London 2012 – Was von den Spielen übrig bleibt?

altDie olympischen Spiele in London sind nun fast vorüber. Bisher waren es fesselnde und gut organisierte Spiele. Wenn die olympische Fackel am Abend des 12. August erlischt, werden sich viele Engländer fragen, was von den Spielen neben den sportlichen Erfolgen bleiben wird. Die Organisatoren erhoffen sich eine nachhaltige Wirkung auf die Stadtentwicklung Londons und eine Revitalisierung des sozialschwachen East Ends, dem zentralen Austragungsort der Spiele.

Großereignisse und Stadtentwicklung

In den vergangenen Jahren nutzten viele Städte Veranstaltungen und Großereignisse als Mittel der Stadtentwicklung. Die Wahl des sportlichen oder kulturellen Ereignisses reicht dabei von Landesgartenschauen bis hin zu globalen Events wie Expo, Fußball-WM, Messen und eben auch den Olympischen Spielen. Im Falle der Spiele nutzte fast jede Stadt diese Gelegenheit, um einen globalen Status zu erringen oder die eigene Stadtstruktur massiv umzugestalten. Barcelona 1992 errichtete beispielsweise neue Stadtviertel für Kreativbetriebe und Athen 2004 restaurierte zentrale historische Bauwerke.

Das Interesse der Stadtverwaltungen an den Olympischen Spielen ist groß, da die Vorteile eines solchen Ereignisses auf der Hand liegen. Die Vorbereitung der Ausrichtung muss in einem relativ kurzen Zeitraum geschehen; lange Planfeststellungsverfahren wie beispielsweise bei Stuttgart 21 sind bei der Umsetzung nicht praktikabel. London erhielt den Zuschlag für die Spiele 2005 und realisierte in den vergangenen sieben Jahren städtebauliche Maßnahmen, die unter normalen Umständen mehrere Dekaden veranschlagt hätten. Und gänzlich ohne große Proteste der lokalen Bevölkerung. Laut Boris Braun und Valerie Viehoff sind Großereignisse zeitlich befristete Kristallisationspunkte der Stadterneuerung. International gefestigte Marken wie die Olympischen Spiele, die Fußball Weltmeisterschaft oder die Weltausstellung übertragen ihr Image auf die Ausrichtungsorte und werden von der lokalen Bevölkerung allgemein akzeptiert.
Der werbewirksame Effekt der Olympischen Spiele ist gewaltig. Die Organisatoren erwarten sich eine langfristige Steigerung der städtischen Attraktivität, mehr Investitionen und Touristen.  Großveranstaltungen wirken bei einer richtigen Planung wie Konjunkturprogramme, die neue Arbeitsplätze und höhere Steuereinnahmen generieren. Für das Stadtmarketing sind Großveranstaltungen heute unverzichtbar geworden, weshalb Weltstädte wie London, Paris und New York immer wieder auf den Bewerberlisten solcher Ereignisse zu finden sind.

London 2012 – Was bleibt?

Die Gesamtinvestitionen der britischen Regierung, um die Olympischen Spiele und die Paralympics in London auszurichten, beliefen sich auf 20,1 Mrd. Pfund. Damit ist das Investitionsvolumen höher als für die Spiele in Athen (ca. 17 Mrd. US$) und Sydney (ca. 4 Mrd. US$). Einzig die Spiele in Beijing waren teurer (ca. 44 Mrd. US$). Die Stadtverwaltung von London sieht das Geld aber gut angelegt, da die Spiele Teil des Stadtentwicklungskonzeptes sind. Der ehemalige Bürgermeister Ken Livingston (2000 – 2008) beschrieb es im Evening Standard 2008 wie folgt: „I didn’t bid for the Olympics because I wanted three weeks of sport. I bid for the Olympics because it’s the only way to get the billions of pounds out of the Government to develop the East End, to clean the soil, put in infrastructure and build housing.”

Die Olympischen Spiele sind somit eine Fortführung des Konzeptes urban renaissance, das seit den späten 1990ern das Leitbild der Stadtrestrukturierung in London ist. Durch hohe Investitionen wurden seitdem innerstädtische Stadtviertel aufgewertet und von industriellen Altlasten befreit. Wachstum in den Bereichen Wohnungsbau, Dienstleistungen und Einzelhandel an verkehrsgünstig gelegenen Orten wurden forciert, um London eine polyzentrische Stadtstruktur zu verleihen.

Die nachhaltige Wirkung der Spiele wird also in der Revitalisierung des sozial und wirtschaftlich schwachen Londoner Ostens gesehen. Der Olympiapark befindet sich in direkter Nachbarschaft zu den Stadtvierteln Newham, Hackney, Tower Hamlets, Waltham Forest und Greenwich, die als East End zusammengefasst werden. Die dortige lokale Bevölkerung weist im Vergleich zu anderen Stadtvierteln in London ein geringeres Durchschnittseinkommen, Bildungsniveau und eine niedrigere  Lebenserwartung auf. Der derzeitige Bürgermeister Boris Johnson verspricht sich durch die Spiele eine positive Wirkung auf die Schaffung neuer Arbeitsplätzen im Umfeld des Olympiaparks. Große Hoffnungen liegen dabei auf dem Westfield Shopping Centre (Investitionsvolumen 1,7 Mrd. Pfund), das direkt am Olympiapark errichtet und bereits 2011 eröffnet wurde. Es ist das größte innerstädtische Einkaufszentrum in Europa mit 175.000 m2 Einkaufs- und 100.000 m2 Bürofläche. Die Stadtverwaltung erwartet ca. 18.000 neue Jobs, die auch nach den Spielen Bestand haben werden. Zusätzlich investierte die Stadt massiv in den Ausbau der Verkehrsnetze und in neue Bildungseinrichtungen. Im kommenden Jahr eröffnet die University of East London einen neuen Campus in kurzer Distanz zum Olympiapark. Auch das olympische Dorf wird eine Nachnutzung erfahren, hier ist eine Umwandlung in hochwertigen Wohnraum geplant.

