Wissenschaft und Ehrlichkeit

Nachdem die zu-Guttenberg-Affäre jetzt etwas abkühlt (vorbei ist sie nicht, der Freiherr wird sich vermutlich einem Strafverfahren stellen müssen), möchte ich doch die Frage aufwerfen, ob die Wissenschaftler so darauf reagiert haben, wie es von Gelehrten erwartet werden darf – angemessen und abgeklärt.

 

Die zweite Frage ist, ob die Affäre einen Schaden für die Wissenschaft hinterlassen hat, ob sie gar, wie Gregor Gysi behauptet, verheerend für den Wissenschafts- und Forschungsstandort Deutschland sind.

Dürfen wir also bilanzieren, das Ansehen aller deutschen Wissenschaftler im Ausland sei geschädigt, der Forschungsstandort verheert, Publikationen in wichtigen Zeitschriften nur mit Schwierigkeiten durchzusetzen?

Mal ganz deutlich: Das ist Blödsinn. Mal ganz abgesehen davon, dass die Affäre im Ausland nicht als Krise der Wissenschaft in Deutschland, sondern als politisches Problem der Bundeskanzlerin wahrgenommen wird. Glaubt denn wirklich jemand, dass er wegen der Affäre seine Forschungsergebnisse nicht mehr veröffentlichen kann? Dass ausländische Gutachter ihm bescheinigen, seit der Affäre nehme man an, deutsche Wissenschaftler würden ihre Ergebnisse fälschen oder ungeniert bei Anderen abschreiben?

Nun ist Gregor Gysi Politiker und neigt in dieser Eigenschaft nicht unbedingt zur Zurückhaltung. Leider fallen aber die Stellungnahmen von Wissenschaftlern nicht unbedingt souveräner aus.

Der deutsche Hochschulverband erklärte, ein Plagiat sei kein Bagatelldelikt, sondern erschüttere die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft. Was wäre denn dann, wenn noch ein zweiter Fall aufträte? Dann wäre es mit der Glaubwürdigkeit der Wissenschaft wohl zu Ende. Bei aller Wut: Muss denn immer gleich das Ende aller Dinge beschworen werden?

Auch die Deutsche Physikalische Gesellschaft haut auf die Pauke. »Der Rücktritt reicht nicht« titelt sie eine Stellungnahme des Präsidenten Wolfgang Sandner. Was soll denn von Guttenberg noch tun? Ihm droht ohnehin ein Strafverfahren. Sandner will aber noch mehr: Alle verantwortlichen Politiker, so verlangt er, sollen ein klares Bekenntnis zur guten wissenschaftlichen Praxis ablegen. Werden sie aber nicht. Und dann? Welche Möglichkeiten hat die Gesellschaft, ihre Forderung durchzusetzen? Was wird sie tun, wenn die Bekenntnisse nicht einlaufen? Will sie ihre Forderung stillschweigend vergessen? Das wäre schlecht für alle zukünftigen Verhandlungen. Sie kann aber nicht auf den Bekenntnissen bestehen, denn die Gesellschaft hat keine Druckmittel, um sie einzufordern. Mit der Stellungnahme hat sie lediglich ihre eigene Position geschwächt. Das hätte den Verantwortlichen eigentlich auffallen können, denn die Stellungnahme ist nicht in erster Wut verfasst, sondern zwei Wochen nach Beginn der Affäre.

Angesichts des enormen Ausmaßes der Plagiate fragt man sich natürlich auch, warum zwei Gutachter an der Uni Bayreuth davon nichts gemerkt haben. Der Doktorvater ist ein hochverdienter, zum Zeitpunkt der Abgabe der Dissertation bereits emeritierter Hochschullehrer. Da wäre es menschlich einfach unanständig, ihm bohrende Fragen zu stellen, zumal die Sache peinlich genug ist. Ich möchte aber die Süddeutsche Zeitung doch bitten, nicht gleich zu behaupten, sein Lebenswerk sei verwüstet. Das ist wieder einmal, wie so häufig in dieser Affäre, eine unsinnige Übertreibung. Sein Lebenswerk wird dadurch nicht geringer, dass ihm ein Doktorand eine teilweise abgeschriebene Arbeit unterschiebt. Der Co-Referent weist in einem Spiegelinterview die Verantwortung von sich.

Ein Zweitgutachter, so erklärte er, habe kaum die Zeit, eine Arbeit unabhängig zu bewerten. Das sei ein Problem, ja.

