Innovationen in China

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LiefnerEin Gespräch mit Prof. Dr. Liefner über das chinesische Forschungs- und Entwicklungssystem. Prof. Liefner forscht und lehrt am Institut für Geographie der Justus Liebig Universität in Gießen. Seine Forschungsschwerpunkte in Südostasien sind wissensbasierte Regionalentwicklungen in China sowie die Entwicklungs- und Armutsforschung in Tahiland und Vietnam.

Stefan Ohm: Was bedeutet der Ausdruck „China – Werkbank der Welt“ genau?

Herr Liefner: Der Ausdruck „Werkbank der Welt“ besteht aus zwei Einzelkomponenten. Einerseits verfügt China in vielen Wirtschaftsbereichen wie der Leichtindustrie, Elektronikindustrie und der Textilindustrie über große Anteile des weltweiten Produktionsvolumens und ist in diesen Industrien auch wichtiger Exporteur.
Andererseits deutet dieser Ausdruck auch auf den Werkbankcharakter dieser Produktion hin, da die Fertigung häufig mit den Händen oder einfachen Maschinen verrichtet wird. Es handelt sich um diejenigen Produkte, die technologisch keine Herausforderungen an die Bereiche Innovation und Forschung stellen, sondern deren Technologie einfach und bekannt ist. Die Produktionsschritte sind für chinesische Unternehmen daher einfach zu handhaben. Der Ausdruck „Werkbank der Welt“ bezieht sich also auch darauf, dass chinesische Unternehmen bei komplexen Produkten nur die einfachsten Teilschritte herstellen.

Stefan Ohm: In welchem Umfang ist China in der Lage, eigene innovative Produkte herzustellen?

Herr Liefner: In führenden Wochenzeitschriften ist ja häufig zu lesen, dass China ein wirtschaftlich innovatives Land sei. Dies kommt natürlich stark darauf an, welche Produkte betrachtet werden und wie der Innovationsbegriff definiert ist. Bei einer Definition, die Innovationen als technische Neuheiten auf dem Weltmarkt ansieht, ist China nicht in der Lage, eigene innovative Produkte herzustellen. Bei einer weiteren Fassung des Innovationsbegriffs und mit Einbeziehung solcher Produkte, die sowohl in Form als auch in Anwendbarkeit neu sind, ist China in der Lage, eigene innovative Produkte herzustellen. Diese Produkte werden häufig auch als „architectual innovations“ bezeichnet. Die Fertigung findet aber unter der Verwendung von Technologien statt, die aus Europa, Nordamerika oder Japan stammen.
So gesehen gibt es schon Innovationen die aus China stammen, aber die basieren entweder auf ausländischen Technologien oder der innovative Charakter ist in der Anwendbarkeit oder Adaptierfähigkeit der asiatischen Lebensweise zu sehen.

Stefan Ohm: In welchen Wirtschaftssektoren sind chinesische Unternehmen im Bereich der Forschung und Entwicklung führend?

Herr Liefner: Das dürfte den Schwerpunkten der industriellen Produktion und den Exporten entsprechen, also den Bereichen der Elektronikindustrie, Bürokommunikation, Computerindustrie und der Telekommunikation. Es sind vor allem einzelne Unternehmen in den Bereichen Forschung und Entwicklung führend, wie beispielsweise der Telekommunikationsausrüster Huawei als auch der PC Hersteller Lenovo, der bereits Marktführer in Asien ist.
In diesen Bereichen liegen auch die Schwerpunkte der chinesischen Produktionsvolumina und sie bilden somit den innovativen Kern der chinesischen Wirtschaft.

Stefan Ohm: Inwieweit können chinesische Unternehmen multinationale Unternehmen in diesen Bereichen herausfordern?

