Welche Zukunft haben wir? Die Sicht der Optimisten

BLOG: Gedankenwerkstatt

die Psychologie irrationalen Denkens
Gedankenwerkstatt

In meinem letzten Blogbeitrag hatte ich mein neues Buch mit dem Titel Offline!vorgestellt. Darin verweise ich auf die Probleme, die der Siegeszug des Internets mit sich bringt. Jede ernsthafte Störung würde in wenigen Jahren zu einem möglicherweise unwiderruflichen Verfall des Internets führen.

Das Buch beschreibt mögliche Katastrophen und ihre Auswirkungen. In fünfzig Jahren könnte das Internet bereits Geschichte, weil es

– auf Produkten aufbaut, die nur wenige Jahre halten, und

– nur in weltweiter Zusammenarbeit ausreichend günstig hergestellt und verkauft werden können.

Damit ist nicht sehr widerstandsfähig gegen weltweite Katastrophen, oder auch nur gegen eine ernsthafte weltweite Wirtschaftskrise.

Offline

Grüter, Thomas: Offline! Das unvermeidliche Ende des Internets und der Untergang der Informationsgesellschaft. Erhältlich z.B. hier oder hier

Die Reaktion auf meinen Blogbeitrag war erfreulich lebhaft. Ich hatte ausdrücklich dazu aufgerufen, die Argumentation zu widerlegen, was allerdings zugegeben im Rahmen eines Blog-Kommentars etwas schwierig ist. Schließlich möchte ich nicht, dass wir plötzlich mit der Technologie des neunzehnten Jahrhunderts dastehen, ich warne nur vor der Gefahr, dass es geschehen könnte. Unsere moderne Lebensweise mit Strom, Wasser, Autos und Handys ist nicht selbstverständlich. Die ganze umfangreiche Infrastruktur muss ständig instand gehalten werden, sonst zerfällt sie.

 

Das Buch der Zukunftsoptimisten.

Vor einer Woche sah ich ein Buch, das eine ganz andere Position vertritt. Es heißt Abundance und trägt den Untertitel The future is better than you think (Auf Deutsch: Überfluss – Die Zukunft ist besser als Sie denken).

Die Autoren Peter Diamandis und Steven Kotler haben in den USA einen guten Namen, vielleicht hat es das Buch auch deshalb auf die Bestsellerliste der New York Times geschafft. Der äußerst umtriebige Peter Diamandis ist Vorsitzender der X Prize Stiftung, die Millionen von US-$ für ausgewählte Ingenieurprojekte vergibt. Das war zunächst der Ansari XPRIZE für ein Fluggerät, das innerhalb von zwei Wochen zweimal eine Höhe von mindestens 100 km erreicht. Das Preisgeld von 10 Millionen US$ wurde 2004 an das Team Scaled Composites vergeben. Derzeit läuft zum Beispiel eine Ausschreibung für ein medizinisches Diagnosegerät, das ähnlich wie der berühmte Tricorder aus der Science-Fiction Serie Star Trek funktioniert (Qualcomm Tricorder XPRIZE). Wer die ausgeschriebenen 10 Millionen US$ gewinnen will, muss ein Gerät bauen, das besser oder wenigsten genau gut diagnostiziert wie eine Gruppe von Ärzten. Ferner ist Diamandis einer der Gründer der Singularity University und derzeit ihr Geschäftsführer. Im Laufe seines Lebens hat er mindestens ein halbes Dutzend weiterer Gesellschaften und Vereine gegründet. Sein Co-Autor Steven Kotler ist Journalist und Buchautor.

