Was kommt nach den Menschen?

BLOG: Gedankenwerkstatt

die Psychologie irrationalen Denkens
Gedankenwerkstatt

Eigentlich könnte es den Menschen gleichgültig sein, wie sich die Erde entwickelt, wenn sie verschwunden sind. Aber der Erfolg der Bücher und Filme zu dem Thema spricht eine ganz andere Sprache.

Zwei verschiedene Fragen stehen dabei im Mittelpunkt: Was würde geschehen, wenn die Menschen plötzlich nicht mehr da sind, und wie entwickelt sich die Tier- und Pflanzenwelt, nachdem die Menschen ausgestorben sind.

Das plötzlich Ende

Zugegeben: Dass alle Menschen plötzlich und ohne alle Begleiterscheinungen verschwinden, ist absolut unwahrscheinlich. Die Folgen dieser abwegigen Idee untersucht das Buch Die Welt ohne uns – Reise über eine unbevölkerte Erde (Piper, 2007) des amerikanischen Journalisten Alan Weisman. Der Autor hat überall in der Welt verschiedenste Fachleute befragt, welchen Einfluss der Mensch und seine unmittelbaren Vorfahren auf die Ökosysteme der Welt hatten, und wie lange es dauern würde, den ursprünglichen Zustand wieder herzustellen. Er geht der Frage nach, ob die ersten Menschen, die in der Eiszeit nach Nordamerika vordrangen, für das Aussterben der Mammuts verantwortlich sind. Wir erfahren, welche erschreckenden Mengen Kunststoff in den Ozeanen schwimmen, was für Schäden sie anrichten und wie lange es dauern wird, bis sie verschwinden. Das ist spannend zu lesen und ich kann das Buch nur empfehlen. Dem Autor gelang damit ein internationaler Bestseller, allein die gebundene Auflage der deutschen Übersetzung hat bis heute 14 Auflagen erlebt.

Die Fernsehserie Zukunft ohne Menschen (Originaltitel: Life after people) des History Channel (in Deutschland von N24 ausgestrahlt) bereitet das Thema ganz ähnlich auf, konzentriert sich allerdings mehr auf den Zerfall von Bauwerken und Städten oder das Schicksal der zurückgelassenen Haustiere. Auf YouTube sind diverse Filmausschnitte der Serie zu sehen.

Die Evolution geht weiter

Spannend ist auch die Frage, welche Tierarten nach dem Menschen die Erde beherrschen könnten. Die Macher der Mini-Fernsehserie Die ZUKUNFT ist WILD aus dem Jahre 2002 haben versucht, mit Hilfe von Biologen, Zoologen und Geologen eine Antwort darauf zu finden. Sie zeigen in Form einer fiktiven Naturdokumentation, welche seltsamen Tiere und Pflanzen in 5, 100 und 200 Millionen Jahren auf der Erde leben könnten. Dank der eindrucksvollen Tricktechnik und der kompetenten wissenschaftlichen Begleitung wirken selbst Tiere wie die riesenhaften Dinoschildkröten verblüffend realistisch. Die Serie lief im Discovery Channel, in der BBC und im ZDF. An der Serie hat unter anderem der Geologe Dougal Dixon mitgearbeitet, der bereits 1981 ein wunderbar bebildertes Buch über eine die Fauna und Flora der Welt in 50 Millionen Jahren herausgebracht hat (After Man: A Zoology of the Future).

Eigentlich wollte ich den Büchern und Filmen zum Thema Weltende im meinem Buch Faszination Apokalypse etwas mehr Raum widmen, aber mit dem Verlag waren 320 Seiten abgesprochen, und die Besprechungen der Bücher und Filme drohten weitere 100 bis 120 Seiten einzunehmen.

Deshalb werde ich von Zeit zu Zeit einige der bemerkenswertesten Werke hier im Blog vorstellen.

Lyrisches Verschwinden

Zum Thema Natur nach dem Verschwinden des Menschen habe ich letztlich nur ein Gedicht aufgenommen. Ich kannte ursprünglich nur seinen Titel There will come soft rains, weil der Science-Fiction-Autor Ray Bradbury ihn für eine Kurzgeschichte ausgeliehen hat. Darin geht um ein vollständig computergesteuertes Wohnhaus, dessen Bewohner bei einem Atomkrieg umgekommen sind. Das Haus ist aber nicht darauf programmiert, diese Katastrophe zu erkennen und funktioniert einfach weiter. Es liest seinen Bewohnern unter anderem das Gedicht aus dem Titel vor.

