Nach 100 Artikeln: Rückblick und Ausblick

BLOG: Gedankenwerkstatt

die Psychologie irrationalen Denkens
Gedankenwerkstatt

Der Blog-Beitrag vom 30. Juni war der Hundertste, seit ich bei den Sciloggern vor gut sechs Jahren angefangen habe. Das scheint mir ein guter Anlass zu sein, die spannendsten, umstrittensten und meist gelesenen Beiträge noch einmal Revue passieren zu lassen.

Generell befasst sich mein Blog mit der menschliche Unvernunft, dem allgegenwärtigen Handeln gegen bessere Einsicht und unter souveräner Missachtung aller Logik. Dieses Thema ist glücklicherweise nahezu unerschöpflich, und so wird mir der Stoff für weitere Beträge in nächste Zeit sicher nicht ausgehen.

Unvernunft als evolutionärer Vorteil

Sein einmaliges Gehirn hat den Menschen zum Herrscher der Welt gemacht. Als einzige Art kann der Homo sapiens logische Schlüsse ziehen, Aktionen planen und sich mit anderen perfekt verständigen.

Dieses Argument hat allerdings einige Löcher. Vor fünfzigtausend Jahren gab es mindestens drei eng verwandte Arten mit diesen Fähigkeiten: den Homo sapiens, den Neandertaler und den Denisova-Menschen. Sie beherrschten das Feuer, bauten Werkzeuge, konnten vermutlich sprechen und versorgten kranke Angehörige. Trotzdem sind sie verschwunden. Ein großen Gehirn allein reicht offenbar nicht aus, um die Erde zu erobern.

Hat der Homo sapiens vielleicht einfach Glück gehabt? Oder besaß er neben seiner Intelligenz auch noch weitere nützliche Eigenschaften? Beispielsweise halten Menschengruppen so eng zusammen, wie man es sonst in der Tierwelt kaum finden kann. Diese Eigenschaft ist gepaart mit einem extremen Misstrauen gegen Fremde, ein Phänomen, die von Forschern als „engstirniger Altruismus“ (Parochial altruism) bezeichnet wird.

Möglicherweise half ihm auch sein hoch entwickeltes Vorstellungsvermögen, oder die Fähigkeit, sehr schnell Ad-hoc-Gruppen zu bilden. Auch die menschliche Neigung, an Geister, Götter und Magie zu glauben, könnte seinen Aufstieg unterstützt haben. Alle diese Eigenschaften entspringen dem Unterbewusstsein, nicht dem Verstand.

Einige Forscher (z.B. der bekannte Psychologe Seymour Epstein) vermuten, dass menschliche Gehirne zwei Systeme der Informationsverarbeitung nutzen: Das intuitive und das rationale. Das erstere arbeitet schnell, unbewusst und gefühlsbetont, das zweite langsam, analytisch und logisch. Das rationale System in seiner voll ausgeprägten Form existiert nur beim Menschen, das intuitive bei allen Tieren mit einem höher entwickelten Gehirn. Unnötig zu sagen, dass die beiden Denkmuster sich regelmäßig in die Quere kommen. Dieser zentrale Konflikt macht das menschliche Verhalten so spannend und unberechenbar. Und er könnte dazu beitragen, dass der Homo sapiens sein eigenes Aussterben befördert. So streiten sich die Staaten der Erde seit zwanzig Jahren darum, wie man die Auswirkungen der globalen Erwärmung am besten bekämpfen kann. Die Vernunft hat sich bisher kaum durchsetzen können, und viele Gegenmaßnahmen kosten zwar viel Geld, bewirken aber wenig.

So beruht die viel diskutierte deutsche Energiewende im wesentlichen auf irrationalem Wunschdenken. In drei Blogbeiträgen habe ich das Thema aufgearbeitet:

Im ersten Betrag vor vier Jahren hatte ich angemerkt, dass Wind und Sonne nicht immer und überall zur Verfügung stehen. Der Strom muss deshalb aufwendig verteilt und gespeichert werden. Außerdem sorgt das Erneuerbare-Energie-Gesetz für eine Subventionierung der Großindustrie auf Kosten der privaten Verbraucher. Alle diese Probleme bestehen unverändert weiter.1

Außerdem müssten immer mehr Kohle- und Gaskraftwerke bei voller Betriebstemperatur auf ihren Einsatz warten oder werden nur mit Teillast betrieben. Beides geht auf Kosten des Wirkungsgrads. Wie fast zu erwarten war, ist der CO2-Ausstoß bei der Stromerzeugung in Deutschland seit 2010 nicht zurückgegangen, obwohl die erneuerbaren Energien weiter zugelegt haben. Hat die Bundesregierung der Beschluss zur Abschaltung der Atomkraftwerke vielleicht etwas hastig getroffen?

