Indiens Nahrungsmittelproduktion im Wandel

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Der Nahrungsmittelpreisindex der FAO, der einen Richtwert für die Preisentwicklung von Lebensmittel angibt, erreichte in diesem Jahr einen Höchststand. Seit dem Jahr 2005 ist ein globaler Anstieg sämtlicher Nahrungsmittelpreise zu beobachten. Diese Entwicklung stellt insbesondere für Entwicklungs- und Schwellenländer eine Herausforderung dar. Am Beispiel Indien lässt sich verdeutlichen, wie Schwellenländer, in denen große Bevölkerungsteile direkt von der Erzeugung landwirtschaftlicher Güter abhängen, auf diese Entwicklung reagieren.

 

Produktion und Handel mit landwirtschaftlichen Gütern

Die wirtschaftliche Öffnung der indischen Republik erfolgte 1991. Zuvor verfolgte das Land eine Strategie der Importsubstitution. Dies bedeutete, dass sämtliche Güter und Lebensmittel direkt im Land hergestellt werden sollten. Der Wendepunkt in dieser Strategie erfolgte Anfang der 1990er und markierte insbesondere einen Wendepunkt in der Entwicklung der indischen Nahrungsmittelproduktion. Vor der wirtschaftlichen Öffnung waren die indischen Lebensmittelproduzenten von weltwirtschaftlichen Entwicklungen und Preisen abgeschottet. Durch zahlreiche Liberalisierungsmaßnahmen in der der indischen Landwirtschaft, befinden sich nun indischen Bauern im direkten Wettbewerb mit internationalen Unternehmen und Anbietern.

Der primäre Sektor hält einen Anteil von ca. 17% an der indischen Wirtschaftsleistung. Für ein Schwellen- bzw. Industrieland ist dieser Wert relativ hoch (zum Vergleich: Deutschland: ca. 3%). Insgesamt ist die Hälfte der indischen Bevölkerung direkt oder indirekt an der landwirtschaftlichen Nahrungsmittelproduktion beteiligt. Aufgrund einer geringen Produktivität und ineffizienten Märkten sind die Wachstumsraten im primären Sektor in Indien sehr gering. Das indische Wirtschaftswachstum wird hauptsächlich durch den boomenden Dienstleistungssektor getragen.
Der Handel mit Gütern aus der Landwirtschaft ist in Indien in traditionellen Strukturen organisiert. Die Handelsmengen sind gering und zum großen Teil lokal organisiert. Dadurch entstehen lokale Abhängigkeitsverhältnisse, die sich insgesamt wachstumshemmend auswirken. Im Durchschnitt stehen jedem indischen Bauern 1,3ha Land zur Verfügung. Diese Zahl mag statistisch der Realität entsprechen, allerdings verfügen mehr als 80% der indischen Bauern nur über eine Ackerfläche von unter einem ha. Aufgrund der starken Dispersion bestehen Informationsasymmetrien, die dazu führen, dass Bauern nicht den optimalen Warenpreis erhalten.

Um diese ungleichen Machtstrukturen abzubauen und den Bauern einen fairen Preis für ihre Waren zu gewährleisten, fördert die indische Regierung regulierte Großhandelsmärkte (APMC-Märkte). Diese sollen sicherstellen, dass ein fairer Preis ausgehandelt wird. Gleichzeitig sollen die APMC-Märkte die Versorgungssicherheit wichtiger Zentren und Regionen gewährleisten. Durch die finanzielle Unterstützung dieser Märkte wird zudem das Liefernetz ausgebaut und die Infrastruktur im ländlichen Raum modernisiert. Um beispielsweise die Versorgung von Mumbai mit frischen Lebensmitteln zu gewährleisten, werden im Bundesstaat Maharashtra lokale Nahrungsmittelproduzenten eingebunden, deren Ware eine maximale Lieferzeit von 12 Stunden nicht überschreiten sollen. Ausländische Unternehmen sind sowohl bei den Großmärkten als auch im Einzelhandel stark unterrepräsentiert, da insbesondere in der Nahrungsmittelproduktion noch starke politische Hürden für ausländische Wettbewerber vorherrschen.

