Digitale Technologien und Kommunikationsmedien als Stress(aus)löser?

Frau im Auto - Mann mit Laptop

(AutorInnen: Lisa Waldenburger & Jeffrey Wimmer – Universität Augsburg [1])

Wie so viele Dinge im Leben haben auch digitale Technologien und Kommunikationsmedien (DTM) ihre positiven sowie negativen Seiten. Mit ihrer Hilfe können MediennutzerInnen subjektiv gesehen mit den vielfältigen Ansprüchen der Gegenwartsgesellschaft relativ einfach, schnell und flexibel umgehen. Zugleich aber lässt auf gesellschaftlicher Ebene diese Nutzung wiederum die Komplexität der gegenwärtigen sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Verhältnisse und damit einhergehende Zwänge und Anforderungen erheblich ansteigen, auf die die MediennutzerInnen wieder reagieren müssen (vgl. einführend Hartmann und Wimmer 2011).

Gerade im Kontext von digitalem Stress wird dies besonders deutlich. Wurden viele der Geräte ursprünglich angeschafft, um Aufgaben schneller zu bewältigen und Kontakte leichter aufrechtzuerhalten – also um insgesamt den Alltag effektiver zu gestalten und dadurch Stress zu reduzieren –, sind sie für viele Menschen ebenso maßgeblicher Auslöser von Stress.

Im Forschungsverbund ForDigitHealth herrscht Konsens über diesen Doppelcharakter von DTM: „DTM kommt in diesem Zusammenhang eine zumindest ambivalente Rolle zu: einerseits sind sie zentraler Bestandteil der (soziotechnischen) Umgebung und somit ein Belastungsfaktor, der auf Menschen einwirkt, andererseits dienen sie dem Menschen als (persönliche) Ressource zum Umgang mit verschiedensten Belastungen.“ (Gimpel und André 2019, S. 28)

Im Rahmen unseres Projekts „Digitaler Stress im Alltag“ untersuchen wir vor allem all jene Bereiche digitalen Stresses, die sich nicht im beruflichen Kontext abspielen (für beruflichen Kontexte siehe bspw. diesen Beitrag). Wir analysieren die Bedeutung, die Praktiken und den Kontext von digitalem Stress mittels folgender Forschungsfragen:

  • Welche Formen von digitalem Stress nehmen MediennutzerInnen wahr und wie bewerten sie diese?
  • Wie ist digitaler Stress in den freizeitbezogenen Alltag der MediennutzerInnen eingebunden und wie gehen sie damit um?
  • Welche Rolle spielen Kontextfaktoren (Mediensozialisation, Kompetenzen, Peers, Mediendiskurs) auf die Wahrnehmung von und dem Umgang mit digitalem Stress?

In einem ersten Schritt möchten wir unser Verständnis davon, was digitaler Stress in der Freizeit eigentlich ist, schärfen und haben dafür eine qualitative Befragung durchgeführt. Zu welchen vorläufigen Ergebnissen wir gekommen sind, möchten wir im Folgenden darstellen.

Medien und Technologien als Stressauslöser

Oft [sind sie] die Auslöser von Stress, da man immer erreichbar ist und ich neue E-Mails und Nachrichten immer gleich lese und die Aufgaben, die mit diesen kommen, schnell erledige, auch wenn ich mir eigentlich Zeit für mich nehmen wollte. (Melina, 22, Studentin[2])

Für Melina bedeutet der Besitz von digitalen Geräten ganz klar Stress, da sie sich durch die ständige Erreichbarkeit, die beispielsweise durch das Smartphone technisch möglich und gleichzeitig von anderen (implizit) erwartet wird, gestresst fühlt. Die ständige Erreichbarkeit ist in diesem Sinne auch an ein Gefühl des-Reagieren-müssens gebunden, welches zusätzlich zum Stressempfinden beiträgt. Es wird damit ebenso die verfügbare Zeit für einen selbst verringert, wie Melina weiter ausführt.