 

Die beste aller machbaren Welten

Obwohl das Buch zwei Autoren hat, erzählt es ausschließlich aus der Sicht von Peter Diamandis. Die Vision, die es vermittelt, ist ambitioniert. Das erste Kapitel endet mit den Worten: „Stellen Sie sich eine Welt vor, in der neun Milliarden Menschen sauberes Wasser, nahrhaftes Essen, bezahlbare Wohnungen, eine individuell zugeschnittene Ausbildung, optimale medizinische Versorgung und überall verfügbare saubere Energie haben. Diese bessere Welt zu bauen, ist die vornehmste Aufgabe der Menschheit. Wie wir es schaffen können, sie zu meistern, lesen Sie im Folgenden.“ (eigene Übersetzung des englischen Originals)

Bisher ist diese Vision nicht einmal in den USA realisiert, im Gegenteil: Etwa 15% der US-Amerikaner sind auf Lebensmittelmarken angewiesen, weil sie sonst hungern müssten. Von optimaler medizinischer Betreuung können viele Amerikaner ebenfalls nur träumen. Wie soll also diese Vision in wenigen Jahrzehnten in der ganzen Welt verwirklicht werden?

Kurz gesagt: Diamandis und Kotler beschreiben erst die Probleme und stellen dann mögliche Lösungen vor. Das Buch ist mitreißend geschrieben und man spürt die echte Überzeugung, dass die bessere Zukunft machbar ist. Das Problem der Ernährung soll mit Hilfe von vertikaler Landwirtschaft und künstlich gezüchtetem Fleisch gelöst werden. Vertikale Landwirtschaft ist das Stichwort für eine Art von vielstöckigen Treibhäusern, die direkt in den großen Städten errichtet werden. Eine Vielzahl von Sensoren steuern exakt die künstliche Beleuchtung sowie die Zufuhr von Wasser und Nährstoffen. Damit erübrigt sich der Transport von landwirtschaftlichen Produkten über weite Entfernungen in die Städte. Große Ackerflächen könnten wieder der Natur übergeben werden.

Diamandis und Kotler lehnen gesetzliche Regelungen ausdrücklich ab, auch eine Änderung des Konsumverhaltens halten sie nicht für notwendig. Sie setzen auf technische Lösungen für alle großen Probleme dieser Welt. Fast immer stellen sie auch die genialen Erfinder oder Ingenieure vor, die dahinter stehen. Die meisten haben Start-up-Firmen gegründet, um ihre Ideen zu vermarkten. Fast alle sind US-Amerikaner, die Rettung der Welt ist fest in amerikanischer Hand.

Peter Diamandis glaubt an die Kraft kleiner Gruppen, an den freien Austausch von Ideen und die Macht der Wirtschaft. Wie seinerzeit Jules Verne sind sie davon überzeugt, dass gute Ingenieure für jedes Problem eine Lösung finden. Daraus schließen sie, das nahezu alle Menschen in wenigen Jahrzehnten viel Zeit für sich haben, weil sie nicht mehr den ganzen Tag schuften müssen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

 

Zwei Seiten der gleichen Münze

Liege ich also falsch mit meinen Befürchtungen, und habe übersehen, dass in kaum zwei Dekaden die Erde zum endgültigen Schlaraffenland wird? Das glaube ich eigentlich nicht.

Die Autoren schreiben sehr überzeugend, erlauben sich aber heftige Fehler und Auslassungen. Schon der Rezensent im New Scientist merkte an, dass einige der vorgestellten Lösungen „dringend einer Realitätsprüfung unterzogen werden sollten“. Das kann ich nur bestätigen. Ein Beispiel: Eine als sensationell kleine und preiswerte Röntgenstrahlenquelle vorgestellte Erfindung verwendet einen Effekt (die sogenannte Tribolumineszenz), der relativ langwellige Röntgenstrahlung erzeugt. Aus dem Patentantrag der Start-up-Firma Tribogenics, die das Gerät herstellen will, geht hervor, dass eine Energie bis 40 KeV erreicht wird – zu wenig für eine Untersuchung von Knochen oder des Brustkorbs. Die auf der ansonsten völlig nichtssagenden Homepage abgebildete medizinische Anwendung ist mit der beschriebenen Technologie einstweilen nicht machbar. Die Erfindung ist damit keineswegs völlig nutzlos, es ist aber doch zweifelhaft, ob sie so revolutionär ist, wie das Buch behauptet.

