China – auf dem Weg zur High-Tech Nation?

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Der wirtschaftliche Aufstieg Chinas seit 1978 ist atemberaubend und für unser westliches Verständnis nicht einfach nachzuvollziehen. Während in Deutschland bereits Wachstumsraten von drei Prozent als Aufschwung gelten, wirkt der chinesische Aufstieg wie eine Entwicklung im Zeitraffer. Seit nunmehr zwanzig Jahren weist die Volksrepublik jährliche Wachstumsraten von zehn Prozent und mehr auf, ohne an Dynamik zu verlieren. Diese rasche Entwicklung wirft jedoch Fragen auf. Wird dieses Wachstum alleine durch eine extensive Ausweitung der Produktion stimuliert, oder kann China auch eigene Produkte entwickeln und am Weltmarkt etablieren? Ist China also die verlängerte Werkbank des Westens oder auf dem Weg zur High-Tech-Nation? Dieser Frage ging Prof. Liefner von der Universität Gießen in der vergangenen Woche in der Geographischen Gesellschaft zu Gießen nach.  

Chinesischer Reformprozess

Der chinesische Aufstieg stellt ein einmaliges Ereignis in der Weltgeschichte dar. Nie zuvor durchlief ein bevölkerungsreiches Land einen solch dramatischen Aufstieg. Noch vor 30 Jahren war China ein Entwicklungsland, das in der Weltwirtschaft nur eine untergeordnete Rolle spielte. Durch den „Großen Sprung“ und die „Kulturrevolution“ in den 1950er und 1960er Jahren befand sich das Land in einer Phase des wirtschaftlichen Niedergangs. Erst nach Maos Tod konnten pragmatische Reformen umgesetzt werden, die eine schrittweise wirtschaftliche Öffnung des Landes mit sich brachten. Verantwortlich für die Politik der Modernisierung war Deng Xiaoping, der Reformen in den Bereichen Landwirtschaft, Industrie, Armee, Wissenschaft und Technik anstrebte. Sein wohl bekanntester Ausspruch ist folgender: „Es spielt keine Rolle, ob die Katze schwarz oder weiß ist; solange sie Mäuse fängt, ist sie eine gute Katze.“, womit gemeint ist, dass allein das Ergebnis zählt und der Weg dorthin vielfältig sein kann.

Um in der sozialistischen Wirtschaft der Volksrepublik schrittweise marktwirtschaftliche Elemente zu etablieren, richtete die Regierung Anfang der 1980er Jahre sogenannte Sonderwirtschaftszonen ein. Diese waren spezielle Regionen des Experimentierens, die von der übrigen Wirtschaft abgekoppelt waren. Eine der ersten Sonderwirtschaftszonen entstand in der Provinz Guangdong (Kanton), die in dieser Zeit stark landwirtschaftlich geprägt war. Durch die Nähe zur damaligen Kronkolonie Hongkong, erhielt Guangdong relativ einfach Zugang zum Weltmarkt und zu ausländischen Direktinvestitionen.
Zu den ersten Reformschritten gehörten die Einführung marktwirtschaftlicher Elemente in der Landwirtschaft sowie der Industrie und eine Öffnung gegenüber ausländischen Direktinvestitionen. Als Folge stiegen die Wachstumsraten in den Küstenregionen sprunghaft an. Aus ehemaligen Fischerdörfern entwickelten sich innerhalb weniger Jahre Millionenstädte. Während die Küstenregionen stark prosperierten, entwickelte sich das Binnenland nicht annährend so dynamisch wie die drei führenden Küstenregionen: dem Perlflussdelta, Yangtzedelta und der Bohai Region. Die Folge dieser ungleichen Entwicklung ist eine starke Zunahme der Einkommensdisparitäten innerhalb des Landes.
Um die Sprengkraft dieser Entwicklung zu verdeutlichen, ist es angebracht kurz einen Blick auf die Bevölkerungsverteilung Chinas zu werfen. Während in den prosperierenden Küstenregionen ca. 350-400 Millionen Menschen leben, beherbergt das Binnenland ca. 1 Mrd. Menschen, hauptsächlich in armen Regionen mit niedrigem Lebensstandard.

High-Tech oder Low-Tech?

