RIO+20 und das Dilemma der Allmende

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die Psychologie irrationalen Denkens
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Die gerade beendete Konferenz der UNO in Rio de Janeiro über nachhaltige Entwicklung (kurz: RIO+20) war deutlich mehr als eine Arbeitstagung. Regierungsvertreter aus 120 Ländern, darunter viele Staats- und Regierungschefs, wollten sich auf Regeln für eine nachhaltige Entwicklung und eine sinnvolle Bewirtschaftung gemeinsamer Ressourcen einigen. Insgesamt waren zu dem Treffen ca. 50000 Teilnehmer angemeldet, damit war es eine der größten Konferenzen überhaupt.

Vor zwanzig Jahren gab es schon einmal eine Konferenz zu dem Thema in Rio, die als Meilenstein auf dem Weg zu einer Einigung über nachhaltige Entwicklung gefeiert wurde. Die aktuelle Konferenz heißt deshalb kurz RIO+20. Sie sollte an den Elan der ersten Konferenz anknüpfen und erstmals konkrete Beschlüsse fassen. Das Thema brennt auf den Nägeln: Die Meere sind überfischt, der CO2-Gehalt der Luft steigt ständig, Gas- und Ölreserven gehen bedrohlich zurück. Wie aber soll man mit den gemeinsamen Gütern wie Luft oder internationalen Gewässern am besten umgehen? Wer will damit anfangen, seine Fischfang-Quoten zurückzuschrauben und viel Geld in den Umweltschutz zu investieren? Würden nicht andere damit einen Vorteil bekommen, weil sie dann mehr von den knappen Gütern beanspruchen können?

Dieses Dilemma ist als Allmende-Problem bekannt. Unter dem Begriff Allmende versteht man Weiden, Wälder oder Ödlandstücke, die von den Einwohnern eines Dorfs gemeinsam genutzt werden. Wenn es keine strengen Nutzungsregeln gibt, ist eine Allmende-Weide bald kahlgefressen, weil jeder versucht, möglichst viel Vieh dorthin zu treiben. Damit ist keinem geholfen, im Gegenteil, jeder hat weniger als vorher. Wer sich aber aus Vernunftgründen zurückhält, würde damit den skrupelloseren Nachbarn einen Vorteil einräumen.

Die Tragödie der Allmende

The tragedy of the commons (die Tragödie der Allmende) nannte der Biologe Garrett Hardin dieses Phänomen in einem berühmt gewordenen Artikel für die Zeitschrift Science im Jahre 1968. Dabei wählte er das Wort „Tragödie“, weil die Zerstörung der Allmende auf schicksalhafte Weise unabwendbar ist. In der klassischen griechischen Tragödie kann die sich abzeichnende Katastrophe nicht verhindert werden. Alle Versuche der Menschen, ihr Schicksal zu ändern, müssen vergeblich bleiben. Hardin schreibt sehr flüssig und behandelt das Problem von verschiedenen Seiten, ich kann den Artikel deshalb nur empfehlen.Der Biologe plädiert dafür, auch die Vermehrung der Menschen zu strikt regulieren. Eine freiwillige Beschränkung hält er für aussichtslos, nur eine rigorose Gesetzgebung, so meint er, könne die Menschheit noch vor dem Hungertod retten.

Das Scheitern von RIO+20

Brauchen wir wirklich eine schlagkräftige Weltregierung, wenn wir Fischfangquoten und eine Reduktion des Kohlendioxidausstoßes durchsetzen wollen? Möglicherweise ja, denn die Konferenz in Rio hat ihr Ziel weit verfehlt. Sie konnte keine verbindlichen Regeln für den Umgang mit den endlichen Reserven der Menschheit aufstellen, sie hat lediglich die Gegensätze zwischen den Interessengruppen aufgedeckt. Das von der Konferenzleitung vorbereitete Abschlussdokument enthält keinerlei verbindliche Formulierungen, ja es spricht die meisten Probleme nicht einmal an. Statt von „sustainable development“ (nachhaltige Entwicklung) ist darin von „sustained development“ (anhaltende Entwicklung) die Rede. Weiter heißt es: “Die Beseitigung der Armut ist die größte globale Herausforderung, vor der die Welt heute steht, und unverzichtbare Bedingung für nachhaltige Entwicklung.” (Übersetzung von Spiegel online). Anders ausgedrückt: Erst wenn die Armut ausgerottet ist, reden wir über Nachhaltigkeit. Die Europäer waren verstimmt, was die brasilianische Konferenzleitung allerdings nicht sonderlich interessierte. Der Gipfelkoordinator forderte unverblümt, dass die Europäer bezahlen sollten, wenn sie mehr wollten. Das Nicht-Ergebnis der Konferenz spiegelt die Unvereinbarkeit der Standpunkte wider und dokumentiert das Scheitern der Vorgespräche. Keine der Interessengruppen wollte nachgeben, also hat die Konferenzleitung konsequent alle Streitpunkte aus dem Resolutionsentwurf getilgt. Zurück blieben etwa 50 Seiten mit wolkigen Zustandsbeschreibungen und unverbindlichen Absichtserklärungen.

Ausbruch aus der schicksalhaften Verstrickung

Ist die Menschheit also dazu verdammt, die Meere leerzufischen und die Atmosphäre aufzuheizen, während der Chor der Naturschützer dazu Klagelieder singt? Nicht alle Wissenschaftler teilen Hardins Pessimismus oder unterstützen seinen Ruf nach einer Weltregierung. Die amerikanische Politikwissenschaftlerin und Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom vertritt den Standpunkt, dass eine freiwillige und von den Nutzern der Allmende kontrollierte Aufteilung der Ressource durchaus Erfolg verspricht. Externe, nicht von Gemeinschaft der Nutzer anerkannte Regeln führen nur zu einem unerwünschten und schädlichen Ausweichverhalten.

In einer Veröffentlichung2 von 2009 entwirft Ostrom ein komplexes Modell mit vier Grundkomponenten: Den Ressourcensystemen, den Einzelressourcen (definiert mit Parametern wie Anzahl, Wert, Erneuerungsrate etc.), den Kontroll- und Herrschaftssystemen und den Nutzern. Diese Komponenten haben jeweils 10 oder mehr Parameter und beeinflussen sich gegenseitig auf komplexe Weise.

Mit diesem Modell lassen sich lokale sozio-ökologische Systeme modellieren, z.B. die Hummerfischerei vor der Küste von Maine. Die Modelle können auch dabei helfen, die Bedingungen zu bestimmen, unter denen solche Systeme stabil sind. Bisher hat sich allerdings gezeigt, dass gut funktionierende Regelsysteme so unterschiedlich waren, dass einfache Regeln daraus nicht abgeleitet werden können. Ich halte es für sehr fraglich, ob dieser Ansatz weiterhilft, denn er hängt von zuweilen schwer bestimmbaren Parametern ab. Außerdem ist kaum festzustellen, ob die Regelsysteme langzeitstabil sind oder ob sie bei kleinen Veränderungen zum plötzlichen Zusammenbruch neigen.

Die portugiesischen Mathematiker Francisco Santos und Jorge Pacheco sehen eine gemeinsame Risikowahrnehmung als hilfreich für eine bessere Zusammenarbeit an3. Mit einigen spieltheoretisch begründeten Simulationsszenarios versuchen sie nachzuweisen, dass Menschen stabil zusammenarbeiten, wenn sie sich des Risikos der Zerstörung ihrer gemeinsamen Ressourcen bewusst sind. Allerdings funktioniert das nur in kleinen Gruppen wirklich gut, für sehr große Gruppen zeigt die Simulation eher ein Scheitern an. Aber, so meinen die Autoren, schließlich seien die Kleingruppen auf komplexe Weise untereinander vernetzt, sodass trotzdem eine stabile Lösung für große oder weltweite Probleme erzielt werden könnte.

Letztlich wäre es besser, wenn Hardin unrecht hat, denn wir würden sonst in den nächsten Jahrzehnten sehr heftig zu spüren bekommen, was ein schicksalhaftes Versagen der Bewirtschaftung von weltweiten Gemeingütern für uns bedeuten kann.

 

Literatur

[1] Hardin G (1968) The tragedy of the commons. Science 162:1243-1248

[2] Elinor Ostrom (2009) A General Framework for Analyzing Sustainability of Social-Ecological Systems Science 325, 419-422

[3] Santos FC & Pacheco JM (2011) Risk of collective failure provides an escape from the tragedy of the commons. PNAS 108, 10421-25

Veröffentlicht von

www.thomasgrueter.de

Thomas Grüter ist Arzt, Wissenschaftler und Wissenschaftsautor. Er lebt und arbeitet in Münster.