Auch andere im Buch erwähnte Lösungen bestechen nur auf den ersten Blick. So sind die Vorteile der beschriebenen vielstöckigen Treibhäuser mitten in Großstädten sehr bescheiden. Sie brauchen eine massive Energiezufuhr, die wahrscheinlich die Einsparung durch den wegfallenden Transport deutlich übertrifft. Ferner hungern die meisten Menschen nicht etwa, weil zu wenig Nahrung erzeugt wird, sondern weil sie zu arm sind, um sich ausreichend zu ernähren.

Für mich als Arzt sind natürlich die Aussagen zur künftigen Gesundheitsvorsorge am wichtigsten. Der Zugang ist entscheidend, schreiben die Autoren zu diesem Thema. Zugang zum Transport ins Krankenhaus, zum Personal und den Ärzten. Nicht zuletzt muss der Arzt Zugang zum besten Labor haben. Das alles, so meinen sie, würde in Zukunft überflüssig. Das System sei überall, der Zugang zum Internet genüge, der Chip mit perfekter Laborfunktion stecke in jedem künftigen Handy. Im Übrigen würde die Gesundheit der Menschen ständig durch Sensoren überwacht, sodass die Prävention im Vordergrund stehe. Man werde einfach dafür sorgen, dass die Menschen gesund leben.

Spätestens an diesem Punkt war ich als Arzt nicht mehr einverstanden. Nehmen wir einmal an, dass es in Zukunft wirklich Chips gibt, die viele Blutwerte testen können, und nehmen wir weiter an, dass jedes Handy damit ausgerüstet wird. 1 Dann müssen die Menschen immer noch Zugang zu Krankenhäusern, Ärzten und Medikamenten haben. Die Blutwerte allein machen noch keine Diagnose und erst recht keine Therapie. Ich möchte auch keine ständige Überwachung von Menschen, nicht einmal zum Zweck der Prävention von Krankheiten. Wenn die Daten einmal gesammelt werden, lässt sich der Missbrauch kaum verhindern (wie man in diesem Jahr gesehen hat).

Die niedrigen Kosten, die das Buch für viele Erfindungen ansetzt, hängen von einer funktionierenden Hightech-Infrastruktur ab. Die wiederum ist aber ausgesprochen anfällig. Das versprochene Schlaraffenland entspricht dem Goldenen Zeitalter des Internets, das ich in mein Buch auch vorgestellt habe. Aber es stoppt seine Prognose an dieser Stelle, und überlegt nicht, was danach kommen könnte. Darum ist das optimistische Buch Abundance letztlich kein Widerspruch zu meinen Schlussfolgerungen. Es blendet lediglich einen beträchtlichen Teil von Schwierigkeiten einfach aus und stoppt seine Prognose genau dort, wo die Welt noch eben in Ordnung ist. Deshalb fordert es auch keine Maßnahmen zur Sicherung unserer aktuellen Errungenschaften. Eigentlich schade, das Buch ist wirklich flott geschrieben und gut lesbar.

Andererseits: Glaubt hier wirklich noch jemand an das Schlaraffenland?

 

1 Diese Annahmen sind keineswegs sicher, weil diese Chips seit mindestens 10 Jahren durch die Zeitungen geistern, ohne dass sie bisher verwirklicht wurden.

 

Thomas Grüter

Veröffentlicht von

www.thomasgrueter.de

Thomas Grüter ist Arzt, Wissenschaftler und Wissenschaftsautor. Er lebt und arbeitet in Münster.

17 Kommentare

  1. Die Zukunft war schon immer besser als die Prognosen. Warum sollte sich ausgerechnet in unserer Epoche daran etwas ändern?

    Die Detailkritik an Diamandis und Kotler kommt mir kleinlich und irrelevant vor.

