Leonardo da Vinci und die Geologie

Der Italienische Renaissance-Universalgelehrte Leonardo da Vinci war einer der ersten Künstler der realitätsnahe Felsformationen in seinen Bildern darstellte. In den meisten Darstellungen der damaligen Zeit spielte die Landschaft oder der Hintergrund eine untergeordnete Rolle. Um 1450 kommen die ersten Landschaftsmalereien auf, zumeist aus religiösen Gründen, da eine genaue Darstellung der Schöpfung auch den Schöpfer lobpreisen sollte. Da Vinci studierte die Natur dagegen eher aus persönlichen Interesse, wobei er einige seine Beobachtungen und Entdeckungen auch in seinen Bildern anwendet. Die Flüchtigkeit und das Fließen des Wasser hatte es ihm besonders angetan. Da Vinci erkennt die erodierende Kraft des Wassers wenn er schreibt „Es möchte, wenn es ihm möglich wäre, die Erde in eine vollkommen sphärische Form verwandeln“. Wasser spielt in seiner Erd-Philosophie die gleiche Rolle, die das Blut im menschlichen Körper spielt (da Vinci hatte heimlich Leichen seziert und grundlegende Entdeckungen in Anatomie gemacht): Wir können also sagen, die Erde habe ein triebhaftes Leben, ihr Fleisch sei das Erdreich, ihre Knochen seien die zusammenhängenden Schichten der Gestein, aus denen sich die Berge zusammensetzen: ihre Knorpel seien die Tuffsteine, ihr Blut seien die Wasseradern. Der Blutsee, der das Herz umgibt, ist gleich dem Weltmeer. Das Atmen geschieht beim Menschen durch das Anwachsen und Abnehmen des Blutes in den Adern, und ebenso bei der Erde , durch den Zufluß und Rückfluß des Meeres; die Lebenswärme der Welt kommt vom Feuer, das in der ganzen Erde verbreitet ist, und der Sitz des triebhaften Lebens befindet sich in den Gluten, die an verschiedenen Stellen der Erde ausströmen, in Heilbädern und Schwefelquellen und Vulkanen, wie etwa Mongibello (Ätna) auf Sizilien und vielen anderen Orte.“

Es existieren verschiedene Skizzen die da Vincis Studien zu Gesteinen beinhalten. In einer Skizze erkennt man ein Felskliff mit zerklüfteten Felsen, die durch Wind, Regen und Frost aufgelockert sind und ein Bach hat eine tiefe Schlucht in das Gebirge gegraben. Eine andere Skizze zeigt einen Aufschluss mit verfalteten Sedimentgestein. Die Skizzen stellen meist, wie wir heute wissen, entweder Kreidezeitliche Tiefwasserablagerungen oder Miozäne Turbiditabfolgen des nordwestlichen Appenin dar.

Da Vincis geologische Beobachtungen im Gelände tauchen auch im Hintergrund einige seiner Porträts auf. Hinter der berühmten Mona Lisa (um 1503-1517) sieht man eine Gebirgslandschaft mit einem See. Die Berge scheinen eine Schichtung der Felsen aufzuweißen. Der See könnte, laut einigen Kunsthistorikern, der Iseo-See in den italienischen Alpen sein. Der See könnte aber auch auf eine von da Vincis geologische Beobachtung beruhen. Da Vinci erkennt Schichten von Sedimentgestein als Ablagerungen aus Wasser als er beobachtet, wie an einem Strand Sand angelagert und wieder abgetragen wird. Die Anlagerung von Sand bildet die eigentliche Schicht, der Abtrag verursacht die Schichtfläche und so die Trennung der einzelnen Schichten. Leonardo da Vinci wird dabei klar, das auch Zeit eine wichtige Rolle in der Natur spielt. Tatsächlich wurde der Fluss Arno bei Florenz in prähistorischer Zeit durch einen Felsriegel zu einen See aufgestaut. Spuren dieses Ereignis können im Arno-Tal noch heute in der Form von fossiles Strände und Seeablagerungen gefunden werden. Das Arno-Tal war ein See, bis Erosion den Damm abgetragen hatte und der eigentliche, moderne Arno-Fluss entstand.

Die erodierende Kraft des Wassers stellt Da Vinci stellt in seiner Felsengrottenmadonna (um 1483–1486) dar. Das Gebirge scheint bis zum Hintergrund hin vom Wasseradern aufgelöst worden zu sein, beinahe zerfressen. Hier stellt Da Vinci seine Vorstellung vom Erdinneren dar, so schreibt er in seinen persönlichen Notizen, das “Ganz große Flüsse laufen unter der Erde.”

Vielleicht wurde das Gemälde auch durch die Erforschung einer realen Höhle, wie sie Da Vinci selbst beschreibt, inspiriert. „Gezogen von meinem gierigen Verlangen …, süchtig, die große Fülle der verschiedenen und seltsamen Gestaltungen der kunstfertigen Natur zu sehen, kam ich nach einigem Umherwandern zwischen den düsteren Felsen zum Eingang einer großen Höhle, vor dem ich eine Weile verwundert stehen blieb, weil ich nichts von ihr wusste. Mit gebeugten Rücken, die linke Hand auf das Knie stützend und mit der rechten die gesenkte, gerunzelte Stirn überschattend, streckte ich mich immer wieder nach vorn, bald hierhin und bald dorthin, um auszumachen, ob drinnen etwas zu erkennen sei. Aber daran wurde ich durch die tiefe Dunkelheit gehindert, die dort herrschte. Nachdem ich so eine Weile dagestanden hatte, wurden zwei Gefühle in mir wach, nämlich Schauder und Begierde: Schauder vor der düster bedrohlichen Höhle und Begierde zu erforschen, ob dort im Inneren etwas Staunenswerte zu finden sei…“

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David Bressan ist freiberuflicher Geologe hauptsächlich in, oder wenn wieder mal ein Tunnel gegraben wird unter den Alpen unterwegs. Während des Studiums der Erdwissenschaften in Innsbruck, bei dem es auch um Gletscherschwankungen in den vergangen Jahrhunderten ging, kam das Interesse für Geschichte dazu. Hobbymäßig begann er daher über die Geschichte der Geologie zu bloggen.

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