Insgesamt bietet das APMC-System Kleinbauern nur geringe Vorteile, da die Preise nur geringfügig über denen liegen, die in der traditionellen Handelsstruktur bestehen. In Einzelfällen lassen sich sogar Nachteile für Kleinbauern beobachten, da diese hohe Investitionen in der Produktion vornehmen müssen, um den Qualitätsanforderungen der Großhändler zu entsprechen. Aus diesem Grund haben traditionelle Handelsmuster in der indischen Landwirtschaft weiterhin bestand, in denen politische Förderstrukturen allerdings nur selten wirken.

Die globale Nahrungskrise und Indiens Antwort

Einhergehend mit den Bestrebungen einer strukturellen Reform in der Landwirtschaft werden auch schrittweise Importbeschränkungen für ausgewählte landwirtschaftliche Produkte reduziert. Die indische Regierung unterstützt diesen strukturellen Fördermaßnahmen um die Nahrungssicherheit im ländlichen Raum zu gewährleisten. Diese Förderinstrumente richten sich aber hauptsächlich auf das APMC-System. Traditionelle Handelsstrukturen werden dabei aber nur selten mit Fördermitteln bedacht. Die indische Regierung passt aktuell die Fördervolumen an die tatsächliche Produktionsleistung der Landwirtschaft an. In Zeiten mit geringen Ernten steigen demnach die Förder- und Investitionsvolumina, während diese in Zeiten guter Ernten wieder sinken. Insgesamt sollen ca. 2% des indischen Bruttoinlandsproduktes für die Sicherung der Ernährung Indiens aufgewendet werden.

Aufgrund anhaltenden Bevölkerungswachstums ist davon auszugehen, dass die indische Bevölkerung im Jahr 2030 die Chinas zahlenmäßig übersteigt. Schätzungen zufolge wird die indische Bevölkerung auf mehr als 1,6 Mrd. Menschen anwachsen. Vor diesem Hintergrund hat die Gewährleistung der Nahrungssicherheit in Indien eine hohe Bedeutung. Ashok Gulati, der Vorsitzende der „Agricultural Costs and Prices Commision“ in Neu Delhi vermutet, dass diese Bestrebungen nur mit einer erhöhten Anstrengung aller Akteure und höheren Investitionen in der indischen Landwirtschaft zu erreichen ist. Die wichtigsten Investitionsposten sind demnach das Wassermanagement und die ländliche Infrastruktur.

Verwendete Literatur

Trebbin, An. 2011: Gemüsebauern in Maharashtra. In: Geographische Rundschau, 2011(5), S.36-41.
Gulati, A. 2011: The global food crisis and India’s response to it. In: Rural 21, 2011(3), S.20-23.

 

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Stefan Ohm

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www.geographieblog.de

Meine Name ist Stefan Ohm und ich bin Geograph. Vor meinem Studium habe ich eine Ausbildung zum Fachinformatiker absolviert und danach bei Electronic Data Systems (EDS) als Lotus Notes Entwickler gearbeitet. Während meines Studiums in Hannover führte mich mein Weg zur Texas State University in San Marcos (USA) sowie zur University of Bristol (UK). Darüber hinaus absolvierte ich zwei Praktika bei NGO’s in Neu Delhi (Indien), mit dem Ziel Entwicklungsprozesse vor Ort genauer zu betrachten und damit ein besseres Verständnis über diese zu erhalten. Promoviert habe ich über den Strukturwandel im Perlflussdelta und Hongkong (China) an der Justus Liebig Universität in Gießen.

1 Kommentar

  1. Indien braucht Business As Usual

    1.6 Milliarden Inder im Jahre 2030. Das ist nur möglich, wenn die Rahmenbedingungen für Wachstum sich nicht verschlechtern. Doch vieles spricht dafür, dass Rohöl im Jahr 2030 viel teurer sein wird als heute. Damit wird auch Dünger teurer sein und der Einsatz von landwirtschaftlichen Maschinen wird teurer sein.

    Damit kann Indien nicht leben. Indien braucht Business As Usual: Preise für Öl und andere Rohstoffe ähnlich wie heute. Doch BAU wird es nicht geben!

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