Herr Liefner: Chinesische Unternehmen können multinationale Unternehmen immer dann herausfordern, wenn es darum geht, preisgünstigere Produkte herzustellen. Chinesische Unternehmen sind bereits im Bereich der Textilherstellung sowie der Elektronik- und PC-Produktion international führend. Dieser Trend wird sich fortsetzen und Leidtragende sind häufig auch internationale Unternehmen, die besonders bei alten, reifen und billigen Produkten Marktanteile verlieren. In den höherwertigeren Produktbereichen, die grundlegende technologische Innovationen voraussetzen, sind chinesische Unternehmen noch nicht in der Lage, multinationale Konzerne herauszufordern. Dies ist nur auf ein enges Marktsegment beschränkt.
Darüber hinaus gelingt es chinesischen Unternehmen über Umwege, globale Marktanteile zu erringen. Diese Unternehmen beschaffen sich das erforderliche Know-How, indem sie zumeist mittelständische Unternehmen in Westeuropa und Nordamerika aufkaufen und dieses Wissen in ihre Produktionsprozesse einbinden. Das berühmteste Beispiel ist ja das Unternehmen Lenovo, dass die IBM – Computersparte übernommen hat.

Stefan Ohm: Bestehen dabei Unterschiede zwischen chinesischem und globalem Markt?

Herr Liefner: Zwischen diesen Märkten bestehen erhebliche Unterschiede. Der chinesische Markt verlangt hauptsächlich noch preiswertere und technisch einfachere Produkte als der Weltmarkt. Auf dem chinesischen Markt sind einheimische Unternehmen in vielen Bereichen ausländischer Konkurrenz überlegen, da diese genau die Produkte anbieten, die vom chinesischen Verbraucher nachgefragt werden. Auf den bedeutenden Märkten in Europa, Nordamerika und Japan werden insgesamt höhere Qualitätsstandards erwartet und nachgefragt. Es fällt vielen chinesischen Unternehmen schwer, in die Nähe dessen zu kommen, was global marktgängig ist. Wie bereits angesprochen, können chinesische Unternehmen in den Bereichen Elektronik und Bekleidung international konkurrieren, im Bereich der Automobilindustrie sind chinesische Unternehmen aber noch nicht konkurrenzfähig.

Stefan Ohm: Durch welche Fördermaßnahmen unterstützt der chinesische Staat neue Produktentwicklungen und wissensintensive Unternehmensgründungen?

Herr Liefner: Der chinesische Staat hat eine Reihe von Förderprogrammen aufgelegt, die allerdings anders ausfallen, als die, die wir aus Deutschland und Westeuropa kennen. Häufig unterstützen diese Förderprogramme  die Finanzierung neuer Produkte (z.B.: Programm 863: „State High Tech Development Plan“). Die Fördervolumina sind sehr transparent und finden sich in den Statistiken wider. In China ist es allerdings wichtiger, dass der Staat auch indirekt in das Wirtschaftsgeschehen eingreift. Aktuell hat der Staat die marktbeherrschenden staatlichen Banken angewiesen, großzügig Kredite an Unternehmen zu vergeben. Besonders an Unternehmen, die neue Produkte entwickeln. Diese Förderung ist allerdings sehr intransparent und es gibt darüber keine exakten Statistiken.

Stefan Ohm: Wie sind die Universitäten des Landes aufgestellt? Gelingt es diesen, in der Forschung global konkurrenzfähig zu sein?

