Urheber, Rechte und das Internet (Vorsicht: dieser Text könnte satirische Elemene enthalten)

BLOG: Gedankenwerkstatt

die Psychologie irrationalen Denkens
Gedankenwerkstatt

In den letzten Wochen haben sich Autoren und Vertreter der Internet-Community in erstaunlicher Weise gegenseitig angegiftet. Es geht schon lange nicht mehr um Argumente, es geht um Gefühle und unvereinbare Weltsichten. Es wird Zeit, dass mal jemand wieder an das eigentliche Thema erinnert.

In zwei Beiträgen werde ich deshalb die Positionen beider Seiten kritisch beleuchten.

Die Seite der Internet-Community

Die Piratenpartei hat gefordert, dass geistige Leistungen, also Musikstücke, Filme, Artikel, Bücher etc. frei zur Verfügung stehen müssen. Im Zeitalter des Internet lasse sich die Verbreitung sowieso nicht kontrollieren, sodass nicht-kommerzielles Kopieren straffrei bleiben müsse.

Zumindest auf der Webseite der Piratenpartei lässt sich nicht feststellen, ob „frei“ dabei „kostenlos“ oder „ohne Restriktionen“ bedeutet. Die Forderung ist erst einmal ein Selbstgänger. Die meisten Bücher können in Stadt- und Universitätsbibliotheken kostenlos ausgeliehen werden. Das Gleiche gilt für viele Filme und Musik-CDs. Wissenschaftliche Literatur gibt es in Universitätsbibliotheken oder im Internet. Wenn ein Artikel nicht verfügbar ist, reicht fast immer eine E-Mail an den Autor. Warum also die Aufregung? Geht es um die Nischen, um die vergriffenen DVDs, die nicht mehr aufgelegten Musik-CDs, um Bücher, die so speziell sind, dass sie keine Bibliothek mehr führt?

Nein, es geht den technikaffinen Piraten um das Internet, um die sofortige Verfügbarkeit von aktuellen Filmen, Musikstücken und Büchern. Sie möchten auf den Twitter- oder Facebook-Hinweis: „Du, das musst du mal sehen/hören/lesen“ unmittelbar auf den Film/die CD/das Buch umschalten können. Der Gang zur nächsten Stadtbücherei ist zu lästig, sie wollen jetzt reagieren können und eine halbe Stunde später kommentieren („wirklich super, danke für den Tipp“, oder „naja, nicht unbedingt mein Fall“). Thilo Sarrazin hat nicht eine Million Bücher verkauft, weil sein Buch so hohe literarische oder wissenschaftliche Qualitäten hat, sondern weil die Menschen über seine Thesen reden wollten, weil sein Buch ein Streitthema war. Auch Charlotte Roches Verkehrsleitfäden verkauften sich nicht etwa so gut, weil sie besonders gut schreibt, sondern weil viele Menschen den vorgeblichen Tabubruch selber nachlesen wollten. Für viele Jüngere finden Aufregung und Diskussion im Internet statt, und zwar verzögerungsfrei. Also müssen die Bezüge her, und zwar gleich. Das darf auch gegen Bezahlung über Apples-iTunes-Shop erfolgen. Da hat man einen Account und kommt sofort an die Dateien. Abgerechnet wird am Monatsende1.

Wie lässt sich das mit dem bisherigen Vertriebsmodell für Bücher, Filme und Musik vereinbaren? Es beruht schließlich zu wesentlichen Teilen darauf, dass Kunden dafür zahlen, neue Filme/Bücher/Musikstücke unmittelbar bei Erscheinen zu bekommen. Das ist ihnen zusätzliches Geld wert. Wird das Modell obsolet, wenn die sofortige, kostenlose und massenhafte Verbreitung im Internet erlaubt wird? Die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern hat ab 1450 den Skriptorien der Klöster ihre Existenzgrundlage geraubt. Plötzlich konnte fast jeder seine Bücher direkt kaufen, und zwar zu einem unerreicht geringen Preis. Musste man vorher im Kloster ein Buch Monate im voraus bestellen, damit es individuell abgeschrieben werden konnte, so hatte man es jetzt direkt in der Hand. Steht uns eine ähnliche Revolution bevor? Natürlich wird dabei auch Geld verdient, nur eben anders. Das wichtigste Attribut der Internetgemeinde lautet nicht kostenlos, sondern sofort.

