Palmsonntag: Der Einzug in Jerusalem als Signal zum Aufstand

Gedankenwerkstatt

Der christliche Palmsonntag gilt als ein Friedensfest. Es soll daran erinnern, dass Jesus am Sonntag vor dem Passahfest und dem Jubel des Volkes auf einem Esel in die Stadt Jerusalem einzog. Tatsächlich aber war dieser öffentliche Einzug eine Herausforderung an die jüdische Aristokratie und an die Römer. Zugleich beanspruchte Jesus damit den lange verwaisten Thron des Landes Juda. Ein bewaffneter Aufstand lag in der Luft.

Die Evangelien berichten übereinstimmend, dass Jesus gekreuzigt wurde, weil er sich als Messias, als König der Juden, ausgegeben habe. Aber stimmt das überhaupt? Der letzte König von Juda hieß Zedekia. Er verlor sein Reich, als er sich einem Aufstand gegen seinen Oberherrn, den babylonischen König Nebukadnezar II anschloss. Dessen Truppen eroberten im Jahr 587 v. Chr. Jerusalem und plünderten die Stadt. Zedekia floh mit seiner Familie, wurde aber gefasst. Nebukadnezar zwang Zedekia, bei der Hinrichtung seiner Söhne zuzusehen. Dann ließ er den jüdischen König blenden und nach Babylon verschleppen, zusammen mit der gesamten jüdischen Oberschicht. In diesem Jahr begann das babylonische Exil und endete die Herrschaft des Hauses David.

Als Jesus in Jerusalem einzog, lagen diese Ereignisse mehr als 600 Jahre zurück. In Israel gab es seit dieser Zeit keine Könige mehr aus dem Hause David, und so war es kein Wunder, dass die Gestalt des idealen Fürsten immer mystischere Züge annahm. Das Wort Messias (Gesalbter, auf Griechisch Christos) war ursprünglich ein Beiname der Könige von Juda. Die spezielle Gottesnähe spielt zu dieser Zeit offenbar noch keine entscheidende Rolle, Messias war ein Ehrentitel ohne mythisch-religiösen Beiklang. In den Psalmen benutzten spätere Autoren den Titel Messias für das Idealbild eines kommenden, von Gott geliebten Königs. Um 30 nach Chr. hatte das Land der Juden eine wirre Zeit hinter sich, in der ständig verschiedene Gruppen um die Vorherrschaft kämpften. Das Volk sehnte sich nach einem „echten“ König, der unbedingt aus dem Haus David kommen musste. Propheten, Hochstapler und Betrüger hatten Konjunktur. Der Idomäer Herodes war von Roms Gnaden König des Landes. Obwohl er jüdischen Glaubens war, stammte er aus dem Volk der Idomäer. Damit war er aus der Sicht vieler Juden kein rechtmäßiger Herrscher. Herodes und die Römer waren bei den Juden ausgesprochen verhasst. Nur ein „Sohn Davids“ konnte König der Juden werden. Ein idealer, von Gott eingesetzter König werde er sein, ein Gesalbter und er werde das Land wieder groß und mächtig machen.

Am Palmsonntag setzte Jesus ein eindeutiges Zeichen, dass er diese Rolle beanspruchte. Er ritt auf einem Esel in die Stadt Jerusalem ein. Das erscheint sonderbar, denn bis zu diesem Zeitpunkt war Jesus immer zu Fuß gegangen. Die Menschen in Jerusalem bereiten ihm einen begeisterten Empfang. Das Ereignis wird von allen Evangelisten ähnlich geschildert und gehört damit zum Kern des frühen christlichen Glaubens.

Viele breiteten sodann ihre Mäntel auf den Weg, andere streuten Laubzweige aus, die sie auf den Feldern abgeschnitten hatten. Und die, welche vorn im Zuge gingen, und die, welche nachfolgten, riefen laut: »Hosianna! Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn! Gepriesen sei das Königtum unseres Vaters David, das da kommt! Hosianna in den Himmelshöhen!« So zog er in Jerusalem ein…“ (Markus 11,8-11).

