The survival of the unfittest

BLOG: Gedankenwerkstatt

die Psychologie irrationalen Denkens
Gedankenwerkstatt

Woran mag es liegen, dass große Infrastrukturprojekte regelmäßig teurer werden und länger dauern als geplant? Der in Oxford lehrende dänische Ökonomieprofessor Bent Flyvbjerg hat sich mit dieser Frage ausführlich befasst, gute Antworten ersonnen und Abhilfe vorgeschlagen.

Vor knapp einem Jahr hatte ich in meinem Blog darauf hingewiesen, dass die Energiewende zum guten Teil auf Wunschdenken beruht und vermutlich sehr teuer wird. Nachdem das Umweltressort einen Minister verschlissen hat und die Planungen nicht so recht vorankommen, scheint sich herumzusprechen, dass die optimistischen Zukunftshoffnungen von damals Illusionen waren.

In allen größeren Zeitungen kann man nachlesen, dass sich Politiker der Regierungsparteien um den Anstieg des Strompreises Sorgen machen. Am 29.5.2012 haben die Betreiber der Überland-Stromnetze der Bundesregierung ihren Netzausbauplan übergeben. Danach kostet der Ausbau der Hochspannungs-Netze in den nächsten zehn Jahren 32 Milliarden. „mindestens“ titelte die Zeit online. Vielleicht hätte man eher anfangen sollen, im letzten Jahr wurden die Kosten für den Netzausbau einschließlich der Mittel- und Niederspannungsnetze noch mit 13-27 Milliarden Euro geschätzt, jetzt werden es wohl 40-50 Milliarden oder mehr.

Ökologische Energiewende sei nur Wunschdenken, konstatierte die Welt vor einigen Tagen und der Stern schrieb, dass die Zweifel an der Umsetzbarkeit wachsen. Niemand will die Gaskraftwerke bauen, die man zur Abdeckung von Verbrauchsspitzen einsetzen möchte. Das ist auch kein Wunder: Wenn sie nur wenige Stunden am Tag laufen sollen, werden sie unrentabel. Wenn die Regierung sie haben möchte, muss sie Steuergelder dafür einsetzen.

Insgesamt wird die Energiewende deutlich teurer als erwartet. Einzelne Prognosen sagen inzwischen Preissteigerungen um 70% bis 2025 voraus. Immer mehr Bürger können ihre Stromrechnungen nicht bezahlen, sodass inzwischen schon Sozialtarife gefordert werden. Das Handelsblatt hielt der Bundeskanzlerin am 23.5.2012 vor, gelogen zu haben, als sie im Juni letzten Jahres die Devise ausgab: „Die Unternehmen genauso wie die Bürgerinnen und Bürger in Deutschland müssen auch in Zukunft mit bezahlbarem Strom versorgt werden.“ Ist das jetzt reine Polemik, oder darf man davon ausgehen, dass Politiker und Lobbyisten über die Kosten von Infrastrukturprojekten tatsächlich lügen?

Gründe für Fehlkalkulationen bei Projekten

Der anfangs erwähnte Ökonomieprofessor Bent Flyvbjerg geht davon aus, dass es im wesentlich drei Ursachenkomplexe für die falsche Einschätzung von Projektdauer und -aufwand gibt:

1. Technische Schwierigkeiten bei der Vorhersage.

Je komplexer das Projekt ist und je länger es dauert, desto größer wird die Unsicherheit bei der Einschätzung von Dauer und Kosten. Allerdings sollte man in diesem Fall erwarten, dass die Schätzungen zu Projektbeginn in beide Richtungen gleichermaßen abweichen. Wie Flyvbjerg in einer umfangreichen Erhebung festgestellt hat, verschätzen sich die Projektplaner aber fast immer nach unten. Sie erwarten sowohl geringere Kosten als auch einen geringeren Zeitaufwand.

Man könnte jetzt einwenden, dass die anfängliche Planung keine Änderungen während der Bauzeit und keine unvorhergesehenen Probleme berücksichtigen kann. Damit können eigentlich nur Abweichungen in eine Richtung auftreten, denn besser als ideal kann ein Projekt nicht laufen. Jeder erfahrene Projektplaner wird aber einen Aufschlag für Änderungen und Verzögerungen einkalkulieren. Dieses Argument zieht also nicht.

