Nach der Erhebung ist vor der Auswertung

Studienteilnehmer:innen bei der Abschlussveranstaltung an der Universität Augsburg

Erfahrungen aus der empirischen Feldphase der Langzeitstudie „Digitaler Stress im Medienalltag“

(Autor:innen: Svenja Stein, Lisa Waldenburger und Jeffrey Wimmer, Universität Augsburg)

Ein wichtiger Schritt ist geschafft: Nach eineinhalb Jahren sind die Erhebungen unserer Langzeitstudie im Forschungsprojekt „Digitaler Stress im Medienalltag“ erfolgreich abgeschlossen. Die Arbeit ist damit aber noch nicht getan – nun geht es darum, die Auswertung des gesammelten Materials zu vertiefen. Doch zunächst werfen wir einen Blick zurück auf das Forschungsdesign im Projekt und damit einhergehende Erkenntnisse.

Von November 2020 bis einschließlich März 2022 wurde eine Langzeitstudie mit 21 Teilnehmer:innen durchgeführt, um digitalen Stress besser zu erforschen. Forschungsleitende Fragen der Studie waren dabei:

  • Welche Formen von digitalem Stress nehmen Mediennutzer:innen wahr und wie bewerten sie diese?
  • Wie ist digitaler Stress in den freizeitbezogenen Alltag der Mediennutzer:innen eingebunden und wie gehen sie damit um?
  • Welche Rolle spielen Kontextfaktoren (u.a. Mediensozialisation, Kompetenzen, Peers, Mediendiskurs) auf die Wahrnehmung von und dem Umgang mit digitalem Stress?

Im Rahmen der Studie, die in fünf verschiedene Erhebungsphasen unterteilt war, füllten die Teilnehmenden unter anderem Medientagebücher aus, nahmen an verschiedenen Interviews und Gruppendiskussionen teil, testeten unterschiedliche Bewältigungsstrategien gegen digitalen Stress und schickten uns Fotos ihrer Medienplätze (siehe Abbildung 1).

Studiendesign Langzeitstudie Digitaler Stress im Medienalltag
Abb. 1: Forschungsdesign der Langzeitstudie “Digitaler Stress im Medienalltag”

Zusätzlich nahmen 15 der Studienteilnehmer:innen an der supplementären Biomarker-Studie, die wir gemeinsam mit Projekt B4 „Psychologische Determinanten und biologische Stressreaktionsmuster bei digitalem Stress“ des Forschungsverbunds ForDigitHealth durchgeführt haben, teil. Hier wurde mittels Speichel- und Blutprobe der Cortisolwert bestimmt und so die biopsychologischen Stressreaktionen mit einbezogen.

Die zunächst in Präsenz geplante Studie wurde aufgrund der Covid19-Pandemie und den damit verbundenen Kontaktbeschränkungen im Sommer 2020 kurzerhand ins Digitale transferiert. Dazu wurden die Medientagebücher digitalisiert, die Interviews und Gruppendiskussionen auf die Umsetzung über das Videokonferenztool Zoom zugeschnitten und auch die ethnographischen Beobachtungen der Medienumgebung angepasst. Die generelle Kommunikation mit den Studienteilnehmer:innen erfolgte, wie ursprünglich geplant, per E-Mail.

Neben der Erfassung von spezifischen Veränderungen der Mediennutzung während des Lockdowns (vgl. Waldenburger/Wimmer 2021a[1]) und der generellen Stimmung der Studienteilnehmer:innen in Bezug auf digitalen Stress, hatte der Wechsel ins Digitale weitere Vorteile, aber auch Schwierigkeiten mit sich gebracht. Die Durchführung der Interviews und besonders der Gruppendiskussionen online hat in Bezug auf Terminfindung und Anreise deutliche Vorteile, gerade für die Studienteilnehmenden. Gleichzeitig lassen sich so technische Inhalte, wie beispielsweise Videos oder Dokumente leichter in die Gespräche einbetten. Die Sorge vor technischen Problemen, die auch wir in der Planungsphase hatten, hat sich nicht bestätigt. Alle Interviews und Gruppendiskussionen konnten wie geplant durchgeführt werden, alle Studienteilnehmer:innen sind mit der Nutzung von Zoom klargekommen und kurze technische Störungen, zumeist aufgrund von Internetproblemen haben sich kaum auf die Inhalte des Gesprächs selbst ausgewirkt (vgl. Waldenburger/Wimmer 2021b[2]). Auch mussten keine Erhebungspausen aufgrund erneuter Kontaktbeschränkungen eingelegt werden. Generell wirkten die Studienteilnehmer:innen entspannt, haben sie sich sowohl die Zeit, als auch den Ort selbst ausgewählt und konnten sich aus den eigenen vier Wänden ins Gespräch zuschalten. Die niederschwellige Kommunikation via Mail führt zusätzlich dazu, dass im Anschluss an die Interviews und Gruppendiskussionen einige TeilnehmerInnen die Option nutzten, weiterführende Gedanken schriftlich mitzuteilen.