In den ersten Jahrhunderten nach Christus wurden die Evangelien von antirömischen Passagen weitgehend gesäubert, aber hier scheint trotzdem durch, dass Jesus den Juden Hoffnung auf einen Umsturz, ja auf das bevorstehende Kommen des Gottesreichs machte. Der jüdische Theologe Pinchas Lapide weist darauf hin, dass der Ruf Hosianna ursprünglich nicht Hurra bedeutet, sondern „Hoschia’na – errette uns!“. Statt des relativ sinnlosen „Hosianna in den Himmelshöhen (hoschia’na ba-meronim)“ habe das Volk vermutlich „Hoschia’na mi-haronim – errette uns von den Römern!“ gerufen.

Der Ritt auf dem Esel ist eine bildliche Umsetzung einer Rede des Propheten Sacharja:

„Frohlocke laut, Tochter (=Bewohnerschaft von) Zion! Brich in Jubel aus, Tochter Jerusalem! Siehe, dein König kommt zu dir; gerecht und ein Retter ist er, demütig, und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen, dem Jungen einer Eselin. Dann werde ich die Kriegswagen aus Ephraim ausrotten und die Kriegsrosse aus Jerusalem; auch die Kriegsbogen werden ausgerottet werden. Und er wird den Völkern Frieden gebieten, und seine Herrschaft wird von Meer zu Meer, vom Euphratstrom bis an die Enden der Erde reichen.“ (Sacharja 9,9-10)

Man kann deshalb die Explosivkraft von Jesus’ feierlichem Einzug kaum überschätzen. Die Juden werden sicher gewusst haben, dass die Bibelstelle von Sacharja nur auf den ersten Blick einen Friedenskönig ankündigt. Liest man einige Verse weiter, so findet man:

„Der HERR der Heerscharen wird sie [die jüdischen Krieger] beschirmen, und sie werden die Schleuderer fressen und zertreten und ihr Blut wie Wein trinken und voll davon werden wie die Opferschalen, wie die Ecken des Altars. Und den Sieg wird ihnen der HERR, ihr Gott, an jenem Tage verleihen, wie eine Herde wird er sein Volk weiden; denn als Edelsteine im Stirnband funkeln sie auf seinem Lande.“ (Sacharja 9,16-17)

Mit seinem Einzug in Jerusalem hielt Jesus eine brennende Kerze an ein Pulverfass. Unter seinen Anhängern waren übrigens auch gewaltbereite Fundamentalisten. Die Bibel nennt ausdrücklich Simon, den Zeloten, und Judas Iskariot (vermutlich Judas, der Sikarier). Die Zeloten waren eine strenggläubige, paramilitärische Geheimtruppe, die Sikarier ein Bund von fanatischen, religiös motivierten Meuchelmördern. Beide Gruppen kämpften mit Terroranschlägen gegen Römer und abtrünnige Juden. Jesus hat den Zeitpunkt seines Einzugs in Jerusalem vermutlich mit Bedacht gewählt: Das Pessachfest erinnert die Juden an den Auszug aus Ägypten und war zur römischen Zeit ein Wallfahrtsfest. In Jahrhunderten zuvor hatten sich in fast allen großen Städten des östlichen Mittelmeers und in Rom jüdische Gemeinden angesiedelt. Sie nahmen wenig Anteil an den Querelen in der alten Heimat. Die meisten von ihnen sprachen nur noch griechisch. Aramäisch oder hebräisch beherrschten sie nicht mehr. Das Pessachfest war eine ideale Gelegenheit für einen Besuch in Jerusalem, und so wimmelte es in der Stadt von Pilgern und Touristen. Ein bewaffneter Aufstand hätte zu Tausenden von Toten geführt. Die Unruhen hätten sich über das ganze Mittelmeer ausgebreitet. Kein Wunder also, dass die jüdische Oberschicht und die römischen Truppen ausgesprochen nervös wurden.

