Der Vulkan der Frankensteins Monster zum Leben erweckte

Im Jahre 1816 herrschte In Europa ein soziales und politisches Chaos. Erst ein Jahr vorher waren die Napoleonischen Kriege durch die Schlacht bei Waterloo entschieden worden, als plötzlich das Wetter verrückt spielte. Es regnete in Strömen in ansonsten trockenen Gebieten und es kam zu Dürren in ansonsten regenfeuchten Zonen. Selbst in den Sommermonaten kam es zu Schneestürmen und Fröste. Wegen der Kälte erfroren die Keimlinge auf den Feldern. Aufgrund der Dürre verdorrten die Pflanzen und die Früchte verfaulten wegen des Regens bevor sie geerntet werden konnten. Missernten waren die weitverbreitet Folge. Auch das Vieh erkrankte oder musste notgeschlachtet werden. Es kam zu Hungersnöten und in ihrer Verzweiflung kochten die Bauern aus Gras eine dünne Suppe oder jagten Mäuse für das Fleisch. Auf den harten Sommer kam ein noch härterer Winter.

Was war passiert?  Etwa um 1812 erwachte mit Erdbeben und Dampffontänen der Tambora, auf der Insel Sumbawa (Indonesien) gelegen, nach schätzungsweise 5.000 Jahre vulkanischer Ruhe. Am 5. April 1815 brach er aus und schleuderte Asche und Gase bis in 25 Kilometer Höhe. In den folgenden Tagen kam es immer wieder zu Ausbrüchen und Ascheregen. Am 10. April reichte die Eruptionskolonne bereits 40 Kilometer hoch. Möglicherweise 34-50 Kubikkilometer Asche wurden vom Tambora ausgespien und der Vulkan sackte um mindestens 1.200m in sich zusammen.
Der berühmte Geologe Charles Lyell wird später, basierend auf zeitgenössische Augenzeugenberichte, schreiben:

“Im April 1815 ereignete sich in der Provinz Tomboro, auf der Insel Sumbawa, einer der schlimmsten Vulkanausbrüche, die in der Geschichte registriert wurden…In der Provinz Tomboro überlebten aus einer Bevölkerung von 12.000 nur 26 Personen.”

Der Ausbruch wurde von Erdbeben, Glutlawinen und Tsunami begleitet. Die Felder der Bauern auf Sumbawa wurden von bis zu einem Meter Asche zugedeckt, die saure Asche vergiftete den Boden und das Trinkwasser auf den Inseln von Lombok, Bali, Java, Sumba und Flores. Es herrschte überall Hunger und Not.

Credit: Thomas Baines (1820-1875) “Volcano and fishing proas near Passoeroean, on the Java coast, Indonesia”

Der Tambora hatte aber nun auch gewaltige Mengen von Asche und Schwefelverbindungen in die höhere Atmosphäre geschleudert, die das Klima weltweit beeinflussen werden. Die Asche, Dampf und Gase, darunter speziell Schwefeldioxid, gelangten bei besonders starken Eruptionen hoch in die Atmosphäre, wo sie von den Winden über die Erde verteilt wurden. Schwefeldioxid formt mit der Luftfeuchtigkeit Tröpfchen, die als Dunstschleier wirken und die Sonneneinstrahlung reflektieren. Auch die Asche wirkt als eine Art Decke, die Sonneneinstrahlung beträchtlich abschwächte. Eine schwache Sonneneinstrahlung wirkt sich aber auf die Temperaturverteilung der Erdoberfläche aus, die Temperaturverteilung wiederum auf das lokale Wettergeschehen.

Nach dem Ausbruch des Tambora fielen die Durchschnittstemperaturen weltweit um mehr als 1°C. Die Sommer von 1816 und 1817 waren kalt und feucht. In vielen Gegenden fiel Schnee, in Ungarn war er sogar braun gefärbt durch die dunkle Vulkanasche, in Italien anscheinend rötlich und gelblich. Aufgrund der Missernten in 1816 gab es für 1817 kaum Samen für die Aussaat, was die Ernährungslage nur verschlimmerte. Der viele Regen weichte die Straßen auf und es kam zu Engpässen bei Lebensmittellieferungen. Wenn es was zum Essen gab, konnten es sich viele Menschen wegen den hohen Kosten einfach nicht leisten. Wie noch nie zuvor verhungerten die Menschen in den Städten.

Den Sommer 1818 verbrachte die junge Schriftstellerin Mary Wollstonecraft Shelley mit Freunden an den Ufern des Genfer Sees. Shelley schreibt “Es war ein feuchter, unschöner Sommer, unaufhörliche Regengüsse hielten uns tagelang im Haus.” Aus Langeweile beschlossen die Freunde sich gegenseitig unheimliche Geschichten zu erzählen.  Shelley arbeitete eine Geschichte aus, in der es um einen Wissenschaftler ging, der aus Leichenteilen eine Kreatur zusammensetzte und diese künstlich zum Leben erweckte. Am 11. März 1818 veröffentlichte Shelley schließlich ihre fertig ausgearbeitet Geschichte unter dem Titel “Frankenstein; or, The Modern Prometheus.” Ein unsterbliches Monster war geboren, aus der Asche und Klimachaos eines weit entfernten Vulkans. Erst nach 1818 beruhigte sich das Wetter wieder.

Zusammen mit dem direkten Auswirkungen des Vulkanausbruchs des Tambora, könnten die Seuchen und Hungersnöten weit über 100.000 bis 200.000 Opfer gefordert haben – die größte Vulkankatastrophe in historischen Zeiten.

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David Bressan ist freiberuflicher Geologe hauptsächlich in, oder wenn wieder mal ein Tunnel gegraben wird unter den Alpen unterwegs. Während des Studiums der Erdwissenschaften in Innsbruck, bei dem es auch um Gletscherschwankungen in den vergangen Jahrhunderten ging, kam das Interesse für Geschichte dazu. Hobbymäßig begann er daher über die Geschichte der Geologie zu bloggen.

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Kommentar muss nicht veröffentlicht werden!

    Toller interessanter Artikel, das Vulkane das Klima beeinflussen wusste ich, aber in dem Maße war mir neu

    Ich bin mir nicht sicher, aber in Ihrem/deinem “über das Blog” ist ein Zeichensetzungsfehler

    “gegraben wird unter, den Alpen” ich glaube, das Komma muss vor das unter 😉
    Grüße

  2. Heute hätte ein ähnliches Ereignis wie Tambora wohl eher schlimmere lokale und globale Auswirkungen. Der Flugbetrieb – den es dazumal noch nicht gab – müsste lokal eingestellt werden. Missernten würden die Getreidepreise explodieren lassen, womit Einkommenschwache zum Hungern verurteilt wären. In den wohlhabenden Länder käme es zuerst zu Hamsterkäufen, dann aber aufgrund der unsicheren Zukunfstaussichten zur Konsum- und Reisezurückhaltung, was global eine schwere wirtschaftliche Depression auslösen würde. Abschottungsmassnahmen und eine Tendenz zur Renationalisierung würde die Situation noch verschlimmern.

    • Es gibt einen Roman (dessen Titel mir gerade entfällt) der die politischen Folgen einer Supereruption als Handlungshintergrund aufgreift und letztlich zum völligen Kollaps der modernen Gesellschaft führt. Letzteres wohl eher aus dramaturgischen Gründen.

  3. So ein Vulkanausbruch sollte die Menschen daran erinnern, auf welch “dünnem Eis” wir leben.
    Es hört sich zynisch an, das ist die positive Seite des Geschehens.

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