Globale Urbanisierung

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In der menschlichen Geschichte ist die Stadt eine recht späte, wenn auch sehr erfolgreiche, Entwicklung gewesen. Die ersten Siedlungen tauchten vor ca. 11.000 Jahren auf, nachdem der Homo Sapiens ca. 100.000 Jahre in den Steppen und Savannen herumwanderte. Die ersten Siedlungen ermöglichten den Bewohner an einem Ort zu bleiben und sich mit anderen Dingen als der Nahrungsbeschaffung zu beschäftigen. Schnell entwickelten sich Städte zu Marktplätzen, Verwaltungszentren und Orten, an denen wichtige Innovationen hervorgebracht wurden. Obwohl sich Millionenstädte wie Rom oder Konstantinopel entwickelten, lebten Anfang des 19. Jahrhunderts nur 3% der Weltbevölkerung in Städten. Durch die industrielle Revolution setzte eine Landflucht ungeahnten Ausmaßes ein, ausgehend von Nordengland erfasste diese ganz Europa und Nordamerika. In dem Jahrhundert, welches folgte wuchs die urbane Weltbevölkerung stark an und zählte 1900 schon 13%. Erst im 20. Jahrhundert setzte eine weltweite Landflucht ein, die Megastädte mit mehr als 20 Millionen Einwohnern schuf, und mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten konzentrierte.

Aktuelle Entwicklungen

Ein Ende dieses urbanen Wachstums ist nicht in Sicht, denn bis 2030 wird die derzeitige urbane Bevölkerung von 3,2 Mrd. auf mehr als 5 Mrd. anwachsen. Die Zahl der Städte mit mehr als 1 Millionen Einwohner wird in den nächsten 10 Jahren auf über 500 anwachsen und es entstehen 9 weitere Megastädte (Delhi, Dhaka, Jakarta, Lagos, Mexico City, Mumbai, New York, Sao Paulo und Tokio) mit mehr als 20 Millionen Einwohnern in der Metropolregion. Das stärkste Wachstum wird in den Entwicklungsländern beobachtet, in denen eine menschenwürdige Unterbringung häufig nicht mehr möglich ist und große Slumgebiete entstehen.
Die höchsten Wachstumsraten der Verstädterung weisen derzeit afrikanische Städte auf. Missernten, die Folgen des Klimawandels, Kriege und wirtschaftliche Zwänge zwingen die Landbevölkerung, sich auf den Weg in die Städte zu machen. In den Slums angekommen, müssen diese mit einer hohen Bevölkerungsdichte, Umweltverschmutzungen, Krankheiten und schlechter Bildung für ihre Kinder leben.
Stadtluft macht dabei nicht frei, sondern krank, denn viele Städte in Asien und Afrika haben hohe Luftverschmutzungen. So atmet ein Durchschnittsbürger in Delhi täglich so viel Schadstoffe ein, wie beim Rauchen von 40 Zigaretten. Andere Städte in Entwicklungsländern haben ähnlich hohe Werte.
Eine geringe Hoffnung gibt es für die vielen Slumbewohner aber dennoch, denn auch die Konditionen in Europäischen Städten wandelten sich in den letzten 150 Jahren gravierend. Dieser Weg wird auch in Asien beschritten und so hat sich die Situation seit den 1970ern erheblich verbessert und die hohe Zahl der Armen in asiatischen Urbanisationen ist von 50 % auf unter ein Viertel gefallen. Ein starkes Wirtschaftswachstum ermöglichte diesen Prozess und lässt hoffen für die Zukunft.
Die Länder, die von einem hohen wirtschaftlichen Aufschwung profitieren, unternehmen große Anstrengungen ihre Städte in einen besseren Lebensraum zu transformieren. Luftverschmutzung und Verkehrsprobleme sind die dringlichsten Probleme der Millionenstädte in China, Indien und im restlichen Asien. Die Vorreiterrolle übernahm dabei Singapore, welche als erste Stadt eine Straßenmaut einführte und die öffentlichen Verkehrssysteme stark förderte. Mittlerweile ist London und Oslo gefolgt und selbst New York denkt über eine Straßennutzungsgebühr für Manhattan nach.