2. Psychologische Faktoren.

Der Optimismus-Faktor (Optimism Bias) bringt Menschen dazu, Probleme bei eigenen Projekten systematisch zu unterschätzen. Wenn man etwas unbedingt realisieren möchte, erscheinen alle Schwierigkeiten nur als Ansporn. In der englischen Geschäftssprache gilt es deshalb geradezu als unfein von problems zu reden, es gibt nur challenges (Herausforderungen).

Besonders drastisch wirkt der Optimismus-Faktor, wenn das Ansehen eines Entscheiders mit einem Projekt verbunden ist. Wenn also beispielsweise ein Politiker erklärt, dass die Energiewende unbedingt machbar ist, oder ein Bürgermeister darauf besteht, dass der Bau eines Hauptstadt-Flughafens „eine Erfolgsgeschichte“ sei, dann werden sie geneigt sein, alle Probleme kleinzureden, unauffällig zusätzliches Geld zu beschaffen und Zeit zu schinden.

Wie lässt sich feststellen, ob der Optimismus-Faktor den größten Anteil an den Kostenüberschreitungen hat? Bent Flyvbjerg argumentiert, dass alle Projektbeteiligten hinterher schlecht dastehen, und aus den Erfahrungen der Vergangenheit lernen müssten. Die Kostenüberschreitungen sollten also in den letzten Jahrzehnten geringer geworden sein. Aus seiner Erhebung geht aber hervor, dass sie über die Jahre immer ähnliche Größenordnungen erreichten. Damit bleibt als wahrscheinlichste Ursache:

3. Die absichtliche Falschdarstellung.

Lügen also Politiker, Projektverantwortliche, Gutachter und Baufirmen absichtlich, wenn es um Kosten und Bauzeiten geht? Flyvbjerg hat nachgefragt. Nicht alle wollten reden, aber er hat einige erhellende Antworten erhalten.

So sagte der Vertreter einer Verkehrsbehörde:

„Als Planer wissen Sie oft um die wahren Kosten. Sie wissen, dass der Etat zu niedrig ist, aber es ist schwierig, den Stadträten (Politikern) und den privaten Akteuren das klar zu machen. Sie wissen, dass hohe Kosten die Chancen auf Landesmittel verschlechtern.“

Kosten werden also heruntergerechnet. Auf der anderen Seite hat ein Projekt natürlich auch einen Nutzen, deswegen wird es ja überhaupt in Erwägung gezogen. Ein anderer Interviewpartner von Flyvbjerg erklärte dazu:

„Das System bringt die Menschen dazu, sich auf den Nutzen zu konzentrieren – weil bis jetzt die Qualität der Risikoanalyse und die Robustheit [der Projekte] kaum wahrgenommen werden. Deshalb ist es für Projektbefürworter wichtig, den Nutzen bestmöglich herauszustreichen, nicht zuletzt, weil die Befürworter wissen, dass sie mit anderen Projekten um knappe Mittel konkurrieren.“

Was dabei herauskommt, nennt Flyvbjerg „das Überleben des schlechtest-geeigneten (Survival of the unfittest)“.

Was tun?

Flyvbjerg hat ein Verfahren entwickelt, um den immer wieder Verteuerungen und Verzögerungen entgegenzuwirken. Folgende drei Schritte sollten jedes Projekt begleiten:

  1. Identifizierung einer geeigneten Referenzklasse von abgeschlossenen Projekten.

  2. Datenauswertung mit Wahrscheinlichkeitsverteilung relevanter Parameter.

  3. Vergleich der Parameter des aktuellen Projekts mit denen der abgeschlossenen Projekte. Daraus sollte man Dauer und Kosten des aktuellen Projekts gut ableiten können.

Weil Flyvbjerg in England einen ausgezeichneten Ruf hat, haben englische Behörden sein Verfahren schon mehrfach mit Erfolg angewandt.

Für die Elbphilharmonie und den Berliner Flughafen kommt sein guter Rat zu spät. Bei diesen Projekten kann man nur schwer glauben, dass alle Beteiligten ständig davon überzeugt waren, ihre Projekte seien rechtzeitig und zum ursprünglich angepeilten Preis realisierbar. Die Energiewende wird als nationales Prestigeprojekt derzeit mit aller Gewalt durchgezogen und es wäre durchaus möglich, dass die Überschrift des anfangs erwähnten Handelsblattartikels (Merkels Strompreislüge) richtig ist.

