Ketzerische Ideen zum Klimagipfel

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die Psychologie irrationalen Denkens
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Die Weltklimakonferenz ist geplatzt, und das ist gut so. Paradoxerweise bringt ihr Scheitern die Klimadiskussion voran, ein sogenannter Erfolg hätte das nicht getan. Machen wir uns nichts vor: Die beim Gipfel aufgebrochenen Interessengegensätze sind bestehen seit Langem, jeder gemeinsame Beschluss hätte sie lediglich verdeckt. Und noch eine unangenehme Wahrheit: Alle dort beschlossenen Resolutionen und Selbstverpflichtungen hätten allenfalls die Verbindlichkeit von Silvestervorsätzen, weil keine Sanktionen möglich sind.

Bei diesem Klimagipfel aber haben alle Teilnehmer das getan oder gesagt, was ihren Eigeninteressen entspricht. Haben sie das Problem nicht begriffen? Doch, viele wissen genau, wie wichtig das Thema ist. Aber ihr innenpolitischer Spielraum mag zu gering gewesen sein oder und einige konnten der Versuchung nicht widerstehen, sich in den Vordergrund zu drängen.

Die wirklichen Interessen

Machen wir uns doch einmal den Spaß und dröseln die Interessen der einzelnen Teilnehmergruppen auf: Die USA möchten vermeiden, dass ihre wirtschaftliche Entwicklung unter dem Zwang zu leiden hat, den Kohlendioxidausstoß zu verringern. Sie werden keiner bindenden Verpflichtung zustimmen. Unter dem Druck der Wirtschaftskrise glauben derzeit immer weniger Amerikaner, dass die Klimaerwärmung von Menschen gemacht ist. Vielleicht möchten sie es aber auch nicht glauben. Die Ölkonzerne legen ebenfalls keinen Wert auf eine Reduktion des CO2-Ausstoßes, weil das ihr Geschäft unmittelbar beeinträchtigen würde. Während sie die Kosten einer CO2-Vermeidung direkt tragen müssten, lägen die Ausgaben zur Abmilderung der Folgen eines Klimawandels bei den Staaten. Die Konzerne leisten im amerikanischen Senat deshalb eine bisher sehr erfolgreiche Lobbyarbeit gegen jede Maßnahme zur Reduktion von Klimagasen. Die deutschen Autokonzerne haben übrigens genauso erfolgreich eine strengere EU-Richtlinie zur Reduktion des CO2-Ausstoßes von Autos verhindert.

China, Indien und andere Schwellenstaaten dürfen ihre erfolgreiche wirtschaftliche Entwicklung nicht durch Ausgaben für den Klimaschutz gefährden. Das Wirtschaftswachstum ist in diesen Ländern einer der Eckpfeiler der politischen Stabilität. Deshalb sieht die politische Elite die Forderungen des Westens als Trick an, der die Schwellenländer daran hindern soll, noch stärker als bisher zu Konkurrenten des Westens zu werden. Die Öffentlichkeit in diesen Ländern sieht es kaum anders. Auch hier gilt: Natürlich sehen Länder wie Indien und China sich vom Klimawandel bedroht, aber sie sehen eine historische Schuld der alten Industrieländer, die erst beglichen sein will.

Die Vertreter der Entwicklungsländer können es sich nicht leisten, den Gipfel ohne finanzielle Zusagen zu verlassen. Sie sehen sich als Opfer des Westens, und der soll gefälligst für seine Sünden zahlen. Allgemein gilt in den Schwellen- und Entwicklungsländern der CO2-Ausstoß pro Kopf nicht als Index sinnloser Energieverschwendung, sondern als Symbol erstrebenswerten Reichtums. Um etwas verschwenden zu können, muss man es erst einmal haben. Die Industrieländer sehen aber höhere Zahlungen an die Entwicklungsländer sehr skeptisch. In nahezu allen diesen Ländern grassiert die Korruption. Zusätzliche Gelder für Klimaprojekte schmelzen auf dem Weg durch die Institutionen dieser Länder schneller zusammen als jeder Gletscher.

Die Europäer schließlich sind keine uneigennützigen Retter der Erde. Ihre Vorräte an Öl und Gas sind vernachlässigbar gering und sie müssen jetzt Vorsorge für die Zeit treffen, in der diese Energieträger rapide teurer werden. Dazu müssen sie genügend andere mit ins Boot holen, sonst verlieren sie durch teure Anpassungen ihrer Stromerzeugung und Energieverwertung eine Menge Geld und sind international kaum noch konkurrenzfähig. Außerdem ist Klimaschutz in Europa enorm populär, das Scheitern einer vorbereiteten Vereinbarung ist ein Makel für die nächste Wahl. Europäische Konzerne haben derzeit einen weltweiten Vorsprung bei der Entwicklung von umweltschonenden Herstellungsverfahren. Den möchten sie gerne in klingende Münze umwandeln. Das wird aber nur funktionieren, wenn andere Länder strengere Umweltschutzvorschriften erlassen.