In meinem Beitrag Die Irrationalität des Atomausstiegs vom 29.6.2011 habe ich drauf hingewiesen, dass die Angst vor radioaktiver Verseuchung – je nach Quelle – sehr ungleichmäßig verteilt ist. Das wollte einigen Lesern nicht wirklich gefallen, und so ergab eine kontroverse, aber erfreulich sachliche Diskussion.

Esoterik und Homöopathie

Wie diskutiert man am besten mit Esoterikanhängern? Gar nicht so einfach, denn sie appellieren an das Bauchgefühl, nicht an den Verstand. Das ist nur schwer zu kontern. Trotzdem sollte man sich nicht scheuen, die Fahne der Wissenschaft hochzuhalten. Hier einige Tipps:

Wissenschaft und Esoterik: richtig diskutieren

Wissenschaft und Esoterik: wie führt man die Debatte

Als Beispiel für Struktur und Ausbreitung einer esoterische Lehre habe ich die Entstehungsgeschichte der Homöopathie nachgezeichnet.

https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/wissenschaft-und-esoterik-am-beispiel-der-homoeopathie/

Anders als viele Menschen annehmen, ist die Homöopathie keine Naturheilkunde, sondern eine Erfindung des Arztes Samuel Hahnemann. Sie arbeitet auch nicht „ganzheitlich“, sondern propagiert die Behandlung von einzelnen Symptomen. Meine Analyse gefiel einigen Lesern sehr gut, andere waren überhaupt nicht einverstanden. Tagelang tobte eine heftige Debatte mit insgesamt mehr als 150 einzelnen Beiträgen.

Die NASA und das Ende der Welt

Wie der Vorbeiflug am Pluto gerade erst gezeigt hat, kann Wissenschaft eine äußerst spannende Sache sein. Die NASA ist immer für Sensationen gut, und so waren viele ernsthaft besorgt, als im März 2014 viele Zeitungen meldeten, Forscher der amerikanischen Weltraumbehörde hätten den Untergang der Welt berechnet. Der Ursprung dieser Meldungen war eine Pressemitteilung des National Socio-Environmental Synthesis Center in Annapolis, Maryland. Anders als der bombastische Name vermuten vermuten lässt, handelt es dabei um ein kleines fachübergreifendes Forschungszentrum der Universität von Maryland in Annapolis. Und eine Vorhersage des Weltendes konnte man aus dem in der Pressemitteilung vorgestellten Artikel auch nicht entnehmen (siehe Blogbeitrag). Also: Viel Lärm um nichts, verursacht von einem aufstiebenden Schwarm Zeitungsenten.

Verschwörungen und ihre Theorien

Das Internet schwirrt von Gerüchten und Verschwörungstheorien, oft genug getarnt als Berichte, Reportagen und Enthüllungen. Was soll man überhaupt noch glauben? Im Zweifel halten sich die Menschen an das, was sie glauben wollen. Zum zehnten Jahrestag der Anschläge auf das World Trade Center (11.9.2001) habe ich erläutert, dass Verschwörungstheorien keine Verankerung in der Wirklichkeit brauchen, sie sind ausschließlich ein Produkt von Stereotypen und Feindbildern (Link). Auch frei erfundene Theorien können erstaunlich viele Anhänger finden, wenn sie weit verbreitete Vorurteile und Verdächtigungen aufgreifen und weiterführen. Das macht sie möglicherweise gefährlich, denn sie suggerieren eine nicht existierende Bedrohung, und verstärken das Misstrauen zwischen verschiedenen Gruppen bis zur offenen Feindschaft (Wie gefährlich sind Verschwörungstheorien?).

Populisten nutzen gerne das Phänomen des grundlegenden Misstrauens gegen Fremde für ihre eigenen Zwecke. Damit heizen sie Konflikte an, statt sie zu lösen (verarbeitet in den Beträgen Wie gefährlich sind Populisten? und Wie bekämpft man Populisten?).