Für so ein gigantisches Vorhaben gibt es leider keine Referenzprojekte. Das lässt für die Zukunft Schlimmes befürchten.

 

Literatur

Flyvbjerg B, Holm MS, Buhl S (2002) Underestimating Costs in Public Works Projects. Error or Lie? APA Journal 68(3), 279-295.

Flyvbjerg B (2009) Survival of the unfittest: why the worst infrastructure gets built — and what we can do about it. Oxford Review of Economic Policy 25 (3), 344-367.

Frühere Blogbeiträge zu diesem Thema:

Wunschdenken – die ausgeblendeten Probleme der Energiewende (13.7.2011)

Die Irrationalität des Atomausstiegs (29.6.2011)

Veröffentlicht von

www.thomasgrueter.de

Thomas Grüter ist Arzt, Wissenschaftler und Wissenschaftsautor. Er lebt und arbeitet in Münster.

14 Kommentare

  1. Kosten der Energiewende absehbar.

    Was bis 2020/2025 realisiert werden soll um die AKW’s zu ersezten und zu mehr Erneuerbaren zu kommen und gleichzeitig die Zuverlässigkeit der Stromversorgung zu bewahren, ist in Wirklichkeit gar nicht so schwierig abzuschätzen und zu berechnen. Schliesslich kann in einem so kurzen Zeitrahmen keine exotische, heute noch gar nicht existierende Technik eingesetzt werden und die Kosten für neue Hochspannungsleitungen oder für den Bau und Betrieb fossiler Backupkraftwerke sind ebenfalls gut berechenbar, zumal solche Systeme heute mit detaillierten Szenarien simuliert werden können. Schwieriger ist es natürlich Verzögerungen beispielsweise aufgrund von Einsprachen und Protesten planerisch einzubeziehen.

    Der Hauptgrund aber für die absehbaren Kostenüberschreitungen und Zeitverzögerungen sind wohl einfach die überhöhten Hoffnungen gewisser Kreise in eine Energiewende. Jeder weiss doch, dass es hier beinahe um eine Ideologie geht, dass für diese Leute die Energiewende dem Zelebrieren eines sakralen Hochamts gleichkommt.

    Zum andern ist der Energiebereich zugepflastert durch uralte, auch national gefärbte Einstellungen wie dem Streben nach möglichst hoher Autarkie im Energiebereich und dem eingespielten Widerstand gegen neue Infrastrutkur.

    Erneuerbare aber benötigen viel neue Infrastrutkur und Autarkie ist mit heutiger Technik sehr teuer. Die günstigste Lösung benutzt Stromtransport um Produktionsschwankungen auszugleichen und in vielen Fällen sollte der Stromtransport sogar nationale Grenzen überschreiten. Das setzt eine Zusammenarbeit zwischen Landesteilen, ja sogar über nationale Grenzen voraus, die man heute in Europa leider nicht erwarten kann.

    Dass der gute Zweck die Hindernisse wegräumt ist leider allzu oft eine Falschannahme.

  2. @ Martin H.

    Es handelt sich nicht nur beinahe um eine Ideologie, es ist eine!
    Noch ein Problem der Regenerativen Energien wird ähnlich der Kernkraft sein. Diese hatte man in den 60ger Jahren als Heilbringer der Zukunft aufgebauscht und dies hat sich dann in den späten 70gern und 80gern ins Gegenteil gekehrt, auch aus Wut so von der Politik übergangen worden zu sein und natürlich aus Angst- und Panikmache von nur allzu bekannten Kreisen,
    wird sich dass auch in den kommenden Jahren extrem für die Regenerativen Energien zeigen!
    Denn nicht jeder ist bereit für eine Ideologie, die wie immer ein par wenige berreichert, zu Bluten.
    Im Gegensatz zu den Regenerativen konnte und kann die Kernkraft wenigstens für eine kontinuierliche und sichere Stromversorgung sorgen!
    Diese schöne Punkt wird gerade schön außer acht gelassen wenn man von den Regenerativen und ihren doch so wenigen Vorteilen spricht.

  3. eine schöne …

    und präzise Betrachtung! – Dazu noch der Hinweis auf die Arbeit von Flyvbjerg, danke.