Mit seiner Aktion hatte Jesus die Endzeit ausgerufen und das kommende Gottesreich angekündigt. Er konnte sicher sein, dass seine symbolische Tat innerhalb von Stunden in ganz Jerusalem bekannt werden würde. Damit zwang er die Anführer der verschiedenen religiösen Gruppen, sich für oder gegen ihn zu entscheiden. Entweder war er der prophezeite Friedensfürst, oder er war ein unverschämter falscher Prophet.

Aber vielleicht hat er unterschätzt, wie schmal der Grat zwischen „Hosianna“ und „Kreuziget ihn“ sein kann.

 

Faszination_236Eine ausführliche Darstellung dieser Thematik finden Sie in meinem Buch „Faszination Apokalypse“. Da habe ich auch die Entwicklung der Erlösungshoffnung von Juden und Christen genauer beschrieben.

Thomas Grüter

Veröffentlicht von

www.thomasgrueter.de

Thomas Grüter ist Arzt, Wissenschaftler und Wissenschaftsautor. Er lebt und arbeitet in Münster.

21 Kommentare

  1. Aber vielleicht hat er unterschätzt, wie schmal der Grat zwischen „Hosianna“ und „Kreuziget ihn“ sein kann.

    Er hat “sein Ding” durchgezogen, strategisches Denken muss nicht im Spiel gewesen sein, oder gibt es Hinweise auf List in den biblischen Schilderungen?

    Ansonsten ist ja schon ein wenig etwas bewegt worden, auch wenn sich die Endzeit mittlerweile etwas hinzieht, an den Konzepten mag etwas dran gewesen sein, in diesem Sinne schon mal frohe Ostertage!

    MFG
    Dr. W

  2. Die Bibel ist kein Geschichtsbuch und ich finde es sehr faszinierend, die oben geschilderte Erzählung mal aus einer etwas anderen Perspektive zu betrachten. Das ist wie der Blick durch ein Kaleidoskop, es tun sich immer wieder neue und nie gesehene Eindrücke auf.

  3. Solche Deutungen haben natürlich gerade heute ihren Reiz und garantieren entsprechend Aufmerksamkeit. Bedenkt man Ihren Blogtitel: “Gedankenwerkstatt”, dann könnte man zu Ihren Gunsten hinter solch unberührter und uninformierter Außenperspektive eine bloße gedankliche Provokation vermuten. Denn aus oberflächlich materialistischer oder politischer Sicht mag Ihre Darstellung plausibel erscheinen, doch an die damalige, ganze Realität reicht das nicht heran. An dem Ganzen des Lebens und Zeugnisses Jesu im damaligen geschichtlichen und immer gültigen menschheitlich evolutionären Kontext betrachtet, geht das voll vorbei.

    Also wenn es Ihrerseits nicht einfach nur als eine “gedankenwerkstattliche” Provokation gedacht ist, sondern Ihre heutige Sicht der Dinge ausdrückt, dann empfehle ich Ihnen doch mal in ruhiger Stunde, die Evangelien mit neuen, unvoreingenommenen Augen zur Hand zu nehmen und zu versuchen etwas tiefer zu blicken. Vielleicht leuchtet Ihnen dann auf, was damals wirklich abgelaufen ist.

    Es war gewiss eine Provokation, aber wahrlich nicht diese naiv politische, die Sie da “gedankenwerkstattlich”(?) 😉 hineinsehen.

    Was die betrifft, so wäre Jesus so oder so mit oder ohne Hosianna Jubeleinzug gekreuzigt worden. Und das wusste er. Eben deshalb konnte er sich seine ganz andere, göttliche Provokation der Liebe leisten, an der für immer alles andere wie welkes Laub abfällt.

    Es wird aber noch dauern, bis wir es in vollem Umfang begreifen und alles falsch Verstandene, Vorurteilige, Nebensächliche, Blinde, verbohrt Selbstbezogene, etc….. wie welkes Laub abfallen kann.

