Lernen während der Pandemie: Stress beim Home-Schooling?

(Autorinnen: Tamara Scholze & Wienke Wannagat – Universität Würzburg )

Die Entwicklung hin zu einem von digitalen Technologien und Medien bestimmten Alltag wird im Moment durch die Corona-Pandemie verstärkt vorangetrieben. Dies betrifft nicht nur Erwachsene im Home-Office, sondern auch Kinder und Jugendliche beim Home-Schooling. Die Schulschließungen führten dazu, dass Kinder und Jugendliche noch mehr als sonst digitale Technologien und Medien nutzen mussten. Die Videokonferenz ersetzte das Klassenzimmer, Hausaufgaben wurden per E-Mail verschickt oder die Lösungen auf ein Lernportal hochgeladen – und gleichzeitig herrschte reger Austausch in der Klassen-WhatsApp-Gruppe.

Dieses Szenario, also eine kaum zu bewältigende Flut (digitaler) Nachrichten, die viele Erwachsene vielleicht aus dem Büroalltag kennen, wird in der Forschungsliteratur zu digitalem Stress als Overload bezeichnet. Damit umzugehen stellt hohe Anforderungen an unsere kognitiven Fähigkeiten. Um uns auf eine Aufgabe konzentrieren zu können, müssen wir nicht-relevante Informationen, wie etwa WhatsApp-Benachrichtigungen, ausblenden. Oder wir müssen schnell zwischen verschiedenen Aufgaben, wie etwa dem Beantworten von E-Mails oder Textnachrichten und dem Schreiben eines Textes hin- und herwechseln. Schnell wird aus der Herausforderung eine Überforderung: Es entsteht Stress.

Kinder und Jugendliche sind besonders vulnerabel für Stress durch digitalen Overload

Aus der entwicklungs- und neuropsychologischen Forschung lässt sich ableiten, dass diese Schwelle zwischen Herausforderung und Überforderung für Kinder und Jugendliche wohlmöglich niedriger ist als für Erwachsene. Die für die Bewältigung von digitalem Overload zentralen Fähigkeiten, also das Ausblenden irrelevanter Reize („Inhibition“) und der schnelle Wechsel zwischen unterschiedlichen Aufgaben („Shifting“), zusammenfassend auch als exekutive Funktionen bezeichnet, entwickeln sich während der Kindheit bis hinein ins Jugendalter. Exekutive Funktionen sind neurophysiologisch mit dem präfrontalen Cortex assoziiert, dessen vollständige Reifung erst im jungen Erwachsenenalter erreicht wird. Die noch andauernde neurologische Reifung macht Kinder und Jugendliche nicht nur möglicherweise besonders anfällig für Stress in Situationen, in denen sie mit einer Vielzahl digitaler Reize und Aufgaben konfrontiert sind. Studien haben außerdem – wenig überraschend – gezeigt, dass Kinder und Jugendliche Aufgaben unter Overloadbedingungen schlechter bewältigen als Kinder und Jugendliche, die die Aufgaben ohne Overload bearbeiten.

Wie kann man damit umgehen?

Für Eltern und Lehrer:innen stellt sich nun die Frage, wie sie Kinder und Jugendliche unterstützen können. Der naheliegende Ansatz, als ersten Schritt das Handy wegzuschließen, ist mit Vorsicht zu betrachten. Studien haben gezeigt, dass die Gedanken trotzdem weiterhin um das Handy und das, was in der Zwischenzeit verpasst werden könnte, kreisen. Das Handy lenkt also auch in seiner Abwesenheit weiter ab und die Angst, etwas zu verpassen, wird auch als Auslöser für (digitalen) Stress diskutiert. Die Gestaltung einer kindgerechten Lernumgebung unter Pandemiebedingungen ist also eine besondere Herausforderung.

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Bitte zitieren als: Scholze, Tamara; Wannagat, Wienke (2020). Lernen während der Pandemie: Stress beim Home-Schooling? 15.12.2020. Online verfügbar unter: https://scilogs.spektrum.de/gesund-digital-leben/lernen-wahrend-der-pandemie-stress-beim-home-schooling/

Quellen:

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Kubesch, S. (2016). Entwicklung, Testung und neuronale Korrelate „kalter“ und „heißer“ exekutiver Funktionen. In S. Kubesch (Hg.), Exekutive Funktionen und Selbstregulation: Neurowissenschaftliche Grundlagen und Transfer in die pädagogische Praxis (2. Aufl., S. 75–86). Hogrefe

Miyake, A., Friedman, N. P., Emerson, M. J., Witzki, A. H., Howerter, A. & Wager, T. D. (2000). The unity and diversity of executive functions and their contributions to complex “Frontal Lobe” tasks: a latent variable analysis. Cognitive psychology, 41(1), 49–100. https://doi.org/10.1006/cogp.1999.0734