    • Die Zukunft war nicht immer besser als die Prognosen. Am Ende des neunzehnten Jahrhunderts waren Ingenieurkunst und Naturwissenschaften weit fortgeschritten, und es schien eine goldene Zukunft bevorzustehen. Dann kamen zwei Weltkriege und in den zwischen 1950 und 1970 Jahren stand die Welt mehr als einmal am Rande eines weltweiten Atomkriegs. Die sechzig Jahre von 1910-1970 waren sehr viel schlechter als die meisten Vorhersagen. Das machen sich die meisten Menschen heute nicht mehr klar.

  2. Was nutzt einem Pesimismus ?
    “Ich bin 50 und bekomme eh keinen Job mehr, wozu sollte ich denn mich irgendwo bewerben ?”
    “Ich werde nie Millionär auch nicht mit Lotto, darum spiele ich es erst gar nicht”.
    “Die Welt wird sich nicht ändern, ist doch egal wo ich mein Fleisch kaufe”.
    Daran erkennt man, dass negatives zu nichts führt. Wenn man nun also weiss, dass negatives nichts bringt, dann kann man es doch mal mit positiven Gedanken versuchen. Und in der Hinsicht ist Optimismus egal in welcher Form immer besser als Schwarzseherrei.
    Jedes Ereignis, egal wie grausam es sein mag, kann man von mehreren Seiten betrachten. Neutral, positiv oder negativ. Entscheidet man sich für das negative dann ist das Leben ein vor sich dahinvegitieren das weder einem selbst nutzt noch anderen.

    • Es geht bei der Kritik an dem Buch Abundance nicht darum, aus lauter Pessimismus nichts zu unternehmen. Die Botschaft des Buchs lautet: Macht Euch keine Sorgen, für jedes Problem gibt es bereits Erfindungen, mit denen es gelöst werden kann. Wenn solche Erfindungen glaubwürdig präsentiert werden sollen, müssen sie aber auch funktionieren können. Daran fehlt es in dem Buch. Es propagiert, dass der Einzelne einfach so weiterleben kann, wie er es gewohnt ist. Wenn ein Problem wirklich überhand nehmen sollte, stehen genügend geniale Erfinder bereit, um es gleich zu lösen. Und an dieser Stelle habe ich nun doch meine Zweifel.

  3. Ich sehe da noch einen deutlichen Unterschied zwischen Optimismus und diesen naiven transhumanstischen Unfug von Diamandis. Alles wird gut, weil Technologie und so- mehr haben diese Leute nicht bieten. Das Probleme wie Hunger und schlechte medizinische Versorgung nichts etwa an einem Mangel an Technologie zu tun haben, sondern (gerade in den USA) ein geselschaftliche Folge sind, wird ignoriert.

    Ich finde sowas sogar ärgerlich, weil es genau diese Gruppen sind die die Wissenschaften in Verruf bringen indem erst große Versprechungen angekündigt, aber nicht erfüllt werden.

  4. „Stellen Sie sich eine Welt vor, in der neun Milliarden Menschen sauberes Wasser, nahrhaftes Essen, bezahlbare Wohnungen, eine individuell zugeschnittene Ausbildung, optimale medizinische Versorgung und überall verfügbare saubere Energie haben. ”

    Diese Vision ist machbar, aber nur mit den “richtigen” Menschen, den Menschen, die eine entsprechende Einstellung haben, die das Problem zuerst einmal erkennen und selbst etwas unternehmen wollen und sich jeden Tag herausgefordert fühlen.
    Es ist nicht mit Technik allein machbar – wie Thomas Grüter richtig antönt.

