Hunga Tonga-Hunga Ha’apai Vulkan erzeugte wohl lautesten Knall der Geschichte

Im August 1883 vermerkte der Polizeichef von Rodrigues, eine zu Mauritius gehörige Insel im Indischen Ozean, in seinem offiziellen Monatsbericht:

“Am Sonntag, dem 26., war das Wetter sehr stürmisch … In der Nacht war von Osten etliche Male lautes Knallen zu hören, wie das ferne Donnern schwerer Geschütze. Dieses Knallen setzte sich in Abständen zwischen drei bis vier Stunden bis 15 Uhr am 27. fort, und die letzten beiden erklangen aus Richtung Oyster Bay und Port Mathurin.”

Dies war jedoch nicht das Donnern schwerer Geschütze, wie er zunächst dachte, sondern der Krakatau, der sich an jenem Tag gerade selbst in die Luft sprengte – über 4.700 Kilometer direkter Luftlinien von Rodrigues entfernt.

Knallgeräusche wurden an verschiedenen Orten um den Indischen Ozean um die Mittagszeit gehört, was darauf hindeutet, dass sie am späten Vormittag von Java ausgegangen sein mussten. Man hörte Explosionen in Saigon und Bangkok auf dem asiatischen Festland, in den Philippinen sowie in Perth an der Westküste von Australien. Allgemein wurde das vom Krakatau verursachte Grollen wie eine Explosion, ein Signalschuss, Kanonendonnern oder “Tosen, wie von einem Wasserfall” beschrieben.

Nicht alle zeitgenössischen Berichte beschreiben ein hörbares Geräusch. Manche Menschen empfanden eine eigenartige Taubheit oder vernahmen ein seltsames Brummen in den Ohren, das durch die heftigen Schwankungen im Luftdruck verursacht wurde.

Zu schwach um noch von Menschen wahrgenommen zu werden, wurden Luftdruckschwankungen noch in Europa und Amerika aufgezeichnet. Mehr noch, ein jäher Druckanstieg wurde von zwei bis drei kleineren Schwingungen, und abschließend einen steilen Abfall und weniger starken Anstieg gefolgt. Erst nach Stunden stellte sich ein wieder ein Normalzustand ein, nachdem die Druckwellen des Krakatau die Erde mindestens sieben Mal umkreist hatten.

Der Knall des Krakatau galt bis heute als die größte Distanz, über die sich ein hörbares Geräusch nachweislich übertragen hat.

Am Samstag ist der Hunga Tonga-Hunga Ha’apai Vulkan im pazifischen Inselstaat Tonga mit einem Vulkanexplosivitätsindex (VEI) von 5 ausgebrochen. Der Ausbruch war nach Ansicht von Experten der weltweit stärkste seit dem Pinatubo auf den Philippinen im Jahre 1991, der einen Vei 6 erreichte. Satellitenbilder zeigen eine über 150 Kilometer im Durchmesser große Aschewolke, von dessen Mitte plötzlich eine bis zu 1.200 km/h schnelle Druckwelle in alle Richtungen ausstrahlt.

Der Ausbruch wurde nachweislich auf der Insel Fidschi, über 800 Kilometer Luftlinie entfernt, und in Neuseeland, über 2.000 Kilometer entfernt, gehört. Die Stoßwelle wurde auch 16 Stunden zeitversetzt durch Luftdruckmessungen in Europa und Amerika nachgewießen. Das Alaska Volcano Observatory und die Universität von Fairbanks bestätigten, dass es aufgrund der gemessenen Stärke möglich ist, dass gegen 3:30 bis 4:00 lokale Ortszeit hörbare Schwankungen in Alaska angekommen sind, über 9.000 Kilometer Luftlinie entfernt. Es gibt einen Aufruf, eventuelle Wahrnehmungen zu melden. Falls bestätigt, wäre der Hunga Tonga-Hunga Ha’apai wohl der lauteste Vulkan, von dem wir je gehört haben.