    Im Sinne der wahren Provokation
    auch meinerseits
    Frohe Ostern

  4. In diesem Zusammenhang möchte ich auf die Bücher von Norman Cohen hinweisen, die Herr Grüter zweifellos kennt, aber vielleicht nicht jeder der Leser:
    Cosmos, Chaos & the World to Come. The Ancient Roots of Apocalyptic Faith, second ed. 2001 (Yale Nota Bene Books).
    Hier geht es um die Entstehung des jüdischen Monotheismus und der Apokalyptik als eine Art Kompensation für die realpolitische Machtlosigkeit der Juden gegenüber den Großmächten ihrer Zeit (wenn ich mich recht erinnere).
    Von der christlichen Apokalyptik handelt sein Buch: The Pursuit of Millenium.

    • @Paul Stephan

      “…die Herr Grüter zweifellos kennt, aber vielleicht nicht jeder der Leser”

      Falls Sie mit “jeder Leser” mich meinen: nein, ich kenne diese Bücher nicht. Aber da sie vermuten, Herr Grüter würde sie kennen, werden sie wohl auf dieser Linie liegen.

      Deshalb:

      Man kann immer alles innerweltliche/inneruniversäre Geschehen, wirklich alles, ausschließlich systemintern deuten, d.h. rein innerweltlich/inneruniversär erforschen und deuten.
      Dann wird man unter solcher Prämisse ebenso IMMER und für ALLES geeignete, plausible rein innerweltliche Erklärungen finden können. Damit sind heute angesichts der neuen technischen Möglichkeiten des Zugangs zu historischen Geschehnissen viele schlaue Leute beschäftigt. Man kann wahrlich unendlich viel über diese Seite der Entwicklungen und über das ganze evolutionäre Geschehen entdecken und schreiben. Doch mit dieser systeminternen Prämisse erfasst man eben nur systeminterne evolutionäre Fakten. Dazu gehört das apokalyptische Denken genauso, wie die zeitgenössischen politischen Erwartungen. NIE wird man so die ganze wahre Realität der Evolution erfassen. Dieses Ganze bleibt bei dieser Art Betrachtung IMMER außen vor.

      Schon gar nicht wird man mit solcher ausschließlich systeminternen Prämisse das wahre Zeugnis und die Bedeutung des Lebens Jesu erfassen können.

      Das innerweltliche/inneruniversäre Evolutionsgeschehen ist nur die eine Seite der Medaille. Bin gespannt, wie lange es dauern wird, bis man merkt, dass das, worauf sich alle Welt zur Zeit eifrig stürzt und fleißig forscht, so ergiebig gar nicht ist. Es wird sicher nicht vergeblich gewesen sein. Forschen ist immer gut. Aber man kann sich auch einseitig deutend oder übertreibend festfahren und dann bruchlanden oder unnötige Umwege machen und dadurch Chancen wahren Fortschritts verpassen.

    • Ja, ich kenne die Bücher von Norman Cohn. Sie sind in der Tat hervorragend. So habe ich als Münsteraner kaum Fehler in seiner Beschreibung des Wiedertäuferaufstands gefunden, der hier zur Stadtgeschichte gehört. Im Gegenteil: Der Engländer Cohen, der übrigens hervorragend Deutsch sprach, hat die historischen Verhältnisse in meiner Heimatstadt sehr genau dargestellt und zutreffend beurteilt.
      Die beiden erwähnten Bücher haben mir bei der Abfassung meines eigenen Buchs sehr dabei geholfen, die Heilserwartungen und Weltuntergangsängste vergangener Zeiten besser zu verstehen.

      • @ Thomas Grüter

        “Die beiden erwähnten Bücher haben mir bei der Abfassung meines eigenen Buchs sehr dabei geholfen, die Heilserwartungen und Weltuntergangsängste vergangener Zeiten besser zu verstehen.”