Eine weitere Sorge, unabhängig von der Digitalisierung der Studie, ist generell die Aufrechterhaltung des Panels über einen solchen langen Zeitraum hinweg. Mit Losses to follow up bezeichnet man in der Langzeitforschung Studienteilnehmer:innen, die die Studie als Ganzes nicht beendet haben und der Kontakt zwischen ForscherInnen und Studienteilnehmer:in abgebrochen ist. Ziel ist es, diese Zahl möglich gering zu halten, in dem man die TeilnehmerInnen regelmäßig kontaktiert und die Kontaktdaten aktuell hält. Zusätzlich erhielten die TeilnehmerInnen von uns monetäre Entschädigungen für die Teilnahme an der Studie (Incentives) und wir achteten darauf, sehr klar unser Forschungsinteresse und den mit der Teilnahme verbundenen Aufwand zu kommunizieren. Auch konnten bestimmte Erhebungsphasen bei Bedarf ausgelassen oder nachgeholt werden, wenn es zeitlich beispielsweise gerade nicht möglich war ein Medientagebuch auszufüllen, was allerdings kaum genutzt wurde. Damit gelang es uns, mit allen Studienteilnehmer:innen über die eineinhalb Jahre die Studie durchzuführen.

Für unsere Forschung war es sehr interessant und zugleich bivalent, dass Forschungsthema und Methodik über den digitalen Aspekt miteinander verbunden waren. So löst die Nutzung von Zoom oder auch die Verwendung der Apps zur Stressbewältigung zusätzlichen Stress bei den Studienteilnehmer:innen aus, machte aber gleichzeitig auf die Relevanz des Forschungsprojekts aufmerksam. Insgesamt hat unser Forschungsdesign einen inkrementellen Aufbau, das heißt, dass wir versucht haben, über immer neue Aspekte die zu Beginn formulierten Forschungsfragen zu beantworten und ein übergreifendes Verständnis von digitalem Stress im Medienalltag zu erlangen. Dazu wurde bereits nach dem Erhalt der ersten Medientagebücher mit der Auswertung der Daten begonnen (vgl. Waldenburger/Wimmer 2022a[3]) und diese wieder in die Konzeption der nächsten Phase eingebettet. So beruhten beispielsweise die vierte Feldphase und die Liste der ausgewählten Bewältigungsstrategien größtenteils auf der Analyse des bisherigen Materials und ergänzenden Erhebungen (Stein/Waldenburger/Wimmer 2021[4]) und ermöglichte eine Validierung bzw. Erweiterung der bisherigen Ergebnisse. Diese wurden anschließend bereits auf internationalen Tagungen präsentiert und in Beiträgen publiziert – wie beispielsweise die Rolle von Medienkompetenz für den Umgang mit digitalem Stress, worauf in Phase drei der Fokus lag (Waldenburger/Wimmer 2022b[5]). Nach Abschluss der Feldphase der Langzeitstudie gilt es nun, die gesammelten Daten aufzubereiten und in einen größeren Kontext, mit besonderem Blick auf die Veränderungen im Laufe der Zeit, zu setzen.

Wir möchten uns an dieser Stelle erneut bei allen Studienteilnehmer:innen für ihre engagierte Teilnahme in unserem Forschungsprojekt bedanken und sind ebenso wie sie gespannt auf die Ergebnisse.

Studienteilnehmer:innen Digitaler Stress im Medienalltag - Langzeitstudie
Da es das Infektionsgeschehen zuließ, wollten wir unseren Teilnehmer:innen nach dem monatelangen digitalen Austausch abschließend die Möglichkeit geben, sich einmal persönlich zu treffen bzw. das Forscherteam und die Universität Augsburg kennenzulernen. Deshalb luden wir unsere Studienteilnehmer:innen im Mai 2022, nach Ende der digitalen Erhebungen, zu einem Abschlusstreffen mit kleinem Programm und Buffet zu uns an die Universität ein.