Lebensqualität und Vernetzungsgrad

Die Geschichte hat gezeigt, dass Städte keine statisches Gebilde sind, sondern Wachstums- und Schrumpfungsphasen unterliegen, wie derzeit Detroit, New Orleans und Venedig, die durch natürliche oder wirtschaftliche Prozesse an Bedeutung verlieren.
Eine erfolgreiche Stadt braucht eine gute Stadtverwaltung und eine florierende Wirtschaft, um weiterhin an Bedeutung zu gewinnen. Allerdings muss hierbei die urbane Wirtschaft sehr anpassungsfähig sein, wie GLAESER (2003) am Beispiel Boston, welche sich in den letzten zwei Jahrhunderten mehrmals vollständig wandelte, aufzeigte.
In der heutigen Situation der Globalisierung ist auch ein hoher Vernetzungsgrad zu anderen urbanen Ökonomien entscheidend, wie New York, London und Tokio als Weltstädte beweisen. Allerdings ist dies keine statische Ordnung, denn es entstehen neue Herausforderer, die ähnliche Vernetzungsgrade, wie die Weltstädte, aufweisen und somit in der globalen Hierarchie aufsteigen, wie derzeit Paris, Frankfurt, Zürich, Hong Kong oder Amsterdam.
Der wirtschaftliche Erfolg garantiert aber noch lange keine hohe Lebensqualität. So befinden sich die Weltstädte nicht in den oberen Plätzen des Quality Living Index, laut dem Zürich, Genf, Vancouver, Wien und Auckland die höchste Lebensqualität aufweisen. New York als Weltstadt ist erst auf Platz 49 zu finden.

Perspektiven für das 21. Jahrhundert

Das 21. Jahrhundert wird starke Veränderungen der urbanen Strukturen mit sich bringen. Viele Städte in Amerika und Europa haben als Grundlage günstige Transportkosten, die besonders die suburbanen Räume begünstigten. Bei steigenden Transportkosten ist zu erwarten, dass das flächenhafte Wachstum ein Ende hat und viele Bewohner wieder näher an den Stadtkern rücken.
Die Städte der Entwicklungsländer stehen hingegen vor einer gewaltigen Aufgabe. Gelingt es ihnen nicht, den Immigranten ein lebenswertes Heim zu schaffen und die Verschmutzung zu vermindern, werden große Teile der Weltbevölkerung in Armut und miserablen Bedingungen verharren. Ein Nährboden für neue Krisen.

Quellen

1. The Economist: The World goes to Town – A Special Report about Cities, Vol. 383, Number 8527
2. Quality Living Index
3. City Population
4. Glaeser, Edward L., 2003: Reinventing Boston: 1640-2003, NBER Working Paper No. W10166. Available at SSRN: http://ssrn.com/abstract=478676

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Stefan Ohm

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www.geographieblog.de

Meine Name ist Stefan Ohm und ich bin Geograph. Vor meinem Studium habe ich eine Ausbildung zum Fachinformatiker absolviert und danach bei Electronic Data Systems (EDS) als Lotus Notes Entwickler gearbeitet. Während meines Studiums in Hannover führte mich mein Weg zur Texas State University in San Marcos (USA) sowie zur University of Bristol (UK). Darüber hinaus absolvierte ich zwei Praktika bei NGO’s in Neu Delhi (Indien), mit dem Ziel Entwicklungsprozesse vor Ort genauer zu betrachten und damit ein besseres Verständnis über diese zu erhalten. Promoviert habe ich über den Strukturwandel im Perlflussdelta und Hongkong (China) an der Justus Liebig Universität in Gießen.

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