Funktionieren anonyme Bewerbungen?

BLOG: Go for Launch

Raumfahrt aus der Froschperspektive
Go for Launch

Gefühlte 50 Mal wurde heute in den Nachrichten über eine Studie berichtet, die belegen soll, dass anonyme Bewerbungen für mehr Chancengleichheit sorgen soll. Leider verlieren sich die Berichte im Ungefähren, wenn man wissen möchte, wie das konkret funktionieren soll oder bei welcher Art von Stellenbesetzungen denn positive Erfahrungen mit anonymen (oder anonymisierten) Bewerbungen gesammelt wurden, also solchen, die keine Auskunft über Geschlecht, Herkunft, Alter und ethnische Herkunft geben. 

Ich versuche mal, die Frage der anonym(isiert)en Bewerbungen von der Warte meines Arbeitsumfelds aus zu betrachten. Es handelt sich um die wissenschaftsnahe Technik, wie sie weiten Teilen der europäischen Industrie entspricht. Die Sichtung und Bewertung von Bewerbungen und die Durchführung von Vorstellungsgesprächen ist Teil meiner Arbeit, wenn auch zum Glück nicht meine Hauptaufgabe.

Da sind zum einen die Zeugnisse. Als ich ins Berufsleben eintrat, gehörten in die Bewerbungsmappe zwingend beglaubigte Kopien der Zeugnisse zumindest der Universität. Heute, im Zeitalter der elektronischen Bewerbung, sieht man das nicht mehr so eng, aber dennoch – Kann man Zeugnisse wirklich anonymisieren? Damit wird es doch zumindest denen etwas zu leicht gemacht, denen man unehrliche Handlungen nicht zu leicht machen sollte.

Und überhaupt: Auf einen Migrationshintergrund kann man ja auch schon anhand von Zeugnissen schließen. Oberschule in Diyarbakir, Universität Ankara … Preisfrage: woher stammt der Kandidat? Also müssten konsequenterweise die Zeugnisse ganz weggelassen werden, denn sonst ist allein aufgrund der so preisgegebenen Information mit einer Benachteiligung zu rechnen. Oder nicht?

Aber halt – auch die Sprachkenntnisse gibt man ja üblicherweise an, und die Beherrschung von Paschtu als  Muttersprache ist eine aussagekräftige Information. Das sollte also auch weggelassen werden.

Auch Rückschlüsse auf das Geschlecht des Bewerbers ergeben sich aus dem Lebenslauf. Abitur 1996, Studienantritt Wintersemester 1997/98. Dazwischen könnte natürlich eine Weltreise oder ein Aufenthalt als freiwilliger Aufbauhelfer im Sahel gelegen haben … wahrscheinlich war’s aber doch der Wehrdienst, also ist’s ein Mann. Wie kaschiert man das?

Auch ohne explizite Nennung des Alters sollte aus einem tabellarischen Lebenslauf doch jedem, der die Bewerbung liest und nicht ganz dumm ist, schnell klar werden, um welchen Jahrgang es sich handelt. Wenn nicht ganz exakt, dann zumindest auf ein, zwei Jahre genau, und für einen diskriminationswilligen Personalchef ist das schon exakt genug. Konsequenterweise sollte der tabellarische Lebenslauf also nicht angeben, wann man die Ausbildung durchlaufen hat und wie viele Jahre in den verschiedenen Stationen des beruflichen Werdegangs verbracht wurden. Denn sonst nützt das Weglassen des Alters auch nichts. Am Besten, man lässt gleich den ganzen tabellarischen Lebenslauf weg, denn allein die Anzahl der Qualifikationen gibt Hinweise, die zu Benachteiligung führen können.

Fein. Jetzt passt ja schon alles auf eine halbe Seite.

Dann haben wir Referenzen. Es ist nicht unüblich, in einer Bewerbung die Namen von Personen zu nennen, die – hoffentlich positive – Auskunft erteilen können. Alternativ legt man der Bewerbung Empfehlungsschreiben und Zeugnisse bei. Wie soll das anonym funktionieren? Gar nicht – also entfällt eine weitere Informationsquelle für den Entscheider.

Gerade bei einer Bewerbung um eine akademische Stelle oder eine, in der die akademische oder wissenschaftliche Leistung von Belang ist, gibt man eine Liste eigener Publikationen an. Das ist für den, der die Bewerbung bewerten soll, sogar die aussagekräftigste Information. Ich schaue mir genau die Liste der Veröffentlichungen eines Bewerbers an, wenn möglich auch die Veröffentlichungen (“papers”) selbst.