Bereits in anderen Studien vertiefend untersucht wurde die Fear of Missing Out (FOMO, vgl. bspw. Hefner et al. 2018) – die Angst etwas zu verpassen, die gerade im Umgang mit sozialen Medien eine wesentliche Rolle spielt, wie auch Christian beschreibt:

Sie sind in meinen Augen nicht ursächlich, aber können Stressempfinden verstärken bspw., weil sie in einer Aufmerksamkeitsökonomie die Geschwindigkeit von Kommunikationsflüssen ständig steigern und damit einhergehend das Gefühl entstehen kann, etwas zu verpassen oder aber sich Anerkennung ständig neu verdienen zu müssen. (Christian, 33, Soziologe)

In den Antworten der Befragten finden sich an vielen Stellen Argumente, die für eine Verstärkung des Stresses durch DTM sprechen. Dabei spielen vor allem eine hohe Anzahl an Nachrichten, die Erinnerungen an zu erfüllende Aufgaben und die Verarbeitung unnötiger Informationen eine Rolle. Aber auch technische Probleme, beispielsweise hervorgerufen durch fehlendes technisches Knowhow, können Stress auslösen:

Technische Geräte lösen sehr oft Stress aus. Ich brauche den Computer dringend für meinen Beruf. Wenn etwas nicht funktioniert, kann ich es nicht selber lösen, weil ich nicht so gut mit dem Computer umgehen kann. Das führt für mich zu großem Stress. Auch von meinem Handy fühle ich mich oft gestresst. Ich brauche es zwar, blicke aber nicht wirklich durch. (Martina, 54, Lehrerin)

Ebenso scheint digitaler Stress in vielen Fällen nicht nur durch Überforderung und/oder Zeitnot ausgelöst zu werden; sondern auch wenn Individuen sich durch fremde oder eigene Erwartungen gestresst fühlen.

Sie können aber auch Auslöser von digitalem Stress sein, dieser Punkt überwiegt für mich sogar: Instagram ist auch voller unnützer Informationen und Neuigkeiten, auf die Inhalte von InfluencerInnen kann man gut verzichten und die Bilder von BloggerInnen geben einem das Gefühl, keine gute Figur zu haben und mehr Sport machen zu müssen oder gesünder zu essen. (Jana, 22, Studentin)

Medien und Technologien als Helfer

Viele der Befragten gaben Argumente sowohl für digitale Technologien als Auslöser, wie auch als Helfer im Umgang mit Stress an. So beschreibt Sabine:

Sie sind beides. Sie lösen Stress aus, wenn man sowieso in Zeitnot ist oder hindern einem daran, seinen streng durchorganisierten Zeitplan einzuhalten. Sie können aber auch, z.B. durch WhatsApp-Nachrichten wichtige Informationen weitergeben, die sonst zeitaufwendige Anrufe erfordert hätten. Dadurch, dass man bei WhatsApp gleich Gruppen von Leuten informieren kann, spart man sich mitunter viele Anrufe. Um mir Produkte zu bestellen, reichen ein paar Minuten am Rechner, ich ersparen mir Anrufe und lange Einkäufe. (Sabine, 60, Krankenschwester)

Zwar verweist Sabine wie Melina auf die Problematik der ständigen Erreichbarkeit und der damit einhergehenden Zeitnot, ergänzend thematisiert sie aber auch helfenden Aspekte wie beschleunigte/erleichterte Kommunikation und die schnellere Bewältigung von Aufgaben. Auch lassen sich gerade durch digitale Endgeräte wichtige Informationen schneller erhalten und durch die direkte Kommunikation auch besser Termine koordinieren und damit Zeit effektiver planen. Dies hebt auch Andrea hervor, die DTM noch mehr als Helfer im Umgang mit Stress versteht:

Eher Helfer. Weil ich dem Klempner eine Mail schreiben kann, wenn ich Zeit habe und nicht darauf angewiesen bin, dass er Zeit hat, ans Telefon zu gehen. Weil ich leicht an Informationen komme. (Andrea, 54, Lehrerin)

Auch Kim, eine 25-jährige Studentin, beschreibt DTM als Helfer, da sie so Kontakt zu ihren Freunden halten kann, „auch wenn ich mich einsam fühle“ (Kim, 25, Studentin). Dafür nutzt sie vornehmlich Instagram. DTM fungieren hier als Mittel gegen Einsamkeit. Für Menschen, die sich für Technik begeistern können, ist der Umgang mit DTMs ebenfalls keine Stressauslöser:

Technische Geräte und Medien sind kein Auslöser von Stress, sondern bringen eher Spaß und Freude, weil ich Technik mag und das Internet liebe. Sehr selten bekomme ich zu viele Nachrichten auf einmal, das stresst dann ein bisschen, aber ist immer noch besser als Anrufe. (Tanja, 46, Journalistin)

Hier wird eine der wesentlichen Untersuchungslinien im Kontext des digitalen Stresserlebens erneut deutlich: Auch wenn DTM Stressmomente auslösen können, scheinen sie doch ebenfalls Stress, der aus anderen Quellen stammt, zu modulieren oder bestenfalls resultierende Stresslevel zu senken. Hier rauf verweist auch Jana Hofmann in ihrer Studie zu Medienstress. Um das Stresserleben der Akteure im Umgang mit DTM greifen zu können, ist es zwingend notwendig nach den Anschaffungs- und Nutzungsmotiven zu fragen und diese in die Erhebung mit einzubeziehen (vgl. Hofmann 2018, S. 71ff.)