Diese Themenfelder werden auch in Zukunft den Schwerpunkt bilden. Und wie bisher werde ich auch weiterhin versuchen, scheinbar alltäglichen Dingen neue Perspektiven abzugewinnen, wie z.B:

  • Warum der Jesus’ Einzug in Jerusalem am Palmsonntag keine Friedensbekundung war, sondern eine Kampfansage.
  • Warum das Human Brain Project niemals sein Ziel erreichen wird, ein menschliches Gehirn im Computer zu simulieren.
  • Warum die Grundlage der Informationsgesellschaft, die digitale Infrastruktur, möglicherweise zerbrechlicher ist, als wir denken.

Im Übrigen möchte ich mich bei den Kommentatoren für die vielen und oft hilfreichen Beiträge bedanken. Dabei sind oft Aspekte zum Vorschein gekommen, an die ich vorher nicht gedacht habe, und die den eigentlichen Blogbeitrag sehr bereichert haben. Ich hoffe, es hat allen so viel Spaß gemacht wie mir.

P.S.: die nächsten Beiträge sind schon in Arbeit. Bleiben Sie dran!

Anmerkung

[1] Siehe Beitrag von Hermann Otto Solms in Focus Online am 15.7.2015. Zur Problematik neuer Überlandleitungen hat die Süddeutsche Zeitung am gleichen Tag einen interessanten Beitrag gebracht.

Thomas Grüter

Veröffentlicht von

www.thomasgrueter.de

Thomas Grüter ist Arzt, Wissenschaftler und Wissenschaftsautor. Er lebt und arbeitet in Münster.

15 Kommentare

  1. Ich gratuliere zum Hundertsen!

    Homo Sapiens ist schon toll! Aber nicht so toll, dass man vor lauter Ehrfurcht vor dem “sapere” den Artnamen “Sapiens” auch noch gross schreiben müsste. Das, sagt der Biologe, kommt ihm in der binominalen Nomenklatur der Taxonomen nicht zu. Homo sapiens schreiben wir uns. Obwohl – in Hinsicht auf die Revolutionen in der Software-Entwicklung, besonders was Unternehmenssoftware angeht – Homo SAPiens vielleicht ein netter Slogan für diese Firma da drunten im Badischen wäre.

    Genug Korinthen gekackt.

    Eines fällt mir noch ein: Vielleicht ist es ja das Problem mit der “KI”, dass die Maschinen, bevor sie im menschlichen Sinne “intelligent” werden können, erst mal irrational werden müssen. Vielleicht ist ja Intelligenz das, was sich erst im Spannungfeld zwischen Irrationalität und Ratio entwickelt.

    Von daher gibt ja – und da sind wir schon fast wieder bei SAP – die Entwicklung dieser “High-Speed-Börsen-Tading-Software” zu den schönsten Hoffnungen in der KI-Entwicklung Anlass. Irrer geht’s nimmer. Vielleicht ein Thema für das Blog..

    • Hallo Helmut, irgendwie habe ich die Weisheit der Menschen wohl zu groß geschrieben. Ist korrigiert. Eine KI muss wohl wirklich auch irrationale Elemente haben, zumindest braucht sie eine Motivation, einen Antrieb, und mindestens ein Ziel. Was immer das sein mag, es kann nicht ganz rational sein. Menschen haben oft mehrere unvereinbare Ziele, die sie gleichzeitig verfolgen. Die Abwägung dazwischen gebiert die schönsten menschlichen Dramen (Tragödien und Komödien). Werden wir so etwas in Zukunft auch bei Robotern erleben. Das halte ich durchaus für möglich. Heute ist es schon ein gutes Thema für Science-Fiction-Literatur (z.B. Neptune’s Brood von Charles Stross).

      • Wer ist die entscheidende Instanz über Rationalität und Irrationalität? Ist das nicht die angebliche Rationalität oder Vernunft selber? Wie kann ein kleines Hirn ein großes Hirn verstehen? Dazu sei das Thomas-Theorem der Soziologie/Psychologie empfohlen!

    • Muss KI (Zitat)“zuerst irrational werden um dann intelligent werden zu können”?
      Vielleicht gilt eher, dass Rationalität/Irrationalität nur eine Dimension im mehrdimensionalen Gewebe sind, dass den Menschen ausmacht.
      Motivation, Intention, Partizipation, Suche nach Glück und Stabilität sind andere Dimensionen.
      Wenn Rationalität allein genügen würde hätte Asimov nicht die 3 Robotergesetze erfinden müssen.
      Intelligente Systeme können dem Menschen nützlich sein auch wenn sie selber keine Intentionen haben, und kaum etwas über die Welt und den Menschen wissen.
      Autonome, menschenähnliche intelligente oder superintelligenjte Systeme dagegen muss man an Erkenntnis- und Erlebnis-Dimensionen messen, die es auch beim Menschen gibt. Nur eine KI, die ähnlich wie ein Mensch herauspürt was der andere will und was der andere denkt, nur eine solche KI, die über eine Theory of Mind verfügt, ist hinreichend menschlich um auch als Superintelligenz durchzugehen und um zum Mitglied einer Spezies zu werden, die den Menschen überflügeln und schliesslich als beseren Menschen ablösen kann..