Das ist auch ein Problem. Es gibt einfach zu viele Dissertationen, keine Universität kann noch sicherstellen, dass Doktoranden richtig betreut oder überprüft werden. Anatol Stefanowitsch hat darauf hingewiesen, dass kaum einer unter 30 Doktoranden die Chance hat, hinterher wissenschaftlich zu arbeiten. Die heutige Druckausgabe der ZEIT kommt auf ähnliche Zahlen (ca. 5-7%). Nun darf man wohl zu Recht annehmen, dass die meisten hart arbeitenden Doktoranden auf ihren schlecht bezahlten Stellen das auch wissen und nicht an den Universitäten knechten, um sich die minimale Chance auf eine Karriere in der Wissenschaft offen zu halten. Es geht vielen, wenn nicht den meisten um den karrierefördernden Titel, nicht um die Wissenschaft. Wenn man zynisch wäre, könnte man auf die Idee kommen, dass die Distinktion vom gemeinen Volk sicher auch eine Rolle spielt.

Als publizierender Wissenschaftler ärgert es mich zugegebenermaßen, wenn Titel und Wissenschaft in einen Topf geworfen werden. Wer für den Titel arbeitet, hat alles Recht, über die Abwertung des Titels durch die wurstige Reaktion von zu Guttenberg und Frau Merkel wütend zu sein. Ob man nun für den Titel oder die Wissenschaft knechtet, sorgfältige und ehrliche Arbeit ist stets das Maß aller Dinge. Das bombastische Gerede über die Abwertung der Wissenschaft aber ist dann wieder eine gewaltige Übertreibung. Mit Michael Blume teile ich den Eindruck, das etwas weniger Selbstgerechtigkeit der Wissenschaft nicht schaden könnte.

Vielleicht sollten man es so halten wie in den USA und den Medizinern ihren Doktor als Berufsbezeichnung mitgeben. Im übrigen stellt sich die Frage, ob man das Führen von Doktortiteln nicht daran bindet, dass jemand hauptberuflich an einer Hochschule tätig ist, die solche Titel auch vergeben darf. Der Titel belegt die Befähigung zum selbstständigen wissenschaftlichen Arbeiten, was in der Industrie, der Verwaltung, der Schule oder der Politik belanglos ist.

Müssen die Doktoranden jetzt fürchten, dass schärfere Maßstäbe angelegt werden, und weniger Doktoranden angenommen werden, damit eine bessere Betreuung möglich wird? Wohl kaum, denn dann würden Doktoranden auf die Barrikaden steigen. Sie haben schließlich bereits einiges an Arbeit investiert. In der Medizin und den Naturwissenschaften würden reihenweise Forschungsprojekte zusammenbrechen, wenn man nicht mehr auf die kostenlosen (Medizin) oder unterbezahlten (Naturwissenschaften) Doktoranden zurückgreifen könnte.

Auf jeden Fall ist die inflationäre Vergabe von Doktortiteln an Akademiker, die nicht in der Wissenschaft arbeiten wollen, eine Fehlentwicklung. Ich stimme deshalb mit Carsten Könneker, Daniel Lingenhohl und den Kommentatoren in der heutigen Ausgabe der ZEIT überein, dass die Anzahl der Doktoranden verringert werden muss. Das verbessert die Betreuung und hebt die Qualität der Wissenschaft. Es wirkt auch der Titeljagd entgegen und trägt damit sicher auch zur Ehrlichkeit bei.

Veröffentlicht von

www.thomasgrueter.de

Thomas Grüter ist Arzt, Wissenschaftler und Wissenschaftsautor. Er lebt und arbeitet in Münster.

Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Anzahl der Doktoranden verringern

    Will man die Anzahl der Doktoranden verringern, muss man auch sagen, wer die Forschung denn dann machen soll.

    Dazu habe ich in meinen beiden Beiträgen (hier und hier) auf dass eigentliche Problem hingewiesen, das der fehlenden akademischen Juniorposition in Deutschland. Eine Graphik in den besagten ersten Beitrag verdeutlicht das Problem mit einen Blick.

    Der Beitrag hier hat mir sehr gut gefallen. Auch die nachdenklichen Töne. Ich stimme dem zu. Es fällt gleichzeitig mir sehr schwer, ob der Dreistigkeit bis zum Schluss milde zu sein (sicher ein Fehler).

  2. Ausländische Reaktionen

    “Das ist Blödsinn. Mal ganz abgesehen davon, dass die Affäre im Ausland nicht als Krise der Wissenschaft in Deutschland, sondern als politisches Problem der Bundeskanzlerin wahrgenommen wird.”

    Dem kann ich nicht zustimmen, was die Rückmeldungen von der UC Berkeley angeht: Freunde und Kollegen berichten mir rivat von öffentlicher Geringschätzung der in Deutschland erworbenen Doktortitel.

