Hyderabad – Kraftstoff für die Megastadt von morgen

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Als Hauptstadt des indischen Bundesstaates Andra Pradesh gehört Hyderabad mit einem Bevölkerungswachstum von ca. 27% pro Jahrzehnt zu den weltweit am schnellst wachsenden Städten. Die Stadt beherbergt aktuell ca. 6 Millionen Menschen und es wird prognostiziert, dass diese Zahl bis zum Jahr 2015 auf ca. 10,5 Millionen ansteigen wird. Dieses Wachstum wird drastische soziale und ökonomische Veränderungen mit sich bringen, die den Stadtbewohnern veränderte Lebensstile und Konsummuster abverlangen werden. Die drängendsten Herausforderungen der Stadtverwaltung sind derzeit eine nachhaltige Energienutzung und die Einbindung armen Bevölkerungsschichten in den Arbeitsmarkt.  

Hyderabad als Megastadt

Eine Megastadt ist ein schnell wachsendes urbanes Ballungsgebiet, welches durch hohe Bevölkerungsdichten, eine sich verändernde Infrastruktur und soziale Ungleichheiten gekennzeichnet ist. Durch hohe Migrationsraten aus dem Umland entwickeln sich viele Megastädte in Entwicklungsländern zu urbanen Agglomerationen, die gekennzeichnet sind durch große peri-urbane Räume. Innerhalb dieser Räume sind keine klaren Grenzen zwischen urbanen und ruralen Strukturen zu erkennen So jedenfalls die Definition von CHENNAMENENI, MÜLLER und CHALIGANTI (2008: 31) und HEINEBERG (2007: 308ff.). Darüber hinaus besteht in den Megastädten der Entwicklungsländer ein extremer Dualismus zwischen Gruppen, die vom raschen Wirtschaftswachstum profitieren und Bewohnern, die kaum ihre Grundbedürfnisse befriedigen können. Hyderabad erfüllt, laut CHENNAMENENI, MÜLLER und CHALIGANTI (2008: 30f.), diesen Anspruch. Geographisch gelegen in einer semi-ariden und agrarisch geprägten Region, entstehen aufgrund des Aufstiegs Hyderabads sehr hohe Migrationsströme stadteinwärts. Vom Wirtschaftswachstum, vor allem aus dem IT-Sektor (vgl. BISWAS 2004: 824), profitieren jedoch nur wenige Bevölkerungsgruppen, der große Rest lebt in den wachsenden Slumgebieten der Stadt.
Aufgrund des hohen Bevölkerungswachstums der vergangenen Dekaden, erhöhte sich die Motorisierung der Bevölkerung explosionsartig. Die Anzahl der Verkehrsfahrzeuge verzehnfachte sich seit 1980, die Straßeninfrastruktur konnte diesem Wachstum jedoch nicht folgen. Eine große Hauptherausforderung der Stadtverwaltung ist deshalb die zunehmende Luftverschmutzung, da die Fahrzeuge Hyderabads hauptsächlich älteren Bautyps sind und in großem Maße Kohlendioxid und Ruß emittieren. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, ist in Hyderabad ein ambitioniertes Projekt der Stadtverwaltung gestartet, das auf die Förderung von Biokraftstoffen setzt.

Biokraftstoffe für Hyderabad

Die Förderung von alternativen Energien hat in Indien eine lange Tradition. Bereits in den 1970ern hat die indische Regierung ein entsprechendes Ministerium für die Förderung alternativer Energieformen eingerichtet. Das Ziel war es damals eine nachhaltige, dezentrale Energieversorgung zu schaffen, die vor allem den armen Bevölkerungsschichten zugute kommt. Die Auswirkungen dieser Förderprogramme sind jedoch häufig umstritten. Besonders die Errichtung von Staudämmen, häufig in Stammesgebieten der Adivasi (Stammesbewohner), zog die Umsiedlung dieser Bevölkerungsgruppen nach sich (vgl. DITTRICH 2004: 11f.).