    Peter Diamandis glaubt an die Kraft kleiner Gruppen, an den freien Austausch von Ideen und die Macht der Wirtschaft

    Kleine Gruppen von überzeugten Menschen, die etwa erreichen wollen sind tatsächlich sehr wichtig. Eine Gruppe von Medizinern kann in einem Kriegsgebiet auch unter ungünstigen Bedingungen noch helfen, beispielsweise unter improvisierten Bedingungen Operationen durchführen, wenn es sein muss mit Rohypnol als Ersatz für ein Anästhetikum. Entscheidend ist, dass es ein Team von Leuten gibt, die alle auf ein Ziel hin zusammenarbeiten. Es gilt also:
    1) Die Technologie ist nicht der entscheidende Faktor, sondern die Menschen sind es
    2) Gute, die Situation verändernde Technologie wird ebenfalls von Menschen geschaffen. Von Menschen, die mit anderen zusammenarbeiten und ihre Technologie auf ein Ziel hin verbessern.

    Software nicht Hardware macht den Unterschied
    Mir scheint sowohl in Thomas Grüters Offline, als auch in Abundance wird der Hardware und Infrastruktur zuviel Bedeutung zugemessen. Dabei gilt für die heutige Technik das gleiche wie für den menschlichen Körper: Jede Lungen-, Herz- und sogar Hirnzelle ist nicht für die Ewigkeit geschaffen, sondern wird bei Bedarf durch eine neue ersetzt. Dieser Homöostase- und Erneuerungsprozess ist genauso die Grundlage des Lebens wie der die Grundlage unserer technischen Zivilisation ist. Der Internet-Rootserver wird bei Bedarf ersetzt, meistens durch einen viel besseren und irgendwann wird das Internet so umstrukturiert dass es gar keine Rootserver mehr braucht. Nicht die momentane Hardware ist allesentscheidend sondern die dahinterliegenden Ideen und Menschen, die diese Hardware schaffen und sie immer wieder neu strukturieren und erneuern. Auch das GPS (Das global positioning system) ist nur ein Mittel zum Zweck. Es gibt auch Inertialpositionierungssysteme, die ohne Satelliten und Atomuhren auskommen. Sie arbeiteten früher mit Kreiseln heute mit elektronischen Mitteln, die inzwischen auf Chipgrösse zusammengeschrumpft sind und mit denen man seine Position überall auf der Erde autonom bestimmen können. Die elektronische Kommunikation ist ebenfalls nicht an bestimmte Mittel gebunden. Was heute über Glasfaserkabeln verschicket wird, kann unter anderen Umständen über Satelliten oder hochfliegende Ballone (Googles Loon) übermittelt werden. Auf kleinere Distanzen können Radiosignale verwendet werden oder neuerdings können mit LED-Lampen in einem Raum breitbandig Daten übertragen werden. Die Technologie entwickelt sich in viele Richtungen und eröffnet viele Alternativen. Heute erleben wir eine Radiation der technischen Entwicklung vergleichbar mit der Explosion des Lebens im Kambrium.
    Die Aussage oben: “.. hängt von einer funktionierenden Hightech-Infrastruktur ab. Die wiederum ist aber ausgesprochen anfällig.” stellt nur eine Momentaufnahme dar. Es entwickeln sich auch resiliente, selbstheilende, aus dezentralen Elementen bestehende Hightech-Netze. Solche werden beispielsweise von der DARPA entwickelt und in späteren Hightech-Kriegen vielleicht sogar eingesetzt, so dass der Krieg auch dann weitergehen kann, wenn das globale Internet schon lange zusammengebrochen ist.

    Die grundlegende Behauptung in Offline, aber auch teilweise in Abundant unsere Zukunft hänge von bestimmten Technologien entscheidend ab – genau diese Behauptung ist grundfalsch. Denn es gibt sehr viele technologische Alternativen und wichtiger als diese technischen Mittel ist die Art wie wir sie einsetzen.
    Die Verletzbarkeit unserer technischen Welt beispielsweise wird durch Mittel wie 3D-Drucker oder mikrobielle Systeme, die hochkomplexe Chemikalien synthetisieren, vermindert werden.
    Folgendes ist deshalb eine falscher Einwand:

    Eine als sensationell kleine und preiswerte Röntgenstrahlenquelle vorgestellte Erfindung verwendet einen Effekt (die sogenannte Tribolumineszenz), der relativ langwellige Röntgenstrahlung erzeugt.