  3. @Elmar Diederich

    Für den Artikel habe ich mir eine Reihe von öffentlich zugänglichen Reaktionen unter anderem aus den USA angesehen und keine Hinweise auf eine Abwertung der deutschen Forschung gefunden. Davon muss man sicherlich die Bewertung der deutschen Titel trennen, die nach meiner Erfahrung schon vorher von einiger Skepsis geprägt war. Als Mediziner bin ich davon nicht direkt betroffen, weil in den USA der Titel M.D. (Medical Doctor) eine Berufsbezeichnung ist und nicht aussagt, dass man eine Dissertation geschrieben hat. Die Amerikaner wundern sich über die vielen verschiedenen Doktortitel, die bei uns verliehen werden, während es dort fast einheitlich ein PhD ist (außer bei Juristen). Sie können mit Titeln wie Dr. rer. nat. oder Dr. rer. medic. nichts anfangen, was irgendwann unweigerlich zu der Frage führt, ob denn das ein “richtiger” Doktortitel sei.

  4. @M. Dahlem, @T. Grüter

    @Thomas Grüter: Gysi hat Recht, wenn er darauf hinweist, dass nicht allein die Tatsache des begangenen Plagiats an sich, sondern die Art, wie es im Vorfeld überhaupt dazu kommen konnte und wie nun regierungsamtlicherseits und aus der CDU/CSU-Wagenburg heraus damit umgegangen wird, den Eindruck vermitteln, dass unterschiedliches Recht gelten soll, abhängig davon, wie prominent jemand ist.

    Aber Gregor Gysi sollte andererseits auch ein wenig vorsichtig sein. Wenn es auch stimmt, was er hier gesagt hat, so muss er sich fragen lassen, ob dasselbe nicht auch für ihn gilt. Auch ohne dass an ihn der Plagiatsvorwurf gerichtet werden kann, stellt sich doch die Frage, ob er denn fü einen Nobody auch eine solchen Leistung ausgereicht hätte.

    http://www.welt.de/kultur/article12656728/Als-Gysi-das-sozialistische-Recht-vervollkommnete.html

    @Markus Dahlem: Wer die wissenschaftliche Arbeit machen soll, ist natürlich eine wichtige Frage, aber in den fü den Standort Deutschland nicht gerade unwichtigen Ingenieurswissenschaften ist der Anteil der Doktoranden etwa 10%, und dennoch findet Forschung statt.

    Der Anteil der Promotionsverfahren hat nicht unbedingt mit Umfang und Qualität der Wissenschaft zu tun, sondern mit der Erwartungshaltung der Arbeitgeber. Ein Umfeld, in dem mit der Promotion kein anderes Ziel verfolgt wird, als auf dem Arbeitsmarkt Erfolg zu haben oder überhaupt in Betracht gezogen zu werden, lädt zu Betrugsversuchen doch geradezu ein, wobei bei solchen Fällen nicht unbedingt der Wissenschaftsstandort geschädigt wird. Es wird dadurch eher die Absurdität des Verfahrens vorgeführt.

    Es ist in der Tat so, dass etwas weniger Selbstgerechtigkeit der Wissenschaft nicht schaden könnte, aber die dünne Argumentation, die andernorts vorgebracht wird, hat damit meiens Erachtens wenig zu tun. Problematisch ist im Wissenschaftsstandort nicht das Ausmass der Betrugsfälle, sondern der Wissensstand derjenigen, die völlig legal das jahrelange Promotionsverfahren durchlaufen haben und sich nun zu den Höchstgebildeten im Lande zählen.

    Es darf einfach nicht sein, dass ein promovierter Astrophysiker im Eignungstest keine Antwort auf eine elementare Frage der Art weiss, wie der Winkel zwischen zwei Vektoren berechnet wird. Da ich genau diese Situation aber selbst erlebt habe – und zwar mehrfach – sehe ich genau dies als Anlass zur Sorge. Mit der Ausbildung stimmt etwas nicht, wenn Promovierte trotz solcher Mängel im elementaren Grundwissen das gesamte Ausbildungssystem erfolgreich durchlaufen können, ohne aufzufallen. Was soll ich die Leute denn überhaupt noch fragen dürfen, damit’s nicht knirscht: “Können Sie lesen und schreiben?”.

  5. @Michael Khan

    Die Antwort auf meine Frage, die ich geben würde zumindest, ist auch gar nicht, dass die Forschung eben doch überwiegend Doktoranden machen sollen. Im Gegenteil, wir brauchen mehr akademische Juniorpositionen.

    Auf solchen Positionen hat der Inhaber weniger Befugnisse und Verantwortung verglichen zum vollen Professor (W2, W3). Daher auch das Wort “Junior” (ich meine aber nicht nur W1-Stellen sondern jedwede möglich Umsetzung, die Perspektiven gibt eigenständig zu forschen).