Es stammt von der amerikanischen Lyrikerin Sara Teasdale (1883 – 1933), die in Deutschland fast unbekannt ist. Sie gehört dennoch zu den bedeutendsten Dichterinnen der ersten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts. Mit ihrer 1918 veröffentlichten Sammlung Lovesongs gewann sie mehrere Preise, darunter den Pulitzerpreis für Dichtung. Ihre Gedichte sind meist kurz zeichnen sich oft durch eine Pointe aus, die ein ganz neues Licht auf die vorangegangenen Zeilen wirft. Die meisten Liebeslieder sind keine fröhlichen Hymnen, Männer und Frauen bleiben sich darin fremd, Liebe ist einseitig und wird nicht erkannt oder erwidert. Trotzdem wirken die Gedichte nicht schwer oder traurig, im Gegenteil, viele erscheinen federleicht und oft etwas spöttisch. Hier jetzt das Gedicht There will come soft rains:

There will come soft rains and the smell of the ground,
And swallows circling with their shimmering sound;

And frogs in the pool singing at night,
And wild plum trees in tremulous white;

Robins will wear their feathery fire,
Whistling their whims on a low fence-wire;

And not one will know of the war, not one
Will care at last when it is done.

Not one would mind, neither bird nor tree,
If mankind perished utterly;

And Spring herself when she woke at dawn
Would scarcely know that we were gone.

Wie schon gesagt, ist die Dichterin in Deutschland fast unbekannt, und ich konnte keine Übersetzung finden. Das Übersetzen von Lyrik ist keine einfache Aufgabe, denn gerade das Englische hat viel mehr kurze Worte als das Deutsche. Die erste Zeile des Gedichts besteht beispielsweise ausschließlich aus einsilbigen Worten. Eine exakte Übersetzung würde deshalb das Versmaß sprengen. Auch die Endreime müssen neu gefunden werden. Es hat mehrere Wochen gedauert, bis ich mit der Übersetzung einigermaßen zufrieden war.

Sanfter Regen kommt und der Erde Geruch,
Schwäne rauschen wie ein schimmerndes Tuch,

und des Nachts singen Frösche in Kreis
und Pflaumenbäume in bebendem Weiß.

Rotkehlchen zwitschern im Feuerkleid
auf schlaffem Zaundraht zur Frühlingszeit.

Ein Krieg zog auf, sie erfuhren es nie,
dann endete er, was kümmert es sie?

Es stört nicht den Vogel, auch nicht den Baum,
dass die Menschen vergingen wie ein nächtlicher Traum.

Und wenn am Morgen der Frühling erwacht,
hat er kaum an unser Verschwinden gedacht.

Es gibt natürlich einige Unterschiede: Im Englischen ist das Verschwinden der Menschen nur angedeutet. Es würde die Natur nicht stören, wenn die Menschheit verschwände, heißt es dort. Daraus habe ich im Deutschen eine Tatsache gemacht. Die fast kitschige Naturbeschreibung im ersten Teil des Gedichts bildet deshalb einen härteren Kontrast gegen das Verschwinden der Menschen in den letzten Zeilen. In der zweiten Zeile heißt es shimmering sound, hier werden also die gehörten und gesehenen Eindrücke vermischt. Deshalb habe ich die Schwäne wie ein schimmerndes Tuch rauschen lassen.

Den Ausdruck low fence wire könnte man als Zeichen des Verfalls werten. Low kann nicht nur niedrig, sondern auch durchhängend bedeuten. Deshalb habe ich die Rotkehlchen auf einen schlaffen Zaundraht gesetzt.

Der Frühling ist in der englischen Dichtersprache ein junges Mädchen, diese Vorstellung ist kaum übersetzbar, weil das grammatische Geschlecht von Frühling männlich ist. Im Deutschen könnte man den Eindruck gewinnen, die Menschen seien nicht mehr als ein Traum, den der Frühling geträumt hat und den er mit dem Aufwachen zu vergessen beginnt. Naja, warum auch nicht, jeder von uns hat schon mal schlecht geträumt.