    MFG
    Dr. Webbaer

  4. Warum so viele Projekte letztendlich teurer werden, als geplant?

    Ja, sonderbar. Beim Hauptstadtflughafen gab es ja ein Referenzobjekt (münchner Flughafenausbau). Ein direkter Vergleich zwischen Bauteile wäre möglich gewesen – kam aber wohl nicht zustande. Ergebnis war die Kostenexplosion eines Gebäudes um das doppelte – eben so teuer, als das Referenzobjekt.

    Vielleicht hat man bei der Planung Angst, dass bei zu hohen Kalkulationen Projekte deswegen nicht angefangen werden. Fakt ist, dass man fast jede Preissteigerung nachträglich auch bezahlt bekommt, wenn das Projekt erst einmal angefangen ist. Immerhin nämlich kann man nicht mittendrin einfach aufhören (speziel nicht bei solchen großen Projekten, wie etwa ein Flughafen).
    Wenn angefangen wurde bedeutet es allermeist, dass es auch zuende gebaut wird – also in diesem Sinne auch noch die irrsinnigste Nachtragssumme bezahlt wird, damit das Projekt auch fertig wird.

    Bei er Energiewende kommt noch hinzu, dass eben der Projektumfang nicht eineutig feststeht (anders beim Flughafen) und es deshalb zu etlichen nachträglichen Plananpassungen kommen wird – die wiederum natürlich extra Geld kosten werden.

  5. The survival of the fittest story

    Wie chris, aber auch schon der Text oben über das geheime Wissen von Politikern und Projektverantwortlichen, aufdecken, werden wegen Kostenüberschreitungen selten Projekte abgebrochen, umgekehrt aber werden Projekte gar nicht erst gestartet, wenn ihre exorbitanten Kosten von Anfang an bekannt sind. Deshalb gewinnt die beste Story und das ist dasjenige Projekt das die Herzen höher fliegen lässt und gar nicht so teuer ist, denn diejenigen, die das Projekt durchwinken, ahnen oft, dass es auch etwas teurer werden könnte, sie nehmen es aber in Kauf, wenn das Projekt wenigstens attraktiv ist.
    Es scheint also, dass tatsächlich Evolutiove Kräfte am Werk sind, nur dass die Selektion nicht durch den Steuerzahler erfolgt, sondern durch den besten Geschichtenerzähler und seine Kumpane.

  6. Und wenn die Frage falsch ist?

    und damit die Verschätzungen nur dafür dienen, den wirklichen Gründen Gehör zu verschaffen?

    Wenn die Macht der an der Schätzung beteiligten Masse nun so etwas wie eine demokratische Schätzung unternimmt – sprich für alle ihr genehmen Ziele die Kosten unterschätzt und für alle ihr unangenehmen Ziele dei Kosten überschätzt?

    Wäre das dann nicht sogar wieder Demokratie, die sonst in Zeiten knapper Kassen zwangsweise der Effizienz zu weichen hat. Wäre das nicht auch irgendwie menschlich, denn wir haben ja generell einen Eichfaktor? Sollten wir dann nicht vielleicht bald über eine Demofinicratie nachdenken?

  7. @Argumente für zu niedrige Schätzungen

    Es ist ein wichtiges Argument, dass ein einmal begonnenes Projekt fast immer ohne Rücksicht auf die Kosten weitergeführt wird. Bauruinen sind eher die Ausnahme. Das kann durchaus ein gutes Motiv sein, über die tatsächlichen Kosten zu lügen. Besonders die beteiligten Baufirmen profitieren davon, denn es gibt fast immer Gründe, das erste Angebot noch während des Baus nach oben zu korrigieren. So hat der Bauherr fast immer Änderungswünsche, die das ursprüngliche Angebot aushebeln.

    @Noït Atiga
    Auch nach mehrmaligem Durchlesen begreife ich nicht recht, was Sie meinen.

  8. @Thomas Grüter: Kritik an der Prämisse

    Das ist vielleicht nicht verwunderlich. Hinterfragte ich doch die Prämisse der Untersuchung: das ökonomische Denken in der Politik.

    Flyvberg geht ja davon aus, dass nur dann richtige Entscheidungen gefällt werden, wenn die Kosten korrekt beziffert werden. Das ist unter der Annahme eines Homo oeconomicus exakt, denn für die Ökonomie ist RICHTIG, was sich auszahlt – insofern stimmen sowohl die Kritik als auch der Vorschlag. (Ob das noch unter der moderneren Ansätzen in der Ökonomik gilt, das sei dahingestellt.)