        Damit verteidigen Sie nur das, was ich ohnehin mit diesen Sätzen auch bestätigt habe:

        “Dann wird man unter solcher Prämisse ebenso IMMER und für ALLES geeignete, plausible rein innerweltliche Erklärungen finden können. (…) Man kann wahrlich unendlich viel über diese Seite der Entwicklungen (…) entdecken und schreiben. (…) Dazu gehört das apokalyptische Denken genauso, wie die zeitgenössischen politischen Erwartungen.”

        …während Sie auf meine wirkliche Kritik mit keinem Wort eingehen:

        “An dem Ganzen des Lebens und Zeugnisses Jesu (…) geht das voll vorbei.(…)Es war gewiss eine Provokation, aber wahrlich nicht diese naiv politische, die Sie da “gedankenwerkstattlich”(?) hineinsehen.(…)Schon gar nicht wird man mit solcher ausschließlich systeminternen Prämisse das wahre Zeugnis und die Bedeutung des Lebens Jesu erfassen können.”

        Vielleicht habe ich die Kritik nicht klar genug auf den Punkt gebracht. Diesen Satz: “Denn aus oberflächlich materialistischer oder politischer Sicht mag Ihre Darstellung plausibel erscheinen, doch an die damalige, ganze Realität reicht das nicht heran.”

        hätte ich deutlicher so formuliert:

        Auf die Menschen im Umfeld Jesu, also die Jünger Jesu und alle anderen und überhaupt die Haltungen und Befindlichkeiten der Menschen damals – wie heute – trifft das sicherlich zu, was Sie zu schildern versuchen, aber Sie unterstellen Jesus selber eine politische Provokation und das ist schlicht Unrecht, das geht so voll daneben, dass sogar @Dr.Webbaer kritisch nachfragt: “…strategisches Denken muss nicht im Spiel gewesen sein, oder gibt es Hinweise auf List in den biblischen Schilderungen?” und man solche Darstellung im Grunde als verleumderisch bezeichnen muss. Aber eben Jesus gegenüber erlaubt man sich das ganz locker.

        Es ist durchaus angebracht, wie Sie mitunter den Finger in die Wunden zu legen. Denn wenn man die Wurzel eines Unheils nicht kennt, kann man nicht heilen. Aber wenn man das macht, sollte man gleichzeitig die Medizin anwenden, also um sie wissen und sie anzuwenden verstehen, sonst vergrößert man einzig und alleine die Wunde und das ist unverantwortlich.
        Mag ja sein, dass Sie für sich selber – und für alle die, denen es geht wie Ihnen – irgendwie nachholen, sich bewusst machen müssen, dass unsere Lebenswelt unheil ist und Sie deshalb den Finger in die Wunde zu legen, aber für Christen, die ganz konkret aus dem Glauben heraus leben, ist das doch nicht neu. Um nicht zu sagen, das ist kalter Kaffee.

        Jeder Mensch weiß, dass unsere Lebenswelt nicht heil ist. Aber Christen wissen allemal, dass Jesus gekommen ist, um unser Unheil zu heilen, uns den Weg zu zeigen, wie wir und wie die Menschheit heil werden können. Dann weiß man damit logischerweise immer auch, dass die Kirche keine schon heile menschliche Gemeinschaft ist, sondern mit all ihrem Unheil, wie alle anderen Menschen und Gemeinschaften auch, nur erst auf dem Weg ist, heil zu werden. D.h.: sie ist, @Mona, natürlich immer auch behaftet mit einer “Kriminalgeschichte des Christentums” etc. Wer sich dadurch vom Glauben, also vom Weg des Heilwerdens, abhalten lässt, hat nicht verstanden, dass es um Heilwerden _inmitten von Unheilsein_ geht.

        Von daher wäre es wesentlich dringlicher, als den Finger in alte und vorerst immerwährende Wunden zu legen, die heilende Botschaft Jesu immer neuer und besser aus dem Konglomerat menschlicher Blindheiten und ihrer Interpretationen und Vor- und Fehlurteilen zu befreien, anstatt die Blindheiten immer mehr zu vertiefen und als neues Sehen zu verkaufen.