Herr Liefner: Das westliche Verständnis einer Universität lässt sich nicht so einfach nach China übertragen. Wir nehmen ja immer noch an, dass das Hochschulsystem in den Bereichen Lehre und Forschung nationale Standards erfüllen muss. Dies ist im chinesischen Hochschulsystem gewiss nicht der Fall. Die Spannbreite zwischen guten und schwachen Universitäten ist in China sehr groß. Und nur ganz wenige Universitäten des Landes sind in der Lage, im Bereich der Lehre und mit Abstrichen im Bereich der Forschung ein Niveau zu erreichen, wie es für die Forschungsuniversitäten Westeuropas oder Amerikas üblich ist. Ob diese Universitäten auch einen Beitrag zur Innovationsfähigkeit der chinesischen Unternehmen leisten, ist noch unklar. Ein direkter Weg, auf dem Universitäten unternehmerische Forschung und Entwicklung unterstützen, ist die Bereitstellung qualifizierter und kreativer Absolventen. Der durchschnittliche Ausbildungsstand chinesischer Absolventen liegt allerdings noch weit unter der Qualität, die in Westeuropa und den USA  vorherrscht. Andere direkte Wege des Wissenstransfers geschehen über Lizenzen oder Spin-Off Ausgründungen aus der Universität oder über technische Kooperationen. Diese Kooperationen bestehen allerdings nur in Einzelfällen und sind auch wenig dokumentiert. In der Breite ist dies aber noch kein Phänomen, das besondere Bedeutung für das chinesische Forschungs- und Entwicklungssystem hätte.

Stefan Ohm: Wie sieht es beispielsweise mit Spin-Off Gründungen aus den Universitäten aus?

Herr Liefner: Wir wissen ziemlich genau wie viele Unternehmen aus den chinesischen Universitäten hervorgehen. Allerdings sind dies nicht alles Unternehmen, die unserem westlichen Spin-Off Begriff entsprechen. Vielfach sind es universitätseigene Unternehmen, die ausgegründet werden, um zusätzliche Einnahmen zu generieren; also Fuhrparks, Taxiunternehmen, Hotels und Hospitäler. Bei Spin-Off Gründungen, die von Dozenten, Professoren und Studenten durchgeführt werden, um wissenschaftliche Ideen in marktreife Produkte zu überführen, ist die Zahl der Unternehmen wesentlich geringer. Die Erfolgsaussichten sind dabei stark abhängig von der Region, in der diese geschehen.   
Generell lässt sich sagen, dass in Südchina ein offeneres wirtschaftsfreundliches Klima herrscht und diese Spin-Offs bessere Entwicklungsmöglichkeiten haben als beispielsweise in Nordchina. In Städten wie Peking gibt es zwar viele staatliche Förderprogramme für solche Spin-Off Gründungen, aber generell leiden fast alle diese Firmen daran, dass sie über den Kapitalmarkt schwer an Kredite kommen und schlechte Wachstumsmöglichkeiten haben. Enge Beziehungen und Kontakte zu den Universitäten aus denen sie entstanden sind, tragen entscheidend zur finanziellen Unterstützung durch diese Universitäten oder Akademien bei.
Insgesamt ist das Phänomen der Spin-Off Gründungen aus Universitäten für die Innovationsfähigkeit der chinesischen Wirtschaft noch nicht bedeutend. Einzelfälle lassen allerdings ein anderes Bild entstehen. So lässt sich argumentieren, dass die Firma Lenovo aus einer universitären Spin-Off Gründung hervorgegangen ist, nämlich aus einem großen Institut der Akademie der Wissenschaften

Stefan Ohm: Welche Reformen benötigt das chinesische FuE-System, damit chinesische Unternehmen zu Global Playern aufsteigen können?

Herr Liefner: Vermutlich ist der größte Engpass chinesischer Unternehmen nicht im chinesischen FuE System zu suchen, sondern in der Tatsache, dass chinesische Unternehmen aufgrund ihrer Managementkapazität, technologischen Ausstattung sowie den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in China nicht zu Global Playern aufsteigen können. Die vielleicht größten Hemmnisse sind in der Finanzierung und beim Staatseinfluss zu suchen. Zusätzlich ist die niedrige Qualität der Bildungsabschlüsse auf allen Ebenen des Bildungssystems ein Problem für Unternehmen.
Es wäre sicherlich auch nötig die chinesische Spitzenforschung finanziell besser auszustatten und westliche Wissenschaftler in die Universitäten zu holen. Zusätzlich ist ein neuer Geist wissenschaftlicher Freiheit und Kreativität erforderlich und die Abkehr von staatlichen Direktiven und nationalen Aufgaben. Der individuellen Initiative der Forscher sollte mehr Raum eingeräumt werden, damit es einfacher wird, neue Ideen zu kommerzialisieren.

