Verschwörungstheorien des Sommers

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Gemessen an den sensationellen Enthüllungen waren die Verschwörungstheoretiker im Sommer wenig kreativ, wie die folgende Übersicht zeigt. Zum guten Schluss noch drei Spott-Gedichte zum Thema NSA in Form von Limericks.

Die Auswertung und Veröffentlichung der Dokumente, die Edward Snowden den Zeitungen The Washington Post und The Guardian zugespielt hat, dauert noch immer an. Der Whistleblower selbst hält sich inzwischen in Russland versteckt. Man sollte also vermuten, dass eine große Zahl an Verschwörungstheorien zu dem Thema im Umlauf ist. Tatsächlich findet man aber nur sehr wenige.

Warum können selbst hartgesottene Verschwörungstheoretiker aus dem Thema keinen Honig saugen?

Zum einen liegt es vermutlich daran, dass die NSA-Papiere beinahe jede denkbare Verschwörungstheorie zum Thema Geheimdienste, staatlicher Machtmissbrauch und Kommunikationsüberwachung in den Schatten stellen. Zum anderen ist die Person Edward Snowden zu wenig geheimnisvoll, um Verschwörungstheorien zu befördern.

Deshalb werden die Theoretiker sozusagen auf dem falschen Fuß erwischt. Üblicherweise behaupten sie, dass eine große Verschwörung im Gang ist, deren Anzeichen nur sie selbst richtig deuten. Jetzt müssen sie erklären, warum sie das nun aufgedeckte Komplott nicht erkannt haben. Damit sind sie in einer ungemütlichen Situation und schweigen vorläufig.

Auf die Dauer wird sie das allerdings nicht davon abhalten, das Thema auszuschlachten. Verschwörungstheorien beziehen ihre Glaubwürdigkeit aus echten Verschwörungen. Deshalb eignet sich die gegenwärtige Affäre hervorragend dafür, zukünftige Verschwörungstheorien zu untermauern.

 

Von Böcken und Gärtnern

Derweil versuchen sich bekannte Verschwörungstheoretiker als Aufklärer. Auf der Internetseite infowars.comi beklagt Paul Joseph Watson, dass das Internet in heller Aufregung über eine haltlose Verschwörungstheorie sei, die nur dazu diene, von den echten Vertuschungsversuchen und wirklich wichtigen Dingen abzulenken. ii

Er bezieht sich dabei um ein von der Satireseite The Internet Chronicle veröffentlichten Artikel. Danach habe Edward Snowden enthüllt, dass die Sonne im September einen Partikelsturm Richtung Erde schicken werde, der alle Elektronik zerstören werde und mehrere Hundert Millionen Menschen töten werde. Die CIA habe davon seit 14 Jahren gewusst, sei aber zum Schweigen verdonnert worden. In diesem Stil geht es noch eine Weile weiter.

Es ist allerdings kaum zu übersehen, dass die Artikel im Internet Chronicle ebenso satirisch sind wie in ihrem deutschen Pendant, dem Postillon. Die Webseite des Chronicle trägt übrigens die Länderkennung der ehemaligen Sowjetunion (.su), die Artikel erscheinen aber durchgehend auf Englisch. Die Kennung wird eigentlich nicht mehr vergeben, weil die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken bereits 1990 auseinandergebrochen ist. Während der Autor des deutschen Postillon (Stefan Sichermann) im Impressum ausdrücklich genannt ist, geben sich die Macher des Chronicle nicht zu erkennen. Der Menüpunkt Staff ist ebenso anarchistisch-satirisch wie der Rest der Site.

Eine Google-Recherche zeigt, dass nur wenige Menschen den Artikel zum Sonnensturm wahrgenommen haben. Wirklich geglaubt hat ihn wohl fast niemand. Watsons Behauptung, das Internet sei „in heller Aufregung“ (wörtlich: ablaze – in Flammen), ist deshalb unsinnig.

Das hat einen deutschen Verlag, der sein Geld zum beträchtlichen Teil mit Enthüllungs- und Verschwörungsbüchern verdient, nicht daran gehindert, eine Übersetzung auf seine Webseite zu stellen. Darin fehlt allerdings jeder Hinweis, wo das Original veröffentlicht wurde, bzw. dass es überhaupt eines gibt.