29 Kommentare

  1. Allmende: Guter Wille+Gute Technologie

    Limits to growth passt ja zum Allmendenmodell und die Auseinandersetzung mit Limits to Growth ist damit auch eine Auseinandersetzung mit dem Allmendenmodell.
    Eine baldige Erschöpfung der Ressourcen der Erde (unserer Allmende) ist bei einem ungebremsten exponentiellen Wachstum tatsächlich unausweichlich – egal ob man 2 Mal oder 5 Mal soviele Ressourcen zur Vefügung hat wie angenommen. Unbeschränktes exponentielles Wachstum kann es nur für kurze Zeit geben. Von den fünf grundlegenden Variablen des World3-Modells, das in Limits to Growth verwendet wurde, nämlich world population, industrialization, pollution, food production and resource depletion ist inzwischen das Bevölkerungswachstum bereits stark zurückgegangen und nicht mehr 9 Milliarden sondern nur noch etwas mehr als 8 Milliarden Menschen werden bis 2050 erwartet. Das Wachstum in vielen Bereichen, in der Industrialisierung , der Verschutzung, dem Landverbrauch für den Nahrungsmittelanbau muss irgendwann zum Stillstand kommen. Da hat Limits to Growth absolut recht. Nur könnte es anstatt eines hard landing ein von uns selbst eingeleitetes soft landing geben durch rechtzeitiges Einstellen von Wachstum oder mindestens von derjenigen Form des Wachstums, welche automatisch mit mehr Verschmutzung und mit endgültigem Ressourcenverbrauch verbunden ist.
    Die Allmende bleibt erhalten, wenn
    – alle industriellen Prozesse zero emission-Prozesse sind
    – vorwiegend Ressourcen verbraucht werden, die nachwachsen oder für viele hunderte von Jahren ausreichen
    – endliche Ressourcen (z.B. Metall) zu 100% wiederverwendet werden
    – die Landnahme für den Nahrungsmittelanbau durch neue Techniken stark reduziert wird

    Die Vision, die dahinter steckt ist die Kreislaufwirtschaft.
    Eine konsequent zu Ende gedacht Zero-Emission/Zero-Pollution/Zero Wastage Kreislaufwirtschat hat Cesare Marchetti im Artikel Ten to the Twelfth. A check on the carrying capacity of Earth vorgestellt. In dieser Zukunftswelt sind Menschen und Natur vollkommen separiert. Nahrung, Energie und Rohstoffe (Urban mining) werden in den Gartenstädten gewonnen, in denen die Menschen auch leben und die nur 10% der Erdoberfläche beanspruchen.

    Rio+20 hat als Hauptziel die Überwindung von Armut und das geht nicht ohne wirtschaftliches und materielles Wachstum. Und die Rohstoffe, die für dieses Wachstum aus dem Boden geholt werden, werden die Rohstoffvorräte verringern.
    Doch irgendwann wird das Ziel einer Welt ohne Armut erfüllt sein und ein weiteres materielles Wachstum wird nicht mehr nötig sein.
    Dies ist der Zeitpunkt in der die Kreislaufwirtschaft mit 100%-iger Rezyklierung dafür sorgen sollte, dass keine neuen Rohstoffe gefördert werden müssen, denn die Rohstoffe, die im Umlauf sind, können zu 100% wiederverwendet werden.
    Es kann für mich keinen Zweifel geben, dass wir eher früher als später zu einer solchen Kreislaufwirtschaft übergehen müssen.

    Die von Thomas Grüter besprochenen und vorgeschlagenen Lösungen des Allmendeproblems setzen auf politische Regelungen (Weltregierung), gerechte Systeme der Ressourcenteilung. Ich bin ebenfalls der festen Überzeugung, dass es schliesslich eine rigorose Gesetzgebung und eine schlagkräftige Weltregierung braucht. Allerdings genügt das nicht. Das Allmendeproblem als Menscheitsproblem ist nicht ein rein politisches/gesellschaftliches Problem, es ist auch ein technisches Problem. Aus dem einfachen Grund, weil wir ziemlich genau wissen was für materielle Güter es mindestens braucht um die Weltarmut zu überwinden, wir aber noch nicht die Techniken haben um das umwelt- und ressourcenschonend zu bewerkstelligen. Nur schon um die Wirtschaft vollständig zu dekarbonisieren braucht es eine Reihe von Technologien, die heute erst in Ansätzen existieren (z.B. nichtfossile kostengünstige Ersatzenergien, Gebäudeklimatisierung ohne Öl, Gas oder Kohle, etc.). Die Zukunft der Menscheit ist tatsächlich offen. Weder Politik allein, noch Technik allein kann alle Menscheitsprobleme lösen und ob die Technologien je entwickelt werden, die es für das Überleben und Gedeihen der Menscheit in einer intakten Umwelt braucht, können wir nicht mit Sicherheit wissen, sondern nur (begründet) hoffen.

  2. Allmende: Endlichkeit ist relativ

    Der Grundgedanke des Allmende-Problems ist die Endlichkeit der verfügbaren Güter: Ist die Allmende ein Weidegrund gibt es ein Maximum an Tieren, das darauf weiden kann. Doch die ganze Erde mit all ihren Ressourcen als grosse Allmende zu betrachten ist falsch, denn die Ressourcen der Erde können effizienter genutzt werden.
    Die neolithische Revolution ist das beste Beispiel dafür: Mit der Entwicklung von Ackerbau und Viehzucht fanden hundert Mal mehr Menschen ein Auskommen auf der gleichen Fläche.
    The tragedy of the commons von G.Hardin benennt als Hauptproblem das ungebremste Bevölkerungswachstum und folgert, dass es kein Recht auf unregulierte Reproduktion geben kann. Und damit ist man dann schon bei politischen Massnahmen wie der 1-Kind-Politik in China. Diese Politik war erfolgreich, doch es gibt viele Hinweise, dass das Bevölkerungswachstum in China auch ohne Intervention zurückgegangen wäre, allein durch die Folgen des Wirtschaftswachstums.

    Das Bevölkerungswachstum ist jedoch nicht das einzige Problem. Vielen ist nicht bewusst, dass das durcschnittliche Einkommen in China immer noch 8 bis 10 Mal geringer ist als in den USA. Würde die ganze Weltbevölkerung zum Wohlstand der USA aufschliessen müssten 70 Mal mehr Güter produziert werden als das heute der Fall ist. Das erscheint beinahe unmöglich, mindestens hätte es mit heutiger Technik verheerende Auswirkungen. Und selbst wenn die Energie-und Rohstoffnutzung um vieles effizienter wird lässt ein Weltwirtschaftswachstum von 3-4% über mehrere Jahrzehnte schlimmes ahnen. Was wir heute schon beobachten, ist eine praktisch lineare Zunahme der CO2-Emissionen, mit einer leicht verstärkten Zunahme seit Rio 1992 – und das obwohl in den OECDD-Ländern die CO2-Emissionen zurückgegangen sind. Der Rückgang wurde aber mehr als kompensiert durch die Zunahme in den Schwellenländern. Es ist nicht absehbar, dass sich das in den nächsten 20 Jahren ändern wird. Realistischerweise kann man nur hoffen, dass Technologien entwickelt werden, die die Nutzung von fossilen Rohstoffen überflüssig machen. Die Chancen dazu stehen nicht schlecht. Die Fusion ist so ein Kandidat für eine CO2-freie Energieforschung und es gibt inzwischen einige verschiedene Ansätze um ihr zum Durchbruch zu verhelfen (z.B: Laserfusion oder Plasma jet driven magneto-inertial fusion).
    Die grössten Chancen haben aber die Erneuerbaren Energien Wind + Sonne, deren unregelmässige Produktion mit grossräumigen Netzen oder neuen Speichertechniken ausgeglichen werden können.

    Doch selbst der Erfolg von Erneuerbaren Energien hängt von grossen technischen Fortschritten ab. Diesen Punkt hebt immer wieder Björn Lomborg hervor. In Weniger zahlen und viel mehr erreichen betont er den Interessenkonflikt, den es zwischen den Zielen von Rio 1992 und den Wachstumszielen für die Überwindung von Armut, gibt und sieht die einzige Lösung in der Innovation.
    Wahrscheinlich wäre das Geld für unsere Zukunft wirklich am besten investiert, wenn es vor allem in die Forschung ginge. Es würde schon genügen, wenn alle Länder ihr Verteidigungsbudget halbieren und das eingesparte Geld in die Forschung stecken würden.

  3. Symptom – statt Ursachenbekämpfung

    Das Allmende-Problem ist ein wichtiges – Symptom.

    Und das wird bei all den Diskussionen leider völlig vergessen. Man kann es als Symptom nämlich (nur) lokal kurieren, und das auf ganz viele verschiedene Weisen. Darum auch sind die gut funktionierenden Regelsysteme von Ostrom in ihren Details so verschieden.

