Die Frage der globalen Gerechtigkeit

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Die Lage in weiten Teilen der Welt ist erschütternd. Millionen Menschen müssen hungernd ihr Dasein in riesigen Slums der Megastädte fristen. Unzählige Kinder in Entwicklungsländern sind unterernährt und haben keine Aussicht auf Bildung und ein selbstbestimmtes Leben in Würde. Eine gerechte Welt sieht anders aus, jedenfalls in unserem westlichen Gerechtigkeitsverständnis. Doch was genau ist damit gemeint: Gerechtigkeit?  Zu dieser Frage hat FORST ein interessantes Gedankenexperiment entwickelt, über das ich vor ein paar Wochen gestolpert bin. FORST geht der Frage nach, wie eine ungerechte Situation am sinnvollsten beseitigt werden kann und was Gerechtigkeit eigentlich genau bedeutet.

Das Gedankenexperiment

Den Ausgang seines Experiments bildete ein Foto von Sebastiao Salgado (hier), das Arbeiter in einer Goldmine Brasiliens zeigt, die spärlich bekleidet und unter offenbar unwürdigen Bedingungen große Lasten auf den Schultern transportieren. Allein beim Anblick dieser unmenschlichen Form der Arbeit, kamen FORST sofort Fragen der Gerechtigkeit auf, die ihn zu folgendem Gedankenexperiment veranlassten. In diesem  erhalten die brasilianischen Arbeiter der Goldmine eines Tages einen Brief von einem fiktiven internationalen Gerichtshof für globale Gerechtigkeit. Da ihre Situation in den Minen offensichtlich ungerecht ist, soll der Gerichtshof Gerechtigkeit sprechen. Zum Verfahren werden den Arbeitern fünf unterschiedliche Verteidiger zur Verfügung gestellt, die alle eine andere Herangehensweise an die Thematik haben.

Die Verteidiger

Die ersten beiden Verteidiger deuten den Fall als humanitäres, bzw. moralisches Anliegen. Ihrer Ansicht nach müssten die Arbeiter aus dieser ausbeuterischen Situation befreit werden. Geschehen soll dies, indem den Arbeitern Güter zur Verfügungen gestellt werden, damit sie aus dieser ausbeuterischen Situation entkommen. Die Forderung hier ist also, dass grundlegende Bedürfnisse erfüllt werden. Institutionelle und politische Veränderungen sehen diese Herangehensweisen jedoch nicht vor. Die Arbeiter sind von dieser Herangehensweise der Verteidiger aber nicht überzeugt, da sie als Güterempfänger in einem solchen Fall verharren und nicht davor bewahrt werden, ein zweites Mal in eine solche Situation zu geraten. Der dritte Verteidiger spricht von Menschenrechten, die sich an Gerechtigkeitspflichten durch Rechte orientieren. Dies schließt auch die Subsistenz an Gütern mit ein, damit es nicht zu einem Mangel an diesen kommt und die Arbeiter keine Armut ertragen müssen. Allerdings sieht der Verteidiger die Verantwortung auf nationaler Ebene, sprich es ist die Verantwortung der nationalen Regierung. Die beiden weiteren Verteidiger argumentieren ähnlich, nur auf globaler Ebene. Die Forderungen umfassen minimale Grundbedürfnisse, die geschaffen werden sollen. In allen Fällen verharren die Arbeiter aber als Objekt der Gerechtigkeit, als Güterempfänger, ohne eigenständig etwas an ihrer ungerechten Situation ändern zu können. Jeder der Verteidiger vertritt aber im Grundsatz die populären westlichen Gerechtigkeitsforderungen. In dem Gedankenexperiment sind die Arbeiter ratlos und lehnen alle Verteidiger ab.