  2. Die Intelligenz und Antizipiationsfähigkeit des Menschen hat sich in miteinander konkurrenzierenden Gruppen, Städten und föderal organisierten Nationen entfaltet. Die Konkurrenz zwischen den altgriechischen Poli, den heutigen Universitäten oder auch zwischen Sportteams (Fussball, Baseball) holt aus den daran beteiligten Menschen (Teammitgliedern) das beste heraus oder auch das Schlimmste, wenn es keine friedliche Konkurrenz mehr ist, sondern in Krieg und Vernichungswillen mündet.

    Es kann als fast sicher gelten, dass diese Teamorientierung des Menschen biologische Ursachen hat und damit tief verankert ist. Gemeinsame Absichten, Überzeugungen, Werte und Glaubensinhalte verbinden die Teammitglieder und formen die Gruppe überhaupt erst. Dabei können auch vom Team geteilte Glaubensinhalte und eigentliche Ideologien entstehen, die einer rationalen Betrachtung kaum standhalten.
    Dazu möchte ich ein paar Beispiele machen.
    Die Judenfrage
    Nicht selten sind Glaubensinhalte und Überzeugungen gegen andere Gruppen gereichtet. Im Europa des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts wurde der Begriff Judenfrage, der zuerst für die Emanzipation der Juden stand, von den Judengegnern (vor allem Nationalisten) usurpiert und neu negativ besetzt, so dass er nun für die behauptete fehlende Integrationsfähigkeit der Juden stand und für eine behauptete geheime Agenda der Juden, nämlich dem jüdischen Weltherrschaftsstreben.
    Beurteilung: Trotz jahrhundelanger Marginalisierung waren die europäischen Juden insgesamt ein positives Element in Europa (Bildung,Modernisierung). Der trotz (oder sogar wegen) der Emanzipation der Juden zunehmende verschwörungstheoretisch untermauerte Antisemitismus lässt sich am besten mit Gruppenmechanismen erklären, die in der Biologie des Menschen tief verankert sind.

    Ernährungssouveränität
    Viele Gruppen und Nationen pflegen schon seit Jahrhunderten ein übersteigertes Unabhängigkeitsdenken, das sich imWunsch ausdrückt, nicht auf andere fremde Gruppen angewiesen zu sein – weder materiell noch geistig. Seltsamerweise gewinnen solche atavistischen Autarkiewünsche gerade heute wieder viele Anhänger und das sogar im akademischen Umfeld. Ein Beispiel ist der Begriff Ernährungssouveränität, der heute herumgeistert: Jedes Land soll sich mit den Früchten seines eigenen Bodens ernähren. Doch gerade die frühere wegen fehlendem Handel erzwungene Ernährungssouveränität hat die Hungersnöte beispielsweise in Irland (1 Million Verhungerte durch Kartoffelpest) ermöglicht. Auch die Hungersnöte in China im Rahmen des Großen Sprungs nach vorn sind auf die Ideologie der Ernährungssouveränität zurückzuführen
    Beurteilung Lokale Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln ist zwar nichts Schlechtes, aber wer sie zur ideologisch begründeten Pflicht macht, ist bereit, Menschen verhungern zu lassen.

    Der Glaube an eine dezentralisierte Energieversorgung
    Das in Gruppen häufig vorgefundene Autarkiebestreben hat sich auch in der Idee der autarken, völlig dezentralen und lokalen Energeiversorgung materialisiert. Gemäss dieser Ideologie soll idealerweise jede Liegenschaft die Energie, die sie benötigt auch selbst erzeugen (beispielsweise mit Solarpanel und kleinen Windturbinen). Tatsächlich gibt es heute viele Eigenheimbesitzer mit so viel Solarzellen auf dem Dach, dass sie übers ganze Jahr hinweg gleich viel Energie erzeugen wie sie verbrauchen. Diese Selbstversorger sprechen dann mit geschwellter Brust (Schimpansenritual) davon, sie seien energieautark. Doch in Deutschland oder einem anderen nördlich gelegenen Land gibt es wohl kaum echt energieautarke Solarpanelbesitzer, denn die Sonneneinstrahlung im Dezember beträgt nur 1/5 der Einstrahlung im Juli. Heute müssen Solarpanelbesitzer zudem ihren Strom ins Netz einspeisen damit sie Förderbeiträge erhalten. Gleichzeitig belasten sie damit das Netz über den Mittag so stark, dass es ausgebaut werden muss.