Doch digitale Medien und Technologien helfen nicht allein stressige Situationen schneller zu bewältigen oder sogar vorzubeugen, sondern auch diesen zu entfliehen und Anspannung zu finden:

Helfer. Sie ermöglichen mir, mich kurz zurückzuziehen, auszuklinken aus stressigen Situationen, ein bisschen wie früher kurz raus auf den Balkon zum Rauchen. Sie ermöglichen mir auch, auf dem Laufenden zu sein, gerade in Krisenzeiten beruhigt mich das. (Sandra, 39, Wissenschaftlerin)

DTM ermöglichen sozusagen eine Flucht ins Digitale – eine Art kurzzeitigen Eskapismus, wie Lukas beschreibt: „andererseits können Medien auch die Eskapismusfunktion erfüllen, dass man dadurch der Alltagswelt und den eigenen Problemen entfliehen kann.“ (Lukas, 22, Student). Die ubiquitäre Verfügbarkeit von Audio und Videoinhalten macht es einfacher als je zuvor dem Alltag aktiv zu entfliehen oder sich passiv berieseln zu lassen. Als letzter Punkt sei noch auf die inhärente Funktion vieler Geräte hingewiesen, sie in einen Nicht-Stören-Modus zu versetzen, welches ebenfalls Stressauslöser fernhalten kann.

Übersicht Ergebnisse

Die vorläufigen Ergebnisse unserer Studie haben wir in Abbildung 1 zusammengefasst.

Abbildung 1: Die Wahrnehmung von DTM als Stress(aus)löser

Abschließend möchten wir darauf hinweisen, dass sich unter den Befragten keine klare Tendenz hinsichtlich einer Bedeutungszuschreibung (Auslöser oder Helfer) gezeigt hat, sondern sehr viele unterschiedliche Aspekte und Erfahrungen angesprochen wurden. Es zeichnet sich ab, dass der jeweils spezifische, subjektive Umgang bedeutsam ist. So sagt beispielsweise Johanna: „Es kommt darauf an, wie man damit umgeht.“ (Johanna, 22, Studentin) und Laura ergänzt: „Helfer, da ich selbst weiß damit umzugehen und meine Nutzung selbst zu regulieren“ (Laura, 21, Studentin). Auch sollen die Antworten der Befragten, die ein Weder-Noch beinhalten nicht ausgeschlossen werden. Die Erklärungen hinsichtlich eines Weder-Noch beziehen sich dabei zumeist auf fehlende Erfahrungen mit digitalem Stress oder eine grundsätzlich sehr rare Nutzung von DTM, die den Diskurs über Helfer oder Auslöser nicht aufkommen lassen. Für den Fokus unserer Forschungsfrage in diesem Post, nämlich wie Menschen mit digitalem Stress umgehen, spielen dies keine wesentliche Rolle, im Fortgang unsere Forschung möchten wir uns aber auch genauer mit diesen Gruppen auseinandersetzen (für eine weitere spannende Gruppe siehe diesen Beitrag).

Mit den ersten Erkenntnissen darüber was unter digitalem Stress verstanden werden kann und welche ambivalente Rolle DTM spielen werden wir im nächsten Arbeitsschritt eine qualitative Langzeitstudie durchführen. Diese wird verschiedene qualitative Erhebungsmethoden (Interviews, Gruppendiskussionen, Medientagebücher, etc.) verbinden und uns einen vertieften Einblick in das Themengebiet ermöglichen. Sollten Sie Interesse an einer Studienteilnahme haben, füllen Sie bitte diesen Fragebogen aus und wir werden uns anschließend zeitnah bei Ihnen melden. Vielen Dank.

Bitte zitieren als: Waldenburger, Lisa; Wimmer, Jeffrey (2020). Digitale Technologien und Medien – Auslöser von oder Helfer im Umgang mit digitalem Stress? 15.06.2020. Online verfügbar unter: https://scilogs.spektrum.de/gesund-digital-leben/dtm-als-stress(aus)loeser?