Bitte zitieren als: Stein, Svenja; Waldenburger, Lisa; Wimmer, Jeffrey (2022). Nach der Erhebung ist vor der Auswertung – Erfahrungen aus der empirischen Feldphase der Langzeitstudie “Digitaler Stress im Medienalltag” 20.06.2022. Online verfügbar unter: https://scilogs.spektrum.de/gesund-digital-leben/nach-der-erhebung-ist-vor-der-auswertung/


[1] Waldenburger, Lisa; Wimmer, Jeffrey (2021a). Getting Along With The Crisis? - The Impact Of Covid19 On Media Use. ESA Oral Presentation, 31. August -3. September, Barcelona, Spain.
[2] Waldenburger, Lisa; Wimmer, Jeffrey (2021b). Game Changer Covid19? – Insights From Doing Qualitive Interviews Online. ESA Oral Presentation, 31. August -3. September, Barcelona, Spain.
[3] Waldenburger, Lisa; Wimmer, Jeffrey (2022a). Qualitative content analysis of media diaries with a focus on further qualitative online interviews. In SAGE Research Methods: Doing Research Online. SAGE Publications, Ltd. https://dx.doi.org/10.4135/9781529601947
[5] Waldenburger, Lisa; Wimmer, Jeffrey (2022b): Digitale Medien, Gesundheit und Medienkompetenz im Alltag: Das Phänomen Digitaler Stress. In: Alexandra Manzei-Gorsky, Cornelius Schubert und Julia von Hayek (Hg.): Digitalisierung und Gesundheit: Nomos, S. 303–326. doi.org/10.5771/9783748922933-303

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Lisa Waldenburger ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Kommunikationswissenschaft mit Schwerpunkt Medienrealität der Universität Augsburg. Sie forscht und bloggt zum Thema „Digitaler Stress im Medienalltag“ im Rahmen des bayerischen Verbundprojekts „Gesunder Umgang mit digitalen Technologien und Medien“ (ForDigitHealth).

6 Kommentare

  1. Gratulation zu dem Thema insgesamt.
    Wenn man Stress quantitativ erfasst hat, dann haben auch die Gewerkschaften etwas Greifbares bei der Festlegung von Arbeitslöhnen.
    Interessant zu wissen wäre auch, wie Frauen und Männer unterschiedlich auf Stress reagieren. Wir sind gespannt.

    • Vielen Dank! Und ja, wir werden die Daten auch im Hinblick auf Geschlechterunterschiede auswerten, wobei sich bisher zeigt, dass die Unterschiede im Alter und im “Aufwachsen mit Medien” scheinbar eine größere Rollen spielen. Aber es bleibt spannend!

    • Vielen Dank für Ihren Kommentar.
      Wie in qualitativen Studien üblich, haben wir versucht ein diverses Panel zu generieren. Dies ist uns im Hinblick auf Alter, Einkommen, Mediensozialisation und Freizeitgestaltung gelungen, andere Parameter, wie die Hautfarbe oder Migrationserfahrungen konnten nur begrenzt berücksichtigt werden. So sind zwei der 21 Studienteilnehmer:innen zumindest nicht in Deutschland aufgewachsen.
      Wir nehmen Ihren Hinweis gerne auf, falls wir weitere Forschung zum Thema “digitalen Stress” anstoßen, dann auch weitere Bevölkerungsgruppen zu integrieren.

  2. Besten Dank. Es ist sehr interessant zu lesen, über welche und wie viel unterschiedliche Untersuchungsschritte die Teilnehmer:innen sich in der Forschung mit beteiligt und engagiert haben. Ich finde die Idee des Abschlussworkshops sehr inspirierend und bin beeindruckt ob der Beteiligung.
    Hatten die Teilnehmer:innen zwischendrin Feedback zu den angesprochenen, zwischenzeitlichen Auswertungsergebnissen erhalten bzw. auch die Möglichkeit erste Erkenntnisse vor der nächsten Untersuchungsrunde zu erfahren?

    • Das freut uns zu hören, dass das Untersuchungsdesign auch bei Kolleg:innen anderer Disziplinen auf Interesse stößt.
      Bezüglich der Frage zur Einbettung der Ergebnisse früherer Phasen – einige der Erkenntnisse aus den ersten Phasen wurden aufbereitet und gemeinsam in den Gruppendiskussion und auch Einzelinterviews diskutiert. Auch wurde immer wieder auf die vorangegangenen Medientagebücher Bezug genommen und mit den aktuellen verglichen. Diese Reflexionen waren aktiver Teil der Erhebung und fanden im Rahmen der Interviews statt (und nicht wie vermutet im Vorfeld der nächsten Untersuchungsrunde).

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