Die Krise ist vorbei

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In den vergangenen Tagen haben zwei Nachrichten aus China die deutschen Wirtschaftsmedien näher beschäftigt. Einerseits explodierten die Ausfuhren der Volksrepublik im Februar gegenüber zum Vorjahr und zweitens ist im Perlflussdelta ein massiver Arbeitskräftemangel festzustellen, der sogar so weit führt, dass Unternehmen aus Kapazitätsgründen neue Aufträge ablehnen müssen. Die chinesische Wirtschaft scheint also wieder gehörig zu brummen. Ich befinde mich gerade in Guangzhou, und versuche diese beiden Entwicklungen aus der "vor Ort" – Perspektive zu kommentieren.

Explodierende Ausfuhren

Na, das waren aber grandiose Meldungen, die es in den Medien zu lesen gab: ein Exportwachstum von mehr als 40% im Februar gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Die chinesische Wirtschaft scheint sich also doch als Motor der Weltwirtschaft zu präsentieren. Nordamerika und Europa scheinen bei dieser Entwicklung nicht mithalten zu können. Auch vor Ort werden diese Entwicklungen in den staatlichen Medien gefeiert. Mein Eindruck ist aber, dass der Jubel verfrüht ist. Der Zeitraum scheint einfach falsch gewählt zu sein. Ein Vergleich zu 2008 wäre doch eigentlich viel sinnvoller. Denn da würde sich zeigen, dass die absoluten aktuellen Werte noch immer weit unter denen von 2008 liegen. Zur Verteidigung muss allerdings erwähnt werden, dass 2008 für die chinesische Wirtschaft ein Rekordjahr darstellte und der Einschnitt auch besonders groß war.

Der Februar ist in China generell ein Monat, in dem viele Menschen Urlaub nehmen und für mehrere Wochen nach Hause fahren. Grund dafür ist das chinesische Neujahrsfest, das Weihnachten, Sylvester und Ostern in einem ist. Wirtschaftlich gesehen ist der Februar in China immer ein sehr schwacher Monat. Gerade für eine Provinz wie Guangdong wirkt sich das Frühlingsfest verehrend aus, da viele Fabriken ihre Produktion auf ein Minimum zurückfahren müssen, da sich große Teile der Arbeitnehmerschaft aufmachen, um in ihre Heimatprovinzen zu fahren. Der wirtschaftliche Einbruch im Februar 2009 war zudem auch besonders stark. Viele Unternehmen konnten ihren Arbeitnehmern einfach keine Arbeitsverträge über das Frühlingsfest hinaus anbieten, da eine große Unsicherheit herrschte, ob sich die regionale Wirtschaft wieder fangen würde. Millionen von Wanderarbeitern sind also in ihren Heimatprovinzen geblieben, anstatt nach Guangdong zurückzukehren.

Zusätzlich mussten im Frühjahr 2009 auch weit mehr als 100.000 Unternehmen ihre Werkstore für immer schließen. Die Provinzregierung war über diese Entwicklung aber nicht besonders unglücklich. Bei einer genaueren Betrachtung waren viele Unternehmen darauf spezialisiert besonders günstig einfache Produkte herzustellen. Die Margen in diesem Geschäftsfeld sind traditionell sehr dünn. Das Ausbleiben eines einzelnen Auftrags kann schon das Ende eines Unternehmens bedeuten. Die Provinzregierung hat bei dieser Entwicklung zudem ein wenig nachgeholfen und die Steuern für diese Unternehmen leicht erhöht. Dies führte dazu, dass viele dieser „dreckigen“ Unternehmen schließen mussten. Für die Region selbst war dies allerdings ein Segen, da einerseits ein Beitrag geleistet wurde, die ökologische Belastung zu reduzieren und andererseits neues Land frei wurde. Land, das erfolgreiche Unternehmen dringend benötigen, um ihre Produktion auszuweiten. Es verwundert daher nicht, dass viele Unternehmen staatliche Kredite dann auch in neue Immobilien investierten.

Arbeitskräftemangel

Wie äußert sich nun der Arbeitskräftemangel im Perlflussdelta? Vergangene Woche hatte ich das Glück, mit dem Regional Director einer großen Arbeitsagentur in Guangzhou sprechen zu können. Hier in der Region fehlen, seiner Einschätzung zufolge, aktuell fast eine Millionen Arbeiter. Eine gewaltige Summe also. Für ihn stellte das aber kein Problem dar. Der Grund dieses Arbeitskräftemangels liegt ja darin begründet, dass viele Wanderarbeiter im letzten Jahr in ihren Heimatregionen geblieben sind. Es dauert halt ein wenig Zeit, bis die Anwerbungsversuche wieder auf Hochtouren laufen. Diese Situation kann also noch bis zum Sommer anhalten, sollte sich danach aber wieder beruhigen. Die dagebliebenen Arbeitnehmer nutzen diese Situation aber gut aus und versuchen bessere Arbeitskonditionen und höhere Löhne heraus zu handeln. Die Krise könnte für die Arbeitnehmer hier also eine große Chance darstellen.
 
Die Krise ist also vorbei? Mein Eindruck ist, dass es im Perlflussdelta wieder aufwärts geht. Um das Niveau von 2008 zu erreichen, wird es aber noch einige Zeit dauern. Eine weitere Entwicklung, die ich hier beobachten konnte, ist, dass besonders Unternehmen, die ausschließlich für den chinesischen Markt produzieren den Einbruch nicht so stark wahrgenommen haben. In der Regel konnten diese Unternehmen ihre Arbeiterschaft halten oder sogar ausweiten. Im Wettbewerb um hochqualifizierte Mitarbeiter, könnte sich das schnell als entscheidender Wettbewerbsvorteil herausstellen.

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Meine Name ist Stefan Ohm und ich bin Geograph. Vor meinem Studium habe ich eine Ausbildung zum Fachinformatiker absolviert und danach bei Electronic Data Systems (EDS) als Lotus Notes Entwickler gearbeitet. Während meines Studiums in Hannover führte mich mein Weg zur Texas State University in San Marcos (USA) sowie zur University of Bristol (UK). Darüber hinaus absolvierte ich zwei Praktika bei NGO’s in Neu Delhi (Indien), mit dem Ziel Entwicklungsprozesse vor Ort genauer zu betrachten und damit ein besseres Verständnis über diese zu erhalten. Promoviert habe ich über den Strukturwandel im Perlflussdelta und Hongkong (China) an der Justus Liebig Universität in Gießen.

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