Und das kann man sich auch im Netz bezahlen lassen. Bei Computerspielen ist inzwischen weitgehend akzeptiert, dass sich die Spieler mit der Seriennummer des Spiels im Internet anmelden müssen. Kopierte Spiele sind nutzlos, weil pro Seriennummer nur ein Spieler gemeldet sein kann. Das bekannteste System dieser Art heißt Steam. Die Piratenpartei hat sich zu diesem Thema kaum geäußert, sie hat nur die mangelnde Akzeptanz von Computerspielen in der Bevölkerung beklagt. In der Steam Community gibt es eine Gruppe „Piratenpartei Deutschland“ mit über 800 Mitgliedern. Das Bezahlmodell ist bei ihnen kein Thema. Aber werfen wir doch mal einen Blick in die digital bestimmte Zukunft, sagen wir in 20 Jahren:

Schauspieler sind überflüssig geworden. Viele aktuelle Computerspiele haben gezeigt, wie hervorragend die Computeranimation von Figuren funktioniert. Die Schlachtszenen im Film „Der Herr der Ringe“ sind bereits im Computer entstanden. Bewegungen, Gefühle in Gesicht und Körperhaltung sind digital gespeichert, zum Text passende Mundbewegungen lassen sich leicht berechnen.

Stadttheater brauchen ebenfalls keine Schauspieler mehr. Alle klassischen Stücke von Shakespeare, Goethe, Schiller oder Molière werden einfach hochauflösend in 3-D oder holographisch aufgenommen, am besten in drei Versionen: Klassisch, modern, avantgardistisch. Mit entsprechender Technik lässt sich das Bühnengefühl im Saal gut simulieren. Für Opern oder Konzerte gilt das gleiche. Eine einzige unter optimalen Klangbedingungen aufgenommene und digital nachbearbeitete Referenzeinspielung reicht vollkommen aus. Die räumliche Verteilung des Klangerlebnisses wird für das jeweilige Opernhaus neu berechnet. Auf diese Weise entsteht ein unübertreffliches, nie da gewesenes Klangerlebnis. Mit den freiwerdenden Geldern können die Städte zum Beispiel den kostenlosen Nahverkehr subventionieren.

Sachbücher sind überflüssig, wer sich informieren will, kann auf die ständig wachsende Wikipedia zurückgreifen. Romane werden von Freiwilligen in gemeinsamer Arbeit als Wiki-Storyline konzipiert und automatisch geschrieben. Dazu steht eine aus Hunderttausenden von Büchern zusammengestellte Bibliothek von Szenenstereotypen zur Verfügung, die automatisch geglättet und an die Storyline adaptiert werden. Neue Filme entstehen genauso, wobei die Berechnung der Szenen aufwendiger ist, aber Rechenkapazität ist ja billig. Niemand braucht mehr die überholten Berufe wie Requisiteur, Kameramann, Beleuchter, Maskenbildner, Schauspieler, Schriftsteller oder Drehbuchautor. Sie verschwinden genauso wie die Skriptoren, Kopisten und Illustratoren bei Erfindung des Buchdrucks.

Die gemeinschaftlich erstellten Schöpfungen werden an zentraler Stelle gesammelt und stehen zum Download und zur Bewertung offen, wobei sie nach dem Wikiprinzip jederzeit geändert werden können. Daraus ergeben sich zwangsläufig die bestmöglichen Filme, Theaterstücke und Bücher.

Musikstücke bilden (vorläufig) eine Ausnahme. Ihre emotionale Wirkung ist von Computern kaum nachzubilden, die Hoffnung richtet sich hier auf die geplante Hirnsimulation, damit eine bessere Vorhersage der Wirkung von Musik möglich wird, und auf automatischem Weg Musik mit berechenbarer Emotionswirkung entsteht.

Weil es damit keine einzelnen Urheber mehr gibt, erübrigt sich der Urheberschutz. Kulturgüter entstehen in Gemeinschaft, sodass die Gemeinschaft selbstverständlich auch freien Zugang hat. Natürlich gibt es weiterhin Bücher, aber aus Gründen des Umweltschutzes wird ihre Herstellung stark eingeschränkt und läuft aus.

Natürlich ist es auch einfacher, in digitalen, zentral gespeicherten Kopien fließend die notwendigen Anpassungen vorzunehmen. Eine Zensur findet selbstverständlich nicht statt, aber die Verherrlichung von Gewalt, die Propaganda für diskriminierende Genderstereotype, politische Einseitigkeit, rassistische Herabsetzungen oder die Förderung der Diskriminierung von sexuellen Orientierungen, religiösen Gruppen oder bestimmten Nationalitäten kann nicht geduldet werden. Wo immer dies in älteren Schriften vorkommt, wird es behutsam angepasst werden. Wenn das nicht möglich ist, sollte das Buch ausschließlich für die wissenschaftliche Verwendung freigegeben werden (z. B. das Alte Testament, die Nibelungen, die Arthussage). Natürlich ist in diesem Rahmen streng darauf zu achten, dass die Freiheit der Presse uneingeschränkt erhalten bleibt.