    Allerdings geht es um demokratische Entscheidungen. Es geht also um Fragen, bei denen das Geld nicht die erste Rolle spielen sollte – sondern die Bewertung der Nützlichkeit und der gesellschaftlichen Ziele. Denn in einer Demokratie ist RICHTIG, worauf man sich einigt – egal ob es wirtschaftlich “vernünftig” ist. Daher sollten Kosten eigentlich eine untergeordnete bis keine Rolle spielen – auch weil wir theoretisch fast alles durch Steuern finanzieren können, solange wir als Gruppe uns daneben ernähren können und das Ziel wirklich wollen.

    Mittlerweile haben aber gewisse Kräfte dazu geführt, dass auch alle staatlichen Ziele an den nicht (zwingend) geeigneten ökonomischen Kriterien gemessen werden. Und dieses Prinzip der ökonomischen Bewertung haben wir als Autorität relativ gut verinnerlicht, zumindest auf rationaler Ebene.

    Auf emotionalem Gebiet sind wir nämlich damit allesamt nicht ganz einverstanden – dort zählen immer noch andere Werte. Jedoch können die dem rationalen Argument nicht oder nur bedingt entgegengehalten werden. Wir müssen unsere eigentlichen Werte also verdrängen – nur kommen Verdrängungen (wie wir von der Psychologie wissen) ja wieder indirekt zum Vorschein, etwa in Fehlleistungen.

    Und daher war meine intuitive Hypothese, dass unsere verdrängten menschlichen Werte die Ursache der Fehlkalkulationen sind. Also ein systemischer Faktor, der sich nur über psychologische Wege realisiert und damit der kritik oben bei 2. nicht ausgesetzt ist.

    Ein Gesichtsverlust und damit verbundenes Lernen erfolgen nämlich dann nicht, wenn die Mehrheit der Bürger zumindest unbewusst mit dem Ziel mitgeht. Sie ärgern sich dann zwar über die Mehrkosten, aber das wird den Beteiligten nicht negativ angerechnet, sondern wegen der Verwirklichung des lobenswerten Zieles möglicherweise sogar positiv. (Was aber nicht für die beteiligten Unternehmen gilt – daher ist man dort realistischer.)

    Dafür sprechen auch die im Artikel in Tabelle 1 aufgeführten Zahlen zum Umfang der Kostenüberschreitungen. Schienennetze sind der Gemeinschaft generell dienlicher als Straßen – darum kann dort auch die Kostenüberschreitung beim Doppelten liegen. Brücken und Tunnel liegen dazwischen, aber ihre Nützlichkeit wird deutlich subjektiver eingeschätzt (man könnte ja Umwege bauen) – und darum ist die Standardabweichung dort auch doppelt so groß wie bei Straßen und noch immer 1,5 mal so groß wie bei der Bahn.

    In einer von der Ökonomie beherrscheten Welt findet das Volk durch die Psyche quasi Wege zurück zur Herrschaft des Volkes…

  9. @Noït Atiga

    Vielen Dank für die ausführliche Erläuterung. Ich habe aber den Eindruck, dass wir über verschiedene Dinge reden. Flyfbjergs Frage ist, ob die häufigen Kostenüberschreitungen auf absichtliche Falschdarstellungen, also auf Lügen, zurückgehen. Er schließt andere Faktoren weitgehend aus und kommt zu dem Ergebnis, dass die Befürworter großer Infrastrukturprojekte tatsächlich die erwarteten Kosten falsch darstellen.
    Ihr Argument geht jetzt dahin, dass die Öffentlichkeit eher gefühlsmäßig entscheidet und deshalb auch teure und zu teure Vorhaben gutheißt, wenn sie dabei ein gutes Gefühl haben. Schließlich kaufen sich auch viele Leute ein teureres Auto als sie sich leisten können oder bauen sich ein Haus, an dem sie 30 Jahre lang mehr abzahlen müssen, als sie vorher erwartet haben.
    In diesem Fall hätten die Politiker eigentlich keinen Grund, die wahren Kosten herunterzurechnen, weil die Öffentlichkeit auch hohe Kosten akzeptieren würde.
    Sie bringen auch vor, dass Bevölkerung eine höhere Überschritung der Budgets für Infrastrukturprojekte der Bahn zuließe als für Straßenbauprojekte, weil Schienenverkehr für die Gemeinschaft nützlicher ist. Das muss aber nicht so sein, auch die gegenteilige Sicht ist denkbar: Straßenbauprojekte sind populärer als Investition in die Bahn, also müssen Politiker Schienenbauprojekte noch weiter “herunterrechnen” um sie für die Öffentlichkeit akzeptabel zu machen. Das ganze Thema ist sicherlich äußerst kompliziert, und viele Budgetüberschreitungen sind in der Tat vergeben und vergessen, wenn der neue Flughafen, das Opernhaus oder das Landesarchiv endlich stehen und ein echtes Schmuckstück geworden sind. Allerdings kann man Geld nur einmal und was in solche Prestigeprojekte gesteckt wird, fehlt hinterher anderswo. Bei der Finanzierung der Energiewende ist die Größenordnung so gewaltig und das Risiko so hoch, dass emotionale Argumente hier wenig zählen. Was hilft uns 100% Ökostrom, wenn ihn sich kaum jemand leisten kann?