Ist China nun High- oder Low-Tech? Dieses lässt sich nicht einfach beantworten. Die chinesische Wirtschaft ist mit zahlreichen Produkten relativ erfolgreich am Weltmarkt. China weist Marktführerschaften in den Bereichen Bekleidung, Textilien, Spielzeug sowie für Produkte, die einfache Arbeitsschritte erfordern, auf. Dieser Erfolg erklärt sich vor allem durch die geringen Lohnkosten in China, die nur einen Bruchteil des europäischen Niveaus betragen.
Gleichzeitig ist China erfolgreich in der Produktion klassischer High-Tech Produkte wie Computerbestandteile, Mobiltelefone und Laptops. Es scheint verwunderlich, dass ein Großteil der weltweiten Produktion solcher High-Tech-Produkte in einem Entwicklungsland wie China stattfindet. Das Bild täuscht jedoch, so Prof. Liefner. Während die fertigen Produkte insgesamt als High-Tech bezeichnet werden, geschieht die Fertigung durch einfache Produktionsschritte. Hochtechnologische Komponenten wie beispielsweise Mikrochips werden nicht in China entwickelt und hergestellt, sondern aus Regionen wie dem Silicon Valley oder Japan importiert. In den Sonderwirtschaftszonen Chinas sind zudem fast alle großen multinationalen Unternehmen, wie Dell, Nokia und IBM angesiedelt, die für den Weltmarkt produzieren. Ausländische Unternehmen sind für mehr als die Hälfte aller chinesischen Exporte verantwortlich. Also nicht „made in China“, sondern „made by foreign companies“?

Welches China ist High-Tech Nation?

Die Situation, eine verlängerte Werkbank westlicher Unternehmen zu sein, bietet kein nachhaltiges Potential. Die Gefahr ist zu groß, dass Konkurrenten wie beispielsweise Indien die Produktionskosten der Volksrepublik unterbieten und somit Produktionskapazitäten und ausländische Direktinvestitionen abwerben. Aus diesem Grund investiert die chinesische Regierung massiv in den Bildungssektor. In den vergangenen zehn Jahren hat sich der Etat für Bildung mehr als verzehnfacht und mittlerweile schließen jährlich ca. 700.000 Ingenieure ihr Studium an chinesischen Universitäten und Hochschulen ab, mit steigender Tendenz. In wenigen Jahren werden jährlich mehr Ingenieure in China ihr Studium abschließen als in der Europäischen Union und den USA zusammen. Hinzu kommt, dass China derzeit viel vom Ausland lernt. Ausländische Unternehmen, die in China investieren, müssen sogenannte Joint Ventures mit einheimischen chinesischen Unternehmen eingehen, also Mitarbeiter schulen, Managementtechniken vermitteln und das Wissen um Technologien transferieren.
Doch reicht dieser Wissenstransfer aus, um China in ein High-Tech Land zu transformieren? Das Land insgesamt bietet sicherlich nicht das nötige Potenzial hierfür, außer in den den Küstenregionen Perflussdelta (Region um Hongkong), Yangzedelta (Shanghai) und Bohai Region (Peking/Tianjin). Nur in diesen drei Regionen befinden sich Universitäten und Forschungseinrichtungen, die internationalen Standard aufweisen und zukünftig in der Lage sein werden, neue Technologien und Produkte zu entwickeln.

Die größte Gefahr für chinesische Unternehmen ist jedoch die zunehmende Nachahmung und die Piraterie von Produkten. Für die chinesischen Unternehmen stellt dieses eine noch viel größere Gefahr als für westliche Produzenten dar. Denn wenn chinesische Unternehmen es nicht schaffen, erfolgreiche Produkte für den heimischen Markt zu entwickeln, werden diese auch auf dem Weltmarkt keinen Erfolgt haben. Die Folge könnte eine nachlassende Forschungs- und Entwicklungsaktivität sein in der Volksrepublik sein. Zusätzlich ist es notwendig, so Prof. Liefner, dass sich der chinesische Staat zunehmend aus dem wirtschaftlichen Geschehen zurückzieht, damit sich Kreativität und Pragmatismus in den chinesischen Unternehmen nachhaltig entfalten können.