    Dann zeigt Thomas Grüter, das das nicht funktionieren wird und meint damit den Grund für den Zukunftsoptimismus in seine Schranken verwiesen zu haben.
    Falsch daran ist es, vom Einsatz dieser speziellen Technologie allzu viel abhängig zu machen. Weder Vertical Farming noch irgend eine andere Zukunftstechnologie ist matchentscheidend. Wie gesagt: Die Menschen, die diese Technologien entwickeln, die sind matchentscheidend. Wenn morgen niemand mehr forschen will sondern alle nur noch vor dem Fernseher sitzen, genau dann bricht unsere Zivilisation zusammen.

    Wir befinden uns momentan mitten in einer kambrischen Revolution der Technologie und diese Explosion wird auch autonome, kaum noch verwundbare Systeme schaffen.

    Entscheidend ist nicht die konkrete Technologie sondern entscheidend ist, dass die Voraussetzungen vorhanden sind damit überhaupt neue Technologien geschaffen werden können. Deshalb ist auch die Dekadenzthese, die These also, die für Roms Untergang Dekadenz verantwortlich machte, eine sehr interessante, auf alle Fälle zu beachtenden These. Unsere Zivilisation geht unter oder befindet sich auf dem Abstieg, wenn niemand mehr etwas verbessern will. Wenn alle lieber vor dem TV sitzen anstatt sich Mittel auszudenken wie man den Welthunger beseitigen könnte oder wie man zum Mond, Mars oder zu einer interplanetaren Zivilisation kommt. Die US-Zivilisation kann untergehen, wenn sich die Republikaner und Demokraten nur noch um Grundsatzfragen streiten und nicht mehr um Lösungen bemühen.

    Gibt es eine Welt ohne Menschen
    Selbstgenügsamkeit und Dekadenz kann den Niedergang einer Zivilisation bedeuten. Es braucht aktive Elemente, die die Zivilisation und die Technik entwickeln, verbessern und die allem eine Richtung geben. Diese aktiven Elemente sind Menschen. Menschen, die mehr wollen als konsumieren, huren, saufen und sinnlose Hahnenkämpfe austragen. Wenn es diese aktiven, vorwärtsdrängenden und sich bemühenden Menschen nicht mehr gibt, dann verschwindet die Zivilisation.
    Bis heute sind also der Mensch und seine Orientierung das entscheidende Moment. In Zukunft könnten vom Menschen geschaffene intelligente Systeme und Roboter diese Rolle selbst einnehmen. Sie könnten selbst zu aktiven Elementen werden. Damit läge die Zukunft der Noosphäre nicht mehr allein in der Hand des Menschen womit es auch viel wahrscheinlicher wäre, dass etwas Intelligentes Äonen überlebt und sich zuerst in unserer Galaxie und später im ganzen Weltraum verbreitet.

    • Vielen Dank für den ausführlichen Beitrag. Der ungebrochene Elan und Erfindergeist der Menschen ist in der Tat entscheidend für das weitere Überleben der Menschheit. Die Erhaltung der Infrastruktur ist allerdings ebenfalls von entscheidender Bedeutung. Während die Natur von selber wächst, müssen die von Menschen erbauten Strukturen ständig gewartet, erhalten und erneuert werden, sonst zerfallen sie. Manche halten lange (römische Aquädukte), andere müssen ständig in Ordnung gehalten werden (zum Beispiel mein Garten). Wenn wir unsere Zivilisation vom Internet abhängig machen, bauen wir auf eine äußerst komplexe und kurzlebige Struktur. Deshalb sollten wir ausreichend Reserven für schlechte Zeiten vorhalten. Das ist aber bisher nicht der Fall.

  5. Im Jahre 1945 war in Mitteleuropa praktisch die gesamte Infrastruktur zerstört.

    Jene ungefähr 90 Prozent der Menschen, die den Zweiten Weltkrieg überlebt hatten, haben diese Infrastruktur mit den einfachsten Mitteln sogar noch besser wieder aufgebaut.