    Der Ansatz von Santos & Pacheco ist insofern schon überzeugender – er zeigt nämlich, dass es um das gemeinsame Problembewusstsein geht, und zwar auf der gesamten Breite der Verursacher. Ein derartiges Problembewusstsein aber funktioniert in kleinen Gruppen deswegen so gut, weil alle Beteiligten ein ähnliches (auch personelles) Umfeld verinnerlicht haben. Daher beziehen sie dieses Umfeld intuitiv in ihre Lösungen ein – was auf größerer Ebene versagen muss, schließlich teilen wir dort kaum noch den Lebensraum und daher auch kaum Intuitionen. Wir müssten also alle relevanten Details wissenschaftlich aufgearbeitet haben – aber davon ist unsere Wissenschaft noch weit entfernt.

    Daher kann aber auch eine Weltregierung nicht funktionieren, auch die hätte nur einen Bruchteil der relevanten Informationen, auch die würde also viel zu statisch und viel zu grob reagieren. Vielmehr braucht es dazu die Intelligenz und den Willen vieler Menschen, die in einem ihnen dieses Ziel gestattenden System leben. Denn: Auch der liebevollste Fisch wird in einem Haifischbecken zum Gejagten – und muss dann in erster Linie an sein Überleben denken, andere Ziele fallen so notwendigerweise hinten runter.

    Also sollten wir in unseren Gemeinschaften ein System schaffen, dass dem Wettbewerb des Fressens und Gefressen-Werdens etwas den Wind aus den Segeln nimmt. Und idealerweise sollte dieses System ohne viel Kontrolle auskommen und ohne große Öffnungen für Haifische. Tja und Überlegungen dazu gibt es schon viele, nur leider brauchte es dazu (viel) politischen Willen – der bekanntlich fehlt. Und dieser Wille wäre nicht einmal weltweit nötig, sondern er genügte in den jeweiligen Wirtschafts- und Währungsräumen.

    Es genügte, das Geldsystem zu reformieren (denn darauf beruhen alle aktuellen ökonomischen Berechnungen). Wenn man das geschickt anstellte und mit einigen anderen Maßnahmen kombinierte, dann würden viele Ressourcen frei. Dann würde auch der Zwang zum Wachsen geringer und wir könnten normal wirtschaften – ohne immer mehr Allmende vereinnahmen zu müssen. Technik und Fortschritt allein können es nicht, auch wenn sie das Problem umso mehr entschärfen, umso größer ihre Effizienzgewinne sind – in entsprechendem Maße kann nämlich die Wachstumsforderung aus dem Fortschritt finanziert werden. Und das ist genau der Grund, warum uns die Allmende-Symptome derzeit in den großen Volkswirtschaften so aufstoßen: Unser Fortschritt ist zu klein und damit kommt es zu Verteilungskämpfen.

  4. @Martin Holzherr

    Vielen Dank für den umfangreichen Kommentar. Sie stellen einige technische Lösungen des Problems vor und widersprechen damit implizit Garrett Hardin, der ausdrücklich erklärte, es gebe keine technischen Lösungen. Tatsächlich besteht dieser Gegensatz aber nur scheinbar, denn alle technischen Ansätze versuchen nicht etwa, das Problem zu lösen, sondern es zu vermeiden. Die Allmende wird entweder gesperrt oder aber so ausgebaut, dass alle soviel davon nehmen können, wie sie möchten. Wenn man beispielsweise billige Elektrizität in beliebiger Menge zur Verfügung stellen kann, würde der Bedarf an Kohle, Öl und Gas so stark zurückgehen, dass man keine Regeln mehr für die CO2-Vermeidung einführen muss. Das Problem ist damit nicht gelöst, sondern verlagert.

    Wenn man eine Kreislaufwirtschaft einführt, dann würden die externen Reserven dadurch geschont, aber es müsste ein ausgeklügeltes internes System der Ressourcennutzung eingeführt und durchgesetzt werden. Wir hätten innerhalb der Städte mit Kreislaufwirtschaft genau das System eingeführt, das Hardin für die ganze Welt fordert. Das Problem wäre also nicht gelöst, sondern nur verlagert.

    Die Armut in der Welt wird sich nicht beseitigen lassen, sie kann allenfalls verringert werden. Sie wird fast überall als Prozentsatz von Durchschnitts- oder Medianeinkommen definiert, sie gibt als die Ungleichheit der Verteilung an, nicht etwa den Zugang zu bestimmten Gütern wie Nahrungsmitteln, Wohnraum oder Energie. Damit wäre die Armut zu beseitigen, wenn man die Verteilungskurve sehr stark abflacht, was aber kaum durchzusetzen wäre.

    Wenn man die technischen Lösungen zur Vermeidung des Problems ausklammert, ist bisher keine echte und allgemein akzeptierte Lösung bekannt, ebensowenig ein Algorithmus, mit dem man zu einer langzeitstabilen Lösung gelangen könnte.

  5. @Grüter:Allmende als spielth, Problem

    In ihrer Antwort erhalte ich den Eindruck, dass sie das Allmendeproblem in der gleichen Klasse ansiedeln wie andere spieltheoretische Probleme, also etwa das Gefangenendilemma, den Kampf der Geschlechter oder eben die Tragik der Allmende.
    Als spieltheoretisches Problem ist das Allmendeproblem ein mathematisches Problem, in dem es um die effiziente Nuztung frei verfügbarer Ressourcen geht.
    Verwandte spieltheoretische Probleme sind im entsprechenden Wikipedia-Artikel aufgelistet, unter anderem auch die Tragik der Anti-Allmende, wo Ressourcen nicht genutzt werden können, weil es Rechteinhaber gibt, die andere ausschliessen, selber aber auch nicht vom Recht Gebrauch machen (z.B. ungenutzte Patente, Immobilienbesitz mit leerstehender Immobilie, etc.)

    Wirklich gefährlich ist diese Betrachtungsweise, wenn man aus der Beurteilung des mathematischen Problems unmittelbare Konsequenzen für reelle Probleme zieht. Genau das macht Hardin, wenn er eine strenge Bevölkerungskontrolle fordert. Eine solche Übersetzung von einem formalen Modell in eine praktische Lösung ist problematisch, weil die Realität vielfältig ist und viele Elemente hinzukommen, die im formalen Problem von vornherein ausgeklammert sind.

    Aus meiner Sicht geht es im Allmendeproblem um ein Gleigewichtsproblem. Das Gleichgewicht wäre erreicht, wenn die Ressource nachhaltig optimal genutzt wird. In der Natur gibt es aber keine solchen stabilen Gleichgewichte, sondern z.B. periodische Populationsschwankungen bei Räuber-Beute-Populationen gemäss dem Lotka-Volterra-Gesetz.

    Um wieder zu meinem Hauptanliegen zurückzukommen. Mir geht es mehr um Rio+20 und damit um den Menschen, der sein Potential entfalten will, damit aber eventuell seine Umwelt und letzlich sogar sich selbst schadet. Dieses Problem kann man nicht auf ein mathematisches, spieltheoretisches Problem reduzieren. Man kommt nicht um eine gewisse Pragmatik herum und braucht viel Common sense. Und hier mangelt es bei Ihnen etwas an der richtigen Einschätzung von Menschheitsproblemen, wenn sie beispielsweise schreiben:
    “Die Armut in der Welt wird sich nicht beseitigen lassen, sie kann allenfalls verringert werden. Sie wird fast überall als Prozentsatz von Durchschnitts- oder Medianeinkommen definiert, sie gibt als die Ungleichheit der Verteilung an, nicht etwa den Zugang zu bestimmten Gütern wie Nahrungsmitteln, Wohnraum oder Energie.”
    Soviel ich das verstehe, meint der Satz “Eradicating poverty is the greatest global challenge facing the world today and an indispensable requirement for sustainable development” aus dem Rio+20 Abschlussdokument The Future we want nicht etwa die Beseitigung der relativen Armut – in der Tat kaum erreichbar – sondern die Beseitigung der absoluten Armut in Übereinstimmung mit den Millenium-Zielen. Absolut arm sind Menschen, die verhungern, weil sie sich keine Nahrungsmittel leisten können.

