Interdisziplinäre Zusammenarbeit: Einblicke in unseren Forschungsverbund

Lea Reis, Stefanie Lahmer & Linda Becker

Unsere Erwartungen an die anstehende Mitgliederversammlung im März waren hoch: Endlich wieder ein Präsenztreffen! Also endlich wieder Kollegen und Kolleginnen treffen, sich endlich wieder persönlich austauschen, endlich wieder gemeinsam produktiv sein. Eine Art Aufbruchsgefühl machte sich breit.  

Dieses Gefühl wollten wir in der Methoden-AG[1] für die Arbeit mit dem Verbund nutzen, hatten wir uns doch nicht wenig für dieses Treffen vorgenommen. Das Thema des Tages: Methodenweiterentwicklung. Genauer, wollten wir erarbeiten, was für uns als Verbund eine Methodenweiterentwicklung ausmacht und an welcher Stelle Erfassungsmethoden für digitalen Stress in den Einzelprojekten, aber auch in der verbundübergreifenden Arbeit, erweitert oder weiterentwickelt wurden. Dazu war es, aus unserer Sicht, notwendig, erstens, gemeinsam eine klare Definition dessen zu verfassen, was eine Methodenweiterentwicklung überhaupt ist und wie sie sich gegenüber der Anwendung von Methoden abgrenzen lässt und, zweitens, eine Auflistung im Verbund entstandener methodischer Weiterentwicklungen zu erhalten, mit der wir nach dem Treffen weiterarbeiten könnten.

Zwei-Phasen-Plan: Erst intradisziplinär Erkenntnisse gewinnen, dann interdisziplinär diskutieren

Um diese beiden Ziele zu erreichen, hatten wir uns im Vorfeld ein zweistufiges Vorgehen überlegt: In der ersten Phase wollten wir die Mitglieder in Disziplinen zusammenbringen, um eine disziplininterne Definition der Methodenweiterentwicklung zu finden, und sich gegenseitig potentielle Weiterentwicklungen aus den eigenen Projekten zu präsentieren und einzuordnen, ob es sich um eine Methodenweiterentwicklung handelt. In der zweiten Phase wollten wir die entstandenen Definitionen vergleichen und im Plenum mit allen Mitgliedern diskutieren, um uns auf eine Verbund-Definition zu einigen und existierende potentielle Methodenentwicklungen danach einzuordnen.

Gesagt, getan. Die Mitglieder wurden in Disziplinen aufgeteilt und in eine 45-minütige Gruppenphase entlassen. Innerhalb der Gruppen wurde fleißig diskutiert, über mögliche Abgrenzungen und Eigenschaften einer Methodenweiterentwicklung, ob es harte oder fließende Übergänge von Weiterentwicklung und Anwendung gibt, über Grade der Weiterentwicklung und vieles mehr. Die Mitglieder berichteten, dass die Diskussionen kreativ und spannend waren und direkt in die Tiefe gingen. Bis dahin war also alles wie geplant gelaufen.

Die Vorstellung einer gemeinsamen Definition ist wenig praktikabel

Die zweite, interdisziplinäre Phase, bei der eine gemeinsame Definition gefunden werden sollte, lief nicht ganz wie geplant. Das Gespräch lief zu Beginn der großen Runde schleppend, die Euphorie und Redebereitschaft der Gruppenphase war wie weggeblasen. Statt der erwarteten Diskussion der verschiedenen Definitionen, bekamen wir respektvolle Akzeptanz der existierenden Unterschiede. Statt Antworten auf unsere Fragen bekamen wir nur mehr Fragen, die beantwortet werden wollten. Wir merkten schnell, dass unsere „klare Vision“ des Tages zu einfach gesteckt und unsere Auffassung der Einfachheit der Aufgabe zu naiv war. Eine Definition, auf die sich alle verständigen könnten, wäre vor allem eins: sehr generisch und daher wenig substantiell.

Interdisziplinäre Perspektiven auf Methodenweiterentwicklung: Entwicklung oder Transformation? Grade der Transformation? Ebenen der Transformation?

Doch obwohl wir keine „einfache“ Antwort erhielten, bereicherten die aufkommenden Fragen dennoch unser Verständnis darüber, was die Methodenentwicklung im Verbund charakterisieren könnte: Beispielsweise kam die Frage auf, ob denn „Weiterentwicklung“ überhaupt der richtige Terminus sei und ob es nicht eher als „Transformation“ betitelt werden sollte. Dabei könne man dann verschiede Grade der Transformation beschreiben: 1) die Anwendung, bei der die bestehende Erfassungsmethodik zur Erfassung der Daten genutzt wird, 2) die Kontextualisierung der Erfassungsmethodik bei der die bestehenden Messinstrumente auf einen Kontext angepasst werden und 3) die Neuentwicklung von Messinstrumenten. Allerdings gab es auch hier unterschiedliche Auffassungen der Disziplinen, was wohl eine Transformation ausmacht. Während die Entwicklung eines Messinstruments in der Psychologie einen eindeutigen Beitrag darstellt, gilt dies in der Wirtschaftsinformatik als geringfügige Anpassung und in den qualitativen Disziplinen, wie der Kommunikationswissenschaft, als reine Anwendung. In qualitativen Untersuchungen werden die Messinstrumente schließlich jedes Mal neu entwickelt und das gehört nun einfach zum Handwerk. Auch das „Method Borrowing“, also das Ausleihen einer Methodik aus einer anderen Fachgruppe für die eigene Forschung, und das Verschieben von Methoden in die digitale Welt, konnten nicht klar eingeteilt werden. Die Mitglieder diskutierten weiterhin, ob es Transformation auf verschiedenen Ebenen gebe: Neben den Messinstrumenten könnte man die Diskussion ausweiten auf Analysemethoden und auch auf das dadurch veränderte Theorieverständnis.