 

Verschwörungstheorie gegen den amerikanischen Präsidenten

Barack Obama ist auch in diesem Sommer Ziel von Verschwörungstheorien. Larry Pratt, der Präsident der Gun Owners of America, vertritt die bizarre Idee, der Präsident baue eine geheime Truppe auf, die gegen Christen und Weiße losschlagen wolle. Als Mittel zum Zweck solle das Ministerium für Homeland Security dienen.

Die Lobby-Gruppe Gun Owners of America ist wesentlich kleiner als die konkurrierende National Rifle Association, agiert aber wesentlich aggressiver und hat sich damit einigen Einfluss erstritten. Larry Pratt saß zeitweilig in Virginia für die Republikaner im Parlament.

 

Obamas Expertengremium zur Klärung der NSA-Vorwürfe

Präsident Obama hat versprochen, die Vorwürfe gegen die NSA von einer Gruppe unabhängiger Experten überprüfen zu lassen. Das heißt nicht, dass keine Verbindungen zur Regierung haben oder hatten. Die Washington Post hat Namen einiger Kanditaten veröffentlicht. Richard Clarke, langjähriger Sicherheitsberater verschiedener amerikanischer Präsidenten, ist sicher eine gute Wahl. Er scheut sich nicht, auch kritische Ansichten zu äußern und gilt als außerordentlich profiliert. Ein weiterer Kandidat heißt Cass Sunstein. Der Jura-Professor der Harvard University war bis 2012 Administrator des Amts für Information and Regulatory Affairs (OIRA), das dem amerikanischen Präsidenten untersteht. Dessen Aufgaben beschreibt das weiße Haus so:

OIRA führt verschiedene wichtige Aufgaben durch, einschließlich der Begutachtung von Bundesgesetzen und -verordnungen, der Reduzierung von Formularen (paperwork burden), und der Beaufsichtigung von Regelungen die mit Privatsphäre, Informationsqualität und Statistikprogrammen zu tun haben.

Es ist schwer einzusehen, warum der Koordinator dieser Behörde besonders geeignet sein soll, die Arbeit der Geheimdienste zu beurteilen. Andererseits hat Sunstein zusammen mit dem Jura-Professor Adrian Vermeule von der Harvard Universität einen Text zum Thema Verschwörungstheorien veröffentlicht.iii Darin schlägt er unter anderem vor, Gruppen von Verschwörungstheoretikern zu unterwandern und von innen her zu einer weniger extremen Haltung zu bewegen. Verschwörungstheoretiker, so schrieb er, litten unter einer „verkrüppelten Epistemologie“. Epistemologie ist die Lehre von der Erkenntnis und ihrer Gewinnung. Die angesprochene Gruppe leidet aber nicht unter einer verkrüppelten Lehre, sondern unter einer vorurteilsbehafteten und selektiven Verarbeitung von Erkenntnissen. Abgesehen von dieser für einen Akademiker eher peinlichen falschen Verwendung eines Fachbegriffs zeigt der Artikel auch wenig Verständnis für das Phänomen, das er beschreibt. Er unterscheidet nicht zwischen Menschen, die Verschwörungstheorien erfinden, und solchen, die sie glauben. Er berücksichtigt nicht, dass gerade die gefährlichen Theorien nicht in kleinen konspirativen Zirkeln gepflegt werden, sondern auf weitverbreiteten Vorurteilen und Feindbildern beruhen. Die Vorschläge der Autoren zur Bekehrung von Verschwörungsgläubigen halte ich für weitgehend unwirksam. Deshalb hege ich gewisse Zweifel, ob Sunstein wirklich dazu beitragen kann, Verschwörungsvorwürfe gegen die NSA zu entkräften. Aber vielleicht hat ihn Präsident Obama eher wegen seiner umfangreichen juristischen Meriten berufen. Sunstein gilt als einer der produktivsten, einflussreichsten und meistzitierten Juristen der USA.

