Evolution in den USA nicht populär

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die Psychologie irrationalen Denkens
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Möglicherweise werden die USA ab 2017 von einem christlichen Fundamentalisten regiert, der die Bibel wörtlich nimmt, die Evolutionslehre ausdrücklich ablehnt und den Klimawandel für eine linke Verschwörung hält.

Das lässt eine neue Umfrage des Meinungsforschungs-Instituts PewResearch befürchten. Es fragte im März und April 1.983 US-Amerikaner nach ihrer Meinung zur Evolution. Die Ergebnisse veröffentlichte PewResearch am 30. Dezember 2013. Dabei stellte sie zwei Aussagen zur Wahl:

1. Menschen und andere Lebewesen existieren in der gegenwärtigen Form seit Anbeginn der Zeit.

2. Menschen und andere Lebewesen haben sich im Laufe der Zeit weiterentwickelt („have evolved over time“).

Wer die zweite Alternative wählte, wurde weiter gefragt, ob er der Aussage zustimmen würde, dass die menschliche Evolution rein natürlich und ohne göttliche Eingriffe abgelaufen ist, oder ob er glaubt, dass dass „ein höchstes Wesen die Evolution gesteuert hat, um Menschen und anderes Leben in der gegenwärtigen Form zu erschaffen.“

Erstaunlicherweise glaubt nur etwa ein Drittel der Befragten an eine rein natürliche Evolution. Etwa genauso viele meinen, dass überhaupt keine Evolution stattgefunden hat, und etwa ein Viertel glaubt eine gesteuerte Evolution.

Müssen wir mit einer neuen Wissenschaftsfeindlichkeit in den USA rechnen? Einerseite nein, denn die Zahlen haben sich seit der letzten Umfrage von 2009 nur wenig verändert. Auf der anderen Seite fällt auf, dass bei den Anhängern der Republikanischen Partei zum ersten Mal die Evolutionsleugner in der Überzahl sind. 48% glauben nicht an eine wie auch immer geartete Veränderung der Lebewesen, nur 43% sehen das anders.

Die erstaunlich Karriere des religiösen Fundamentalisten und Politikers Rick Santorum zeigt ebenfalls, wie sehr bei der Grand Old Party1 religiöse Ansichten überhand genommen haben. Santorum saß von 1995 bis 2007 als Vertreter Pennsylvanias im amerikanischen Senat. Er ist ein ausgewiesener Gegner der in den USA geltenden Trennung von Religion und Staat. Im Jahr 2001 schlug er vor, ein Schulgesetz unter anderen um den folgenden Passus zu ergänzen:

„ … where biological evolution is taught, the curriculum should help students to understand why this subject generates so much continuing controversy, and should prepare the students to be informed participants in public discussions regarding the subject [… wo biologische Evolution gelehrt wird, sollte das Curriculum den Studenten zu verstehen helfen, warum das Thema so viel anhaltende Kontroversen auslöst, und sollte die Studenten in die Lage versetzen, mit dem entsprechenden Wissen an der öffentlichen Debatte teilzunehmen.]“

Das war eine Aufforderung, auch die aus der biblischen Schöpfungslehre abgeleitete pseudowissenschaftliche Idee des „Intelligent Design“ an den Schulen zu lehren. „Intelligent Design“ behauptet, dass manche biologischen Funktionseinheiten überhaupt nicht auf dem Wege der Evolution entstanden sein könnten, sondern von vornherein geplant sein mussten.

Die Vorlage schaffte es durch den Senat, wurde aber kassiert, bevor das Gesetz in Kraft treten konnte. Santorum kritisiert auch die Praxis des amerikanischen College-Unterrichts. Mehr noch: Er hält höhere Bildungseinrichtungen für Stätten der atheistischen Indoktrination.

Wenn Rick Santorum damit eine Randerscheinung wäre, könnte man das sicherlich mit einem Schmunzeln quittieren. Tatsächlich hätte er es aber beinahe geschafft, im Jahr 2012 republikanischer Präsidentschaftskandidat zu werden. Nur der spätere Sieger Mitt Romney schnitt besser ab. Für das Jahr 2016 hat sich Santorum bereits eine weitere Kandidatur offengehalten.

Es verwundert nicht, dass unter den Anhängern evangelikaler Freikirchen die Zustimmung sowohl zur Republikanischen Partei als auch zur wörtlichen Auslegung der Bibel am höchsten ist (Santorum ist übrigens Katholik). Die Evangelikalen in den USA sind zwar ein Macht, aber sie sind erstaunlicherweise kaum organisiert. Jede Gemeinde kann sich ihren Pfarrer frei auswählen, es gibt keine Bischöfe und keine verbindliche Auslegung. In kleinen Gemeinden übernimmt das ein Mitglied der Gemeinde ehrenamtlich, größere Gemeinden leisten sich einen bezahlten Pfarrer.

