Nation Building in Afghanistan: Die Bedeutung von Institutionen

BLOG: GEO-LOG

Die Welt im Blog
GEO-LOG

KabulAfghanistan ist aktuell ein heißdiskutiertes Thema in den Medien. Welche Aufgaben sollen die internationalen Truppen übernehmen und wie lange sollen sie noch in Afghanistan stationiert bleiben? Diese Woche hielt Sadar Kohistani von der University of Kabul einen Vortrag im Gießener Geographischen Colloqium über den Aufbau staatlicher Institutionen in Afghanistan.
Afghanistan befindet sich aktuell in einer kritischen Lage. Weite Teile des Landes befinden sich in einer bürgerkriegsähnlichen Situation; im heiß umkämpften Süden scheinen die Taliban  militärisch nicht zu besiegen zu sein. Trotzdem entsendet die Obama-Regierung neue Truppenkontingente, um die Region zu stabilisieren. Die Hoffnung hinter dieser neuen Strategie ist es, möglichst schnell Institutionen aufzubauen, die die Stabilität des Landes sichern. Nur so kann die internationale Truppenstärke in den kommenden Jahren reduziert werden, ohne dass ein neuer Bürgerkrieg das Land erschüttert. In diesem Zusammenhang wird häufig von „Nation Building“ gesprochen, also dem Aufbau eines funktionierenden Staats. Auch der amerikanische Sonderbotschafter für Afghanistan verweist im aktuellen Spiegel darauf, wie wichtig dieser Prozess für Afghanistan und die internationale Gemeinschaft ist.

Wie weit ist dieses Nation Building in Afghanistan schon vorangeschritten? Kohistani erwähnte in seinem Vortrag, dass Afghanistan vor 1978 zwar als Staat schwach war, aber sich weit davon entfernt befand, instabil zu sein. Doch heute, nach dreißig Jahren Bürgerkrieg ist das afghanische Staatengebilde äußert fragil.
Jedes Jahr publiziert die Zeitschrift „Foreign Policy“ einen Index über die Stabilität von Nationalstaaten. Dieser Index ist auch als „failed states index“ bekannt. Ein gescheiterter Staat kann grundlegende staatliche Funktionen in Wirtschaft, Verwaltung um im sozialen Bereich nicht mehr erfüllen. Als gescheiterte Staaten werden häufig Staaten angesehen, in denen Bürgerkriege toben.  Ganz oben auf dieser Liste rangieren Länder wie Somalia, Irak, Sudan, Tschad, die Demokratische Republik Kongo und mittlerweile auch Pakistan. Ebenso ist Afghanistan in dieser Gruppe der gescheiterten Staaten wiederzufinden. Als stabilste Staaten der Erde gelten, laut „failed state index“, die skandinavischen Länder.
Wie es um Afghanistan steht, lässt sich gut an der Präsidentschaftswahl im August ablesen. Auf der politischen Ebene musste Afghanistan einen herben Rückschlag einstecken. Über die massiven Wahlfälschungen ist ja bereits viel in den Medien berichtet worden. Kohistani erwähnte jedoch einen Sachverhalt, der viel schwerer als die Wahlfälschung wiegt. Afghanistan zählte ca. 17 Millionen Wahlberechtigte, von denen 2004 acht Millionen wählten. Angesichts der damaligen Sicherheitslage war diese hohe Wahlbeteiligung (ca. 50%) ein Erfolg und nährte die Hoffnung, dass sich ein demokratischer afghanischer Staat entwickeln würde. Übersehen wurde bei dieser ersten Wahl allerdings, dass die Wahlentscheidung aufgrund ethischer Gruppen getroffen wurde. Logische Konsequenz dieser Wahl war, dass Hamid Karzai Präsident wurde. Karzai ist Paschtune, der zahlenmäßig größten Volksgruppe Afghanistans.

Wie entwickelte sich die Wahlbeteiligung nun 2009? Insgesamt suchten nur vier Millionen Afghanen ihren Weg zur Wahlurne. Die Sicherheitslage bei diesen Wahlen, so Kohistani, war dieses Jahr erheblich besser. Außer im Süden des Landes, kam es bei dieser Wahl nur zu wenigen Anschlägen. Viele Nicht-Paschtunen blieben der Wahl allerdings fern, da ihr eigener Kandidat keine Aussicht auf einen Erfolg hatte. Die Wahlfälschung von ca. 1 Millionen Stimmen für Karzai wäre also nicht notwendig gewesen, da die Paschtunen zahlenmäßig noch immer die Mehrheit bilden.
Kohistani verwies darauf, dass es im Vorfeld dieser Wahl auch kritische Stimmen aus der Bevölkerung gab, da sich breite Gesellschaftsschichten nicht ausreichend vertreten sehen. Die afghanische Regierung besteht hauptsächlich aus Vertretern von westlich beeinflussten Afghanen, Kommunisten, Mujaheddin und Taliban. Aus Sicht der Afghanen, so Kohistani, sind dies alles Vertreter ausländischer Ideologien. Taliban und Mujaheddin entstanden erst durch den Widerstandskampf gegen die Sowjetunion und wurden erheblich von Saudi Arabien und Pakistan gefördert.

Wird es Afghanistan nun gelingen, funktionierende Institutionen zu etablieren? Bei dieser Frage war sich Kohistani nicht sicher. Ohne die internationale Gemeinschaft wird dies allerdings nicht in absehbarer Zeit möglich sein, da die politischen und administrativen Institutionen in Afghanistan immer noch sehr schwach ausgebildet sind.

  • Veröffentlicht in: KuSo

Veröffentlicht von

www.geographieblog.de

Meine Name ist Stefan Ohm und ich bin Geograph. Vor meinem Studium habe ich eine Ausbildung zum Fachinformatiker absolviert und danach bei Electronic Data Systems (EDS) als Lotus Notes Entwickler gearbeitet. Während meines Studiums in Hannover führte mich mein Weg zur Texas State University in San Marcos (USA) sowie zur University of Bristol (UK). Darüber hinaus absolvierte ich zwei Praktika bei NGO’s in Neu Delhi (Indien), mit dem Ziel Entwicklungsprozesse vor Ort genauer zu betrachten und damit ein besseres Verständnis über diese zu erhalten. Promoviert habe ich über den Strukturwandel im Perlflussdelta und Hongkong (China) an der Justus Liebig Universität in Gießen.

Schreibe einen Kommentar