    Die Einwohnerzahl ist in Mitteleuropa seit 1945 weniger stark angestiegen als seine landwirtschaftliche Produktivität.

    Das Internet ist ein Ableger des Arpanets des US-Verteidigungsministeriums, das durch eine dezentrale Netzstruktur widerstandsfähig gegen Katastrophen werden sollte.

    Natürlich haben heute alle miliärischen Organisationen ein besonders krisenfestes und unabhängiges Datennetz.

    Ein Bild, NEMP-Schutzraum:

    http://members.chello.at/karl.bednarik/NEMPSCHU.PNG

    Ein vorübergehendes Versagen des Internets ist also kein Grund zur Beunruhigung.

    —–

    Eine soziale Utopie, die Übergangszeit:

    http://members.chello.at/karl.bednarik/UBERGAN2.txt

    • Die Versorgungsinfrastruktur war nach dem zweiten Weltkrieg weitgehend intakt. Die Zerstörungen an Gebäuden in größeren Städten waren massiv, aber die meisten Eisenbahnlinien und Straßen waren benutzbar, ebenso die Strom- und Wasserversorgung. Nach Auskuft der Stadtwerke in Münster ist die Stadt nach dem Krieg entlang der alten krummen Straßen wieder aufgebaut worden, weil die Wasser, Abwasser und Stromnetze der alten Straßenführung folgten. Die Systeme waren weitgehend intakt, und es wäre zu teuer gewesen, sie komplett neu zu verlegen. Deshalb hat das im Krieg völlig zerstörte Münster auch heute noch eine Innenstadt mit engen und krummen Straßen. Anderswo wird es ähnlich gewesen sein.
      Zumindest laut Wikipedia (und anderen Quellen, die ich recherchiert habe) ist das ARPANET keineswegs als unzerreißbares Kommunikationssystem für den Fall Atomkriegs konzipiert worden. Dieses Gerücht wird aber immer wieder zitiert, um zu belegen, wie robust das Internet angelegt ist. Nur ist es leider falsch.

      • Wenn man alle Computer und alle Internetverbindungen entfernen würde, dann wäre unsere Lage immer noch viel besser als im Jahre 1945.

        Die physikalischen Versorgungswege für Güter aller Art wären ja immer noch vorhanden.

        Man würde eben zum Papiergeld und zum Rundfunk zurück kehren, bis alles wieder repariert ist.

        Ein zweites mal würde uns eine solche Krise nicht mehr unvorbereitet treffen.

  6. Andererseits: Glaubt hier wirklich noch jemand an das Schlaraffenland?

    Das hängt von der Definition ab. Grundsätzlich ist es so, dass Bedürftige in “westlichen” [1] Systemen versorgt bleiben, in den Staaten hat jetzt “Obamacare” die diesbezügliche Forderung abgerundet.

    Ansonsten wäre man bei der Frage nach dem idealen Welt- oder Gesellschaftssystem. Ist das gegebene “westliche” System besser als andere oder nagt es sich woanders (noch) besser?

    MFG
    Dr. W

    [1] gemeint immer politische Systeme, Herrschaftssysteme, die der Aufklärung, dem Liberalismus folgend im Dreieck persönliche und unternehmerische Freiheiten, Menschenrechte und last but not least Demokratie implementiert haben

  7. Wir sollten nicht vergessen , daß technischer Fortschritt immer das Ergebnis und nicht der Motor gesellschaftlichen Fortschritts ist.
    Zuerst muß die Gesellschaft eine innere Kraft entfalten , dabei sind die entscheidenden Kriterien ein ausreichend hohes Maß an Ethik , sozialer Intelligenz und Fairneß, dann ergibt sich daraus womöglich ein gutes technisches Niveau.