Prencipe, A., Kesek, A., Cohen, J., Lamm, C., Lewis, M. D. & Zelazo, P. D. (2011). Development of hot and cool executive function during the transition to adolescence. Journal of experimental child psychology, 108(3), 621–637. https://doi.org/10.1016/j.jecp.2010.09.008

Rosen, L. D., Lim, A. F., Carrier, L. M. & Cheever, N. A. (2011). An Empirical Examination of the Educational Impact of Text Message-Induced Task Switching in the Classroom: Educational Implications and Strategies to Enhance Learning. Revista de Psicología Educativa, 17(2), 163–177. https://doi.org/10.5093/ed2011v17n2a4

Tarafdar, M., Pullins, E. B. & Ragu-Nathan, T. S. (2014). Technostress: negative effect on performance and possible mitigations. Information Systems Journal, 25(2), 103–132. https://doi.org/10.1111/isj.12042

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Veröffentlicht von

Tamara Scholze ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Entwicklungspsychologie der Universität Würzburg. Sie forscht und bloggt zum Thema „Digitaler Stress bei Kindern und Jugendlichen“ im Rahmen des bayerischen Verbundprojekts „Gesunder Umgang mit digitalen Technologien und Medien“ (ForDigitHealth).

3 Kommentare

  1. Zitat:

    Die noch andauernde neurologische Reifung macht Kinder und Jugendliche nicht nur möglicherweise besonders anfällig für Stress in Situationen, in denen sie mit einer Vielzahl digitaler Reize und Aufgaben konfrontiert sind.

    Dass Kinder mit digitalem Stress schlechter umgehen können als Erwachsene scheint mir zuerst einmal der gängigen Meinung zu widersprechen, dass Kinder und Jugendliche als „Digital Natives“ sich in der digitalen Welt wie Fische im Wasser bewegen – im Gegensatz zu Erwachsenen, die in ihrer Jugend das Digitale noch nicht kannten.

    Allerdings scheint es mir plausibel, dass Kinder im Durchschnitt mehr Schwierigkeiten haben sich dem Digitalen und den damit verbundenen Interaktionen zu entziehen. Das zeigte sich schon vor 20, 30 Jahren als viele, vor allem männliche Jugendliche, eine Spielsucht entwickelten und kaum noch von ihren Geräten wegzulocken waren.

    Wenn diese Unfähigkeit sich selbst zu kontrollieren, sich den digitalen Verlockungen zu entziehen tatsächlich normal ist für die Entwicklungsstufe, in der sich Kindern und Jugendliche befinden, dann muss die Gesellschaft, dann müssen die Erzieher tatsächlich eine Umgebung für Kinder und Jugendliche schaffen in der sie loslassen können oder gar loslassen müssen. Wenn man hier im Artikel liest, einfach das Handy wegzunehmen helfe nicht, weil die Kinder geistig weiterhin damit beschäftigt seien, was sie nun verpassten, so heisst das doch nur, dass man eben andere Wege finden muss, um die Kinder von digitalem Stress zu befreien.

  2. Lieber Herr Holzherr,
    vielen Dank für Ihren Kommentar.

    Dass Kinder mit digitalem Stress schlechter umgehen können als Erwachsene scheint mir zuerst einmal der gängigen Meinung zu widersprechen, dass Kinder und Jugendliche als „Digital Natives“ sich in der digitalen Welt wie Fische im Wasser bewegen – im Gegensatz zu Erwachsenen, die in ihrer Jugend das Digitale noch nicht kannten.

    Das sehen wir genau wie Sie. Mit unserer Forschung möchten wir einen Beitrag leisten, diesen scheinbaren Widerspruch aufzulösen. Wir vermuten, dass Medienkompetenz möglicherweise über das Wissen darüber, wie man technische Geräte bedient oder über soziale Medien kommuniziert, hinausgeht und auch selbst-regulative Kompetenzen umfasst.

    Beste Grüße!

  3. Homeschooling (Anmerkung, schon optisch ein fürchterliches Wort) , soziale Medien, TV, Onlinegeschäfte, das sollte man getrennt halten, wenn man den Stressfaktor betrachtet.
    Stress entsteht, wenn man unter Zeitdruck arbeiten muss oder wenn man der Aufgabe nicht gewachsen ist.
    Beim Home-Schooling sind die Schulen der Aufgabe nicht gewachsen, nicht die Schulkinder. Bei unserem Enkel schafft es die Lehrerin gerade mal am Freitagabend ein e-mail mit den Aufgaben für die nächste Woche zu verschicken. Kein Witz.
    Wie sollen die Eltern helfen, ganz einfach, mit Gelassenheit.

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