Stefan Ohm: In welchem Umfang hat die aktuelle Finanzkrise das chinesische FuE-System beeinflusst?

Herr Liefner: Abschließend lässt sich das noch nicht beurteilen. Der Einfluss der Finanzkrise scheint aber nicht besonders ausgeprägt zu sein. China ist ja immer noch in einer relativ komfortablen Situation, besonders im Bereich der Staatsfinanzen. Durch die starke Abschottung des Finanzsektors vom Weltmarkt sind chinesische Banken nicht von der aktuellen Krise betroffen. Diese wirkt sich in China aber sehr stark auf den exportorientierten Industriesektor aus und trifft dabei Unternehmen, die technologisch nicht besonders stark sind. Der kurzfristige strukturelle Effekt sollte nicht besonders stark ausfallen. Es ist allerdings denkbar, dass die Finanzkrise den chinesischen Unternehmen die Notwendigkeit verdeutlicht, langfristige technologische Kompetenz aufzubauen und zu stärken.
Es könnte also dazu führen, dass die Finanzausstattung des Forschungssystems sich langfristig verbessert und auch der Staat mehr Interesse an einen funktionierenden Technologietransfer zwischen Unternehmen und Universitäten hat. Der dynamische Effekt dürfte eher positiv, der kurzfristige dagegen gering sein.

Stefan Ohm: Herr Liefner, vielen Dank für das Gespräch.

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www.geographieblog.de

Meine Name ist Stefan Ohm und ich bin Geograph. Vor meinem Studium habe ich eine Ausbildung zum Fachinformatiker absolviert und danach bei Electronic Data Systems (EDS) als Lotus Notes Entwickler gearbeitet. Während meines Studiums in Hannover führte mich mein Weg zur Texas State University in San Marcos (USA) sowie zur University of Bristol (UK). Darüber hinaus absolvierte ich zwei Praktika bei NGO’s in Neu Delhi (Indien), mit dem Ziel Entwicklungsprozesse vor Ort genauer zu betrachten und damit ein besseres Verständnis über diese zu erhalten. Promoviert habe ich über den Strukturwandel im Perlflussdelta und Hongkong (China) an der Justus Liebig Universität in Gießen.

3 Kommentare

  1. Mich würde nochmal interessieren, woran genau es liegt, dass China so wenig eigene Innovationen hat. Hat es sich zu sehr und zu lange auf ausländische Innovationen verlassen? In Bezug auf China fällt ja auch immer wieder das Stichwort Produktpiratierie, spielt das da mit rein?

    Und weißt du auch, woran es liegt, dass die Universitäten so unterschiedliche Standards haben?

  2. Hochschulen in China

    Die universitären Standards erklären sich alleine schon daher, dass es in China gewaltige wirtschaftliche Ungleichgewichte gibt. Während die Küstenregionen (Shanghai, Beijing, Perlflussdelta) sehr gut entwickelt sind, ist Zentralchina immer noch sehr strukturschwach. Die Schul-und Hochschulbildung ist in diesen Regionen immer noch sehr schwach entwickelt. Zudem besteht in China ein dreigliedriges Finanzierungssystem für die Hochschulen (Staat, Provinz, Stadt). Staatliche Hochschulen sind dabei finanziell sowohl in Forschung als auch in der Lehre sehr gut ausgestattet. Hochschulen, die von der Stadt finanziert werden, haben ihren Schwerpunkt häufig in der Bereitstellung qualifizierter Absolventen.

  3. Lässt sich daraus schließen, dass die Universitäten in Zentralchina weniger staatlich gefördert werden oder dass es in Zentralchina insgesamt weniger Universitäten gibt?

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