Der Beruf des Journalisten ist überflüssig. Freiwillige Citizen Reporter (Graswurzel-Journalisten) berichten aus Krisengebieten und stellen ihre Handyvideos online. Die Beurteilung der Ereignisse lässt sich aus den Kommentaren entnehmen. Sportjournalisten sind überflüssig (siehe Boris Hänßlers Blogbeitrag Roboterjournalist interviewt Roboterpräsident). Inzwischen hat man auch die Kommentatoren der Fußballspiele durch Computer ersetzt, er muss sich nur in passender Weise aus einer Bibliothek von 200 Standardsätzen bedienen. Die Auswahl geschieht anhand der aktuellen Spielstatistik (Ballkontakte, Torschüsse etc.) Sie sehen, technisch gesehen ist alles kein Problem, Kreativität wird bald weitgehend automatisiert und durch den Einsatz der Schwarmintelligenz optimiert werden.

Und die dadurch freigesetzten Arbeitskräfte? Die Skriptorien waren noch in Klöstern untergebracht, die Kopisten und Illustratoren fanden andere Beschäftigungen. Das kann heute auch gelingen, schließlich brauchen wir deutlich mehr Wartungstechniker für die ausgedehnte digitale Infrastruktur, und natürlich dank der demografischen Entwicklung mehr Altenpfleger, zumindest temporär, bevor Roboter den Job übernehmen.

Veröffentlicht von

www.thomasgrueter.de

Thomas Grüter ist Arzt, Wissenschaftler und Wissenschaftsautor. Er lebt und arbeitet in Münster.

7 Kommentare

  1. Spannend

    Schöne Vision, aber Gott sei Dank kommt ja alles immer ganz anders …
    Die Situation ist neu und komplex und da Recht und Gesetz immer nur auf Bestehendes reagieren ist es kein Wunder, dass es momentan erhebliche Defizite gibt. Wir brauchen endlich ein paar gute Ideen für ein neues Urhebergesetz, das allen am kulturellen Prozess Beteiligten gerecht wird.

  2. Klasse

    Echt toller Text, find ich gut!
    Fussballspiele bzw. allgemein verschiedene Sportarten werden demnächst auch nicht mehr existieren, übernehmen auch alles Roboter XD

    Was mir aber gerade noch einfällt ist, dass es ja vor einigen Jahren(!) mal Experimente bzgl. der “Schwarmintelligenz” gab. Da wurden mehrere Personen in einen Flugsimulator gesetzt und diese sollten dann nur mithilfe ihrer Gedanken das Flugzeug fliegen, war schon interessant…

    • Der Artikel ist super geschrieben! Ja das dachte ich mir beim Fußball auch. Und dann kam mir sofort das Bild zu Galctic Football in den Kopf. Fußball im Weltalle, kommentiert von Robotern. Hauptsache man spart an menschlichem Personal…
      Grüße
      Stefan von
      Job Altenpfleger

  3. Fußball-Kommentatoren

    “Inzwischen hat man auch die Kommentatoren der Fußballspiele durch Computer ersetzt, er muss sich nur in passender Weise aus einer Bibliothek von 200 Standardsätzen bedienen. Die Auswahl geschieht anhand der aktuellen Spielstatistik (Ballkontakte, Torschüsse etc.) “.

    Man merkt, Sie sehen sich nie Fußballspiele im Fernsehen an, sonst wüßten Sie, daß das jetzt schon so ist.

  4. Alte Menschen, neue Spielsteine

    Wünschen, denken, realisieren. Warum ein Menschenleben damit verbringen, wenn es instantan geht. Wir spielen zwar immer wieder die gleichen Spiele, aber mit neuen Spielsteinen. Es lohnt sich nicht darüber zu Klagen, dass das neue Kleid nicht mehr den alten Schneider braucht.

  5. Sie haben etwas vergessen: Wenn Schriftsteller überflüssig werden, weil alles die Netzcommunity macht, dürfte das früher oder später auch für Wissenschaftler gelten. Eigentlich für alles, außer Putzfrauen und Krankenpfleger (Ärzte braucht man auch nicht mehr die Diagnose berechnet ein Wikipedia-Ableger aufgrund von jedem Arztauge überlegenen Sensoren).

  6. Wahnsinn

    Wenn wir das so weitermachen,dann dürfen wir bald gar ncihts mehr uns setzen einfach Roboter in jeden Job, sollen die doch Fehler machen 🙂
    Grüße,
    Lisa

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