Gemeinsame WERTFREIE Darstellung notwendig

Um die Erkenntnisse zu klassifizieren bräuchte man hier also eher eine Matrix der Grade der Transformation und der dazugehörigen Ebene. In diese Darstellung könnte sich jede Disziplin einordnen. Damit verbunden war die Frage, ob es eine Wertigkeit der entstehenden Felder gibt. Ist eine Transformation oder Weiterentwicklung überhaupt erstrebenswert oder ist eine solide Anwendung nicht ausreichend? Welches Ziel sollte gute Wissenschaft verfolgen? Über diese Fragen könnte man sicher noch stundenlang diskutieren. Wir kommen zu der Erkenntnis, dass eine wertfreie Darstellung hier am geeignetsten ist.

Was wir als Methoden-AG von diesem Tag mitnehmen, ist jedenfalls, dass Interdisziplinarität unserer Arbeit sicher nicht einfacher macht, dafür aber enorm bereichert. Obwohl der „common ground“ im zweiten Teil der Diskussion erst gefunden werden musste, gab uns die aufkommende Diskussion mehr Perspektiven, als wir uns erhofft hatten. Manchmal ist man sich eben einig, dass man sich uneinig ist und das ist vielleicht auch gut so.

Bitte zitieren als: Reis, Lea; Lahmer, Stefanie; Becker, Linda (2022). Interdisziplinäre Zusammenarbeit: Einblicke in unseren Forschungsverbund. 27.04.2022. Beitragsbild von Pixabay: https://pixabay.com/de/illustrations/feedback-r%c3%bcckmelden-gesch%c3%a4ftsleute-2990424/ Online verfügbar unter: https://scilogs.spektrum.de/gesund-digital-leben/interdisziplinare-zusammenarbeit-einblicke-in-unseren-forschungsverbund/


[1] Die sich ergänzenden Fachgebiete arbeiten im Verbund an projekt- und themenübergreifenden Fragestellungen zusammen. Unterschiedliche Sichtweisen der Disziplinen und der Einzelprojekte werden so integriert, um das Phänomen digitaler Stress in seiner Gesamtheit zu verstehen und zu adressieren. Dazu beschäftigt sich der Verbund unter anderem mit unterschiedlichen Arten der Messung und Erfassung von Faktoren des digitalen Stresses im Rahmen einer „Methoden-AG“. Inhaltlich verfolgt die Methoden-AG das Ziel, vorhandenes Wissen zur Erfassung digitalen Stresses zusammenzutragen, zu vermitteln und weiterzuentwickeln.  https://gesund-digital-leben.de/forschungsfelder/verbundweite-themen/erfassungsmethoden/

Gerne möchte der Verbund mit Ihnen diskutieren und jeder Autor freut sich über Ihre Kommentare. Willkommen sind sachliche Kommentare mit Bezug auf den Inhalt des jeweiligen Blogbeitrags. Ebenso sind Meinungen in der Sache oder ergänzende Informationen herzlich willkommen. Trifft dies nicht zu, behalten wir uns vor, die Kommentare nicht freizuschalten. Weitere Informationen dazu finden Sie auch in unserer Netiquette.

Veröffentlicht von

Lea Reis ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik, insbesondere Informationssysteme in Dienstleistungsbereichen, an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Sie forscht und bloggt zum Thema „Ansteckungspotenziale von digitalem Stress“ im Rahmen des bayerischen Verbundprojekts „Gesunder Umgang mit digitalen Technologien und Medien“ (ForDigitHealth).

2 Kommentare

  1. Super Beitrag und ein kleines Praxisbeispiel warum Interdisziplinarität auch jedes Mal eine (lohnenswerte) Konfrontation mit den eigenen Prämissen ist.

  2. Vielen Dank für diesen Beitrag zum interdisziplinären Prozess im Forschungsverbund. Die Leistungen im Bereich der Wissensintegration über die Disziplinen hinweg ist – wie man hier sieht – nicht einfach, aber sowohl zwingend notwendig im gemeinsamen Arbeitsprozess als auch bereichernd für die Beteiligten. Wie hier im Beitrag dargestellt, werden Arbeitsmethodiken entwickelt und ausprobiert, die die Gruppe immer wieder motivieren und weiterbringen.

    Das sich neu entwickelnde Feld der “Integration Experts” wird in ForDigitHealth im Rahmen der Arbeit an der verbundweiten Themen beackert, s. https://gesund-digital-leben.de/forschungsfelder/verbundweite-themen/

    Siehe dazu auch der Beitrag zu Integration Experts, der kürzlich in DUZ Wissenschaft & Management erschienen ist, Ausgabe 1.2022, S. 14-19: https://www.wissenschaftsmanagement-online.de/beitrag/integration-experts-ein-neues-berufsbild-13250

    Für das Forschungsverbundmanagement, für das wir von der Geschäftsstelle zusständig sind, sind diese Aktivitäten bester Treibstoff und eine wahre Freude und motivieren auch uns!

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