Filmrezension: “Auslöschung”

Wie fremd können Aliens sein, und was könnte geschehen, wenn sie wirklich auf die Erde kommen? In dem jetzt auf Netflix veröffentlichten Film „Auslöschung“ gibt der britische Regisseur Alex Garland ganz neue und bedenkenswerte Antworten.

Bisher kennen wir keine intelligenten außerirdischen Lebensformen. Also sind der Fantasie über ihr Aussehen, ihre Motive oder ihre Technologie keine Grenzen gesetzt. Herbert George Wells, der wohl bekannteste Autor von technischen Zukunftsromanen im neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert ließ in seinem Roman „Krieg der Welten“ Marswesen die Erde angreifen. Sie starben glücklicherweise schnell an Infektionen durch irdische Bakterien, gegen die ihr Immunsystem machtlos war. Bis heute geistern kriegerische Aliens immer wieder durch Filme und Bücher. Aber vielleicht betrachten die Bewohner fremder Welten die Menschen überhaupt nicht als Gegner. In dem Buch „Die Feuerteufel“ (1965) des amerikanischen Autors Thomas M. Disch missbrauchen Aliens die gesamte Erde zum Anbau ihrer Kulturpflanzen. Die genoptimierten Hybriden überwuchern alles andere Leben, und die Menschen sehen sich zu Ackerschädlingen reduziert, gejagt von außerirdischen Flammenwerfern.

Im Film „Auslöschung“ treten uns die Aliens noch fremder entgegen, und über ihre Motive erfahren wir nichts. Zu Beginn schlägt ein kleiner Meteorit in einen Leuchtturm an der Küste der USA ein. Um die Einschlagstelle herum wächst unaufhaltsam eine Art gigantische Seifenblase mit irisierendem Rand. Niemand weiß, was sich dahinter verbirgt, denn wer in das Area X genannte Gebiet eindringt, verschwindet spurlos. Funkverbindungen reißen an der Grenzfläche ab, so dass auch automatische Fahrzeuge und Flugkörper keine Aufklärung bringen. Eines Tages kommt unerwartet ein Soldat zurück, der bereits ein jahr verschwunden war. Er fällt ins Koma, bevor er befragt werden kann.

Seine Frau, die von Natalie Portman gespielte Biologin Lena, schließt sich der nächsten Expedition ins Area X an. Die fünf teilnehmenden Frauen betreten ein menschenleeres, mörderisches Wunderland, das von nie gesehenen Kreaturen bewohnt wird. Selbst die Zeit scheint dort anders zu vergehen, und auch geistige Prozesse verändern sich.

Zwei wissenschaftliche Phänomene formen gemeinsam den Schlüssel zum Verständnis der rätselhaften Ereignisse. Zum einen geht es um die Brechung im doppelten Sinne, einmal als die Aufspaltung von Licht nach seiner Wellenlänge, und zum anderen als gewaltsames Zerschlagen von Strukturen. Das zweite Phänomen betrifft die ungezügelte, alles überwuchernde Zellteilung, wie man sie in Tumorzellen findet. Im Area X bricht alles: Licht, Radiowellen, die DNA aller Lebewesen und die Wahrnehmung. Farbige Streifen wie Regenbögen zeigen die Lichtbrechung, Radiowellen werden dermaßen durcheinandergebracht, dass die Verständigung nach außen nicht möglich ist. Die Körper und Geister von Lebewesen verschmelzen zu unmöglichen Chimären. Zugleich schafft das Alien im Zentrum des Geschehens neue, wuchernde Zellkomplexe, die irdisches Leben nachahmen oder durchdringen. Was es will, oder ob es überhaupt etwas will, bleibt unklar. Eine Verständigung, die ja ein Mindestmaß an Gemeinsamkeit voraussetzt, erscheint unmöglich. Wenn es aber weiter ungestört wuchert, wird es das irdische Leben auslöschen. Kann man es aber überhaupt zerstören? Die sichtbare Erscheinung im Zentrum ist vielleicht nur der Primärtumor, der längst unsichtbare Metastasen in die Umgebung entlassen hat …

Schon in seinem mehrfach ausgezeichneten Film „Ex Machina“ (2015) konfrontierte Garland Menschen mit fremdartigen Intelligenzen. Dort geht es aber nur um intelligente Roboter, die der Mensch nach seinem Bild schafft. Ihre Motive und Handlungen bleiben in gewissen Grade menschlich. Das Alien in „Auslöschung“ entzieht sich dagegen von vornherein jedem Erklärungsversuch.

