Klimawandel und Bergstürze in den Alpen

“Manchmal bringt der Berg plötzlich Verderben durch gleitendes Eis,
von warmen Wind gelöst verliert der Fels den Grund.“
Claudius Claudianus (ca. 370-404 n. Chr.)

Nach einen Bergsturz am Piz Cengalo (3.369m), Kanton Graubünden, Schweiz, werden 8 Personen vermisst, darunter Österreicher, Deutsche und Schweizer. Das im Tal gelegene Dorf Bondo wurde evakuiert, da man weitere Rüfi (Schweizerisch für Schlammlawinen) befürchtet, teilweise sind die Schlammablagerungen bis zu 10 Meter mächtig. Zurzeit ist eine Suchaktion im Gange

Der Piz Cengalo ist schon lange in Bewegung. Im Dezember 2011 brachen bereits 1,5 Millionen Kubikmeter ab. Seit August 2012 wurde die Nordwand des Berges mittels RADAR überwacht. Im Juli 2017 wurde eine Zunahme der Kriechbewegungen des Hanges beobachtet. Eine Karte der Gefahrenzonen warnt vor einen möglichen Bergrutsch mit einem Volumen von 2 bis 3 Millionen Kubikmeter, gefolgt von Steinschlag mit zusätzlichen 2 Millionen Kubikmeter. Man hat allerdings nicht mit den großen Schmelzwassermengen gerechnet, die sich mit dem Geröll vermischt haben und nun zu der Schlammlawine führten, die auch den Talboden erreichte. Nach vorläufigen Schätzungen sind 4 Millionen Kubikmeter zu Tal gedonnert, noch eine Million Kubikmeter Material könnten folgen. Die Ausbruchsnische des Bergrutsch liegt im Gipfelbereich, möglicherweise spielt hier abschmelzender Permafrost im Berginneren eine Rolle als Auslöser.

Die Alpen waren schon immer ein gefährlicher Ort. Viele Dörfer liegen auf Ablagerungen von alten Bergstürzen und Schlammströmen. Wie sieht aber die Zukunft aus, vor allem in Anbetracht der bereits stattfindenden Veränderungen von Klima und Landschaft? Der Klimawandel trifft den Alpenraum besonders hart. Hier war der Temperaturanstieg vom späten 19. bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts um die 2°C, doppelt so hoch wie im globalen Durchschnitt. Die höheren Temperaturen wirken sich bereits auf zahlreiche Gletscher aus, die sich zurückziehen, und der Permafrost im Berginneren schmilzt ab. Abschmelzender Permafrost führt nicht nur dazu, das der Eis-Kitt in Felsspalten verloren geht, sondern auch das Wasser leichter in das Gebirge eindringen kann. Wasser spielt als ausgezeichnetes Schmiermittel eine wichtige Rolle als Auslöser von Massenbewegungen.