Ein Wort noch zum Thema Urheberrecht und Verbreitungsrecht: Die Gedichte von Sara Teasdale sind gemeinfrei, weil die Dichterin mehr als 70 Jahre tot ist. Das gilt nicht unbedingt für Übersetzungen. Es ist kein Problem, einen Link auf diesen Blogbeitrag zu setzen, wenn aber jemand die deutsche Übersetzung in eine Anthologie oder ein Schulbuch aufnehmen will, sollte er sich vorher mit den Fischerverlagen in Frankfurt in Verbindung setzen.

Thomas Grüter

Veröffentlicht von

www.thomasgrueter.de

Thomas Grüter ist Arzt, Wissenschaftler und Wissenschaftsautor. Er lebt und arbeitet in Münster.

13 Kommentare

  1. @ grüter

    skias onar anthropos

    Mehr ist nicht zu sagen. Mit uns wird alles vorbei sein, was wir für alles hielten, und was nur eines Schattens Traum war. Der Rest: nicht der Rede wert. Nicht UNSERER Rede wert. Nicht in UNSERE Worte zu fassen. Völlig egal.

  2. Die Welt ohne Menschen träumen wir alle

    Zur These gehört die Antithese, zur menschenwimmelnden Gegenwart die menschenbefreite Zukunft oder Vergangenheit. Solche Visionen verwundern deshalb überhaupt nicht, sind sie doch Teil jedes Denk- und Vergewisserungsprozesses. Wenn schon müsste man fragen, warum es gerade jetzt eine derartige Häufung von solchen Visionen gibt. Wichtig ist aber, dass es hier nicht um die altbekannten apokalyptischen Visionen mit dem Hintergrund Schuld und Sühne geht.

    Interessant scheint mir aber, dass die menschenleere oder menschenbefreite Welt, die Natur also, in diesen Visionen von Alan Weisman und Sara Teasdal immer noch eine Poesie in sich hat, dass wir diese menschenleere Welt auch verstehen können und und wir Gefühle empfinden bei dem was wir uns ausmalen. Die menschenbefreite Welt und Natur ist also keine Fremd- und Horrorwelt, sondern eine Welt die wir verstehen, weil wir so gebaut sind, dass wir sie verstehen und empfinden können.

  3. Tja, meine Herren, wären Sie gläubig und glaubten an ein Leben nach dem Tode, dann könnten sie sich bereits jetzt auf eine Besichtigung der Erde ohne Menschen freuen. Und danach…

  4. With Man: No Zoology of the Future

    Der Mensch ist die grosse Diskontinuität in der Geschichte des Lebens. Mit dem Menschen wird es keine Zoologie der Zukunft geben sondern nur noch Zoos der Zukunft mit Zoo-Tieren, die es sonst nirgendswo mehr gibt als im Zoo. Kinder werden dann vielleicht laut herauslachen, wenn sie in einem solchen Zukunftszoo ein Nilpferd sehen und zu ihrem Betreuer sagen: “Was diese Genetiker für verrückte Ideen haben, verrücktere noch als ich. Ich möchte auch mal Genetiker werden und mir neue Geschöpfe ausdenken”.

  5. Planet der Affen 🙂

    Solange die Affen sich nicht ähnlich menschlich aufführen wie in der Filmserie sollen sie von mir aus die Weltherrschaft übernehmen nach dem Ende des Experiments Menschheit.

    Unter einer Bedinungung. Das Urheberrecht der Menschen ist auch noch bis 70 Jahre nach ihrem Tod einzuhalten. So viel Zeit muss sein!

    PS: Treffen sich zwei Planeten – sagt der eine: Mist, ich habe homo sapiens – sagt der andere: Keine Sorge, das vergeht von selbst wieder.

  6. Verschwinden

    Zu den unangenehmen Erkenntnissen der Biologie gehört eben die Einordnung des Menschen als normale biologische Art, die irgendwann ausstirbt – wenn sie nicht nur eines Schattens Traum ist. Die Lebensdauer einer Säugetierart liegt eben nur bei ca. 1 Million Jahre. Also dürfte die Art Homo Sapiens noch vielleicht 800.000 Jahre vor sich haben, wenn wir uns nicht schon sehr viel früher den Teppich unter den Füßen wegziehen.

