Die Schattenseiten des chinesischen Aufstiegs

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Die Volksrepublik China weist wirtschaftlich eine beeindruckende Bilanz auf (siehe Artikel: China – auf dem Weg zur High-Tech Nation?). Aus einem Entwicklungsland, in dem noch in den 1960ern Millionen Menschen während Hungersnöten starben, entwickelte sich die mittlerweile drittgrößte Volkswirtschaft der Welt; direkt hinter Japan und sogar vor der Bundesrepublik. Selbst in der aktuellen Finanzkrise kommen hoffnungsvolle Meldungen aus dem Reich der Mitte und zukünftigen Weltmacht. Alles in Allem also eine Erfolgsgeschichte? Mit Sicherheit ist der chinesische Aufstieg ein einmaliges Ereignis in der Weltgeschichte. Noch nie zuvor wurden so viele Menschen aus der Armut geholt, wie in den vergangenen Jahren in China. Allerdings gibt es auch Schattenseiten der Entwicklung, die den weiteren Aufstieg des Riesenreichs in der Zukunft behindern können.

Disparitäten zwischen Stadt und Land

Obwohl China sich im letzten Jahr zum Exportweltmeister und zur drittgrößten Volkswirtschaft gemausert hat, ist das Riesenreich noch weit entfernt, einen vergleichbaren Lebensstandard wie die Bundesrepublik oder Japan aufzuweisen. Bei einem direkten Vergleich des Einkommens relativiert sich das Bild des Musterschülers der Weltwirtschaft allerdings. Mit einem geschätzten jährlichen Pro-Kopf Einkommen nach Kaufkraftparität, liegt die Volksrepublik mit $ 5345 (2007, Weltbank) gleichauf mit Staaten wie die Malediven, Angola oder Ägypten. Unter diesen Aspekten ist die Maxime der Staatsführung, eine „Gesellschaft mit bescheidenem Wohlstand“ zu schaffen besser nach zu vollziehen.
China weist dramatische Einkommensdisparitäten zwischen Stadt und Land sowie zwischen Küsten- und Binnenprovinzen auf. Bei der Betrachtung des GINI-Koeffizienten, also der Verteilung des Einkommens innerhalb einer Volkswirtschaft, zeigen sich enormen Einkommensunterschiede. Für das Jahr 2007 wies China einen GINI-Koeffizienten von 0,47 auf (zum Vergleich: Deutschland 0,28 im Jahr 2005). Ein Koeffizient von 1,0 zeigt dabei die absolute Ungleichverteilung und 0,0 die absolute Gleichverteilung an. Der GINI-Koeffizient für China ist relativ hoch und entspricht Ländern wie Madagaskar, Mozambique oder Nepal. 