Ob all diese Maßnahmen allerdings der lokalen Bevölkerung zugutekommen, bleibt fraglich. Im Vorfeld der Spiele wurden ca. 15.000 Arbeitsplätze, überwiegend im Niedriglohnsektor, umgesiedelt. Zusätzlich stiegen die Mieten im East End überproportional an. Mietsteigerungen um mehr als 100 % waren keine Seltenheit.

Weiternutzung der Sportstätten

Im Gegensatz zu den Spielen in Beijing wurden die Sportstätten in London so errichtet, dass ein Rückbau ohne weiteres möglich ist. Das 80.0000 Menschen umfassende Olympiastadion wird in der kommenden Saison neue Austragungsstätte des Premier League Clubs West Ham United. Aufgrund eines Baukastenprinzips ist es möglich, die Stadionkapazität auf 40.000 bzw. 25.0000 Plätze zurückzubauen. Gleiches gilt für das Schwimmstadion (17.500 auf 2.500), das nach den Spielen ein öffentliches Schwimmbad werden wird.

Welche nachhaltige Auswirkung die Spiele aber genau auf die Stadtentwicklung Londons haben, klärt 2015 ein abschließender Bericht.

Verwendete Literatur

Braun, B.; Viehoff, V. 2012: London 2012 – Olympische Spiele als Impulsgeber für die Stadterneuerung. In: Geographische Rundschau (6/2012).

Horn, M.; Gans, P. 2012: Sport als Wirtschafts- und Standortfaktor. In: Geographische Rundschau (5/2012).

Chalkley, B.; Essex, S. 1999: Urban development through hosting international events: a history of the Olympic Games. In: Planning Perspectives (14/4).

 

 

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www.geographieblog.de

Meine Name ist Stefan Ohm und ich bin Geograph. Vor meinem Studium habe ich eine Ausbildung zum Fachinformatiker absolviert und danach bei Electronic Data Systems (EDS) als Lotus Notes Entwickler gearbeitet. Während meines Studiums in Hannover führte mich mein Weg zur Texas State University in San Marcos (USA) sowie zur University of Bristol (UK). Darüber hinaus absolvierte ich zwei Praktika bei NGO’s in Neu Delhi (Indien), mit dem Ziel Entwicklungsprozesse vor Ort genauer zu betrachten und damit ein besseres Verständnis über diese zu erhalten. Promoviert habe ich über den Strukturwandel im Perlflussdelta und Hongkong (China) an der Justus Liebig Universität in Gießen.

Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Großveranstaltungen Irrsinn auf Kredit

    Oft werden die Banken alleine für den Kreditirrsinn verantwortlich gemacht.

    In Wirklichkeit sind die Kreditnehmer die Hauptschuldigen. Viele verschulden sich ohne Rücksicht auf Verluste über beide Ohren. Dies gilt im Privatbereich, im Geschäftsbereich und vor allem im öffentlichen Bereich. Kredite sind Gift!

    Joachim Datko – Physiker, Philosoph
    Forum für eine faire, soziale Marktwirtschaft
    http://www.monopole.de

  2. Zivilisationsmarketing

    Es handelt sich bei Veranstaltungen dieser Art letztlich um “Zivilisationsmarketing”, also um den Nachweis derartige Veranstaltungen durchführen zu können, dabei die vor Ort befindliche Zivilisation zu stärken oder zumindest gut aussehen zu lassen.

    Die Wirkung derartiger Maßnahmen [1] ist nicht zu unterschätzen, genügt meist nicht der Anforderungslage der sich vor Ort Befindenden, muss sie auch nicht, sondern dem jeweiligen System oder allgemeiner gefasst der Kultur, die sich für die Veranstaltung verantwortlich zeigt.

    Die im letzten Absatz Ihrer Webnachricht bemühte Nachhaltigkeit kann nicht, wie von einigen vielleicht erhofft im Jahr 2015 und durch regionale Bemühung, festgestellt werden.

    HTH
    Dr. Webbaer

    [1] Die Mondlandung ist hier der Klassiker. Sie dürfen aber gerne auch moskowiten Metrobau oder andere Bemühung anderer Systeme auf tieferem Niveau vergleichen.

  3. im Vogelnest hat es sich ausgezwitschert

    In der heutigen Taz erschien ein Artikel zur aktuellen Nutzung des Olympiastadions in Beijing.
    Anscheinend hat die Pekinger Stadtregierung es bisher nicht geschafft ein tragfähiges Nutzungskonzept für das Stadion auf die Beine zu stellen. Bisher fanden nur wenige Großveranstaltungen statt. Unter anderem gab es einige Freundschaftsspiele europäischer Fußballvereine, ein Motorsport Event oder eine Operndarstellung. Regelmäßige Events kamen aber nicht zustande. Der Fußballclub Guo’an sollte im Stadion eigentlich seine Heimspiele austragen, was aber nicht funktionierte.

    Wer das Stadion heute besuchen möchte, muss etwa 6,35 € bezahlen. Für viele Pekinger ein saftiger Eintrittspreis.
    Zusätzlich hinterlässt das Stadion einen bitteren Beigeschmack, da Ai Weiwei maßgeblich an der Gestaltung mitwirkte hat.

    Immerhin wird das Schwimmstadion noch genutzt. Es ist in ein Spaßbad umgewandelt worden.

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