  5. (Ernst gemeinte) Frage:
    Gibt es irgendwelche Belege für die Annahme, die Evangelien seien von antirömischen Passagen weitgehend gesäubert worden?
    Ich meine außerhalb des Gedankenexperiments, dass man das aus heutiger Sicht plausibel finden kann.
    In welchem Zeitraum soll dies geschehen sein?
    Mir ist kein Fund eines Evangeliums / Fragments mit in dieser Hinsicht geänderten Inhalten bekannt.

    • Ich würde als Lektüre mal Karlheinz Deschners “Kriminalgeschichte des Christentums” empfehlen, der Autor räumt darin mit einigen liebgewordenen Legenden auf und rückt diverse Manipulationen und Fälschungen zurecht.

    • Ich gehe davon aus das sich Herr Grüter geirrt hat und Christentum und nicht Bibel meint. Wie sie ja geschrieben haben gibt es für die Annahme einer Urbibel keinen triftigen Grund vor allem da sich die aus dem 2. Jahrhundert erhalten Rollen außer einigen Flüchtigkeitsfehlern nicht von der uns bekannten Bibel unterscheidet (wobei die neueren diese Fehler bereinigt haben).

      Das nach dem Tod Jesus eine Neuorientierung von der anfänglichen weltlichen Herrschaft auf das Leben nach dem Tod geschehen ist, ist mehr als anzunehmen. Ganz ohne Glaubensbezug könnte man dies als Ostererreigniss (das heißt nicht das ich von der Auferstehung ausgehe) auffassen. Die Jüngerschaft bricht nicht nach dem Tod des vermeintlichen Messias zusammengebrochen wie wahrscheinlich dutzende Gruppierungen nach und vor Jesus von Nazareth.

    • Frühe Ausgaben der kanonischen Evangelien sind leider kaum bekannt. Man kann aber an einigen verdeckt romfeindlichen Stellen erkennen, dass Jesus von den Römern keine gute Meinung hatte. Ein Beispiel: Alles, was im Neuen Testament mit Schweinen zu tun hat, bezieht sich auf die Römer. Juden aßen (und essen noch heute) kein Schweinefleisch. Schweine durften auch nicht gezüchtet werden. Wenn es also im Gleichnis vom verlorenen Sohn heißt, dass sich der abtrünnige Sprössling als Schweinehüter verdingt, dann ist das nicht einfach ein sozialer Abstieg. Für die Juden hieß das, er arbeitete für die Römer, was Verrat am eigenen Volk war. Deshalb war es schon eine besondere Überwindung für den Vater, seinem Sohn zu verzeihen. Üblich wäre es gewesen, den Sohn zu verstoßen. Das fiel den späteren römischen Redaktoren der Evangelien offenbar nicht mehr auf.

      Im deutlichen Gegensatz dazu steht die positive Bewertung des römischen Präfekten Pontius Pilatus, der als wohlwollender aber schwacher Herrscher porträtiert wird. Die zeitgenössischen jüdischen Chronisten Flavius Josephus und Philo von Alexandria zeichnen ein ganz anderes Bild. Demnach ging Pilatus unnötig grausam und selbstherrlich gegen die jüdisches Bevölkerung seiner Provinz vor. In dem als schwierig und aufsässig bekannten Gebiet hielt er sich immerhin 10 Jahre, das wäre für einen so schwachen Mann, wie ihn das NT darstellt, kaum denkbar. Nach Josephus wurde er schließlich wegen eines besonders grausamen Akts gegen eine Gruppe von Pilgern abberufen. Hier hat das NT offenbar die Schuld auf die Juden geschoben, um die Römer zu entlasten. Ich empfehle zur weiteren Lektüre folgende Bücher von Pinchas Lapide, die leider nur noch antiquarisch zu haben sind: Er predigte in ihren Synagogen und Ist die Bibel richtig übersetzt, Band 1 + 2. Die Bücher sind eine wunderbare Lektüre für alle, die das NT aus der damaligen Zeit heraus verstehen wollen.