Wenn dieses Ungleichgewicht des Einkommens in Zahlen ausgedrückt wird, entstehen schwindelerregende Zahlen. Noch immer leben ca. 120 – 135 Millionen Chinesen mit weniger als einem Dollar pro Tag, der Schwell, die von den Vereinten Nationen als absoluten Armutsgrenze bezeichnet wird. Während die boomenden Küstenregionen um Beijing, Shanghai und Hongkong annähernd westliches Niveau erreichen, verharren viele der westlichen Provinzen in Armut, mit nur sehr geringen Wachstumsraten. Vor allem die ländliche Bevölkerung in diesen Regionen partizipiert nur gering am wirtschaftlichen Aufstieg der Volksrepublik. Und das sind immerhin 56,1% der chinesischen Bevölkerung. Während das absolute jährliche Pro-Kopf Einkommen in den Städten bereits 13.786 Yuan (1 Euro = 9,8 Yuan) beträgt, liegt es in den ländlichen Regionen nur bei 4.140 Yuan. Der Anschluss der ländlichen Bevölkerung an den wirtschaftlichen Aufstieg gerät damit in Gefahr.
Die Konsequenzen aus diesen Entwicklungen sind für die chinesische Gesellschaft schwer abzuschätzen. Es gilt als unzweifelhaft, dass viele Landbewohner diese Entwicklung nicht akzeptieren und sich aufmachen, um in den Städten der Küstenregionen Arbeit und ein besseres Leben zu finden. 2007, so Schätzungen, befanden sich ca.120 Millionen Landbewohner in den Städten des Ostens und zusätzlich reisten 80 Millionen Chinesen als Wanderarbeiter durch das Land. Durch das Hukou-System, welches die chinesischen Bürger in Land- und Stadtbewohner einteilt, stehen den Landbewohnern in den Städten keine Sozialleistungen zu. Sie befinden sich, nach chinesischem Recht, illegal in den Städten, tragen allerdings gleichzeitig mit ihrer Arbeitskraft zum wirtschaftlichen Aufstieg des Landes bei. Die Weltbank vermutet, dass bis 2020, weitere 300 Millionen Landbewohner in die Städte abwandern. Ein unvorstellbarer Bevölkerungsdruck für die Küstenstädte, von denen heute bereits viele die zehn Millionen Einwohnergrenze überschritten haben. Diese Landflucht verursacht besonders im ländlichen Raum viele demographische Probleme, da vor allem die jungen und leistungsfähigen Arbeitskräfte abwandern. Als Folge altert die Bevölkerung in den betroffenen Regionen besonders stark. Die fehlende Altersversicherung führt zusätzlich dazu, dass die Altersarmut in China stark ansteigt.

Arbeits- und Umweltbedingungen

Der wirtschaftliche Aufstieg des Riesenreichs führt zu besonders extremen Entwicklungen. Die Arbeitsbedingungen in vielen Branchen sind katastrophal, besonders im Bergbau. Obwohl sich China nur für ca. 40% der globalen Kohleproduktion verantwortlich zeichnet, vereint das Land mehr als 80% aller globalen Todesfälle in Kohlegruben. Die Todesrate in chinesischen Bergwerken liegt siebenmal höher als beispielsweise in Indien und siebzigmal höher als in den USA. Mit dem wirtschaftlichen Aufstieg ging auch eine unvorstellbare Zerstörung und Belastung der Natur und Umwelt einher. Gemäß Studien, sterben jährlich ca.750.000 Chinesen als direkte Folge der Umweltzerstörung und Luftverschmutzung, die besonders in vielen Städten millionenfache Atemwegserkrankungen hervorruft. 16 der 20 weltweit am meist verschmutzten Großstädte befinden sich im Reich der Mitte.
Bis 2020 wird sich zudem die Anzahl der Autos auf chinesischen Straßen von heute ca. 35 Millionen auf ca.100 Millionen verdreifachen. Eine Verbesserung der Luftqualität ist daher nicht zu erwarten. Auch auf anderen Gebieten herrschen erschreckende Zustände: bis zu 700 Millionen Chinesen haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, da nur ein geringer Anteil der Abwässer geklärt wird. 70% der Flüsse und 90% der städtischen Gewässer sind mittlerweile mittel bis stark mit Schadstoffen belastet; auch hier mit steigender Tendenz.

Wachsende Proteste

Obwohl das starke Wirtschaftswachstum und der kommunistische Staat Proteste in den vergangenen Jahren klein gehalten haben, dringen immer mehr Informationen über soziale Unruhen in die Weltpresse. Vor allem im strukturschwachen Binnenland nehmen Proteste und Demonstrationen zu.
Obwohl die Zentralregierung in Beijing diese Proteste nicht kommentiert und die Informationen über diese stark einschränkt, vermuten internationale Medien und Beobachter, dass es eine hohe Dunkelziffer besteht. Besonders in den umstrittenen, aber strategisch bedeutenden, Regionen Tibet und Xinjiang droht ein offener Aufstand der Autonomiebewegungen.
Die Zentralregierung hat die Probleme im Land erkannt und versucht durch großangelegte Infrastrukturprojekte den strukturschwachen Westen an die boomenden Küstenregionen anzubinden. Im 11. Fünfjahresplan (2006-2010) sind Maßnahmen zur Angleichung von städtischen und ländlichen Lebensverhältnissen verankert. Das Ziel ist eine Stärkung der ländlichen Einkommen sowie der Schutz vor Umweltverschmutzungen. Die Leitlinie der Partei ist es, eine „harmonische Gesellschaft“ zu schaffen, in der Chancengleichheit für alle Chinesen besteht. Zudem fließen große Geldmengen des aktuellen Konjunkturprogramms in die Erforschung und Errichtung grüner Technologien, damit die Umweltprobleme nicht die Entwicklungsperspektiven des Riesenreichs in der Zukunft einschränken.