    Auch die Idee der Kreislaufwirtschaft ist – wie sie absolut richtig bemerken – nur eine Verlagerung des Allmendeproblems weg von der ganzen Welt hin auf die vom Menschen kontrollierte und bewohnte Umwelt. Dessen bin ich mir bewusst. Wiederum ist das eine pragmatische Lösung. Ich behaupte nämlich, dass der Mensch scheitern wird, wenn er die ganze Erde kontrollieren will, einfach weil die Erde zu gross, zu unüberschaubar und zu frei ist. Es gibt aber bereits vom Menschen kontrollierte Umgebungen und das sind die Megalopolen, in denen immer mehr Menschen leben. Das Leben dort würde schnell zusammenbrechen, wenn die ganze Maschinerie, die es braucht um das am Laufen zu halten, nicht funktionieren würde. Die naheliegende Idee ist deshalb, die urbane Umwelt selbstversorgend zu machen. Die pragmatische Idee dahinter: Man baut etwas, was gut funktioniert in absehbarer Weise so aus, dass es viel mehr abdeckt und erreicht, als ursprünglich vorgesehen. Wenn die urbane Welt als Lebenswelt des Menschen autark wird dann gibt es keine Verschmutzung und keine Ressourcenverminderung mehr: Diese Probleme sind dann eben nicht mehr externalisisert sondern internalisiert und die Lebenswelt des Menschen damit abgekoppelt vom Rest der Erde. Eine Situation, die uns übrigens allen in kleinerem Rahmen vertraut ist. Jeder Privathaushalt könnte ja seinen Abfall einfach auf die Strasse werfen. Und wenn die Privathaushalte das nicht machen ist der nächste Schritt, dass das auch die ganze Stadt nicht macht.

    Jedenfalls werden spieltheoretische Überlegungen wenig zur Lösung der Menscheitsprobleme beitragen aus dem einfachen Grund weil tabula rasa-Lösungen keinen Weg vom heute zum morgen aufzeigen.

  6. @Holzherr&Grüter: Pragmatische Spielth.

    Anscheinend war ich oben wieder zu knapp, um von @Thomas Grüter verstanden zu werden – aber @Martin Holzherr hat die entscheidende Idee aufgenommen:

    Aus meiner Sicht geht es im Allmendeproblem um ein Glei[ch]gewichtsproblem.

    Das stimmt – und wenn der Mensch so wie die zitierten Räuber-Beute-Populationen nur auf die Natur angewiesen wäre, dann würde seine Population entsprechend variieren (eine Allmende also nie ganz verschwinden) – denn dann wäre sein System eines, welches langfristig nicht den Meistfressenden begünstigt, sondern den Normalfressenden.

    Aber: Der Mensch hat sich in seiner Gesellschaft Strukturen geschaffen, die genau diese Gleichgewichtsanpassung verhindern. Und diese Strukturen sind es – die die Allmende überhaupt erst zu einem Problem werden lassen. Denn durch diese Strukturen können sich jene Personen oder Gruppen, die die Allmende überbeanspruchen eben dadurch langfristige Vorteile sichern und damit langfristiges Überleben. Die klassischen Räuber-Beute-Populationen können das nicht – und damit führt dort eine Überfischung immer schon vor dem endgültigen Aus einer Allmende zum RÜckgang der größten Räuber(-Population). Beim Menschen aber führt die Überfischung zur Stärkung dieser Räuber!!!

    Insofern bin ich nicht ganz mit @Martin Holzherr einverstanden. Spieltheoretische Überlegungen bringen vielmehr viel für die Lösung des Problems: Denn wie man schon in den beschränkten Versuchen herausgefunden hat – die Umgebung des Systems wirkt auf das Systemverhalten zurück (ganz klar die Dauer des Spieles beim Gefangenendilemma). Wenn ich also dafür sorge, dass die größten Räuber auch am längsten leben – dann bekomme ich keinen Weg zum Gleichgewicht. Wenn hingegen (wie in der Natur) die größten Räuber als erste aussterben (weil sie Futter schlecht verwerten und daher viel verbrauchen), dann erübrigt sich das Allmende-Problem.

    Und beim Menschen gibt es heute ein System, was die größten Räuber am längsten gut leben lässt: das Geldsystem. Umso mehr ich andere ausgebeutet habe, umso weniger Probleme habe ich – selbst in extremen Krisenzeiten. Also werden die größten Räuber am meisten belohnt!!!

    Will man dieses Symptom als Symptom korrigieren – dann braucht man einen extrem mächtigen Staat, der quasi überall eingreifen kann. Unmöglich!

    Ändere ich aber dieses System und damit die Ursache – dann brauche ich fast keinen Staat mehr, denn dann werden die fettesten Räuber in Krisenzeiten als erste bestraft. Und damit lohnt sich wieder die Kooperation – die dann langfristig viele der aktuellen Probleme automatisch korrigiert, ganz ohne Staat. Denn die Marktwirtschaft ist ob der vielen möglichen Individualwege insofern viel effizienter als es eine Staatswirtschaft je sein könnte!

    Details zum Problem und dessen Lösung habe ich in den Kommentaren zu Eugen Reichls Höhenflug mit dem Himmlischen Schiff dargelegt.

  7. @Aitinga

    Obwohl ich Ihre Gedanken interessant finde, glaube ich nicht, dass man bei ‘Allmende Problemen’ so einfach eine Unterscheidung zwischen Symptom und Ursache machen kann.

    Bleiben wir mal konkret bei der Überfischung. Aus meiner Sicht stellt sich das Problem folgendermaßen dar:
    Politiker von Ländern, welche traditionell vom Fischfang profitieren, glauben ihre Chancen wiedergewählt zu werden zu steigern, indem sie sich auf die Seite einer großen Wählergruppe stellen. In dem Fall der Fischer. Diese und Ihre Angehörigen stellen eine nennenswerte Wählergruppe dar.
    Räuber wären also in diesem Fall Politiker im Verbund mit Menschen, deren Kultur traditionell vom Fischfang abhängt. Sie haben verständlicherweise große Ängste vor einem notwendigen Strukturwandel. Ähnliches ist bei Agrar- und Steinkohlesubventionen in Deutschland und Europa zu beobachten.

    Wo ich komplett bei Ihnen bin ist, dass es darauf ankommt möglichst viele Menschen davon zu überzeugen, dass sie sich vor Veränderungen im Sinne der Nachhaltigkeit nicht fürchten sollten.
    Auch glaube ich, dass das die intelligente Anwendung marktwirtschaftlicher Mechanismen zielführender ist, als der Aufbau allzu autoritärer Strukturen.

  8. @RD: Kein Problem

    … mit dem Namen jedenfalls, denn das Beispiel der Überfischung im Verbund mit Politikern ist etwas komplizierter. Allerdings ist auch dieses letztlich ein Symptom – für die (heute oft berechtigte) Angst vor Veränderungen.

    Prinzipiell sind Menschen ja deutlich anpassungsfähiger als die oben zitierten Räuber-Beute-Populationen, und das ist sowohl Segen als auch Fluch. In den aktuellen Systemen haben wir uns derart viel Angst vor Veränderungen antrainiert, dass wir uns eine freie Beschäftigung mit Alternativen oft gar nicht vorstellen können. Andererseits wissen wir aus der Hirnforschung, dass wir bei entsprechendem Willen und entsprechender Unterstützung bis ins hohe Alter flexibel sind.

    Um sowohl den Politiker als auch den Fischern zu helfen, müsste das Gesellschaftssystem also die vom Strukturwandel betroffenen Menschen unterstützen – und zwar nicht nur finanziell, sondern gerade auch ideell hin zu neuer (Selbst)Nützlichkeit. Und insgesamt dürften wir nicht mehr das von @Martin Holzherr angesprochene exponentielle Wachstum als Ideal sehen – kein Wesen und keine Struktur auf der Erde wächst dauerhaft exponentiell, aber die Wirtschaft muss es tun!

    Effizienzgewinne in der Technik können die Symptome verringern – wenn etwa die Fischer billiger fischen können, dann reicht ihnen vielleicht ein kleinerer Fang zur Rentabilität. Aber viel wichtiger wäre, dass wir den Fischern Perspektiven neben dem Fischfang aufzeigen. Die werden nicht alle interessieren, aber ein (wachsender) Teil wird sich dafür erwärmen können – und dann kann der Systemwandel doch recht friedlich vor sich gehen.

    Und schön wäre es, wenn man gewisse Gruppen begeistern könnte, und diese das Modell so vorlebten wie damals in Wörgl. Dann hätte man nämlich effizient die Sehnsucht geweckt, Politiker hätten weniger Begründungsprobleme für Veränderungsvorschläge und die neue Menschlichkeit würde sehr schnell Schule machen…

  9. Allmendeproblem + Güterabwägung

    Es gibt keine allgemeine Lösung des Allmendeproblems, deshalb braucht es pragmatische Lösungen. Zudem gibt es dieses Problem dann nicht, wenn die Wachstumskräfte von allein zum Stillstand kommen.