    Der technische Stand ist ein gefährlich trügerischer Indikator für das aktuelle Niveau der Gemeinschaft , weil das technische Niveau erst sehr viel später zusammenbricht als das ethische.
    Im Römischen Westreich ist erst in der ersten Hälfte des fünften Jahrhunderts zu beobachten , daß das technische Wissen verlorenging , etwa um die Reparatur einer Straße oder eines Aquädukts , der Niedergang begann aber schon weit vorher (der endgültige Zusammenbruch erfolgte 476).

    Wie ist innere Gegenration zu stoppen , das ist die eigentliche Herausforderung , aber da gibt es Hoffnung – die kommende ökologische Krise könnte durchaus geeignet sein , uns dazu zu zwingen , uns zusamenzureißen.

  8. Wie ist innere Gegenration zu stoppen (…)War hier auf den d-sprachigen Bereich das Bös-Wort ‘Degeneration’ gemeint?

  9. Zeigt sehr schön den Mentalitätsunterschied zwischen Deutschen und Amerikanern. Während sich in den USA naiv positive (man könnte auch sagen optimistische) Thesen gut verkaufen, gehen hier Endzeitphantasien weg wie warme Semmeln.

    Prognosen sind immer schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen. In Deutschland ist die Zukunft eher eine düstere Sache: Alles wird schlimmer, die Technologie frisst den letzten Funken Menschlichkeit auf, Atomkraft und Biotechnologie dienen nur der kapitalistischen Krake und die Totalüberwachung nimmt uns den letzten Rest an Privatheit.

    In den USA hat man dagegen ein viel entspannteres Verhältnis gegenüber neuen Technologien, sieht eher den Nutzen als das Risiko und steigert sich nicht so leicht in Katastrophenmythen. Mag man jetzt als naiv bezeichnen, hat aber eher meine Sympathie und ein wenig mehr davon täte uns auch gut.

    Warum? Weil eine positive Perspektive eher innovationsfreundlich ist und bei Problemen die Lösung noch als Herausforderung gilt. Nicht alle Lösungen sind realistisch, aber zumindest stellt man sich Herausforderungen und steckt nicht den Kopf in den Sand.

    Die USA dominieren nicht von ungefähr wichtige Zukunfttechnologien, von der Bio- bis hin zur Informationstechnologie. Während von drüben immer mehr kreative Internet-Anwendungen kommen, die hier fast jeder begeistert nutzt, wird hüben schon das Ende des Internet verkündet. Erinnert mich irgendwie an das Waldsterben.

  10. Peter Diamanids abundance-Rück-und Ausblick sieht uns immer noch auf dem Weg zu einer besseren Welt.
    Titel Why the World Is Better Than You Think in 10 Powerful Charts
    Einleitung:

    When I published Abundance: The Future is Better Than You Think in February 2012, I included about 80 charts in the back of the book showing very strong evidence that the world is getting better.

    Over the last five years, this trend has continued and accelerated.

    This blog includes additional “Evidence for Abundance” that you can share with friends and family to change their mindset.

    We truly are living in the most exciting time to be alive.

    Persönliche Einschätzung: Der schon mehr als 200 Jahre anhaltende nun weltweiteTrend zu zunehmendem Wohlstand, längerem Leben und besserer Bildung geht tatsächlich weiter.
    Doch das ist nur scheinbar ein Widerspruch zur These im Buch Offline, dass unsere Zivilisation gefährdet ist und es eventuell gar nicht so viel braucht um sie zusammenbrechen zu lassen.Während Thomas Grüter in Offline die Gefahr für die Zivilisation in einer möglichen baldigen depressiven Entwicklung der Zivilsation sieht, sehe ich die Gefahr eher in bewussten Angriffen von Mad Scientists oder zukünftigen Zivilisationsterroristen – Terroristen also, denen es nicht mehr genügt einen Wolkenkratzer in die Luft zu sprengen, sondern Terroristen mit der Ambition die ganze Menschheit auszulöschen.

Schreibe einen Kommentar