Die vielen Organisationen der Klimakaktivisten schließlich konkurrieren untereinander um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Sie brauchen Spenden und Freiwillige für ihre Arbeit. Wer nicht gesehen wird, fällt zurück und bleibt schließlich auf der Strecke. Nicht der Sinn einer Forderung, sondern die spektakuläre Form des Vortrags entscheidet dieses Rennen. Demzufolge verschlingt die Dramaturgie des Aktionsablaufs bereits einen großen Teil der Vorbereitungsarbeit, die inhaltliche Aufarbeitung wird Nebensache. Für einen realistischen Ansatz Bei allen vorangegangenen Konferenzen gab es stets eine Resolution, an die sich niemand gehalten hat, die Idealisten aber stets beruhigt hat.

Der Streit auf dem Kopenhagener Klimagipfel hat die Interessen der Beteiligten zum ersten Mal in aller Deutlichkeit offen gelegt. Es wäre deutlich schlimmer gewesen, wenn noch ein Jahrzehnt mit wohlklingenden und wirklichkeitsfernen Vereinbarungen vergangen wäre. So ist endlich der Weg frei für eine realistische Beurteilung der möglichen Auswege. Wer wirklich den Klimaschutz voranbringen will, muss alle Interessen berücksichtigen und seine Strategie danach ausrichten. Wenn er sich auf den guten Willen aller Beteiligten verlässt, hat er keine Chance. Heißt das also, Klimaschutz ist unmöglich und wir sollten, so wir an der Küste wohnen, schon einmal einen Zweitwohnsitz im Gebirge anmelden? Nicht unbedingt, es heißt nur, dass Schauveranstaltungen wie der Klimagipfel sinnlos sind. Das Interesse der Öffentlichkeit sorgt dafür, dass alle Beteiligten ihren Standpunkt mit Zähnen und Klauen verteidigen. Was ist also zu tun?

Anregungen für die Zukunft

Warum wird Klimaschutz stets als Last dargestellt? Warum werben die Europäer nicht dafür, dass ein Leben in einer sauberen Umwelt das erstrebenswertere ist? Dass die Schwellenländer besser fahren, wenn sie die Fehler der Europäer und Amerikaner nicht wiederholen? Dass Öl und Gas absehbar knapp und teuer werden, während Sonnenenergie stets verfügbar bleibt? Erst wenn ein Sog zum Klimaschutz entsteht, wenn alle Beteiligten überzeugt sind, zum eigenen Nutzen mitwirken zu dürfen (nicht etwa zu müssen), kommen wir voran. Solange aber die Meisten das Gefühl haben, ihnen werde lediglich eine Last aufgebürdet, werden wir kein Ergebnis erzielen. Eher schmilzt das Eis am Südpol.

Thomas Grüter

Veröffentlicht von

www.thomasgrueter.de

Thomas Grüter ist Arzt, Wissenschaftler und Wissenschaftsautor. Er lebt und arbeitet in Münster.

2 Kommentare

  1. Eine erfrischende Perspektive

    Es ist angenehm eine Stimme zu hören, die mit Ausgewogenheit die Dinge beim Namen nennt und gleichzeitig positiv ist. Es werden dieser Tage viele Artikel und Kommentare zu COP15 veröffentlicht und es hat sich eine Art Depression und allgemeine “Schlechtmacherei” eingeschlichen.
    Natürlich haben die Mächtigen sich nicht als Heilsbringer erwiesen. Sie haben getan, was sie immer tun: Sie haben sich von denen beeinflussen lassen, die am meisten Einfluss haben. Sie haben Allianzen und Grenzen gepflegt, wie sie es politischen Rahmen immer tun. Das ist erstens keine Überraschung sondern Kontinuität und zweitens kein Grund sich hinter Anklagen zu verstecken. Das Streben, diese Welt in einem lebenswerten Zustand zu bewahren liegt bei uns allen ganz individuell. EIn Drittel der “Klimagase” lässt sich auf unseren Fleischkonsum zurückführen. Ich habe angefangen meinen zu reduzieren. Das ist gesünder, billiger und gut für die Umwelt (von den Tieren und Regenwäldern mal ganz abgesehen).
    Es gibt viele Möglichkeiten individuell einen Beitrag zu leisten und ich plädiere dafür, das “Scheitern” des Klimagipfels als Weckruf an die Zivilgesellschaft zu verstehen. Es liegt eben doch letztlich bei Ihnen und mir etwas zu tun.

  2. “Es gibt viele Möglichkeiten individuell einen Beitrag zu leisten und ich plädiere dafür, das “Scheitern” des Klimagipfels als Weckruf an die Zivilgesellschaft zu verstehen. Es liegt eben doch letztlich bei Ihnen und mir etwas zu tun.”
    Das ist auch meine Ansicht..
    Gisela

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