    Beurteilung:
    – Dezentrale Energieversorgung über Sonne+Wind funktioniert nur mit Energiespeichern. Doch heute sind diese Stromspeicher meist teurer als fossile Backupkraftwerke.
    – Die Ideologie der dezentralen Energieversorgung kann “vernünfige” Lösungen verhindern. Die Produktionsschwankungen erneuerbarer Energien werden heutzutage am besten und kostengünstigsten mit einem weiträumigen Netz von Stromleitungen ausgegelichen.Das widerspricht aber dem Gedanken der dezentralen Energieversorgung.

    Das schwierige biologische Erbe der Menschheit
    Heute gibt es globale Probleme wie den Klimawandel, die Ausbreitung von Seuchen über den ganzen Globus oder die Invasion von fremden Arten. Alles Probleme, die nach einer globalen Exekutivinstanz verlangen. Eine Klima-UNO-Behörde mit Exekutivgewalt könnte beispielsweise Ländern bei der Dekarbonisierung zur Seite stehen und sie bei Bedarf auch zur Dekarbonisierung verpflichten.

    Doch der Mensch ist biologisch nicht auf globale Probleme vorbereitet. Die höchste politische Ebene, die sich herausgebildet hat, ist diejenige der souveränen Staaten. Diese souveränen Staaten konkurrenzieren alle mit- und gegeneinander wobei letztlich die gemeinsamen globalen Ressourcen unter die Räder kommen, denn jeder souveräne Staat kämpft für sich allein.

    • @ Herr Holzherr :

      Die Judenfrage

      Ischt ein interessanter Punkt, Ihr Kommentatorenfreund, der besondere jüdische Kultur, sollte sie als besonders vorliegen, lange Zeit wenig beachtet hat, auch viel Kontakte zu Juden hatte, oft ohne zu bemerken, dass Juden am Start waren, er ist dort auch, aus welchen Gründen auch immer, regelmäßig gut bis sehr gut angekommen, ohne Jude zu sein, äh, …, wo war er stehen geblieben?, …, …, …, ach ja, also die gemeinte kulturelle Problematik, sollte sie eine sein, ist eine Frage, die s. E. nicht ‘Judenfrage’ genannt werden sollte, der Schreiber dieser Zeilen ist in den letzten Jahren auch zunehmend und falsch von einigen als Jude “erkannt” worden, auf Grund kommentatorischer Besonderheit anzunehmenderweise, ischt schon spannend.
      Insbesondere, wenn die talentierten Juden beachtet werden; diese Problematik, sollte sie eine sein, interessiert Ihren Kommentatorenfreund auch zunehmend, wenn auch nur deren Bearbeitung meinend, die ja in der BRD und in einigen anderen “westlichen” Staaten in ihrer Intensität zuzunehmen scheint, besonders wohl auch Hinzugekommenen geschuldet.
      Könnte zivilisatorisch ein ganz wichtiger Punkt geworden sein,
      MFG
      Dr. W

      • Der Begriff Judenfrage ist ein historischer Begriff und ihr Einwand “eine Frage, die s. E. nicht ‘Judenfrage’ genannt werden sollte” vor diesem Hintergrund nicht verständlich.
        Die ältere Generation wird aber noch mit der ganzen Ideologie imprägniert sein, die hinter der Judenfrage steht. Warum beispielsweise warf Günter Grass in seinem “Gedicht” Was gesagt werden muss Israel vor, mit seinen Kernwaffen den „ohnehin brüchigen Weltfrieden“ zu gefährden und einen „Erstschlag“ gegen den Iran zu planen, „der das (…) iranische Volk auslöschen könnte“.
        Von den 9 existierenden Atomwaffenstaaten – zu denen auch Israel gehört – hat nur die USA einen nuklearen Erstschlag ausgeführt (Hiroshima und Nagasaki) und das auch nur in einer Kriegssituation mit der Begründung so den Krieg beenden zu können. Wenn Gunter Grass Israel einen präventiven nuklearen Erstschlag zutraut, dann traut er Israel genau das zu, was früher den Juden, dem Weltjudentum zugetraut wurde, nämlich, dass sie hinter einer Weltverschwörung stehen und den „ohnehin brüchigen Weltfrieden“ gefährden.
        Hier sei an die Rede von Hitler vom 30. Januar 1939, dem sechsten Jahrestag seiner »Machtergreifung« erinnert.