  10. @Thomas Grüter: Nicht wirklich

    Flyvberjg fragt, ob es ökonomische Lügen sind – und als Ökonom hat er Recht. Er zieht aber daraus politische Folgerungen – und die sind falsch. Nur ist das kompliziert aufzuzeigen – weil die Verknüpfung auf Verdrängungen beruht.

    Diese Beziehungen beruhen darauf, dass heute keine politische Entscheidung ohne ökonomisches Qualitätssiegel zulässig ist.

    Der Einwurf zum Ökostrom kann das illustrieren: Wenn wir keinen Atomstrom wollen und keine Umweltverschmutzung – dann können und dürfen wir das realisieren. Das ist eine politsche Entscheidung. Und wenn das politisch gewollt ist, dann könnenn wir ihn uns auch alle leisten: Wir müssen dann eben auf anderen Gebieten die Ansrprüche zurückfahren.

    Der schon mehrfach zitierte Ökonom Stephen A. Marglin hat das in seinem Buch The Dismal Science: How Thinking Like an Economist Undermines Community sehr schön dargestellt. Es ist die Entscheidung der menschlichen Gesellschaft, was sie will: Der Kleinbauer in Afrika etwa könnte leicht zwei Ziegen haben und alles andere ist ökonomisch unsinnig – aber er will nicht, denn dann könnte er den Sonnenuntergang nicht genießen und nicht die Gesellschaft. Dafür lebt er halt mit einer Ziege in einfachen Verhältnissen – er lebt, statt sich von der Ökonomie sein Handeln diktieren zu lassen.

    Könnten wir im Westen das genauso sehen, dann würden wir die Kosten realistisch fixieren können. Denn dann könnten wir auch die Steuern erhöhen und andere flankierende Maßnahmen ergreifen. Aber für uns ist die Wissenschaft und damit auch die Ökonomie und das Geld eine größere Autorität als unser Gefühl oder unsere Beziehungen. Das Gefühl muss verdrängt werden. Aber die Verdrängung führt zu Fehlleistungen – zur Falschdarstellung der Kosten.

    Jeder weiß das, manche machen dabei sogar aktiv mit – weil man so gefühlsmäßig der Autorität ein Schnippchen schlägt und doch die mehrheitlich geteilten Ziele realisiert. Mit ökonomischen oder demographischen Argumenten ist der Propaganda nicht beizukommen (das wird für die Rentendiskussion sehr schön von dargelegt von Nikonoff, Jacques (1999): La comédie des fonds de pension: une faillite intellectuelle. – leider nicht übersetzt).

    Nun will ich die anderen Deutungsmöglichkeiten nicht ausschließen – nur wird die integrative Möglichkeit konsequent unterbelichtet.

    Dass man aus dieser integrativ-systemischen Sicht keinen Grund hätte für die Falschrechnungen – das stimmt eben gerade nicht, denn mit genauen Zahlen kann dem Bürger vorrechnen, dass das Projekt unsinn ist. Man kann ihm sein Gefühl, seine Beziehungen mit wissenschaftlicher Autorität noch mehr kleinreden. Er mag dann immer noch glauben, dass da was faul ist – er kann es nicht mehr argumentativ begründen, dafür müsste den geteilten Gefühlen und Beziehungen eine ebensolche Autorität zukommen. Durch die Kleinrechnungen aber wird der ökonomischen Rechentechnik etwas der Wind aus den Segeln genommen und mehr den Gefühlen und Beziehungen zugewiesen: Denn wenn alle unzufrieden wären, dann würde das Projekt ja auch mit Runterrechnen abgelehnt – schließlich hat Staat(steil) zuviel Geld und muss es loswerden.