    Betrachtungen wie die von Garret Hardin sind äusserst gefährlich, denn sie behaupten ein grundsätzliches Problem erkannt zu haben und bieten auch gerade schon die passende Lösung an. Garret Hardin wendet das Allmendeproblem auf das Populationsproblem an und fordert deshalb Massnahmen zur Bevölkerungskontrolle. In There is No Global Population Problem will er das Populationsproblem von Fall zu Fall lösen, kommt er doch zu folgenden Schlüssen:
    – Abschiessen der Überzähligen ist keine Lösung
    – Warten bis die Überbevölkerung zu Massensterben führt is auch keine Lösung
    – Wachsender Wohlstand führt zuerst einmal zu mehr Kindern “The rich get richer, and the poor get children,”, was man verhindern sollte
    – China hat mit der 1-Kind-Politik eine gute Lösung für China gefunden
    – die USA brauchen eine gute Lösung für die USA: Sie sollten Kinderlosigkeit/-armut belohnen und die Immigration stoppen
    – Es gibt keine globale Lösung des Populationsproblems, jedes Land muss seine eigene Lösung finden (“to each according to his needs”)

    Doch gerade das von Hardin als eines der Hauptprobleme der Menschheit bezeichnete Populationsproblem scheint sich von alleine zu lösen. Sobald die Urbanisierung genug weit fortgeschritten ist, nimmt die Fruchtbarkeit stark ab und jetzt leben schon mehr als 50% der Weltbevölkerung in urbanen Räumen. Die Ansicht Hardins, die USA müssten die Bevölkerungszunahme in den USA durch Belohnung von Unfruchtbarkeit und vollständigen Immigrationsstop lösen, düfte ebenfalls von vielen nicht geteilt werden.

  10. @Martin Holzherr: Ja,

    die Betrachtungen von Garret Hardin sind gefährlich – und aus der Medizin kennen wir den Grund: Er will Symptome korrigieren, die Krankheit aber nicht heilen.

    Solange man aber nur Symptome zu korrigieren vermag, solange können allenfalls pragmatische Lösungen im Kleinen funktionieren. Und das sind wenigstens in jedem Land andere. Auch in China hat die 1-Kind-Politik das Problem nicht gelöst (bei Ackerbau braucht es viele männliche Nachfahren für die Alterssicherung), sondern nur durch Zwang temporär zurückgedrängt. Und auch der Hardin-Vorschlag löst kein einziges Problem – er will nur die aktuelle Verteilung zugunsten der Bessergestellten sichern.

    Wollte er etwas lösen, dann müsste er dafür sorgen, dass die Armen besser gebildet und damit reicher werden. Dann würden sie nämlich von allein weniger Kinder haben – wie Sie es ja auch anführen. Will man diese Verbreiterung von Bildung und Reichtum aber fördern, dann muss man diejenigen Systeme abschaffen, die uns (auch unbewusst) auf materiellen Egoismus trimmen, und auf immer mehr haben bzw. verbrauchen.

    Rousseau hat das als natürliche Selbstliebe schön angesprochen: Wer sich selbst zu lieben vermag, der muss seine Liebe nicht auf Materielles konzentrieren – und der kann, weil er seine wirklichen Interessen denkt, auch an andere denken und damit das Allmende-Problem lösen, vorausgesetzt er wird nicht ständig getrieben…

  11. @Atiga

    “das Beispiel der Überfischung im Verbund mit Politikern ist etwas komplizierter.”
    Selbstverständlich.
    ” Allerdings ist auch dieses letztlich ein Symptom – für die (heute oft berechtigte) Angst vor Veränderungen.”
    Das sehe ich auch so.
    Ich habe aber nicht verstanden, wie man dieses und ähnliche Probleme, durch eine Reformation des Geldsystems bekämpfen könnte. Ich hatte den Eindruck, Das Geldsystem sei Ihrer Meinung nach die Ursache der ‘prekären Ungleichgewichte’ dieser Welt. Die EINE entscheidende Stellschraube – das käme mir sehr verdächtig vor.

  12. @RD: Nicht die einzige

    … aber eine extrem wichtige Stellschraube: Unser Geldsystem (also jeder Euroschein und jede Euromünze) beruht auf dem Kredit – für jeden Euro(cent) muss also mehr als ein Euro(cent) erwirtschaftet werden, und das permanent. Die Wirtschaft muss deswegen dauernd wachsen – wer nicht wächst, der geht ein.

    Dieser Zwang zum Wachsen war solange kein offensichtliches Problem, wie die Volkswirtschaften recht wenig entwickelt waren. Denn solange wuchs der Kuchen durch die Innovationen nahezu ebenso exponentiell wie die Geldmenge. (Er wächst auch heute noch in ähnlicher absoluter Größe – nur wird das prozentuale Wachstum ob der höheren Ausgangswerte immer geringer!) Es gab also früher weniger Zwang, in fremdem Terrain oder der Allmende zu wildern.

    Darüber hinaus waren die Nationalstaaten noch stark genug und konnten die dem Geldsystem angeborenen Defizite über Steuern ausgleichen. Diese Ausgleichsfunktion funktioniert aber mit zunehmender Liberalisierung des Waren- und Kapitalverkehrs immer weniger – die Staaten stehen nun in einem Standort- und Steuer-Wettbewerb, der nahezu überall zur Absenkung von Steuern auf Kapital geführt hat (und zur Reduktion der Sozialsysteme – und gerade in Europa weiter führen wird). Aber gerade das (Geld)Kapital wird durch das Geldsystem systematisch begünstigt – zu Lasten der Arbeit.

    Damit entstehen nicht nur wirtschaftliche Probleme, sondern vor allem auch soziale Spannungen – und damit sind wir bei den Politikern. Die Politik ist mittlerweile von der Wirtschaft abhängig und doch auch von den Arbeitskräften. Damit kommt die Politik (wie alle anderen gesellschaftlichen Teilsysteme auch) in ein Verteilungsproblem, dass “am leichtesten” “gelöst” werden kann, wenn man auf dem Althergebrachten besteht – denn neue Entwicklungen haben noch keine Lobby, die verletzt werden könnte. Darum auch ne(a)hmen wir recht unproblematisch Schulden auf und reduzier(t)en die erst viel später anfallenden Leistungen wie Renten- und Pflegeversicherung.

    Darüber hinaus muss die Politik den Glauben an das System aufrecht erhalten – also etwa Banken (re)finanzieren oder die Probleme von Arbeitslosen oder Geringverdienern als Individualprobleme abstempeln. Obwohl heute der Zinsdienst selbst das Hauptproblem ist – aber wenn man die Perspektivlosigkeit zugäbe, dann käme es zur Revolte.

    Die Reform des Geldsystems aber bietet einen langsamen oder darum gangbaren Weg zurück: Finanzierungen auch von kostspieligen Aufgaben würden deutlich billiger – schließlich wäre der Zwang zur Rendite deutlich geringer. Damit bekäme auch die Politik langfristig wieder Handlungsspielraum und nicht zuletzt würde auch die Finanzierung von Renten und Pflege billiger. Nun kann man sich fragen, wer darunter erstmal leiden würde. Und da ist das Problem: Subjektiv jeder Kleinsparer (warum soll ich mein Geld kostenlos verleihen?) – obwohl insgesamt nur ca. die 10 % Reichsten vom aktuellen System profitieren, denn alle anderen zahlen in den Preisen der erworbenen Produkte versteckt mehr Zinsen als sie als Sparer erlösen.

    Und selbst die 10 % Reichsten hätten noch einen Gewinn: Die Geldwertstabilität. Denn in einem nicht auf Kredit beruhenden System könnte man auf die Inflation verzichten – und die führt schon aktuell teils zu Negativzinsen. Und für die weniger Bemittelten würden sich die Chancen auf dem Arbeitsmarkt drastisch erhöhen, denn das Geld würde wie gesagt auch in Projekte gesteckt, die sich heute (auch ob der Kosten der Arbeit) nicht lohnen.

    Und wenn es Ihnen als eine Stellschraube verdächtig ist – vielleicht hilft ein Gleichnis: Bei einem Motor reicht auch eine kleine Unwucht, um ständige Korrekturen aller möglichen Schrauben des darum gebauten Systems zu fordern. Korrigiert man die Unwucht, dann läuft das System ohne viele Eingriffe. Und das Geldsystem ist der Motor unserer Gesellschaft

  13. Nochmal: Das Dilemma der Allmende

    Vielen Dank für die ausführlichen Kommentare.
    @Noït Atiga: Ich fürchte, dass eine Reformation des Finanzsystems nicht zum gewünschten Ergebnis führt. Nur als Hinweis: Es lässt sich mit allem spekulieren, was eine Wertveränderung erfahren kann, z.B. mit Immobilien oder Briefmarken. Die Grundidee von Menschen, Dinge in ihren Besitz zu bringen, mit denen sie später einen Gewinn machen können, ist mit der Reformation des Finanzsystems nicht beseitigt.
    @Martin Holzherr: Das Allmendedilemma hat eine Dimension, die z.B. beim Gefangenendilemma ausdrücklich ausgeschlossen ist: Die Kommunikation der Mitspieler. Wenn die Beteiligten sich untereinander verständigen, dann können sinnvolle Regelsysteme entstehen. Das sollte auch Ziel jedes pragmatischen Vorgehens sein.