        Tenor der Rede war die Aussage, dass vom jüdischen Finanzkapital in Großbritannien und den USA eine Bedrohung für die Wirtschaft und die Sicherheit Deutschlands ausgehe. Hitler beschrieb die Juden als Kriegstreiber, die Deutschland in eine Auseinandersetzung hineindrängten, die es nicht wollte. Deutschland sei jedoch bereit, versicherte er, die Herausforderung anzunehmen und bis zum Tod zu kämpfen.

        Die Juden wurden also als von Hitler als Kriegstreiber angeschwärzt, als Kriegstreiber, die Deutschland in einen Krieg drängten, den es nicht wolle. Günter Grass sieht nun Israel als Kriegstreiber und als Gefährder des Weltfriedens.
        Günter Grass ist deswegen kein Antisemit, sondern nur ein Mensch einer Generation, dessen Denken in seiner Jugend mit Dingen wie der “Judenfrage” infiltriert wurde. Das wirkt auch heute noch nach. Günter Grass hat das kurz vor seinem Tod geäussert, in einem Alter in dem bei vielen die Kontrollmechanismen und selbstkritischen Impulse nachlassen. Damit ist wohl ein Denken zum Vorschein gekommen, dass es in seinem Hinterkopf schon lange gab.

        • In etwa so wie der Antisemitismus der Verdacht über den Juden ist, könnte die “Judenfrage” angemessen reflexiv (das fragende Subjekt meinend) verstanden werden.
          Nö, also Ihre Meinung in allen Ehren, Herr Holzherr, Kritik war nicht beabsichtigt,
          MFG
          Dr. W

        • Das für den Menschen wirklich Wichtige ist nicht rational. Wichtig für das Zusammenleben ist nämlich nicht das Wissen, sondern es sind Haltungen, Einstellungen, Erwartungen, Hoffnungen, Vermutungen über die Intentionen Anderer, Gefühle des Vertrauens, des Zweifels oder der Angst. Genauigkeit gibt es in diesem Bereich kaum, Unterstellungen und Übertreibungen jedoch sind die Regel. Wissen gibt es zwar auch, aber typischerweise zuwenig.
          Ein gutes Beispiel dafür ist wiederum Günter Grass Gedicht Was gesagt werden muss in dem Grass Grass Israel vorwirft, mit seinen Kernwaffen den „ohnehin brüchigen Weltfrieden“ zu gefährden und einen „Erstschlag“ gegen den Iran zu planen, „der das (…) iranische Volk auslöschen könnte“. Er kritisiert in diesem Zusammenhang die Lieferung von deutschen Unterseebooten an Israel.

          Hier kommt nämlich alles mögliche zusammen, insbesondere finden wir Unterstellungen, Übertreibungen, Einschätzung der Gefährlichkeit eines Landes, und Ressentiments. Und doch steckt letzlich ein reales Ereignis hinter all dem was im Zusammenhang mit Was gesagt werden muss gesagt wurde. Es ist die Lieferung von deutschen U-Booten an Israel, von denen Günter Grass vermutet, sie würden von Israel mit Nuklearwaffen bestückt. Dieses reale Ereignis wird nun von Günter Grass symbolisch aufgeladen, wobei er unzweifelhaft massiv übertreibt, übertreibt um sich Gehör zu verschaffen und um ein Gefühl der Empörung zu wecken, Empörung über Israel, den stillen, verschwörerischen Aggressor und über Deutschland., das sich die Hände bei diesem Deal schmutzig macht obwohl es die Hände in der Unschuld der Wiedergutmachung (für den Holocaust) wäscht.
          Im grösseren Zusammenhang betrachtet sind die U-Boot-Lieferungen an Israel nur eine von vielen deutschen Waffenlieferungen in den von Kriegen und Unruhen geplagten Nahen Osten. Bedeutung erhalten sie erst mit der Ungeheuerlichkeit, die nach Günter Grass letztlich hinter diesen Lieferungen steckt. Nämlich der Aufrüstung Israels, eines Staates, dem anders als der USA (welche “nur” 2 Städte in Japan mit Atombomben auslöschte), zuzutrauen ist, den ganzen Iran mit Nuklearwaffen auszulöschen. Hier finden wir etwas typisches in Grass Unterstellung: Er begründet nicht warum Israel den ganzen Iran auslöschen sollte, sondern er überlässt es der Phantasie des Lesers Gründe dafür zu finden. Und er (Günter Grass) ist wohl überzeugt der Leser werde schon Gründe für diese behauptete ultimative Aggressionsbereitschaft Israels finden. Doch Grass bezieht das deutsche Volk nicht nur als Waffenlieferant an Israel in sein Gedicht ein, sondern auch als potenzielles Opfer eines israelischen Erstschlags, denn keiner, auch nicht Deutschland werden von den Folgen eines derartigen israelischen Ertschlags verschont.