    Der Vorschlag von Flyvberjg geht also dahin, der Ökonomie wieder die alleinige Herrschaft zuzuweisen – das das im Geburtsland des Kapitalismus schon klappt ist nicht verwunderlich, nur bezweifle ich, dass eine Ausweitung hilfreich ist…

  11. Noït Atiga Und wenn die Frage falsch ist? 03.06.2012, 23:22

    >

    -> Es ist nicht die Unter-/Überschätzung, sondern die Unter-/Überbewertung der Kosten für das jeweilige Projekt. Wobei diese Bewertung von der Nützlichkeit abhängig ist und so also erst eine jahrelange Lobby aufgebaut werden muß, damit sich Kosten also als angemessen in der Bewertung herrausstellen können.

    Die echte Kalkulation (also wenn es darum geht, handfeste Angebote auf Ausschreibungen einzuholen) findet überhaupt erst viel später statt – ist also nicht das selbe.

  12. @Noït Atiga: Mit der Lüge leben?

    Bewusst falsch kalkulierte Projekte kann man meiner Ansicht nach letztlich nicht rechtfertigen. Denn am Schluss muss für die Falschkalkulation und die bewusste Täuschung jemand geradestehen.

    Es ist etwas willkürlich, wenn man den Projekten, die man selbst positiv bewertet oder wertvoll findet – wie der Finanzierung der Energiewende mittels Erneuerbaren und zugehöriger Infrastruktur – Falschkalkulationen erlaubt oder zugesteht.
    Es lassen sich nämlich gut andere Beispiele finden, wo Falschbewertungen am Band zur Anhäufung von Schrott geführt haben, den heute niemand mehr haben will. Beispielsweise gibt es in Spanien einige noch nicht lange gebaute Provinzflughäfen, die heute von kaum einem Flugzeug angesteuert werden. Im Kreditboom, der durch den “billigen” Euro ausgelöst wurde, wurde fast alles gebaut und gerechtfertigt. Heute sehen das selbst die Spanier ganz anders und bereuen diese “Investitionen”.

    Transparenz ist einfach ein zu wichtiges Gut, als dass man es für einen höheren Zweck zum Fenster rausschmeissen sollte.

  13. @Martin Holzherr: Nein.

    Mit der Lüge sollte man nicht leben, ich bin ja auch für richtige Demokratie – aber dann muss diese Demokratie die Ökonomie im Zaume halten (nicht umgekehrt wie derzeit).

    Und dass es Fehlinvestitionen gibt, das kann eine korrekte ökonomische Bewertung ebenfalls nicht ausschließen. Richtiger noch, sie kann dazu nichts beitragen – sie kann allenfalls eine Investition als ökonomisch unsinnig qualifizieren, und auch das mit einiger Zuverlässigkeit nur im Nachhinein. Das sehen übrigens auch viele/einige Ökonomen so, denn die wenigsten Unternehmen waren langfristig erfolgreich – und wenn eher die Mittelfeldspieler oder Familienunternehmen. Über die Gründe, die auch für eine Neuausrichtung der Ökonomie sprechen schreibt Beinhocker sehr schön in The origin of wealth: evolution, complexity, and the radical remaking of economics.

    Alle Vorabbeurteilung beruht nämlich auf Spekulationen und damit auf dem individuellen oder geteilten Glauben von der Zukunft. Was sich bewährt wird wie bei der Evolution erst nach dem Versuch klar – und die unmöglichsten Dinge sind manchmal einfach nur zu früh da (etwa der Mac).

    Und gerade daher sollte man (zumindest auf politischer Ebene) weniger die Zahlen sprechen lassen, als vielmehr die Projekte: Man muss sich dann fragen, ob man dieses Projekt will mit allen möglichen Vorteilen und allen möglichen Nachteilen. Und diese klare Herausstellung der Auswirkungen auf das Zusammenleben, die ist für mich dann die erforderliche Transparenz.