    Insgesamt muss ich zugeben, dass ich nicht sehr optimistisch bin, dass die Verständigung rechtzeitig gelingt. Die Schwellenländer beispielsweise hegen den Verdacht, dass die Industrieländer den Zugriff auf die Ressourcen der Welt ausgerechnet in dem Moment begrenzen wollen, wo die Schwellenländer sie nutzen können. Sie argumentieren also, dass die Industrieländer sich jahrzehntelang ungeniert bedient haben und jetzt nur die die neu entstehende Konkurrenz ausbremsen wollen.

    Solange dieses Misstrauen nicht überwunden werden kann, ist eine Einigung zumindest sehr schwierig.

  14. @Thomas Grüter: Anfänge selber machen

    Ich fürchte, dass eine Reformation des Finanzsystems nicht zum gewünschten Ergebnis führt. Nur als Hinweis: Es lässt sich mit allem spekulieren, was eine Wertveränderung erfahren kann, z.B. mit Immobilien oder Briefmarken.

    Ja, aber jede dieser Spekulationsformen ist weniger problematisch – denn nur das Geld kann man schnell und unkompliziert in jedes andere Gut umtauschen. Und daher kann man nicht gleichermaßen leicht die gesamte Wirtschaft blockieren. Die Regulierung dieser Bereiche ist also viel leichter möglich – oft auch ob der Größe der Dinge. Also ist das Geldsystem doch der sinnvollste Anfang. Und Gewinne machen zu wollen, das ist völlig legitim, problematisch wird es nur, wenn damit Anderen jede Grundlage genommen wird.

    Die Schwellenländer beispielsweise hegen den Verdacht, dass die Industrieländer den Zugriff auf die Ressourcen der Welt ausgerechnet in dem Moment begrenzen wollen, wo die Schwellenländer sie nutzen können. Sie argumentieren also, dass die Industrieländer sich jahrzehntelang ungeniert bedient haben und jetzt nur die die neu entstehende Konkurrenz ausbremsen wollen.

    Warum beruhigen wir sie dann nicht und lassen ihnen den Zugang, während wir unseren eigenen Verbrauch beschränken? Wir verbrauchen doch sogar in Europa mindestens sechsmal soviel Energie wie etwa Indien (in den USA 11 mal soviel). Warum reduzieren wir nicht erstmal auf ein Sechstel (oder 11tel)???

  15. @Noït Atiga: Klima +Dilemma der Allmende

    Sie schlagen eine Reduktion des Ressourcenverbrauchs zuerst von Seiten der Industrieländer vor um die von Thomas Grüter geäusserten Bedenken der Schwellenländer: (Zitat)“Die Schwellenländer beispielsweise hegen den Verdacht, dass die Industrieländer den Zugriff auf die Ressourcen der Welt ausgerechnet in dem Moment begrenzen wollen, wo die Schwellenländer sie nutzen können.” zu zerstreuen.

    Doch im Klimabereich geschieht genau diese einseitige Reduktion von CO2-Emissionen, denn von den mehr als 100 Mitgliedern des Kyoto-Prozesses sind nur 36 zu CO2-Reduktionen verpflichtet und das sind alles OECD-Länder. China und Indien werden sich frühestens ab 2020 verpflichten.
    Allerdings ist der Klimabereich wohl das beste Beispiel für das Dilemma der Allmende. Inzwischen ist nämlich bereits Kanada aus den Kyoto-Verpflichtungen ausgestigen, da es seine eigenen CO2-Emissionen erhöht hat, anstatt sie zu reduzieren und Russland und Japan werden keine weitere Verpflichtungsperiode mehr eingehen, so dass die übrig bleibenden Vertragsstaaten nur noch 15% der CO2-Emissionen verursachen.

    Letztlich ist es klar, dass Klimaschutzbemühungen sich momentan gar nicht im geforderten Mass durchsetzen können, denn Rohöl und seine Verarbeitungsprodukte spielen für viele Ökonomien eine zentrale Rolle. Sicher einmal für Russland, Kanada, Brasilien, Nigeria und viele Staaten im mittleren Osten, weil sie als Produzenten von den Eträgen leben, aber auch für die ganze Autoindustrie in den Konsumenteländern wäre heute ohne Rohöl nicht denkbar. Letztlich gibt es kaum Länder, die nicht irgendwie direkt oder indirekt von der Ressource Öl profitieren.

    Besonders deutlich sichtbar werden diese Interessenkonflikte zwischen gewollter, profitabler Ressourcennutzung und geächteter Ressourcennutzung wegen den zugehörigen CO2-Emissionen im verlinkten ETH-Klimablog-Beitrag: Riesige Ölvorkommen: Brasiliens ökologisches Dilemma . Viele ETH-Forrscher haben enge Beziehungen zum Weltklimarat und arbeiten als Klimawissenschaftler und jetzt überlegen sich andere ETH-Professoren ob sie eine Kooperation mit Petrobras eingehen sollen um die Brasilianer bei der Förderung von Rohöl-Tiefseelagerstätten zu unterstützen.
    Rohöl und seine Produkte spielen in der Weltwirtschaft eine so wichtige Rolle, dass Klimaschutzbedenken in absehbarer Zukunft unterliegen werden, auch wenn die Industrieländer sich zu moderaten Einsparungen durchgerungen haben. Die Reduktion der OECD-Länder wird mehr als wettgemacht durch die Zunahme des Konsums in den Schwellenländern, vor allem China und Indien. Aber wer will das den Schwellenländern verwehren. China, Indien und andere asitatische Länder bauen ihre Ökonomien erst gerade auf und ihre Konsumenten können sich noch keine Hybridautos leisten sondern nehmen mit der billigsten Lösung vorlieb. Zudem sind selbst die Industrieländer nicht dazu bereit radikal zu sparen, sie schränken ihren Verbrauch nur mässig ein.
    Wenn wir die fossilen Rohstoffe als gemeinsames limitiertes Gut im Sinne der Allmendesituation auffassen, so erleben wir nun die Situation, in der eine Seite ihren Ressourcenverbrauch etwas einschränkt, die andere Seite aber umso mehr braucht, was die Situation insgesamt nicht verbessert, denn im Endeffekt steigen durch die Konsumzurückhaltung der einen Seite die Preise nicht so stark, was den Konsum insgeamt eher unterstützt anstatt ihn einzudämmen.

  16. @Noït Atiga

    Vielen Dank für die anregende Antwort.
    Ich glaube, dass solche grundsätzlichen Überlegungen angestellt werden müssen, teile aber (vorerst) nicht Ihren Enthusiasmus, bezüglich des ‘rostenden Geldes’, behalte den Ansatz aber im Kopf.

  17. @Thomas Grüter

    “Insgesamt muss ich zugeben, dass ich nicht sehr optimistisch bin, dass die Verständigung rechtzeitig gelingt.”

    In der Formulierung ‘rechtzeitig’ steckt eine bedrohliche Wertung der ich mich anschließe.
    Aber da man niemand weiß, wann das sein wird, oder wann es gewesen wäre, halte ich Zweckoptimismus für angebracht und nicht ganz unbegründet.
    Beim dringendsten Allmende Problem, dem vom Menschen beeinflussten Klimawandel, ist seit Durban 2011 klar, dass sich alle wesentlichen Mitspieler des Ernstes der Lage bewusst sind. Verständnis habe ich für Schwellen- und Entwicklungsländer, die auf dem Standpunkt stehen, dass die bisherigen ‘Hauptprofiteure’ hier an erster Stelle Verantwortung übernehmen und zeigen müssen, zumal diese auch den materiellen Spielraum dafür haben.
    Außerdem glaube ich, dass mit intelligenter Nutzung und Weiterentwicklung nachhaltiger Technologien, der Umstellung von Produktionsprozessen ein nachhaltiges wirtschaften im Sinne des ökologischen Fußabdrucks möglich ist.
    Gerne beziehe ich mich hier auf die Ausführungen von Martin Holzherr.

    Letztlich geht es um das Ablegen ‘dummer Angewohnheiten’ auf individueller und volkswirtschaftlicher Ebene. Ich glaube, dass das möglich ist, sogar ohne Einbuße von Lebensqualität oder gefühltem Wohlstand, im Gegenteil.

    In Deutschland habe ich das Gefühl, dass eine alternde Gesellschaft den notwendigen Veränderungen einen erheblichen Widerstand entgegenbringt. Das dogmatischer Gebaren einiger hiesiger Umweltaktivisten halte ich in zumindest in dieser Hinsicht für kontraproduktiv, da ein gesellschaftlicher Konsens erschwert wird. (Generell halte ich Umweltaktivismus für wichtig.)