  7. @Thomas Grüter: Post.-Mammals,Post-Human

    Den Menschen als Säugetier, als biologische Art unter anderen zu betrachten, ist korrekt, jedoch irreführend, wenn es um Zukunftsszenarien für das Menschengeschlecht gibt. Folgende Aussage:
    Die Lebensdauer einer Säugetierart liegt eben nur bei ca. 1 Million Jahre. Also dürfte die Art Homo Sapiens noch vielleicht 800.000 Jahre vor sich haben
    ist für den Menschen nur dann relevant, wenn die jetzt geschaffene technisch/wissenschaftlich geprägte Zivilisation zerfällt. Bleibt sie aber bestehen, so wird der technisch/wissenschaftlich erfolgreiche Mensch den biologischen Menschen einer gründlichen Remedur unterziehen, ihn seinen Wünschen und Vorstellungen anpassen und schliesslich Geschöpfe schaffen, die Biologie und Technik fusionieren. Daran kann es für mich keinen Zweifel geben. Unsere Nachfahren (Nachkommen ist da schon etwas zu biologisch) werden zudem unser Sternensystem und die ganze Milchstrasse bevölkern. Wahrscheinlich werden sich viele Entwicklungslinien ausbilden und es wird eine Art sekundäre, willentlich beeinflusste Evolution einsetzen und viele unserer Nachfahren werden entsetzt, peinlich berührt oder aber auch romantisch gestimmt sein, wenn sie in den Geschichtsbüchern mit ihren biologischen Ursprünge konfrontiert werden.

  8. @Grüter

    Die Lebensdauer einer Säugetierart liegt eben nur bei ca. 1 Million Jahre.

    Können sie mir dafür nen Literaturtipp/Link geben der die Annahme/Feststellung etwas erläutert? Danke

  9. @Lebensdauer einer Art

    Die Angabe stammt aus dem Buch Evolutionsbiologie von Ulrich Kutschera. Auf Seite 280 heißt es: “Bei Säugetieren liegt die Spezies-Dauer im Bereich von etwa 1 bis 2 Millionen Jahren”.
    Dabei geht es um eine Morphospezies, denn die Genetik ist so lange natürlich nicht mehr feststellbar.

    Zugegeben, ich habe in meinem Blog das untere Ende des Bereichs angesetzt.

  10. Spezies-Dauer

    ist wohl nicht unbedingt das Gleiche wie Lebensdauer einer Spezies. Neben dem Aussterben gibt es auch noch den Artwandel.

  11. @Balanus

    Die zeitliche Definition einer Art (Spezies) ist in der Tat nicht ganz einfach, weil sich Arten graduell entwickeln. Wenn man also beispielsweise sagt, die Art Homo Sapiens 190.000 Jahre sei alt, dann bedeutet das nicht, dass der Vater noch ein Vormensch, der Sohn aber ein Mensch war. Die zeitliche Abfolge der Arten ist ziemlich willkürlich. Man kann aber sagen, dass zwei Säugetiere aus der gleichen Entwicklungslinie sich nach 500.000 bis einer Million Jahre soweit auseinander entwickelt haben, dass sie keine fruchtbaren Nachfahren mehr zeugen können. Man kann es sich auch so vorstellen: Wenn eine Zeitmaschine einen eine Million Jahre alten Vorfahren eines heutigen Säugetiers hierher bringen würde, dann gehörte er gerade noch nur gleichen Art, nach deutlich mehr als zwei Millionen Jahren aber vermutlich nicht mehr.

  12. Wandel der Arten /@T. Grüter

    Die Art-Definition funktioniert in der Tat am besten für bestimmte Zeiten, aber nur schlecht entlang der Zeitachse. Sie schreiben völlig zu Recht, dass die zeitliche Abfolge der Arten ziemlich willkürlich ist.

    Eine Art Gedankenexperiment mag das verdeutlichen. Der rezente Typus einer Art sei Z, deren Vorfahren vor 0,5 Mio. resp. 1 Mio Jahren seien der Typus Y resp. Typus X. Typus Z und Typus Y sind einander so ähnlich, dass sie fruchtbare Nachkommen Zeugen könnten. Desgleichen gilt für Typus Y und Typus X. Typus Z könnte aber keine Nachkommen mit Typus X produzieren.

    Das heißt, Z gehört zur gleichen Art wie Y und Y zur gleichen Art wir X, woraus logisch folgt, dass auch X und Z zur gleichen Art gehören, obwohl Z und X per Definition nicht der gleichen Art angehören können. Dieses Spiel ließe sich fortsetzen bis zum Typus A, dem Anfang der Abstammungslinie von Z.

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