Literaturverzeichnis

Gimpel, Henner; André, Elisabeth (2019): Vollantrag ForDigitHealth.

Hartmann, Maren; Wimmer, Jeffrey (2011): Digitale Medientechnologien: Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft. In: Maren Hartmann und Jeffrey Wimmer, J. (Hg.): Digitale Medientechnologien: Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft. Wiesbaden: Springer VS, S. 7-26.

Hefner, Dorothée; Knop, Karin; Vorderer, Peter (2018): “I wanna be in the Loop!” – The Role of Fear of Missing Out (FoMO) for the Quantity and Quality of Young Adolescents’ Mobile Phone Use. In: Rinaldo Kühne, Susanne E. Baumgartner, Thomas Koch und Matthias Hofer (Hg.): Youth and Media. Current Perspectives on Media Use and Effects. 1st ed. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft (Reihe Rezeptionsforschung, v.38), S. 39–54.

Hofmann, Jana (2018): Medienstress durch Smartphones? Eine quantitative und qualitative Analyse. Köln: Herbert von Halem Verlag.


[1] Wir danken Marc Keßler, studentische Hilfskraft am AB Medienrealität, für seine Arbeit und Unterstützung bei der Auswertung der Daten.

[2] Die Namen aller StudienteilnehmerInnen wurden aus Gründen des Datenschutzes geändert.

Gerne möchte der Verbund mit Ihnen diskutieren und jeder Autor freut sich über Ihre Kommentare. Willkommen sind sachliche Kommentare mit Bezug auf den Inhalt des jeweiligen Blogbeitrags. Ebenso sind Meinungen in der Sache oder ergänzende Informationen herzlich willkommen. Trifft dies nicht zu, behalten wir uns vor, die Kommentare nicht freizuschalten. Weitere Informationen dazu finden Sie auch in unserer Netiquette.

Lisa Waldenburger

Veröffentlicht von

Lisa Waldenburger ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Kommunikationswissenschaft mit Schwerpunkt Medienrealität der Universität Augsburg. Sie forscht und bloggt zum Thema „Digitaler Stress im Medienalltag“ im Rahmen des bayerischen Verbundprojekts „Gesunder Umgang mit digitalen Technologien und Medien“ (ForDigitHealth).

11 Kommentare

  1. Hallo Frau Waldenburger,

    beim Link zum Fragebogen im letzten Absatz ist eine Klammer zuviel -> 404.

    Ich hätte noch eine allgemeine Frage zum Beitrag bzw. zu Ihrer Studie: So wie ich den Artikel verstanden habe, ist eine Hypothese, dass DTM Stress auslösen (z.B. die ständige Erreichbarkeit) -> Küchenpsychologisch argumentiert also helfen diese Werkzeuge Probleme zu lösen, die wir ohne sie nicht hätten…

    Für mich stellt sich gelegentlich die Frage, ob DTM, d.h. das Medium an sich nun tatsächlich eine Ursache für Stress sind, oder diesen lediglich verstärken. So kann ich mir vorstellen, dass in Zeiten vor E-Mail und Skype der/die nervige Kunde / Chef / Schwiegermutter in manchem Fall einfach öfter vorbeigekommen ist oder angerufen hat.
    Leider kann man ja sowas nicht mit einer Kontrollgruppe prüfen, oder?

    Auf jeden Fall freue ich mich auf weitere Ergebnisse.

    • @Sammy.

      Zunächst vielen Dank für den Hinweis, es sollte jetzt ohne Probleme funktionieren.

      Zu ihrer Frage: Sowohl aus unseren theoretischen Überlegungen, wie auch den empirischen Ergebnissen heraus, kann ich ihre Vermutung bestätigen, dass DTM auch als “Vermittler” von Stress fungieren. Einer der Befragten verwendet dafür den Begriff des “Katalysator”, welchen ich sehr passend finde. Wichtig zu betonen ist, dass es uns nicht um eine dichotome Differenzierung von DTM hinsichtlich Auslöser oder Helfer geht, sondern die Entstehung von “digitalem” Stress (der qua Verständnis unserer Befragten jede Form von Stress im Kontext von DTM ist) zu verstehen. In diesem Sinne zeigen die Ergebnisse die unterschiedlichen Möglichkeiten auf, wie DTM helfen oder verstärken/auslösen können, zu meist finden die befragten Personen Argumente für beide Seiten.