  18. Allmendeproblem + Antizipationsfähigkeit

    Thomas Grüter sieht in Ostroms Glaube an die Kooperation der Allmendenutzer und auch in einer verbesserten, gemeinsamen Risikowahrnehung keine überzeugenden Lösungen des Allmendeproblems.

    Und doch gibt es viele Beispiel wo knappe und geteilte Güter recht gut bewirtschaftet werden. Eine Forschungsgruppe um den ETH-Professor Thomas Bernauer hat Konflikte um gemeinsame Wasserressourcen untersucht und kommt zum Schluss, dass gewaltsame Konflikte die Ausnahme sind. Dies wird in Klimawandel und Wasserkonflikte besprochen.
    Die Chinesen, die am Oberlauf des Mekongs Staudämme bauen, achten also durchaus auf die Auswirkungen am Unterlauf- auch wenn ihnen immer etwas anderes vorgeworfen wird. Ähnliches gilt für die Türkei mit den Staudämmen am Oberlauf des Euphrat.

    Der Glaube von Elinor Ostroam an die Kooperationsfähigkeit der beteiligten Allmendebenutzer ist also nicht eine Behauptung eines Gutmenschen sondern entspricht Beobachtungen in vielen Bereichen.
    Trotzdem stehen die Karten für ein gemeinsames Handeln im Klimabereich sclecht bis sehr schlecht. Meiner Ansicht nach einfach darum, weil hier das Risikobewusstsein fehlt und weil die Güterabwägung zwischen einer möglicherweise schädlichen Klimaerwärmung und der Wohlfahrt durch die Nutzung der fossilen Ressourcen für das zweite spricht.
    Björn Lomborg macht in Weniger zahlen und viel mehr erreichen eine explizite Güterabwägung und kommt zum Schluss, was das Risiko der Nutzung von fossilen Rohstoffen angeht:“Die pessimistischen Prognosen sehen einen wirtschaftlichen Schaden von 20 Prozent am Ende des Jahrhunderts, die meisten Ökonomen erwarten nur Schäden von ein bis fünf Prozent. Auch das wäre viel. Aber wenn wir andere Umweltprobleme lösen, dann bringt das der Welt einen Wachstumsschub von 100 bis 200 Prozent.”

    Doch ich behaupte, praktisch alle Menschen machen eine solche Güterabwägung und selbst im Schlussdokument zu Rio+20 wird gefordert sich an den schon eingetretenen Klimawandel anzupassen, es wird aber nirgends gefordert auf die Nutzung von Öl, Gas oder Kohle zu verzichten.

    Wahrscheinlich werden auch gemeinsame Wasserressourcen vor allem deshalb meist gütlich geteilt und verwaltet, weil man aus Fällen egoistischer Nutzung und schlechter Kooperation gelernt hat.
    Das Problem beim Klimawandel ist allerdings, dass ein Lernen an den negativen Folgen eventuell zu spät kommt.

  19. In Deutschland habe ich das Gefühl, dass eine alternde Gesellschaft den notwendigen Veränderungen einen erheblichen Widerstand entgegenbringt. Das dogmatischer Gebaren einiger hiesiger Umweltaktivisten, Organisationen und populistischer grüner Politiker halte ich in zumindest in dieser Hinsicht für kontraproduktiv, da ein gesellschaftlicher Konsens erschwert wird.

  20. @Martin Holzherr: Bisher nur Kleckern

    Im Klimabereich wird seitens der beteiligten Industrieländer nur sehr wenig gespart. Und darin sind zwei Fehler enthalten: wenig und sparen.

    Beides kann für Niemanden Vorbild sein. Dazu müsste man viel und bewegen. In der Geschichte hat auch noch niemand durch sein Sparen als Vorbild gewirkt – gewirkt haben Visionen. Solange wir beim Klima nicht eine sinnvolle Vision entwickeln, solange werden wir Niemanden begeistern und solange wird sich nichts Grundlegendes ändern.

    Dabei muss es gar nicht um große Revolutionen gehen, sondern es genügten konsequente Ansätze zurück zum Leben statt des Habens. Brauchen wir denn wirklich all die in unseren Haushalten angehäuften Produkte, all das was uns die Webung einredet? Oder brauchen wir nicht vielmehr Schönheit, Beziehungen und Selbstliebe?

    Jeden dieser Bereiche kann man Haben, jeden kann man aber auch in (s)einer Ganzheit (er)leben. Solange die Gesellschaft dieses Leben begrüßt. Und ich will nicht zurück zur Steinzeit, aber wenn wir in unseren Gesellschaften mehr Miteinander integrieren könnten, dann würde einiger Konsum wegfallen – und damit viel CO2-Ausstoß. Und wenn dadurch eininge Hochburgen des Kapitalismus “plötzlich” glücklich werden – dann wird dieses Beispiel schnell Schule machen…

  21. @Martin Holzherr

    Damit wir uns nicht missverstehen: Ich glaube wie Elinor Ostrom, dass eine Verständigung unter den Beteiligten zur Auflösung des Allmende-Dilemmas notwendig ist. Ohne Verständigung führt der Weg geradewegs zur Allmende-Tragödie.

    Ich habe allerdings ein Problem mit der Praxistauglichkeit des in Ostroms Science-Paper vorgestellten Modells. Es hat zu viele Variable und deshalb ist es fraglich, ob man damit einen gangbaren Kompromiss vorab modellieren kann. Tatsächlich muss wohl jede Regelung ständig nachjustiert werden, wenn sie Bestand haben soll, denn die Wirkung und Akzeptanz der einzelnen Maßnahmen ist nur schwer vorherzusehen.

  22. @RD: Alterung (k)ein Teilproblem

    Alterung ist heute in der Tat ein Teil des Problems, könnte aber eigentlich ein Teil der Lösung sein. Ältere Menschen haben nicht mehr soviel vom Haben – und sie wünschen sich schon jetzt viel mehr Beziehungen, Kontakte, Leben. Allerdings sind sie natürlich nicht mehr indoktrinierbar und damit ist das Vorbeten von Änderungspflichten wenig hilfreich, und eigentlich wird in Europa (fast) nur vorgebetet.

    Aber wenn wir gesellschaftliche Modelle funktionierender Beziehungen gestalten könnten, dann wären die Älteren dafür ideale Verstärker. Und beide wären glücklicher – Ältere wie Jüngere, und das obwohl man Mittel sparen könnte. Die Kita im Seniorenheim ist ein Anfang, aber diese Orientierung auf den Austausch funktionierte auch anderswo – und überall wäre weniger Material nötig und damit weniger CO2-Ausstoß…

    PS: Was das rostende Geld angeht, freue ich mich, dass Sie die Ausführungen anregend fanden. Vielleicht kommt der Enthusiasmus ja mit der Zeit, denn bei mir brauchte es viel davon, und das trotz intensiver praktischer wie theoretischer Beschäftigung mit den Problemen des aktuellen Systems.

  23. @Noït Atiga: Sparen bei CO2 genügt nicht

    Sie schreiben: “wenn wir in unseren Gesellschaften mehr Miteinander integrieren könnten, dann würde einiger Konsum wegfallen – und damit viel CO2-Ausstoß. “ und schlagen im übrigen vor, dass wir uns weniger materiell orienteiren.

    Doch im Kliambereich genügt wenig oder auch viel Sparten nicht, um die Erwärmung zu stoppen. Wir (alle Menschen) – dürfen laut Klimawissenschaft nur noch 800 bis 1000 Gigatonnen CO2 ausstossen um die Erwärmung unter 2°C zu halten. Nach der Emission dieser 1000 Gigatonnen dürfen wir überhaupt kein CO2 mehr ausstossen. Nicht Sparen ist also angesagt, sondern vollkommener Verzicht auf CO2-Emissionen. Im Jahre 2011 wurde 30 Gigatonnen Co2 emittiert und die Emissionen nehmen Jahr für Jahr zu. Unser Budget von 800 bis 1000 Gigatonnen ist also schon bald ausgeschöpft.

    Diese Aussage – nur noch 800 bis 1000 Gigatonnen CO2-Ausstoss insgesamt basiert auf dem sogenannten

  24. Allmende Atmosphäre: 800 Gt CO2

    Nur noch 800 Gigatonnen CO2 haben auf der “Allmende” CO2-Emissionen in die Atmosphäre Platz damit wir unter 2°C Erwärmung bleiben. Diese absolute Mengegrenze für CO2-Emissionen um ein bestimmtes Temperaturziel zu erreichen bezeichnet man als Budget-Ansatz.

    2011 wurden 30 Gigatonnen CO2 ausgestossen und die Menge steigt jedes Jahr. Wenn die Emissionen so weitergehen werden wir zwischen 2030 und 2040 unser Budget aufgebraucht haben. Im Endeffekt wird es aber schon früher zu spät sein um das Budget einzuhalten, denn ein Abbau der CO2-Emissionen geht wohl auch nur stufenweise.