    “Junior” ist nicht unbedingt gleichzusetzen mit “Nachwuchs” und keinesfalls ein Doktorand.

  6. Entrüstung im Kontext der Debatte

    Ich denke, man muss den Aufschrei der Wissenschaft im Kontext der Debatte sehen — und dazu passt auch die zeitliche Verzögerung; denn das jemand für ein Plagiat promoviert wird, ist natürlich unschön aber kommt wahrscheinlich hier und da einmal vor. Dass das von Politikern klein geredet, beispielsweise als bloße Ungenauigkeit bei den Fußnoten abgetan wird, und dass Guttenberg erst alles für “absurd” hält und vehement bestreitet und dann doch in Salamitaktik nach und nach immer mein einräumt, sodass man sich fragen muss, wusste der überhaupt, was in seiner Doktorarbeit steht, das ist für mich der Skandal.

    Und da wir gegen diese Skandalpolitiker kein wirksames (rechtliches) Mittel haben, außer bei der nächsten Wahl, wenn wir es bis dahin nicht wieder vergessen haben, ein anderes Lager zu wählen, das wahrscheinlich auch nicht viel besser ist, daher bleibt vielleicht nichts anderes übrig als (zur Not gespielte) öffentliche Entrüstung.

  7. Keine Diskussion im ‘politikfreien Raum’

    Ein Zitat aus dem Blog-Artikel:

    ‘möchte ich doch die Frage aufwerfen, ob die Wissenschaftler so darauf reagiert haben, wie es von Gelehrten erwartet werden darf – angemessen und abgeklärt.’

    Ich denke, die Wissenschaft *hat* angemessen und abgeklärt reagiert – wohlbegründet, gut organisiert und teils auch mit Humor.

    ‘Der Wissenschaftler’ ist ‘nebenbei’ ja auch Bürger, und diese sollten ihre Meinung klar artikulieren. Leisetreterei ist keine Strategie, bei der man sich Erfolge erhoffen sollte – schon gar nicht, wenn es um handfeste Skandale geht.

    Man sollte auch nicht vergessen, welche ‘Geschütze’ in den letzten Tagen aufgefahren worden waren, um diesen Skandal klein zu reden. Auch die Kanzlerin war sich dafür nicht zu schade. Wer sich empörend verhält, muss sich nicht wundern, wenn Menschen empört reagieren – und im vorliegenden Fall erfolgte dies doch ausgesprochen kultiviert.

  8. Ehrlichkeit / Anatol, “Das Ende”,22.6.11

    Studium und Studienabschlüsse (Politik/Friedensforschung, Literatur, Erzwiss.) liegen in meiner Biografie schon ein wenig zurück. Dennoch sind die Standards und Leitideen der Universität für mein berufliches und persönliches Handeln nach wie vor bedeutend. Was Ihr Kollege zum Thema Plagiat und Protest schreibt, stimmt mich als Akademiker zunehmend ärgerlich: Eine durchaus sehr inhumane Einstellung, die mich – auch als Goethe-Fan – äußerst befremdet. Wer erklärt Anatol, was Ethik, Moral und Recht – in der Wissenschaft/ Universität – wirklich sind? …

  9. Ansehen der Wissenschaft

    Aber natürlich schaden derlei Affairen dem Ansehen der Wissenschaft. Schon jetzt wird man schief angesehen, wenn man anstatt der Wirtschaft die Wissenschaft als Arbeitsgebiet auswählt. Die neuen Bachelor- und Masterstudenten werden mehr auf Wirtschaft als auf Wissenschaft getrimmt und ihnen ist oftmals gar nicht bewußt, daß es andere Ziele als einen Arbeitsplatz in der Wirtschaft überhaupt gibt. Im sozialen Umgang, auf Feiern, im Sportverein, in der Familie, aber auch bei der Vergabe von Fördergeldern muß man sich demnach fast alltäglich dafür rechtfertigen, warum man in der Wissenschaft arbeitet und ob das überhaupt irgendeinen gesellschaftlichen Nutzen hat, und fast augenblicklich erfolgt er dann: der Guttenberg-Vergleich. Das ist es, was die breite Masse von uns, den Wissenschaftlern wahrnimmt. Wenn man sagt, daß man ein bestimmtes Fach studiert, kommt garantiert die Frage “Und was kann man damit machen?” oder “Auf Lehramt?”. Wissenschaft an sich als Option, das wird nicht gesehen, und wenn, dann sofort mit Plagiatsaffairen verglichen. Alles, was man öffentlich von uns wahrnimmt, ist genau das.

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