süden Chinas. Auch diese Rakete kam aus Xichang; sie startete zwei Navigationssatelliten des chinesischen Beidou-Systems.

Im August stürzte ein Triebwerk einer Rakete vom Typ Langer Marsch 4C in ein Haus, diesmal im Ort Hongjun in der Provinz Shaanxi. Dass hierbei kein Mensch zu Schaden kam, war großes Glück. Mit dieser Rakete wurde der Radarsatellit Yaogan Weixing 27 gestartet – diesmal von der Startbasis Taiyuan, auch im Landesinneren wie Xichang, aber weiter im Nordosten. Die Provinz Shaanxi liegt von Taiyuan aus gesehen im Südwesten.

Wenn China endlich alle, oder doch die meisten seiner Starts zur neuen Startbasis in Wenchang verlagert, wird das permanente Problem der Gefährdung der eigenen Bevölkerung gelöst. Wenchang liegt an der Ostspitze der Insel Hainan im südchinesischen Meer. Es sollte von dort aus möglich sein, Starts ins geostationäre Orbit nördlich um die Philippinen herum zu führen. Die Subspuren bei Starts in sonnensynchrone Bahnen können mit einem Azimuth von etwa 190 Grad knapp östlich an der vietnamesischen Küste vorbei und zwischen den indonesischen Inseln Java und Sumatra hindurch laufen.

Knifflig wären immer noch die Starts in die Bahnen mittlerer Inklination, die typisch für Navigationssatelliten sind. Man müsste knapp an der eigenen Ostküste entlang durch die Meerenge zwischen der Volksrepublik China und Taiwan starten, Japan südlich umgehen und auch aufpassen, dass keine der kleinen, zu Japan gehörenden Inseln gefährdet werden.

Das dürfte eine hochgradig nicht-triviale Aufgabe sein. Sobald man es mit dem Ausland zu tun bekommt, wird die bewährte Kombination aus finanzieller Entschädigung, Zensur und diktatorischer Machtausübung nicht mehr ziehen, mit der die chinesische Regierung die Sache im Griff hat, solange es ausschließlich eine innerchinesische Angelegenheit bleibt.

Michael Khan

Ich bin Luft- und Raumfahrtingenieur und arbeite bei einer Raumfahrtagentur als Missionsanalytiker. Alle in meinen Artikeln geäußerten sind aber meine eigenen und geben nicht notwendigerweise die Sichtweise meines Arbeitgebers wieder.

2 Kommentare

  1. Die Russen scheinen das gleiche Problem zu haben, hört man doch immer wieder von Niedergängen von Raketenmaterial nahe von Dörfern. Nur die NASA ist hier scheinbar noch nie negativ aufgefallen.
    Dabei verfügt mindestens Russland über genügend unbewohnte Fläche um solche Zwischenfälle auszuschliessen. Die Russen müssten einfach einen (ein paar) Korridor für Menschen sperren und schon wäre das Problem gelöst.

    • Die haben ein ähnlich gelagertes Problem, weil sie einer ähnlich gelagerte Ausgangssituation mit einem ähnlichen Lösungsversuch begegneten. Die strategisch wichtigen Startbasen für Raketen wurden weit ins Landesinnere verlegt, weil man hoffte, sie dort besser dem militärischen Zugriff von Gegnern entziehen zu können.

      Dass man bei jedem Start die eigene Bevölkerung gefährdete, war zweitrangig. Die Regierungen waren nicht demokratisch legitimiert und unterstanden auch keiner wirksamen Kontrolle durch staatliche oder internationale Instanzen, sodass es keinen Anreiz zur Schonung der eigenen Bevölkerung gab.

      Die Situation war in der UdSSR insofern anders, als die Bevölkerungsdichte ohnehin wesentlich geringer ist und Mehrzahl der Metropolen im Westen das Landes und somit durch Raketenstarts ungefährdet sind.

      China hat aber mit der Insel Hainan einen schon sehr gut geeigneten Standort für eine Startbasis. Viel besser als alles, was Russland hat oder was die Sowjetunion je hatte.

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