          Fazit: Ein Ereignis wie die Waffenlieferung Deutschlands an Israel kann durch Verdächtigungen und Unterstellungen zu einem Vorgang existenzieller, apokalyptischer Bedeutung aufgeblasen werden. Das funktioniert nur, wenn man auf der israelischen Seite das ultimativ Böse vermutet. Es ist erstaunlich, dass es fast allen Menschen leicht fällt, bei einer anderen Partei das ultimativ Böse anzusiedeln. Bei Günter Grass sitzt diese ultimativ böse Partei in Israel, Putin vermutet es in seinen Reden in der “faschistischen” Westukraine, für andere liegt es irgendwo anders. Es findet sich jedenfalls schnell irgendwo.

          • @ Herr Holzherr :

            Das für den Menschen wirklich Wichtige ist nicht rational.

            It depends.

            Kommt darauf an, was Sie mit ‘wichtig’ meinen. Es könnte so gemeint gewesen sein, den zweiten Satz Ihrer Nachricht hat Ihr Kommentatorenfreund bewusst überlesen, dass der Primat wie jedes persistieren wollende Tier erst einmal genug zu futtern haben muss, dann wäre das (natürlich erst einmal nur für den Schreiber dieser Zeilen) auf einem höheren Niveau falsch als das im (überlesenen) zweiten Satz Ihrer Nachricht Gemeinte.

            Aus idealistischer (vs. naturalistischer) Sicht bedingt bereits die zitierte Behauptung Ihrerseits die Ratio, denn diese wäre ansonsten nicht formulierbar.

            Das Wesen des Primaten ist seine Ratio, ansonsten könnten Sie (als Steinzeit-Primat) einen Hund versuchen wollen anzugrunzen, was diese Sache mit Günther GraSS [1] betrifft; gedankenexperimentell natürlich nur.

            Das Wesen des Primaten steckt also irgendwo in seiner Sprachlichkeit und der (individuellen) Ratio und das Humanitäre, Sie neigen ja dazu auch sittlich vorzutragen, nichts Schlechtes daran, müsste eine Folge bestimmter Erkenntnis gewesen sein, die sittlich, aber auch physikalisch vor vielleicht vierhundert Jahren beginnend langsam als Humanismus aufgebaut werden konnte.

            Besonders Günter Grass spezialisiert sind Sie aber nicht, oder?

            MFG
            Dr. W (der gerne auch mal ins Positive blickt, Terry Pratchett und so bspw. , auch bei Burke, Hirsi Ali und so nicht unglücklich wird, sich aber nun langsam auszuklinken gedenkt, ohne zu vergessen auch insbesondere den beiden hiesigen primären Inhaltegebern für ihre Arbeit zu danken)

            [1]
            GG ist sicherlich nicht braun gewesen, also nicht einmal gewesen, seine sehr spät einsetzende Erinnerung lädt aber zum simplen Nachtreten ein, auch weil er sich immer als moralische Autorität verstanden hat, die er nicht war.

          • @Dr.Webbaer: das Rationale nimmt der Mensch ruhig zur Kenntnis (wenn er es wahrnimmt), das Erhoffte, Ersehnte oder Befürchtete aber lässt sein Herz schneller schlagen.