Der Ausbruch des Hunga Tonga-Hunga Ha’apai ist vergleichbar mit dem 1883 Ausbruch des Krakatau, weil sich beide Vulkane stark ähneln. Beide sind Vulkane, die durch gasreiches Magma gespeist werden, und beide sind von Wasser umgeben. In beiden Fällen ist es daher zu heftigen phreatomagmatischen (Wasser-Magma) Eruptionen gekommen.

Wenn das 1200°C heiße Magma, angetrieben durch die sich ausdehnenden vulkanischen Gase, sehr schnell auf das kalte Meerwasser trifft, zerreißt der dabei entstehende Wasserdampf den Gesteinsfluss. Dabei kommt es zu einer heftigen Explosion, die das Magma noch mehr auseinanderreißt und zu noch stärkeren Dampfexplosionen führt. Das vulkanische Material wird dabei mit Überschallgeschwindigkeit ausgeworfen – mit entsprechenden Lärmpegel. Rund um den Krakatau erreichte die Lautstärke geschätzte 172 Dezibel, wobei 130 Dezibel die menschliche Schmerzgrenze sind, und ein Jumbojet-Triebwerk eine Lautstärke von 150 Dezibel errreicht. Für den Hunga Tonga-Hunga Ha’apai liegen noch keine Messdaten vor.

Die wahrgenommene Lautstärke einer vulkanischen Explosion hängt aber nicht unbedingt nur von der Stärke der Explosion ab.

Schallwellen breiten sich in der oberen und unteren Atmosphäre unterschiedlich aus. Die Beschleunigung oder Verlangsamung, die eine Schallwelle beim Durchdringen der Luftschichten dabei erfährt, kann zu einem Fokussierungsphänomen führen, wodurch an einem Ort viel Schall empfangen wird und an einem anderen sehr wenig.

Es ist daher möglich, dass der Hunga Tonga-Hunga Ha’apai nicht unbedingt der lauteste Vulkan im Sinn der erreichten Lautstärke ist, aber der am weitesten gehörte.

Verwendete Quellen:

Simon Winchester (2005): Krakatau. btb Verlag: 368 Seiten

Veröffentlicht von

David Bressan ist freiberuflicher Geologe hauptsächlich in oder, wenn wieder mal ein Tunnel gegraben wird unter den Alpen unterwegs. Während des Studiums der Erdwissenschaften in Innsbruck, bei dem es auch um Gletscherschwankungen in den vergangen Jahrhunderten ging, kam das Interesse für Geschichte dazu. Hobbymäßig begann er daher über die Geschichte der Geologie zu bloggen.

3 Kommentare

  1. Ja, mit Messgeräten konnte man die durch den Hunga Tonga Vulkanausbruch ausgelöste Druckwelle auch in Deutschland messen – und das sogar zweimal, weil die Druckwelle Deutschland zuerst von der einen, dann der anderen Seite erreichte. Mit andern Worten: die Druckwelle lief um die ganze Erde herum.

    Man sollte sich aber bewusst sein, dass sowohl der Krakatau- als auch der Hunga Tonga-Ausbruch noch nichts sind im Vergleich zu Vulkanausbrüchen, die es in grauer Vorzeit mehrmals gab. Auch heute noch könnte ein Vulkanausbruch etwa in Island ohne weiteres den Luftverkehr in Europa für Monate zum Ausfall bringen oder gar für Jahre ohne Sommer sorgen. Dass so etwas in den letzten Jahrzehnten/Jahrhunderten nicht oder nur im Miniaturformat vorkam ist letztlich purer Zufall, ist pures Glück gewesen.

    Interessanterweise sind mögliche katastrophale Vulkanausbrüche kaum je Thema in den Medien oder im Film, katastrophale Einschläge von Asteroiden aber schon. Der Grund dürfte einfach sein: Bei einem drohenden Asteroideneinschlag könnte man eventuell noch etwas tun, bei einem regional oder gar weltweit sich katastrophal auswirkenden Vulkanausbruch aber kaum. Und über Ereignisse ohne Eingriffsmöglichkeiten schweigt man lieber und hofft darauf, dass sie nie passieren.

  2. Könnten Sie die dB-Angaben präzisieren? Handelt es sich um Schalldruckpegel gemessen in einem bestimmten Abstand (welchem?) oder um Schallleistungspegel? A-bewertet oder linear?

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