Schlussfolgerungen

FORST‘S Schlussfolgerung aus dem Gedankenexperiment ist, dass Gerechtigkeit nicht die Umdeutung schlechter, struktureller und intersubjektiver Mangelverhältnisse ist. Es besteht nämlich ein Unterschied, ob jemandem etwas fehlt, oder ihm etwas vorenthalten wird. Im ersten Fall besteht die Verpflichtung der Hilfe und im zweiten, Unterdrückung und Ausbeutung durch Rechte aufzuheben. Da die Frage nach Gerechtigkeit immer auch eine Frage nach bestehenden Machtverhältnissen ist, müssen die ungerecht Behandelten zum Subjekt der Gerechtigkeit werden. Internationale Strukturen, so FORST, sollten darauf abzielen, Machtasymmetrien aufzuspüren und gegebenenfalls zu beseitigen. Ein Internationaler Gerichtshof für Gerechtigkeit wäre seiner Meinung nach nicht geeignet Gerechtigkeit zu schaffen, da die Bereitstellung von Gerechtigkeit eine Aufgabe derer ist, die nicht länger Gerechtigkeitsempfänger sein wollen. POGGE kritisiert jedoch, dass FORST in seinen vorherigen Arbeiten leider recht unpräzise sei, wenn es um die entscheidenden Fragen geht, was genau Gerechtigkeit ist und wie Institutionen aussehen sollten, die für eben diese Sorgen sollten? Aber auch POGGE liefert keine eindeutige Definition der globalen Gerechtigkeit. Natürlich ist dies nicht einfach, da es sicherlich schwer fällt, eine allgemeingültige Definition für Gerechtigkeit zu finden. Interessant ist das Gedankenexperiment von FORST aber doch, da es aufzeigt, wie schwer diese Thematik ist und es nicht ausreicht, einfach Gerechtigkeit zu fordern.

Quellen

FORST, R. 2007: Dialektik der Moral. Grundlagen einer Diskurstheorie transnationaler Gerechtigkeit. In: NIESEN/HERBOTH (HRSG.) 2007: Anarchie der kommunikativen Freiheit. Jürgen Habermas und die Theorie der internationalen Politik. Frankfurt (Main): Suhrkamp, S. 254-268
POGGE, T. 2001: Priorities of Global Justice, Metaphilosophy, Vol.32, Nr. 1/2, S.6-24

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Meine Name ist Stefan Ohm und ich bin Geograph. Vor meinem Studium habe ich eine Ausbildung zum Fachinformatiker absolviert und danach bei Electronic Data Systems (EDS) als Lotus Notes Entwickler gearbeitet. Während meines Studiums in Hannover führte mich mein Weg zur Texas State University in San Marcos (USA) sowie zur University of Bristol (UK). Darüber hinaus absolvierte ich zwei Praktika bei NGO’s in Neu Delhi (Indien), mit dem Ziel Entwicklungsprozesse vor Ort genauer zu betrachten und damit ein besseres Verständnis über diese zu erhalten. Promoviert habe ich über den Strukturwandel im Perlflussdelta und Hongkong (China) an der Justus Liebig Universität in Gießen.

1 Kommentar

  1. tour de france

    … aber wie definiere ich gerechtigkeit? dass alle menschen die gleichen möglichkeiten haben? ist es nicht ungerecht, dass ein lance armstrong einen radfahrtauglicheren körper hatte als ich seinerzeit?
    um gerechtigkeit herzustellen – müsste ich da nicht roboter herstellen, die alle gleich programmiert sind und die gleiche hardware besitzen?

    das spannende aber ist, dass selbst unter diesen gleichheitsbedingungen sich, wie experimente und simulationen zeigten, bei komplexeren organismen (oder strukturen) schnell ungleichgewichte herausbilden.

    (das hat wohl auch bei den einzellern nicht anders funktioniert)

    und wie will man das nun beseitigen?

    bezüglich der armen arbeiter in brasilien oder anderswo: wären wir mitteleuropäer zentralafrikaner und die zentralafrikaner mitteleuropäer, liefe doch gewiss alles nur exakt umgekehrt – dann müssten wir für einen hungerlohn schuften und die würden sich tapfer mit psychologie und philosphie befassen?

    emotional erkläre auch ich mit entschiedenheit: kein mensch kann glücklich sein, solange andere menschen auf diesem planeten darben oder gar verhungern müssen.

    aber eine quasi von oben verordnete gleichmachung würde den einzelnen individuen auch nicht gerecht: ein gebildeter mitteleuropäer würde sich als säckeschlepper gewiss weniger eignen, und wäre dann seinen kollegen auch wieder unterlegen.

    was allerdings möglich wäre: einen lance armstrong nicht zu beklatschen, wenn er die tour gewinnt – bzw. die tour als wettbewerb gleich abzuschaffen bzw. eine art jakobsweg daraus machen zum kollektiven vergnügen, bei dem gilt: dabeisein ist alles.

    aber ich halte es für fraglich, ob eine menschheit ohne wettbewerbsgedanken wirklich noch progressiv wäre … womöglich gewännen sogar die degenerativen Kräfte die Oberhand.
    Nicht zu vergessen: im evolutiven Wettstreit gewinnt womöglich der wettbewerbsfähigste – was uns Menschen folglich ‘im Blut’ liegt und uns geradezu zwingt, miteinander zu konkurrieren: als Individuen, als Fussballmannschaften, als Volkgruppen, Wirtschaftsgemeinschaften etc..

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