    Solange es aber bei Transparenz nur um die ökonomischen Bewertungen geht, will ich die insofern als Korrektiv wirkenden Fehlleistungen nicht zwingend ausgemerzt sehen. Ich sehe es dann eher so wie ein Minister mal zum Flugzeugabschuss: Natürlich können wir das nicht Gesetz werden lassen, aber im Zweifel machen wir es einfach. Das ist für mich Zivilcourage – umso mehr als dieser Entscheider dann auch bereit ist, seinen Hut zu nehemen.

  14. Prognose versus Realität

    Die Energiewende ist tatsächlich ein treffliches Besipiel um das Auseinanderklaffen von Kostenprognosen und Kostenrealität aufzuzeigen.
    Nehmen wir die EEG-Umlage.
    Das BMU hat im Dezember 2010 den Text Entwicklung der EEG-Vergütungen, EEG-Differenzkosten und der EEG–Umlage bis zum Jahr 2030 auf Basis eines aktualisierten EEG-Ausbaupfad online gestellt.
    Interessanterweise wurde in dieser Erläuterung vergangener und zukünftiger voraussichtlicher EEG-Umlagewerten bereits festgestellt, dass 2010 die realen EEG-Umlagewerte deutlich höher lagen als proijziert – und trotzdem wurden für die unmittelbare Zukunft wiederum viel zu tiefe Werte vorausprojiziert:

    Hierdurch liegt die EEG-Umlage 2010 mit rd. 2,4 ct/kWh deutlich über der am 15.10.2009 veröffentlichten Prognose der ÜNB (2,05 ct/kWh; vgl. hierzu die ausführlichen Hinweise der ÜNB unter http://www.eeg-kwk.net ). Anders als in der Prognose der ÜNB für 2011 (3,5 ct/kWh) fällt dieser Betrag in diesem Jahr entsprechend nicht an. Zudem wird in der IfnE-Studie berücksichtigt, dass der PV-Ausbau 2010 mit etwa 7.000 MW deutlich unter dem von den ÜNB zuletzt angenommenen Wert (9.500 MW) lag. Im Ergebnis könnte die EEG-Umlage 2011 daher sogar nur bei 2,7 ct/kWh liegen.

    Bis Mitte des Jahrzehnts wird dann nur noch ein mäßiger Anstieg der EEG-Umlage auf ein Maximum von 3,1 ct/kWh erwartet. Die Umlage verharrt eine Zeitlang auf diesem Niveau (2020: 2,8 ct/kWh) und sinkt danach kontinuierlich (2030: 0,7 ct/kWh). Alle Werte sind in heutigen Preisen angegeben.

    Hier wird also ein EEG-Umlagewert von 3.1 cent/kWh bis 2015 vorausgesagt und zudem prognostiziert, dass 3.1 cent auch schon das Maximum des zu erwartenden EEG-Umlagewerts bis 2030 sein wird.

    Vergleichen wir das mit den Zahlen aus der Wikipedia:
    2010 2,047
    2011 3,530
    2012 3,592
    so sehen wir wie weit die realen Werte von den prognotizierten entfernt liegen.

    Zum Glück erklärt das BMU die Berechnungsgrundlagen detailliert. Und tatsächlich wird viel mehr an EE-Anlagen zugebaut als in den Berechnungsgrundlagen angenommen: (Zitat)

    zwischen 2010-2020 durchschnittlich knapp 3.500 MW/a

    Hier muss man sich wundern, dass niemand korrektiv eingreift, wenn doch der Zubau viel grösser ist als vorgesehen. Es ist nur mit der Begeisterung für die Erneuerbaren Energien erklärbar, dass der Zubau nicht gebremst wird. Und diese Begeisterung hat auch ihren Preis. Hartz-4-Empfänger sollen diesen Preis bald nicht mehr entrichten müssen: E.on-Chef fordert Hartz-IV-Zuschlag für Ökostrom

    Der Preisanstieg bei den EEG-Umlagen ist also nicht einfach nur das Resultat einer Täuschung der Öffentlichkeit. Es ist eine Kombination von Preisoptimismus und fehlenden Korrekturen nach Feststellen des Überschiessens. Und sicher liegt dem ein Bias zugrunde, die Einstellung, dass Ökostrom auch etwas kosten darf: Zuerst rechnet man tiefe Kosten voraus, um die Leute positiv zu stimmen und dann akzeptiert man zu hohe Kosten, weil das Ganze doch eine gute Sache sei.
    Das läuft natürlich bei vielen anderen Projekten ganz ähnlich ab.