Verwendete Literatur

FISCHER, M. (Hg.) 2007: Länderbericht China. Bundeszentrale für politische Bildung: Bonn.
Landeszentrale für politische Bildung Baden Württemberg, 2008: Die Volksrepublik China. Der Bürger im Stadt, 3/4-2008.
STREETS et al. 2008: Aerosol trends over China, 1980–2000. In: Atmospheric Research, 88(2), S.174-182.
ZHENG, J.; BIGSTEN, A.; HU, A. 2008: Can China’s growth be sustained? A productivity Perspective. World Development. 37,(4).S.874–888.

 

  • Veröffentlicht in: WiGeo
Stefan Ohm

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www.geographieblog.de

Meine Name ist Stefan Ohm und ich bin Geograph. Vor meinem Studium habe ich eine Ausbildung zum Fachinformatiker absolviert und danach bei Electronic Data Systems (EDS) als Lotus Notes Entwickler gearbeitet. Während meines Studiums in Hannover führte mich mein Weg zur Texas State University in San Marcos (USA) sowie zur University of Bristol (UK). Darüber hinaus absolvierte ich zwei Praktika bei NGO’s in Neu Delhi (Indien), mit dem Ziel Entwicklungsprozesse vor Ort genauer zu betrachten und damit ein besseres Verständnis über diese zu erhalten. Promoviert habe ich über den Strukturwandel im Perlflussdelta und Hongkong (China) an der Justus Liebig Universität in Gießen.

3 Kommentare

  1. Schuld ist uns. Ideologie

    Eins ist bemerkenswert:
    Die chinesischen Kommunisten haben ihren ideologischen Schatten übersprungen
    und eine zentral gesteuerte Planwirtschaft mit marktwirtschaftlichen Elementen
    geschaffen. Die Entwicklung der Volksrepublik China ist ein Paradebeispiel,
    wie schädlich für die ökonomische Entwicklung die Ideologie ist.
    Das ist auch unser Problem. Wir beharren auf der irreführenden Meinung,
    dass der Staat als Miteigentümer sich aktiv an der Wirtschaft nicht beteiligen darf.
    Die zunehmenden staatlichen Investmentfonds sind objektiv ein Widerspruch zu dieser These.
    Wir sind froh, dass ein fremder Staat sich an den europäischen Unternehmen beteiligt, er darf sich somit in unsere Wirtschaft einmischen, und unser Staat darf das nicht. Das hat keine Logik. Fließen die Gewinne ins Ausland bei einer ausländischen Beteiligung, können
    diese Gewinne in unseren Haushalt fließen und eine zweite Finanzierungsquelle zu den Steuereinnahmen bilden.

  2. Obwohl das ZDF die Entwicklung in China ja sehr positiv betrachtet hat(Megastädte als Zukunftsmodell). Seltsamerweise haben sie Slums als positive Maßnahme gegen die Bevölkerungsexplosion gesehen. Auch die Ein-Kind Politik in China war mir allzu positiv dargestellt. Nur am Rande wurden die negativen Begleiterscheinungen aufgezeigt (Männerüberschuss, Anstieg der Prostitution).
    Ich denke, dass gerade die ungleichen Lebensverhältnisse in China von unglaublicher Sprengkraft sind. In wenigen Jahren werden Städte oder Agglomerationen mit mehr als 30-50 Millionen Einwohnern keine Seltenheit mehr sein.

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