Leonardo da Vinci – Pionier der Geologie

“Gezogen von meinem gierigen Verlangen …, süchtig, die große Fülle der verschiedenen und seltsamen Gestaltungen der kunstfertigen Natur zu sehen, kam ich nach einigem Umherwandern zwischen den düsteren Felsen zum Eingang einer großen Höhle, vor dem ich eine Weile verwundert stehen blieb, weil ich nichts von ihr wusste. Mit gebeugten Rücken, die linke Hand auf das Knie stützend und mit der rechten die gesenkte, gerunzelte Stirn überschattend, streckte ich mich immer wieder nach vorn, bald hierhin und bald dorthin, um auszumachen, ob drinnen etwas zu erkennen sei. Aber daran wurde ich durch die tiefe Dunkelheit gehindert, die dort herrschte. Nachdem ich so eine Weile dagestanden hatte, wurden zwei Gefühle in mir wach, nämlich Schauder und Begierde: Schauder vor der düster bedrohlichen Höhle und Begierde zu erforschen, ob dort im Inneren etwas Staunenswerte zu finden sei…“

Leonardo da Vinci

Der italienische Künstler Leonardo da Vinci, der vor nun 500 Jahren im Schloss von Cloux (heute Clos-Lucé) verstorben ist, war das typische Unversalgenie der Renaissance. Er interessierte sich für Skulptur, Porträtmalerei, Ingenieurskunst, Architektur, Literatur, Gedichte, Theaterstücke, aber auch Botanik und Geologie. Sein Interesse für Gesteine und Fossilien hatte auch einen praktischen Nutzen, so war er der Erste, der realitätsnahe Felsformationen in seinen Skizzen und Bildern darstellte.

Leonardo erkennt, dass Wasser eine wichtige Rolle bei der Entstehung und Erosion von Gesteinen spielt. So schreibt er in seinen privaten Notizen: „Es möchte, wenn es ihm möglich wäre, die Erde in eine vollkommen sphärische Form verwandeln.“
Es existieren verschiedene Skizzen von Gesteinsformationen die Leonardo zwischen 1473 und 1513 angefertigt hat. Eine dieser Skizzen zeigt einen Aufschluss mit verfalteten Sedimentgestein. Wie wir heute wissen, handelt es sich dabei um Kreidezeitliche Tiefwasserablagerungen und Turbiditabfolgen des Miozäns, die durch die Kollision zwischen der Europäischen Platte und der Adriatischen Platte vor 60 bis 30 Millionen Jahre zum nordwestlichen Appenin zusammengeschoben wurden.

Leonardo erkennt, dass die einzelnen Schichten durch die Ablagerung von Sedimenten entstehen, als er beobachtet, wie an einem Strand Sand angelagert und wieder abgetragen wird. Die Ablagerung von Sand bildet die eigentliche Schicht, der Abtrag durch die nächste Welle verursacht die Schichtfläche. Dieser Prozess wiederholt sich tausendfach und Leonardo vermutet, dass auch Zeit eine wichtige Rolle in der Entstehung von Gesteinen spielt. Leonardo erkennt auch Fossilien als Reste von ehemaligen Lebewesen, wenn er schreibt: “Zwischen der einen und anderen Schicht, liegen die Spuren der Würmer, die darauf [auf der Schicht] gekrochen sind, als diese noch nicht getrocknet [und fest] war.”

Leonardos Beobachtungen im Gelände tauchen auch im Hintergrund einiger seiner Porträts auf. Hinter der berühmten Mona Lisa erkennt man eine Gebirgslandschaft mit geschichteten Felsen und einen See.

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David Bressan ist freiberuflicher Geologe hauptsächlich in oder, wenn wieder mal ein Tunnel gegraben wird unter den Alpen unterwegs. Während des Studiums der Erdwissenschaften in Innsbruck, bei dem es auch um Gletscherschwankungen in den vergangen Jahrhunderten ging, kam das Interesse für Geschichte dazu. Hobbymäßig begann er daher über die Geschichte der Geologie zu bloggen.

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  1. Leonardo war m. E. nicht der erste, der realitätsnahe Felsdarstellungen gemalt hat. Jan van Eyck könnte der erste gewesen sein, siehe sein Gemälde der Stigmatisation des hl. Franziskus mit den Felsdarstellungen im Vordergrund.
    Jan van Eyck hat sich aber nicht theoretisch damit beschäftigt wie Leonardo.

    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Attributed_to_Jan_van_Eyck,_Netherlandish_(active_Bruges),_c._1395_-_1441_-_Saint_Francis_of_Assisi_Receiving_the_Stigmata_-_Google_Art_Project.jpg?uselang=de

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