  3. (…) dass Verschwörungstheorien keine Verankerung in der Wirklichkeit brauchen, sie sind ausschließlich ein Produkt von Stereotypen und Feindbildern (…)

    Hat der Schreiber dieser Zeilen auch mal geglaubt, aber nicht wegen der Sache mit den ‘Stereotypen und Feindbildern’, die den Teilnehmern an aufklärerischen Systemen [1] ohnehin nicht auszutreiben sind, wobei dies wohl auch nicht sinnvoll wäre, das ‘Stereotyp’ [2] war dem Schreiber dieser Zeilen immer eher ein ‘Stereotyp’, dem soziologisch Bemühte anheimgefallen sind, sondern weil an die besondere Durchsetzungsfähigkeit und vor allem auch an die generelle Fähigkeit aufklärerischer Systeme geglaubt worden ist.

    MFG
    Dr. W

    [1]
    gemeint sind sogenannte westliche Systeme, die den Ideen und Werten der Aufklärung folgend gesellschaftlich implementieren konnten, die Richtungsangabe ist irreführend

    [2]
    Ein sogenanntes Stereotyp liegt für den soziologisch Bemühten vor, wenn das Zwischen- oder Vorurteil * anderer ihm falsch erscheint und von ihm als falsche Meinung gebucht werden kann.

    *
    Das erkennende Subjekt hantiert mit Zwischen- oder Vorurteilen so lange sie der Empirie standhalten oder so lange nicht besser theoretisiert werden kann; das Zwischen- oder Vorurteil, das ja auch die moderne skeptizistische Wissenschaftlichkeit seit mindestens 100 Jahren ausmacht, es wird ja nicht mehr verifiziert, hat insofern wohlverstanden nur Edles.

  4. Wunschdenken in der Energiewende, Apokalyptische “Grenzen des Wachstums”-Visionen, Verschwörungstheorien, Rassismus und Esoterik entspringen – wie Thomas Grüter andeutet – möglicherweise alle dem gleichen unbewusst operierenden neuronalen System, das gekennzeichnet ist durch gruppenbezogenen Altruismus, geteilte, emotional besetzte Glaubensüberzeugungen und Feindbilder sowie magischem Denken.

    Wenn Thomas Grüter das Wunschdenken der Enerigewende ebenfalls in diesen Bereich einordnet, so macht er deutlich, dass dieses unbewusste, mehr vom Glauben, Sehnen und Wünschen als von der Ratio geleitete Denken, welches die Dinge mit denen wir es zu tun haben, affektiv einfärbt, heute nicht schwächer geworden ist als vor 50, 500 oder 5000 Jahren.

    Das rationale Denken über welches wir Menschen auch verfügen kann das beschriebene emotionale und affektive Denken nicht ersetzen. Es kann aber als Kritker auftreten – und tut es auch. Als Kritiker, Satrikier und Ironiker erkennen wir oft sehr schnell, welche Versprechungen nicht aufgehen. Auf solche Kritiker reagieren die “Gläubigen” oft mit starker Abwehr wollen ihnen diese Kritiker doch ihren Glauben wegnehmen. Und der Glaube macht ja gerade den Unterschied aus zwischen einer sinnlosen und einer sinnbehafteten Welt.

    Kritik muss aber nicht ungedingt destruktiv sein, sie kann auch als Korrektiv wirken. Eine Gesellschaft, die den Fortschritt, die Veränderung und die Korrektur will, wird Kritik zulassen müssen und wird aus dieser Kritik lernen wollen.

    • Satire wirkte schon vor 1300 Jahren so ätzend auf Gläubige wie heute noch. Mohammed, der Prophet, liess zu seiner Zeit (7. Jahrhundert) mehrere (jüdische) Kritiker und vor allem Satiriker/Satirikerinnen umbringen und der niederländische Regisseur Theo van Gogh wurde wegen einem islamkritischen Film im Jahr 2004 erdolcht.

      Dass es schon zu Zeiten Mohammeds aber auch schon zu Zeiten der alten Griechen kritische Geister gab, die Lust daran hatten, die Konstrukte und den Glauben von Zeitgenossen niederzureissen, zeigt, dass auch kritisches Denken schon uralt ist.

      Die Lust der Satiriker und Kritiker etwas niederzureissen was andere lieben deutet darauf hin, dass sich in der Satire rationales Denken und affektives, emotionales Denken auf seltsame Art vermählt haben. Denn rationales Denken ist für sich genommen nichts lustvolles. Erst wenn man dieses rationale Denken dazu nützen kann andere in Verlegenheit zu bringen kommt bei einigen rationalen Denken Lust auf. Diese lustvollen Kritiker, die sich auf Kosten anderer geistig verköstigen, nennen sich dann Satiriker.

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