Erhöhte Steinschlaggefahr und eine Zunahme von Massenbewegungen in den europäischen Alpen wird oft mit dem Abschmelzen des Permafrosts in Zusammenhang gebracht. Allerdings ist es schwierig, die derzeitige Steinschlagaktivität mit der Vergangenheit zu vergleichen. Es gibt dazu kaum Daten und es ist daher schwierig einen direkten Zusammenhang mit dem Temperaturanstieg in den letzten 150 Jahren herzustellen. Forscher haben daher auf eher ungewöhnliche Dokumente zurückgegriffen, um die Vergangenheit zu rekonstruieren – historische Beschreibungen von Kletterrouten. Die ersten Kletterführer wurden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, mit dem Aufkommen des Alpinismus, veröffentlicht. Zuerst noch in englischer, später auch deutscher Sprache, und in immer größeren Zahlen. Viele Beschreibungen von Kletterrouten umfassen nicht nur die Lage, Art und Schwierigkeit einer Route, sondern auch mögliche objektive Gefahren, wie brüchiger Felsen oder Steinfall. Durch den Vergleich wie sich diese Beschreibungen in verschiedene Ausgaben von Kletterführern über die Jahre hin verändert haben, kann die Steinschlaggefahr abgeschätzt werden. In den letzten 148 Jahren haben sich bei 19% der Kletterrouten im Eigergebiet (Schweiz) die Gefahrenabschätzung geändert. Zumeist wurde die Gefahr von plötzlichen Steinschlag als höher eingestuft oder der Fels als brüchiger bezeichnet, eine Entwicklung, die besonders in den letzten Jahrzehnten deutlich wurde. Routen auf Süd-Südwest exponierte Flächen wurden seit 1980 als gefährdeter angesehen, ein Hinweis, das eine Temperaturerhöhung auf sonnigen Flächen eine Rolle spielt. Auch Routen in Granit und Amphibolit, eigentlich sehr harte, stabile Gesteine, zeigen eine erhöhte Steinschlagaktivität, auch wenn hier die Rolle des Klimawandels nicht ganz klar ist. Höhere Temperaturen wirken sich möglicherweise auf die Verwitterung der Gesteine aus. Besonders harte, massive Gesteine ziehen sich bei Kälte zusammen und dehnen sich bei höheren Temperaturen wieder aus. Bei einer Klimaerwärmung verstärkt sich dieser Effekt noch. Im Granit des Yosemite wurden Oszillationen von bis zu 8 Millimeter beobachtet. Früher oder später bricht auch der härteste Granit durch diese Beanspruchung. In die entstandenen Spalten dringt Wasser ein, die Verwitterung schreitet noch schneller voran. Laut der Studie erfolgte Steinschlag überdurchschnittlich oft an heißen Tagen. Während eines milden Winters (die mit der Klimaerwärmung zunehmen werden) in den Alpen, mit Plusgrade am Tag, fällt die Temperatur in der Nacht unter Null. Der verstärkte Frost-Tauwechsel zermürbt das Gestein besonders effektiv.

Noch schwieriger als das Steinschlagrisiko abzuschätzen, ist es die Auswirkung des Klimawandels auf große Massenbewegungen zu untersuchen. Große Katastrophen, mit einem Volumen über 1 Million Kubikmeter, waren in historischen Zeiten zum Glück selten. Von 500 bekannten Bergstürzen in den Alpen sind 17% historische Ereignisse (7% fossil und der Rest ist noch unbestimmt). Forscher können daher nur auf einen beschränkten Datensatz zurückgreifen. Eine Forschergruppe hat die Datenbank mittels der Altersdatierung von großen, fossilen Bergstürzen auf die letzen 10.000 Jahre ausgeweitet. Es scheint, das zahlreiche Bergstürze vor 4.200 bis 3.000 Jahre niedergingen. Zeitgleich kam es zu einem Klimawandel, zurückziehende Gletscher weisen darauf hin, das es wämer und auch feuchter wurde.

Die zurzeit verfügbaren Daten haben eine noch beschränkte Aussagekraft, da bei Massenbewegungen lokale Unterschiede von Niederschlag, Temperatur und auch Geologie, ebenfalls eine wichtige Rolle spielen. Eine Zunahme der Steinschlagaktivität und Bergstürze im Hochgebirge scheint aber sehr wahrscheinlich zu sein. Wie sich das Risiko in tieferen Lagen, wo Permafrost keine Rolle spielt (dieser kommt erst über 2.500m SH vor), sich entwickeln wird, ist zurzeit noch unklar. Höhere Temperaturen könnten aber zu starken, einzelnen Niederschlagsereignissen führen, die eher Muren auslösen können. Warme Winter und eine frühe Schneeschmelze können zu einer Sättigung des Bodens mit Wasser führen, was wiederum Kriechbewegungen von Hängen fördert. Eine Zunahme an heißen Tagen könnte auch Felswände in Tallage schwächen und zu Steinschlag führen. Der Klimawandel wird auf jeden Fall Gemeinden in den Alpen vor neuen Herausforderungen stellen. Schutz- und Sicherungsmaßnahmen müssen erneuert oder neu gebaut werden, und auch die Menschen werden sich anpassen müssen.

Veröffentlicht von

David Bressan ist freiberuflicher Geologe hauptsächlich in, oder wenn wieder mal ein Tunnel gegraben wird unter den Alpen unterwegs. Während des Studiums der Erdwissenschaften in Innsbruck, bei dem es auch um Gletscherschwankungen in den vergangen Jahrhunderten ging, kam das Interesse für Geschichte dazu. Hobbymäßig begann er daher über die Geschichte der Geologie zu bloggen.

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