Trotzdem ist Garland, der auch das Drehbuch geschrieben hat, das Kunststück gelungen, den Plot plausibel erscheinen zu lassen. Das Alien ist unbegreiflich, aber seine Aktionen wirken deshalb nicht zufällig oder unsinnig. Die gleichnamige, eher mystisch-abstrakte Buchvorlage von Jeff VanderMeer deutet der britische Regisseur damit auf eine sehr kluge Weise neu aus.

Der Film bietet aber deutlich mehr als nur die spekulative Sicht auf die Begegnung mit dem völlig Fremden. Garland erzählt auch eine sehr menschliche Geschichte von Liebe, Schuld und Sühne und wirft die Frage auf, warum sich Menschen freiwillig einer Expedition anschließen, die wahrscheinlich ihren Tod bedeutet.

Der Film kommt nur in den USA und in China in die Kinos. Er sei zu intellektuell, erklärte einer der Produzenten. In Deutschland läuft er seit dem 12.3. exklusiv auf Netflix. Vielleicht sind die Abonnenten des Streamingportals ja intelligenter als der durchschnittliche Kinobesucher. In jedem Fall kann ich ihnen den Film nur empfehlen. Er ist klug konstruiert, sehr gut gespielt und optisch brillant in Szene gesetzt.

Veröffentlicht von

www.thomasgrueter.de

Thomas Grüter ist Arzt, Wissenschaftler und Wissenschaftsautor. Er lebt und arbeitet in Münster.

11 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Danke für den Hinweis! Habe die Bücher dazu gelesen gelesen (Southern Reach Trilogie) und bin jetzt echt auf die filmische Umetzung gespannt.

  2. Diese Rezension fand ich sehr interessant zu lesen, hatte den Film bereits im Original gesehen.

    Aus meiner Sicht ein ästhetisch schöner, kreativer, nicht zu verrückter Film. In der zweiten Hälfte von Spannung und Aktivierung der Neugierde des Zuschauers ganz ordentlich. Schauspielerische Leistungen fand ich nicht schlecht, die Beziehungsgeschichte dabei etwas schal, aber es gibt in internationalen Rezensionen dazu gemischte Meinungen.

    Ansonsten empfand ich den Film als intellektuell leer und strotzend vor Logiklücken und Schwächen der Immersion: Letztere angefangen bei der (Regierungs-)Reaktion auf diese Bedrohung und die Zusammenstellung/Ausrüstung des “Teams” – extrem unglaubhaft* – bis hin zur eher esoterischen “Brechung”, der Auswirkung des Feuers und der recht berechenbaren Klischee-Endszene.

    Mein Fazit: Unterhaltsam, aber kein Meisterwerk. Schade, denn Potential bot das Material.

    *Z.B. die Begründung, man wolle keine Soldaten mehr schicken, weil diese sich eventuell gegenseitig umgebracht hätten (woher wollte man das wissen? Man hatte keinerlei Informationen). Dies wurde konterkariert mit der Ausrüstung des reinen Wissenschaftlerteams (allein diese Zusammenstellung halte ich im Kontext der US-Behörden für 100%ig ausgeschlossen) mit automatischen Waffen. Außerdem war die Überwachung des Gebietes lächerlich bezüglich Personal- und Materialaufwand, wahrscheinlich ein Budget-Problem des Filmes.

    • Sicher lässt sich hier fragen, ob es realistisch ist, dass ein offenbar mehr als 100 km² großes und ständig wachsendes Gebiet mit unbekanntem Inneren ausschließlich vom amerikanischen Militär auf eine eher passive Art und Weise überwacht wird. Würden nicht eher schwere Waffen zum Einsatz kommen, ganze Hundertschaften eingesetzt werden? Würde der Leuchtturm nicht mit Bombenteppichen belegt? Schließlich ist das Gebiet menschenleer. Und sollte man nicht erwarten, dass internationale Spitzenwissenschaftler mit dem Problem befasst sind? Offenbar wächst Area X seit Jahren, und steht kurz davor, sich auf bewohnte Gebiete auszudehnen.
      Aber ich denke, dieser Maßstab sollte hier nicht angelegt werden. Ebenso könnte man bei Garlands letztem Film “Ex machina” argumentieren, dass ein einsames Genie in einer abgelegenen Villa niemals die Arbeit einer hundertköpfigen Forschungsabteilung leisten kann.
      Es geht in “Auslöschung” um die Frage, ob Außerirdische den Menschen überhaupt ähnlich sein müssen, und ob man überhaupt, ob sie gefährlich sind, und auf welche Weise. Garland beantwortet diese Frage nicht im Stil einer Dokumentation, sondern eben im Stil einer Fiktion.
      Er konstruiert (abweichend von der Buchvorlage) eine Bedrohung, die aus zwei Teilen besteht: der Brechnung, die er als Verwürfelung sieht, und dem Wachstum von Tumorzellen. Ob dies ein absichtlicher Angriff sein soll, oder die Art, wie sich das außerirdische Leben eben Raum verschafft, bleibt unklar.
      Garland konzentriert sich, wie in “Ex machina”, auf wenige Personen. Ich würde “Auslöschung” wie auch “Ex Machina” eher als einen ästhetisch stilisierten Versuch sehen, einen Diskussionsbeitrag zu einem sehr aktuellen Thema zu liefern.
      Und von dieser Warte aus finde ich den Film sehr gelungen, auch über den reinen Unterhaltungswert hinaus.