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Stefan Ohm

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www.geographieblog.de

Meine Name ist Stefan Ohm und ich bin Geograph. Vor meinem Studium habe ich eine Ausbildung zum Fachinformatiker absolviert und danach bei Electronic Data Systems (EDS) als Lotus Notes Entwickler gearbeitet. Während meines Studiums in Hannover führte mich mein Weg zur Texas State University in San Marcos (USA) sowie zur University of Bristol (UK). Darüber hinaus absolvierte ich zwei Praktika bei NGO’s in Neu Delhi (Indien), mit dem Ziel Entwicklungsprozesse vor Ort genauer zu betrachten und damit ein besseres Verständnis über diese zu erhalten. Promoviert habe ich über den Strukturwandel im Perlflussdelta und Hongkong (China) an der Justus Liebig Universität in Gießen.

6 Kommentare

  1. Sonderwirtschaftszone Shenzen

    Die erste Sonderwirtschaftszone in China (Shenzen) soll vergrößert werden. Shenzen war die erste dieser Zonen in China und wurde vor über 30 Jahren eingerichtet. Die chinesische Regierung plant die Fläche dieser um das fünffache zu vergrößern. Damit würde die Sonderwirtschaftszone der Fläche Luxemburgs entsprechen. Shenzen entwickelte sich in 30 Jahren aus einem Fischerdorf in eine Milionenmetropole. Quelle: http://www.china-observer.de/…-vergroessern.html

  2. Spannend

    Erinnert mich etwas an Japan und als die ersten japanischen Motorräder aufkamen und die europäischen Marken verdrängten. Meist waren es Kopien der bisherigen europäischen Modelle. Die japaischen Motorräder waren billiger und perfekter. Funktionierten meist zuverlässiger. Einige europäische Motorradhersteller gingen dann pleite. Dann gab es fast nur noch japanische Motorräder und es zeigte sich, daß diese kaum eigene Ideen hatten und zum Kopieren war kaum noch was da. Dann kam beispielsweise Ducati mit ein paar neuen Modellen und die verkauften sich prima. Es dauerte nicht lange und dann wurde wieder kopiert.

    Ich glaube, in der Unterhaltungselektronik trifft dieses Beispiel nicht zu. Da sind die Japaner oben auf.

    Ich frage mich nur, ob der Vergleich mit Japan nützlich ist. Die Chinesen haben sicher eine andere Mentalität. Mich wundert es überhaupt, daß die so viel kopieren. Das hatten sie früher gar nicht nötig.

  3. @Martin

    Da es in China noch kein ausreichender Schutz des geistigen Eigentums gibt, wird natürlich fleißig kopiert. Es gibt ja auch Stimmen, die denken, dass die Kopierwut chinesischer Unternehmen stark durch staatliche Stellen gefördert wird.
    Die Unternehmen können durch Kopieren natürlich schnell und einfach den Weltmarkt mit billigen Produkten überschwemmen. Auf lange Sicht, kann eine Nation so aber nicht Erfolg haben. Wer nie gelernt hat, eigene Entwicklungen voranzutreiben, wird gerade dann einbrechen, wenn es nichts mehr zu kopieren gibt.

  4. Das ist interessant, ich hatte gedacht, das China inzwischen schon weiter ist mit der Produktion eigener High-Tech-Produkte (Lenovo ist doch eine ganz bekannte chinesische Marke?!).
    Es wundert mich, dass der Ansatz zu eigenen Forschungen und Entwicklungen so spät kam, man kann sich doch nicht nur auf die Entwicklungen von außen verlassen.

  5. @Johanna

    Wobei Lenovo sich das nötige Wissen ja eingekauft hat. Damals hat das Unternehmen die Computersparte von IBM eingekauft. Im Kaufpreis auch enthalten, alle Patente der entsprechenden Sparte.
    Über Eigenentwicklungen seiten Lenovos kann man sich streiten. Vor allem bei den Notebooks verwenden sie immer noch das alte IBM Design (welches nicht gerade schlecht war).
    Die Entwicklung der Netbooks hat Lenovo aber wohl verschlafen. Immerhin ein sehr starkes Wachstumssegment. Vor allem Unternehmen aus Taiwan haben da doch schneller auf veränderte Marktbedingungen reagiert.

  6. Echt hilfreich. muss ein Referat über die chinesische Wirtschaft halten und von hier konnte ich viele Informationen rausholen

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