Heutzutage ist der Fokus der Förderung auf Biokraftstoffe gerichtet, um die Abhängigkeit Indiens gegenüber Rohölimporten zu senken. Der Ausbau der Förderung von Biokraftstoffen ist in Andhra Pradesh weit fortgeschritten. In Hyderabad befindet sich bereits eine Raffinerie für Biodiesel und es laufen erste Tests der städtischen Verkehrsbetriebe sowie bei den häufig eingesetzten Autorikschas. Erzeugt und gefördert wird der Kraftstoff im peri-urbanen Raum Hyderabads. Die Biomasse für den Kraftstoff liefert die Purgiernuss ("Jatropha curcas"), die besonders gut in semi-ariden Regionen wächst. Darüberhinaus ist diese Pflanze nicht konsumierbar und steht daher nicht in Konkurrenz mit den vorhandenen Nutzpflanzen der Region. Ausschlaggeben für die Wahl der Purgiernuss war zudem, dass sie nicht maschinell geerntet werden kann und so viele Frauen und Landlosen eine Anstellungsmöglichkeit finden. Der Anbau der Purgiernuss hat zudem hohe ökologische Implikationen, da die Pflanze bodenverbessernd für nachfolgenden Gemüseanbau wirkt. Zudem bindet die Purgiernuss große Mengen an Kohlendioxid. Beim späteren Verbrennen des Biodiesels entsteht daher kein Netto-Zugewinn des Treibhausgases. Erste Messungen der innerstädtischen Verkehrsbetrieben haben ergeben, dass sich die Freisetzung von Kohlendioxid massiv reduziert.

Erste Schlussfolgerungen haben, laut CHENNAMENENI, MÜLLER und CHALIGANTI (2008: 34f.), ergeben, dass der bisherige Einsatz der Purgiernuss als Lieferant für Biokraftstoffe in Hyderabad, ein voller Erfolg war. Diese Pflanze steht nicht in Konkurrenz zu herkömmlichen Nutzpflanzen und bietet zudem Beschäftigungsmöglichkeiten besonders für arme Bevölkerungsgruppen.

Literatur

BISWAS, R. 2004: Making a technopolis in Hyderabad, India: The role of government IT policy. In: Technological Forecasting & Social Change, 71(8), 823-835.
CHENNAMANENI,R.; MÜLLER,U.; CHALIGANTI, R. 2008: Hyderabad: Förderung von Biokraftstoffen in peri-urbanene Gebieten, In: Geographische Rundschau, 60(4), S.30-35.
DITTRICH, C. 2004: Widerstand gegen das Narmada-Staudammprojekt in Indien. In: Geographische Rundschau, 56(12), S.10-15.
HEINEBERG, H. 2007: Einführung in die Anthropogegraphie/Humangeographie. (3. Auflage). Paderborn: Schöningh.

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Meine Name ist Stefan Ohm und ich bin Geograph. Vor meinem Studium habe ich eine Ausbildung zum Fachinformatiker absolviert und danach bei Electronic Data Systems (EDS) als Lotus Notes Entwickler gearbeitet. Während meines Studiums in Hannover führte mich mein Weg zur Texas State University in San Marcos (USA) sowie zur University of Bristol (UK). Darüber hinaus absolvierte ich zwei Praktika bei NGO’s in Neu Delhi (Indien), mit dem Ziel Entwicklungsprozesse vor Ort genauer zu betrachten und damit ein besseres Verständnis über diese zu erhalten. Promoviert habe ich über den Strukturwandel im Perlflussdelta und Hongkong (China) an der Justus Liebig Universität in Gießen.

2 Kommentare

  1. Wieviel

    Biomasse braucht man denn, um einen Liter des Kraftstoffes zu gewinnen? Das ist meiner Meinung nach der entscheidende Parameter, schließlich lassen sich auch Purgiernüsse nicht in beliebig großer Menge gewinnen. Und wir verbrauchen beim gegenwärtigen Stand sehr viel Kraftstoff…

  2. @Fischer

    Sorry, dass die Antwort ein wenig länger gedauert hat. Ich musste erst ein wenig recherchieren. Kurz gesagt, ist die Lösung nur für den lokalen Gebrauch gedacht. Es bestehen derzeit keine Pläne, diese Kraftstoffe zu exportieren. Die Stadtbetriebe testen aktuell drei Beimischungslösungen. Ganz soll der Biokraftstoff herkömmliche Kraftstoffe nicht verdrängen.
    Die Verwendung der Purgiernuss funktioniert auch nur, da sie an das Klima um Hyderabad angepasst ist.

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