  3. Wir brauchen keine Außerirdischen, um uns “auszulöschen”. Das schaffen wir auch allein !
    Vielleicht meiden Außerirdische solche Kontakte mit einer solchen merkwürdigen Spezies – aus ihren ethischen und moralischen Gründen…
    Motto: Warum sollen wir beim Waldspaziergang mit Waldameisen kommunizieren . Die verstehen uns ja doch nicht.

  4. Die wahrscheinlichsten und häufigsten Existenzformen besitzen die Fähigkeit zur Vermehrung und die Fähigkeit zur Ausbreitung.
    Vorsicht ist geboten, denn auch mit der spanischen Grippe konnte man nicht verhandeln.

  5. Nur vier Anmerkungen :

    1.) Der Film gehört dem Mystery-Genre an.

    2.) Unverstandene “Aliens” spielten bereits bei der Alien-Saga eine Rolle, auch in ‘Der Krieg der Welten’, von unserem Freund H. G. Wells (vgl. auch mit der Tätigkeit von Orson Welles seinerzeit) erdacht, auch bei der Zombie-Saga, George A. Romero und so, der zuletzt hier wohl (nicht unbedingt erforderlich, wie einige meinen) intellektuell sozusagen ausgebaut hat – und natürlich auch in der Literatur wie der Cineastik anderswo, sozusagen : unendlich oft.

    3.) Dies hier – ‘Garland erzählt auch eine sehr menschliche Geschichte von Liebe, Schuld und Sühne und wirft die Frage auf, warum sich Menschen freiwillig einer Expedition anschließen, die wahrscheinlich ihren Tod bedeutet.’ – ist vermutlich am besten so zu erklären, dass sich Individuen ihren Nachkommen und ihrer Kultur verpflichtet fühlen.

    4.) Die Auseinandersetzung mit einem unbestimmten, womöglich : per se unbestimmbaren Feind, ist den Erdbewohnern fremd – und muss auch nicht die Kinokassen füllen, vgl. mit ‘Er sei zu intellektuell’ [Arikeltext].

    MFG
    Dr. Webbaer (der zuletzt im Kino nicht immer günstige CGI-Effekte feststellen musste)

      • @ Herr Bednarik :

        Auch heute noch, der Erdbewohner kann sie aber nicht als Feind (bedeutet wörtlich : zu Hassender) erkennen, was bei unverstandenen Aliens anders ist (wobei dies irgendwelche Ökologisten oder gar Gaia-Theorie-Befürworter womöglich anders sehen würden, lol, korrekt).

        MFG + Ihnen eine schöne Mittwoche,
        Dr. Webbaer

        • Ob ein Angreifer von Hass, Habgier (Intelligenz), Hunger, Aggression (Tier) oder vom Vermehrungsvorgang (Bakterien, Viren) getrieben wird, das ist völlig unwichtig.
          Entscheidend ist nur die Verteidigungsmethode.

    • Seit einigen Jahren streiten sich die Gelehrten darüber, ob man aktiv versuchen sollte, Kontakt mit Außerirdischen aufzubauen, oder ob man besser schweigen sollte. ich habe darüber vor ungefähr zwei Jahren einen Blog-Beitrag geschrieben. Außerdem ist natürlich nicht klar, wie sich die Menschen eventuell gegen Aliens verteidigen könnten, solange niemand weiß, wie ein Angriff aussehen kann.

Schreibe einen Kommentar