 

Zum Schluss noch einige Spottverse zum Thema NSA in der klassischen Form des Limerick:

The NSA, some say, retrieves
more data than all trees have leaves
but that‘s not correct
they only collect
what‘s dropping worldwide from the eaves

dropping from the eaves bedeutet wörtlich „von den Dachüberständen tropfend“. Das ist unübersetzbares Wortspiel. „to eavesdrop“ heißt abhören oder heimlich mithören

In a top secret fort that‘s called Meade
security gets guaranteed
they‘re combing the net
for a terrorist threat
But the most that they get is just weed

Fort Meade ist der Sitz der NSA. Weed bedeutet Kraut oder Unkraut, ist aber auch ein gängiges Hüllwort für Marihuana.

Our president talks like no other:
“Like a family we trust each other.
While the NSA reads
most internet feeds,
Keith Alexander is your big brother”.

General Keith Alexander ist der Chef der NSA.

 

 

 

iInforwars.com wird von Alex Jones betrieben, der für seine zahlreichen und teilweise sehr sonderbaren Verschwörungstheorien bekannt ist. Er produziert eine regelmäßige Radiosendung, die Alex Jones Show.

iiVerschwörungstheoretiker streiten sich untereinander ebenso gerne wie mit dem Rest der Welt. Dabei beschuldigen sie sich gerne, sinnlose Verschwörungstheorien in die Welt zu setzen, die nur von der wirklichen Verschwörung ablenken sollem. Das Argument von Watson ist also durchaus typisch.

iiiSunstein, Cass R. and Vermeule, Adrian, Conspiracy Theories (15. Januar 2008). Harvard Public Law Working Paper No. 08-03; U of Chicago, Public Law Working Paper No. 199; U of Chicago Law & Economics, Olin Working Paper No. 387. Erhältlich bei SSRN: http://ssrn.com/abstract=1084585 oder http://dx.doi.org/10.2139/ssrn.1084585

 

Thomas Grüter

Veröffentlicht von

www.thomasgrueter.de

Thomas Grüter ist Arzt, Wissenschaftler und Wissenschaftsautor. Er lebt und arbeitet in Münster.

4 Kommentare

  1. Querschuß

    “Verschwörungstheorien beziehen ihre Glaubwürdigkeit aus echten Verschwörungen. “

    Ist nicht eher das Gegenteil der Fall?

    Verschwörungstheoretiker möchten ihre Theorie exklusiv , sie möchten nicht Mehrheit sein und sie wollen auch nicht wirklich aufklären, wird eine Theorie aus Versehen mal Wirklichkeit , erfinden sie ganz schnell eine abstrusere , so wie oben beschrieben.
    Daher ist die Idee der Totalüberwachung nicht attraktiv , sie war einfach schon vor dem NSA-Skandal zu plausibel.

  2. @DH

    Vewrschwörungstheoretiker ziehen gerne Analogschlüsse. Sie argumentieren etwa: “Meine Theorie ist vielleicht weit hergeholt, aber vor Snowden hat ja auch niemand geglaubt, dass die NSA die ganze Welt abhört und selbst vor Amerikanern nicht Halt macht.” Das entspricht zwar nicht den Gesetzen der formalen Logik für Analogschlüsse, erscheint aber auf den ersten Blick plausibel genug, um der Theorie eine gewisse Glaubwürdigkeit zu verleihen.

  3. ‘Verschwörungstheorien

    beziehen ihre Glaubwürdigkeit aus echten Verschwörungen.’

    Sie sind demzufolge in den Systemen, die der Aufklärung folgen, selten zutreffend, weil es sich in diesen Systemen für die Träger des Wissens um eine Verschwörung oft lohnt aufzudecken.

    Auch monetär, der Whistleblower kann hier unabhängig von der Sorge um Verwandte und Freund regelrecht aufspecken.
    Was nicht schlecht ist.

    Anderseits kann in nicht-aufklärerischen Systemen die Analyse von Verschwörungen schlicht Sacharbeit sein.
    Dieser Unterschied darf beizeiten, sozusagen kulturalistisch, herausgearbeitet werden.

    MFG
    Dr. W

  4. @Thomas Grüter

    Also die Begründung der eigenen Glaubwürdigkeit mit bereits “bewiesenen” anderen Theorien, quasi als Totschlagargument gegen jede Kritik.

    Stimme zu , das ist eindeutig so.

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