      • Die Evangelien beschreiben eine Nachjesuswelt und sind entstanden nach dem die Mision der Heiden Ziel wurde und es nur noch eine ernsthafte Richtung im Judentum gibt.
        Deswegen ist es wahrscheinlich das Jesus eine weltliche Herrschaft anstrebte. Aber Überarbeitete Evangelien ist reinste Spekulation.

      • @Thomas Grüter

        ” Man kann aber an einigen verdeckt romfeindlichen Stellen erkennen, dass Jesus von den Römern keine gute Meinung hatte. Ein Beispiel:…. “

        Wie Sie aus dem Gleichnis vom “barmherzigen Vater” (wie es übrigens heute heißt und nicht vom “verlorenen Sohn” ) eine verdeckt romfeindliche Haltung Jesu herleiten können, ist wahrscheinlich nicht nur mir ein Rätsel. Die einzige Erklärung, die es gäbe, ist, dass Sie von der Botschaft Jesu so gut wie nichts begriffen haben. Dann aber sollten Sie Ihrer eigenen Glaubwürdigkeit wegen solche Themen doch besser erst gar nicht anfassen.

        Sie schreiben zwar den Satz: “Deshalb war es schon eine besondere Überwindung für den Vater, seinem Sohn zu verzeihen” aber es kommt keinerlei Hinweis darauf – und das müsste im Grunde zehnfach betont werden – dass es Jesus genau darauf ankam, eben mit dieser Zuspitzung Gottes hohes Maß an Barmherzigkeit und Verzeihen deutlich zu machen. Stattdessen unterstellen Sie Jesus, der wie kein anderer die Feindesliebe hervorgekehrt und vorgelebt hat, Romfeindlichkeit. Klar war ihm als Jude seiner Zeit bekannt, dass sein Gleichnis nicht einfach nur einen sozialen Abstieg des Sohnes aufzeigte. Und natürlich hatten seine Jünger selber noch solche romfeindliche Haltungen. Daraus wird in den Evangelien kein Hehl gemacht.
        Was also hätte “den späteren römischen Redaktoren der Evangelien.” auffallen sollen?
        Was ihnen aber mit Sicherheit erst später und wohl auch teils während des reflektierenden Schreibens aufging, war, – und das hat Jesus ihnen vorausgesagt – dass man seine Botschaft so nach und nach von den typischen menschlichen Blindheiten und daraus hervorgehenden Missverständnissen und Falschberichten befreien musste. Dass die Jünger eben erst im Laufe der Zeit durch den ihnen zugesagten Heiligen Geist und ein Leben in der Nachfolge das Ganze wirklich verstehen werden.

        Und diese Zeit ist heute noch keineswegs abgelaufen, wie man an Ihren Ausführungen anschaulich sehen kann.

  6. Is ja krass. Hier wird Jesus als Idol eines damaligen Terrorismusses beschrieben.

    Wie wollen sie das mit derzeit immernoch gängiger und gültige Religion vereinbaren und verantworten?

    Mir andererseits schon aufgefallen, dass Jesus letztlich – abgesehen von der Vision der Nachfolge Davids als König – auch nur ein Unruheherd gewesen sei. Wie aber bitte ist zu erklären, dass man die Parusie immerzu erwartet und in schönsten Worten preist und was so alles besser werden soll, wenn Jesus wieder unter den Menschen erscheint?

    Wahrscheinlich warten auch die anerkannten Religionen nur darauf, um ihn sogleich erneut wieder zu töten.Man hat ja einschlägige Erfahrungen mit solchen Revolutionären. Und dazwischen ausreichend totalitäre Herrschaftstrukturen hergestellt. Den Jesus braucht keiner – will keiner. Und selbst die christlichen Kirchen würden ihn meucheln. Daraufhin aber wieder seinen Tot betrauern. Macht sich immer gut vor seinen belogenen Gläubigen.