      Für die von Ihnen beschriebene Situationen spielen zudem auch noch andere Aspekte, die eine experimentelle Überprüfung (wie von Ihnen mittels Kontrollgruppe angesprochen) erschweren würden. Nicht nur ist die von Ihnen beschriebene Trennung zwischen Stress, der lediglich durch die Geräte vermittelt wird (aber grundsätzlich da wäre) und der verstärkenden Funktion von DTM ist schwierig, auch spielt das Umfeld und aktuelle Setting eine Rolle. Erscheinen 30 WhatsApp-Nachrichten nach einem Kinobesuch als Stressauslöser, sind die gleichen 30 Nachrichten im Wartezimmer beim Zahnarzt eine willkommene Unterhaltung. Ergänzend kommt hinzu das Stress einen Prozesscharakter besitzt:

      “Dieser Prozesscharakter deutet schon an, dass es hierbei nicht allein um akute Stresssituationen geht, die kommen und gehen und dadurch den Alltag der Menschen bestimmen. Es geht um jenes Medienzeiten, dass in seiner Gesamtheit als langfristige negative Stressform angesehen wird (chronischer Distress). Im Mittelpunkt steht also Stress im Zusammenhang mit digitalen Medienhandlungen, die sich wiederholen, im Alltag stets auftauchen und mit Medien (also Infrastrukturen, Geräten, Anwendungen und Kommunikation) als Problemfaktor zusammenhängen. So interessieren nicht einmalige Ereignisse wie ein Anruf, sondern die unterschwellige andauernde Erreichbarkeit durch andere.“ (Hofmann 2018:71)

      Demnach spielen für das Verständnis von digitalem Stress nicht nur die Nutzungsweise von DTM, das Setting der Person, sondern auch deren prozesshaftes Stresslevel eine Rolle. Um all diese verschiedenen Dimensionen einbeziehen und ein umfangreiches Verständnis davon zu gewinnen, was digitaler Stress gerade im freizeitbezogenen Medienhandeln bedeutet, sieht unser Projekt einen qualitatives Setting und einen, über einen längeren Zeitraum andauernden, Zugang zum Feld vor.

  2. Ein aktuelles Thema, das die meisten betrifft.
    Elektroniker, Programmierer und Bus-Fahrer, das sind die Berufe mit der niedrigsten Lebenserwartung.
    Der Bus-Fahrer ist einem Dauerstress ausgesetzt, den er nicht mehr wahrnimmt.
    Die Elektroniker und Programmierer arbeiten an der Grenze menschlichen Fassungsvermögens. Ein falsch gesetzter Punkt, das Programm läuft nicht mehr, die Maschine macht Fehler .

    Die User von elektronischen Geräten geraten dagegen in Abhängigkeit, ohne es zu merken. Das ist dann kein Stress mehr, das wird als natürlich empfunden, so wie der Förster den Wald als natürlich ansieht, obwohl der gefährlich sein kann wegen der Zecken. Der Fischer betrachtet das Meer als natürlich, obwohl das genauso gefährlich sein kann wegen der Stürme.
    Der User eines Smartphones läuft ohne zu schauen über die Straße und begibt sich in Lebensgefahr.
    Wollen wir das Stress nennen ? Wohl kaum.
    Statt Stress sollten wir nach einem neuen Wort suchen, das den Zustand der User beschreibt !

    • @ H.Wied.

      “Digitaler Stress” ist unserem Verständnis zunächst ein medial vermittelter, wissenschaftlicher Begriff, der keine verbale Entsprechung im Alltäglichen findet. Aussagen wie “heute fühle ich mich digital gestresst” sind im üblichen Sprachgebrauch nicht zu finden. Die Differenz zwischen, nennen wir es, “analogen” und “digitalen” Stress spielt für die Akteure keine gesonderte Rolle. Und doch fallen DTM bei der Beschreibung von stressigen Momenten im Alltag ins Gewicht. Mit der Verwendung des Begriffs “digitalen Stress” versuchen wir uns so dem Phänomen zu nähern. In der Studie selbst haben wir an anderer Stelle entweder nach Stress im Allgemeinen oder nach digitalem Stress gefragt, eine Auswertung dieser Ergebnisse steht noch aus. Aber vielleicht als erste, vorsichtige Erkenntnis formuliert: Der Begriff des digitalen Stress deckt ziemlich passend die von uns fokussierten Situationen im Alltäglichen ab, deren Entstehung und Umgang wir im Rahmen des Projektes untersuchen wollen. Ihren Einwand alles unter dem Deckmantel des “Stress” verstecken zu wollen, stehe ich, ebenso wie sie, kritisch gegenüber. Der Zugang zum Thema über qualitative Tiefeninterviews verhindert dies und bietet die Möglichkeit, andere Begriffe, mit denen die Akteure hantieren, aufzuspüren.

