Die Flutwelle von Vajont

Am späten Abend des 9. Oktober 1963 löste sich vom Abhang des Monte Toc eine Gesteinsscholle mit mehr als 250.000.000 Kubikmeter. Der darunter liegende Stausee des Vajont wurde mit mehr als 400 Metern an Material aufgefüllt, das plötzlich verdrängte Wasser verursachte eine über 200 Meter hohe Flutwelle die mehr als 2.000 Menschen tötete.

Der Bau des Staudammes begann in 1956 und war nach nur vier Jahren Bauzeit vollendet. Es war der höchste Damm seiner Zeit, mit 261,61 Metern und einem Fassungsvermögen von 150 bis 168 Millionen Kubikmetern. Im Februar 1960 begann man damit, das Staubecken zu füllen. Aber bereits im November des selben Jahres erfolgte ein Felssturz mit 700.000 Kubikmeter vom orographisch linken Ufer in den sich formenden See. Man verlangsamte den Anstieg des Wasserspiegels um das Abrutschen des Hanges zu kontrollieren. Bis 1963 schien diese Strategie aufzugehen, obwohl der Wasserspiegel kontinuierlich anstieg, bewegte sich der Hang nur geringfügig, mit 0,3 bis 0,8 Zentimeter am Tag. Aber im September, bei einer Seetiefe von 245 Metern, beschleunigte der Hang plötzlich wieder und bewegt sich mit bis zu 20 Zentimeter am Tag talabwärts. Man begann sofort damit, das Wasser aus den See abzulassen, aber nun bewegt sich die gesamte Bergflanke als ein großer Block, der den schwindenen Seespiegel nachrutschte. Am Abend des 9. Oktober rutschte schließlich ein großes Paket an massiven Kalkgestein entlang einer dünnen Schicht von Mergeln in die Schlucht hinein. Wasser, das durch den zunehmenden Druck in den Berg gepresst wurde, wirkte als zusätzliches Schmiermittel entlang dieser Schwächezone. Ein Vergleich des Wasserspiegels im See mit den Bewegungsraten der Bergflanke zeigt einen deutlichen Zusammenhang.

Der Bergrutsch und die Katastrophe zeigte die Gefahr die von großen Massenbewegungen ausgehen. Damals war darüber noch relativ wenig bekannt, Geologen beschäftigten sich eher mit schnellen Ereignissen, wie Felsstürze, oder langsame Ereignisse, wie Kriechhänge. Bergstürze mit einem Volumen von fast einer Million Kubikmetern waren kaum bekannt bzw. erforscht. Noch heute besuchen Geologen den Vajont um die Felsmechanik von großen und schnellen Massenbewegungen bessere zu verstehen.

Veröffentlicht von

David Bressan ist freiberuflicher Geologe hauptsächlich in, oder wenn wieder mal ein Tunnel gegraben wird unter den Alpen unterwegs. Während des Studiums der Erdwissenschaften in Innsbruck, bei dem es auch um Gletscherschwankungen in den vergangen Jahrhunderten ging, kam das Interesse für Geschichte dazu. Hobbymäßig begann er daher über die Geschichte der Geologie zu bloggen.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Mich würde interessieren, ob solche Hangabbrüche überall stattfinden können.
    Stuttgart liegt in einem Talkessel mit steilen Hängen. Diese werden gerade für eine Bahnlinie untertunnelt.
    Wenn jetzt bei einem Starkregen dort Wasser einbricht, dann könnte der ganze Hang ins Rutschen kommen?

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