    • Jesus lebte in einer extrem unruhigen Provinz des römischen Reichs, Aufstände lagen beinahe ständig in der Luft. Was geschieht, wenn Jesus wieder erscheinen sollte, dazu hat sich schon Dostojewski Gedanken gemacht (Der Großinquisitor).

      • Aha, Jesus schweigt und würdigt mit Gesten (bei Der Großinquisitor).

        Ja, so habe ich es kange Zeit auch gehalten. Aber das geht in dieser Welt nicht ewig.Sie fragt sich (und dich), warum du schweigst und fragt sich dann, warum du irgendwann nicht mehr schweigen kannst.

        Aber wir wissen ja, dass, wer nicht schweigt, stirbt.
        Schweigen meint hier den Unterschied zwischen Zustimmen und ablehnen. wer zustimmt, der schweigt.

    • Die Kirchen haben Jesus zum Sündenbock für unsere unveränderte Gewalt- und Kompromissbereitschaft erklärt – Kreislaufende Verkommenheit im geistigen Stillstand seit der “Vertreibung aus dem Paradies”.

      Ein Mensch mit Verstand für wirklich-wahrhaftige Vernunft erkennt anhand der Schriften aber (wären diese einfacher / eindeutiger verfaßt, dann wären sie heute sicher nicht nur bis zur Unkenntlichkeit uminterpretiert!), daß er in seinem Handeln nur für eine Idee / Ideologie gestorben ist, die wir heute kompromisslose Menschenwürde / Sozialismus nennen, allerdings immer noch nicht annähernd bereit sind zu kommunizieren!

      Und wenn er die Wirkung all seiner Handlungen tatsächlich vorhersehen konnte, dann hat er mit ziemlicher Sicherheit seinen Selbstmord aus tiefster Enttäuschung inszeniert!

      • Das er für Sozialismus stand ist nur ihre eigene Interpretation. Da die Quellen auf vielfälltige Weiße zu lesen sind macht sich jeder seinen eigenen Jesus.

        • Ach, dann war er also ein Terrorist der eine ANDERE Welt- und Werteordnung wollte, OHNE …, und obwohl er auch für nur EINE Wahrheit stand??? 😉

          Nur in systemrational-gebildeter Suppenkaspermentalität und auf so programmierter Sündenbocksuche, im “Individualbewußtsein” für den nun “freiheitlichen” Wettbewerb um “Wer soll das bezahlen?” und “Arbeit macht frei”, ist diese EINE WAHRHEIT in der Symptomatik des geistigen Stillstandes seit der “Vertreibung aus dem Paradies” KONFUSIONIERT – ich denke: Wenn Jesus diese Hierarchie von und zu materialistischer “Absicherung” wirklich-wahrhaftig hätte erhalten wollen, dann hätte er an der Bibel mitgeschrieben, und es gäbe auch eine Grabstätte, die der materialistischen Prahlerei als Pilgerstätte dienen würde!?

  7. “Aber vielleicht hat er unterschätzt, wie schmal der Grat zwischen „Hosianna“ und „Kreuziget ihn“ sein kann.”

    Aber vielleicht hat er alles auf eine Karte gesetzt, obwohl er wußte wie schwer es ist, die Vorhersehung / das Schicksal / den geistigen Stillstand seit der “Vertreibung aus dem Paradies” und das darauf konditionierte Bewußtsein der Menschen (von den Profitlern des Systems!) menschenwürdig und gottgefällig zu überwinden???

    Auf jeden Fall ist die systematische UNWAHRHEIT (der kreislaufenden Hierarchie von und zu materialistischer “Absicherung”) auch heute noch systemrational / stumpf-, blöd-, wahn- und schwachsinnig wirksam!!! 🙂

    “Was geschieht, wenn Jesus wieder erscheinen sollte, dazu hat sich schon Dostojewski Gedanken gemacht”

    Dann haben wir den traurigsten Zustand im Kreislauf des geistigen Stillstandes erreicht, und nur die (REINKARNIERTEN) 144000 auf dem Berg Zion ziehen mit ihm ins … – es müßte nicht so weit kommen, aber …!?

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