  3. Mir gefällt die Zusammenfassung der Punkte im Sinne einer Balance oder eines dynamischen Anpassungsgeschehens. Aus der Abbildung und der Beschreibungen wirkt es, dass viel mehr Antworten zu potentiellen Stressoren (Negativwirkungen) gegeben wurden, war das so? Berichteten die Befragten ad hoc mehr Stressoren? Danke!

    • @Matthias.

      Vielen Dank für deinen Kommentar. Eine Interpretation der Ergebnisse hinsichtlich eines “mehr oder weniger” ist aufgrund des qualitativen Studiendesigns kaum möglich. In diesem Sinne ging es uns in der Erhebung nicht darum herauszufinden, ob DTM mehr als Auslöser denn als Löser von Stress verstanden werden, sondern allein um die Sammlung jeweiliger Argumente, die dafür beziehungsweise dagegen sprechen. So wird beispielsweise deutlich, dass DTM als Stressauslöser nicht zwingend immer ein “zu viel” beschreiben, sondern auch implizite Handlungserwartungen (beispielsweise dass man direkt antwortet) eine Rolle spielen können. Die gesammelten Argumente halten sich dabei, wie auch in Abbildung 1 deutlich wird, die Waage, wobei subjektive Gewichtung hier nicht berücksichtigt wurde. Aber um deiner Frage im Rahmen unserer Daten eine Antwort zu geben: Die Befragten berichten sehr differenziert von beiden Seiten (und das obwohl sie in der Anlage der Studie um eine “Entweder-Oder-Entscheidung” gebeten wurden) und stellen dabei auch die eigene Kompetenz im Umgang mit DTM zur Disposition.

  4. Lisa Waldenburger
    “sondern allein um die Sammlung jeweiliger Argumente, die dafür beziehungsweise dagegen sprechen.”

    Neu dazu kommt, dass die Digitalen Medien ein Wirtschaftsfaktor georden sind und eigentlich unverzichtbar.

    Darüber zu diskutieren, was Stress auslöst mündet dann in die Frage, wie verbessere ich meinen Arbeitsplatz und die Organisation um Stress zu vermeiden.

    • @H.Wied
      Aus Ihrer Antwort lese ich eine recht starke Verknüpfung von Stress und dem Beruflichen, welche sicherlich besteht und in vielen anderen Projekten im Verbund im Fokus steht. Wir dagegen möchten Stress im Alltag, in der Freizeit untersuchen und damit die Stressforschung um eben diese Perspektive erweitern. Demnach wäre die an unsere Erhebung angeschlossene Frage weniger, wie man den Arbeitsplatz verbessern kann, sondern wodurch Stress in der Freizeit ausgelöst wird und wie damit umgegangen wird bzw. dieser verhindert werden kann.

  5. Lisa Waldenburger ,
    Stress in der Freizeit . Mittlerweile überlappen sich Freizeit und Arbeitszeit in den Familien durch homeschooling , Videokonferenzen, Arbeiten von zu Hause aus.
    Das wäre doch eine Erweiterung ihrer Sammlung.

    Sie dachten vielleicht an das Wochenende, the great escape, das Auto, das im Stau steht, an parship, wo sich alle 11 Sekunden jemand verliebt, an facebook und co .

    Bei diesen Bereichen muss man trennen zwischen den Generationen. Die ältere Generation , über 60, die geht in der Freizeit noch in den Schrebergarten.
    Die Jungen, das sollte man mal checken, was die jetzt tut in der Corona-Zeit, wo die Kontakte stark gestört werden.

    • @H.Wied

      Sie haben völlig Recht, wenn sie die Überlappung von Freizeit und Arbeitszeit betonen. Vielleicht kann ich unser Forschungsinteresse in der Kürze genauer umschreiben: Wir möchten den freizeitbezogenen Medienalltag untersuchen, der im Gegensatz zum beruflichen Kontext, viel mehr auf der freiwilligen, selbstbestimmten Entscheidung zur Nutzung digitaler Medien und Technologien beruht. Und trotz der zunächst freiwilligen Entscheidung entsteht so etwas wie digitaler Stress.

      In der nun anstehenden Langzeitstudie werden wir sowohl die von Ihnen angesprochene Differenz zwischen jung und alt, sowie andere Kontrastfälle (Stadt/Land, Gamer/Manager/Digitale Nomaden etc.) untersuchen.

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