Die sagen nicht nur aus, was dieser Mann oder diese Frau wirklich gemacht hat (was eben nicht dasselbe sein muss wie das, was die Person von sich behauptet). Man sieht, wenn man sich in der Materie auskennt, auch, ob es sich um jemanden handelt, der methodisch an eine Aufgabe herangeht. Ob es sich um jemanden handelt, der eine wirkliche Leistung erbracht hat, oder nur um einen Blender, der das Brett grundsätzlich da anbohrt, wo es am dünnsten ist. Ob die papers Tiefgang haben oder nur pedestrian sind, also Leichtgewichte. Ob es sich um peer-reviewed papers handelt, und wenn ja, in welchen Journalen, oder nur um Vorträge bei möglicherweise obskuren Konferenzen, bei denen eh keiner zuhört und alles durchgewinkt wird. Ob es sich um jemanden handelt, der immer nur denselben eng umschriebenen Bereich beackert oder um jemanden, der auch mal etwas Neues angeht. Ob die papers fast alle solche sind, bei denen die erste Seite nur aus Autorennamen besteht. Und so weiter.

Wissenschaftliche Veröffentlichungen kann man nicht anonymisieren. Sie dienen doch gerade dem gegenteiligen Zweck: Ein wissenschaftlich arbeitender Mensch macht sich einen Namen in der Fachwelt durch die Publizierung eigener Forschungsergebnisse. Man kann sich keinen Namen machen, wenn man ihn nicht auf die eigene Arbeit schreibt. Also darf, wenn die Bewerbung anonym sein soll, auch keine Publikationsliste enthalten sein.

So, wenn jetzt alles weggelassen wird, was der Anonymisierung zuwiderläuft, dann frage ich mich, was überhaupt noch in der Bewerbung stehen darf und worauf man dann noch die Entscheidung basieren soll … keine Ahnung, ehrlich gesagt.

Eins erscheint mir ziemlich offensichtlich: Nicht nur funktioniert so ein anonymes Bewerbungsverfahren in einem Umfeld nicht, in dem akademische und wissenschaftliche Qualifikationen auch nur irgendeinen Stellenwert haben. Aber genau solche Stellen sind doch die, die in einer wissensbasierten Gesellschaft wichtig sind. Zudem schadet ein anonymes Bewerbungsverfahren den guten Leuten. Die hochbegabte und motivierte Bewerberin beispielsweise, die fleißig ist, viel veröffentlicht und den erheblichen Aufwand auf sich nimmt, jedes Mal ihre Arbeit dem peer-review zu unterwerfen, wird de facto gezwungen, ihr Licht unter den Scheffel zu stellen. Ihre Bewerbung unterscheidet sich dann formal kaum noch von der des Faulpelzes, der sich aber im Bewerbungsschreiben gut zu präsentieren weiß.

Wenn die Faktenlage dünn wird, steigt die Bedeutung der Selbstdarstellung und es schlägt die Stunde der Blender. Ich kann schon verstehen, was man erreichen will, wenn man anonyme Bewerbungsverfahren fordert. Ein hehres Ziel, aber ich sehe nicht, wie man diesem so näher kommt. Im Gegenteil, gerade solchen Entscheidern, die ihre Auswahl gewissenhaft und auf der Basis wirklicher Qualifikation treffen möchten, wird die Arbeit erschwert. Gut gemeint ist eben nicht dasselbe wie gut gemacht.

Wäre ich gehässig, dann würde ich vermuten, dass solche Ideen typischerweise ihre Ursprung dort haben, wo das Mittelmaß regiert und wo sich wirkliche Hochqualifikation nicht wohl fühlt: in der Politik.

Ich bin Luft- und Raumfahrtingenieur und arbeite bei einer Raumfahrtagentur als Missionsanalytiker. Alle in meinen Artikeln geäußerten Meinungen sind aber meine eigenen und geben nicht notwendigerweise die Sichtweise meines Arbeitgebers wieder.

3 Kommentare

  1. Zeugnisse

    Tatsächlich werden Zeugnisse tatsächlich nicht verlangt (sie sind sogar ausdrücklich ausgeschlossen).
    Es geht wohl auch nur darum, wen man zum Vorstellungsgespräch einladen möchte, dort ist die Anonymisierung dann aufgehoben.

    Tatsächlich ist ihr Einsatz wohl sehr begrenzt, aber etwas ähnliches gibt es bereits seit den 60er Jahren in den USA 8dort allerdings mit Namen: http://www.tagesschau.de/wirtschaft/anonym108.html )

  2. Ergänzung

    Ich würde übrigens (bei aller Sympathie die ich der Studie in Prinzip entgegen bringe) auch nicht ausschließen wollen, dass wir es beim Erfolg durchaus mit “selection bias” zu tun haben – die beteiligten Firmen wollen ja keine Diskriminierung, also ist diese schon einmal minimiert. Diskriminierende Firmen nehmen an der Studie nicht teil.
    Und wenn man so eine Studie macht, begünstigt man eventuell sogar entsprechende Mitarbeiter, um einen Erfolg zu garantieren (sonst war die Studie ja umsonst).
    Aber das ist nur Spekulation.

  3. Vorteil:

    Danke – der Blog-Artikel trifft ins Schwarze!
    Ein Vorteil von anonymen Bewerbungen ist mir aber doch noch eingefallen: Das Bewerbungsfoto entfällt. Und sofern es nicht um eine Modelkarriere geht, ist mir nicht klar, wozu so ein Foto gut sein soll…

Schreibe einen Kommentar