  25. @Martin Holzherr: Trotzdem Beziehungen!

    Selbst/auch wenn alle diese Rechnungen stimmen – mit Maximalforderungen kommen wir nicht weiter. Ich habe nichts gegen das Bewusstmachen der Probleme, das kann man parallel weiterführen. Aber ich habe etwas gegen das Warten auf die Andern – und die Ausrede, wir könnten dann auch nicht. Diese Ausrede stimmt bei Individuen noch, denn kein Individuum kann autark leben. Aber sie greift nicht bei Staaten – die könnten immer autark leben, wenn sie denn wollten und damit zur Hinnahme der damit verbundenen (Verhaltens)Änderungen bereit wären.

    Und genau dort kann und soll man anfangen. Wenn wir gelungene Modelle mit Vorbildfunktion errichten, dann kann alles sehr schnell gehen. Beim Wunder von Wörgl brauchte es nur einige Monate – dann wollten es alle kopieren. Nur hat die Staatsmacht dieses Kopieren verboten. Ein Modell, das effizient CO2 einspart und Freude bringt, das würde man im Westen wohl heute eher fördern denn verbieten.

    Und selbst wenn wir damit den CO2-Ausstoß nicht rechtzeitig beschränken könnten – wir wären auf den dann unausweichlichen Klimawandel viel besser vorbereitet. Wir würden ja als Gemeinschaft die Beziehungen mehr schätzen als den materiellen Besitz, und intensive, nicht nur (wie heute meist) oberflächliche Beziehungen sind der beste Schutz gegen Unvorhergesehenes.

    @Thomas Grüter: Dann wären auch alle Modelle von Ostrom möglich – denn innerhalb ehrlicher, tiefgreifender Beziehungen ist ein Nachjustieren nicht nur denkbar, sondern geradezu natürlich. Und das ist auch der eine Zutat in den erfolgreichen Allmende-Projekten.

  26. @Noït Atiga: Globalisierung ändert alles

    Sonderlösunge sind im Zeitalter der Globalisiserung problematisch. Sie schreiben:
    ” bei Staaten – die könnten immer autark leben, wenn sie denn wollten und damit zur Hinnahme der damit verbundenen (Verhaltens)Änderungen bereit wären.”

    Staaten können heute nur noch bedingt autark leben, ein Schritt in diese Richtung wäre das Gegenteil von Freihandel und der tendierten Angleichung der Rahmenbedingungen für alle Handelspartner.

    Natürlich kann ein Staat wie Deutschland vorausgehen und allen mit einem (relativen) Alleingang zeigen, wie man ein Problem lösen kann und im besten Fall lernen die andern davon.

    Doch letztlich muss z.B: der fast vollständige Verzicht auf CO2-Emissionen oder ein Preis auf CO2-Emissionen zum neuen globalen Standard werden, gerade wegen dem Allgmendeproblem. Denn es gibt nur eine Allmende, aber viele Allmendenutzer.

    Für mich braucht es zwei Voraussetzungen für eine global wirksame Klimapolitik:

    1) es müssen nichtfossile Technologien vorhanden sein mit denen man ohne CO2-Emissionen die wichtigsten menschlichen Bedürfnisse mit zuzumutendem Aufwand befriedigen kann

    2) es muss eine global und für alle geltende wirkende Verpflichtung geben auf CO2-Emissionen zu verzichten oder CO2-Emissionen zu bepreisen.

  27. @Martin Holzherr: Nicht ganz

    Ich stimme Ihnen zu, in Zeiten der Globalisierung ist Autarkie schwieriger. Nur sie ist nach wie vor möglich und vollkommen kompatibel mit Marktwirtschaft und Freihandel. Beides impliziert nämlich nicht, dass alle Verhaltensweisen gleich behandelt werden. Sondern nur, dass alle Anbieter gleich behandelt werden.

    Und damit ist ein Gesellschaftsmodell möglich, dass (als Extrembeispiel) etwa Rohstoffnutzung stark besteuert während es im Lande lebende Menschen subventioniert. Natürlich braucht es dazu ein Umdenken, aber das kann auch nur in einem Land erfolgen. Und ein derartiges Modell wäre sogar mit dem EU-Recht vereinbar. Allerdings sollten die Steuern dann auf die Nutzungen von Ressourcen erhoben werden, nicht auf den durch Arbeit erwirtschaften Mehrwert – und beides schlagen die Vertreter der Geldreform vor.

    Was Ihre zwei Voraussetzungen angeht, so sind mir beide zu anspruchsvoll – und damit (heute) nicht erreichbar. Wenn wir aber warten, dann ist es (wie Sie selbst schrieben) vermutlich zu spät. Die Technologien sind (zumindest) noch nicht serienreif. Und die Verpflichtung erforderte zur Durchsetzbarkeit eine starke und weltweit ideal agierende zentralmacht, die es in der aktuellen Welt nicht geben kann und wird.

    Auch widerspricht mir das Prinzip der Verpflichtung, ist es doch prinzipbedingt instabil. Daher gefällt mir das Vorbild-system besser (und es hat auch bisher stets besser funktioniert), denn dann entscheiden sich die Menschen ob des sichtbaren Vorteils automatisch für dieses Vorbild – und das wiederum setzt auch viele kreative Potentiale frei.

  28. Krisen sind unvermeidbar,auchKlimakrisen

    Das Vorsorgeprinzip wird weder in der Wirtschafts- noch in der Finanzpolitik angewendet, einfach darum nicht
    – weil Vorsorge und Vorsicht als Grundhaltung gegenüber der Zukunft keinen Boom zulassen würde
    – weil es keine zuverlässige Szenarion und Prognosen in der Wirtschaftswissenschaft gibt.

    Doch in der Umwelt- und Klimapolitik soll dieses Prinzip der Vorsorge und Vorsicht, erfunden bei der Riokonferenz 1992 gelten. Dort wurde es in folgende Worte gefasst:
    “Angesichts der Gefahr irreversibler Umweltschäden soll ein Mangel an vollständiger wissenschaftlicher Gewißheit nicht als Entschuldigung dafür dienen, Maßnahmen hinauszuzögern, die in sich selbst gerechtfertigt sind. Bei Maßnahmen, die sich auf komplexe Systeme beziehen, die noch nicht voll verstanden worden sind und bei denen die Folgewirkungen von Störungen noch nicht vorausgesagt werden können, könnte der Vorsorgeansatz als Ausgangsbasis dienen.“

    Gemäss diesem Vorsorgeprinzip sollten wir eher heute als morgen auf fossile Rohstoffe verzichten, auch wenn die Unsicherheiten über die Auswirkungen weiter steigender CO2-Konzentrationen recht gross ist, schätzt doch selbst der IPCC die Klimasensitivität, also den Temeraturanstieg bei Verdoppelung der atmosphärischen CO2-Konzentration auf einen Wert zwischen 2°C und 4.5°C. Nach dem Vorsorgeprinzip müssten wir uns auf den höheren, gefährlicheren Wert vorbereiten, also auf 4.5°C Temperaturanstieg bei Verdoppelung des CO2.

    Das wäre auch kein Problem, wenn die Vermeidung von CO2-Emissionen nur eine Sache des guten Willens wäre. Doch das ist es offensichtlich nicht, denn mehr als 80% aller Energie wird fossil erzeugt und ganze Industrien bauen auf fossile Brenn- und Treibstoffe auf.
    Die Behauptungen von Klimaökonomen wie Nicholas Stern, ein vollständiger Ausstieg aus der Fossilität bis 2050 koste uns nur 1 bis 2% des BIP dürfen bezweifelt werden, kostet doch der Anstieg der Rohölpreise um 50 Dollar pro Barrel bereits 3% des WeltBIP und einen solchen Anstieg haben wir schon erlebt ohne dass die Treibhausgasemissionen zurückgegangen wären.

    Fazit:
    – Der Ausstieg aus den fossilen Treibstoffen ist mindestens heute noch so teuer, dass das Vorsorgeprinzip gar nicht zur Anwendung kommen kann
    – Erst wenn sich aufgrund der aktuellen Klimaentwicklung herausstellt, dass die Klimaerwärmung eine teure und gefährliche Sache wird und wenn zudem die technischen Mittel für den Ausstieg bereitstehen wird ein Umdenken sattfinden und werden global wirksame Klimaschutzmassnahmen durchgesetzt
    – eine Klimaerwärmung weit über die als Grenze festgelegten 2°C ist damit gut möglich, sogar recht wahrscheinlich

    Damit befindet sich die Welt auch in Bezug auf die Klimaentwicklung im Normalmodus und dieser Normalmodus ist der Katastrophenmodus. Erst eventuell die Krise führt zum Umschwenken und nicht einmal darauf kann man sich verlassen nimmt man die Eurokrise als Masstab.

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