Die größte Organisation ist die Southern Baptist Convention, die auch eigene Ausbildungsstätten für Pfarrer unterhält (Southern Baptist Theological Seminary). Aber auch hier gilt: Der Convent macht keine Vorgaben, was zu glauben ist. Allein das Evangelium ist das Maß der Dinge. Das führt in den Gemeinden dazu, dass die Bibel mangels theologischer und historischer Bildung der Mitglieder (und oft auch der Pfarrer) wörtlich ausgelegt wird. Die Widersprüche im Text werden großzügig übersehen. So hat die Bibel beispielsweise gleich vier Schöpfungsgeschichten, die sich in vielen Einzelheiten widersprechen (Genesis 1,1 – 2,4a, Genesis 2,4b – 25, Psalm 104, Johannes 1,1 – 18).

Man sollte dabei anmerken, dass auch die meisten Republikaner der Wissenschaft allgemein keineswegs ablehnend gegenüber stehen. Das ergab eine ebenfalls im Dezember 2013 veröffentlichte Umfrage der Huffington Post. Allerdings glauben mehr Republikaner als Demokraten (und mehr Frauen als Männer), dass den Wissenschaftlern nicht unbedingt zu trauen ist. Auf die Frage „Generally speaking, how much trust do you have that what scientists say is accurate and reliable [Halten Sie Aussagen von Wissenschaftlern im allgemeinen für zutreffend und verlässlich]?“ waren die Antworten wie folgt verteilt:

 

Demokraten

Republikaner

Männer

Frauen

A Lot (sehr)

48%

33%

40%

31%

A little (etwas)

42%

52%

49%

53%

Not at all (gar nicht)

3%

8%

6%

7%

Not sure (unsicher)

7%

7%

5%

9%

 

Deutlich schlechter kamen Wissenschaftsjournalisten weg. Nur 12% der Befragten trauen ihnen sehr, dafür 26% überhaupt nicht. Für Deutschland habe ich keine Zahlen. Allerdings ist das Ansehen von Journalisten allgemein nicht sehr hoch (siehe Allensbach-Umfrage 2013).

Also, liebe Wissenschaftsjournalisten und Mitblogger, vor uns liegt noch ein hartes Stück Arbeit!

Anmerkungen

1Gängige amerikanische Bezeichnung für die Republikaner, gerne auch als GOP abgekürzt

Thomas Grüter

Veröffentlicht von

www.thomasgrueter.de

Thomas Grüter ist Arzt, Wissenschaftler und Wissenschaftsautor. Er lebt und arbeitet in Münster.

11 Kommentare

  1. Die SBC ist die “Southern Baptist Convention”, also die Zusammenkunft (“convention”), die alle Jahre stattfindet. Ein “convent” ist ein Kloster.

    Die Wahlparteitage der großen amerikanischen Parteien sind auch “conventions”, also Zusammenkünfte.

  2. Nein,nicht die USA als ganzes kommem auf Abwege und werden sektiereriesch, nur die Grand Old Party. Und zwar nicht nur was das Verhältnis Wissenschaft zu Glaube angeht, sondern auch in Bezug auf ökonomische Fragen, wo die Republikaner der Notenbankpolitik feindlich gegenüber stehen und zudem möglichst viele Sozialprogramme wie Medicare/Medicaid oder Lebensmittelgutscheinverteikung ersatzlos streichen wollen. Zuletzt in Aktion hat man die Republikaner erlebt, als sie die Erhöhumg des Schuldendachs verweigerten, was einige Wochen Zwangsferien für viele Bundesbehörden bedeuteten. Doch gerade das hat ihrem Ansehen nachhaltig geschadet. Nicht nur Paul Krugman, auch ein grosser Teil der unentschiedenen Wähler hat sich seither von ihnen abgewendet. Wenn nicht ein Wunder geschieht wird der nächste Präsident, die nächste Präsidentin der USA deshalb wieder ein Demokrat. In den letzten Jahren hat sich die Politik in den USA auf geradezu beängstigende Weise polarisiert, Es stehen sich nicht nur unterschiedliche politische Meinungen, sondern unvereinbare Weltanschauungen gegenüber. Wenn sich die Haltung der US-Bürger gegenüber der Evolutionslehre im Vergleich zu 2009 nicht geändert hat, dann wohl nur darum weil ebensoviel Demokraten und Wechselwähler sich zur Evolution “bekehrt” haben wie sich Republikaner dem Kreationismus angeschlossen haben. Die USA sind ein gutes Beispiel dafür, dass selbst in einem Land, das sich offiziell neutral gegenüber dem Glaubensbekenntnis gibt, sich religiöse und weltanschaukiche Lager ausbilden können, die eine Nation zu zerreissen drohen.

  3. Wenn die Republikaner viele Sozialprogramme ersatzlos streichen wollen, dann passt das leider nicht zur Auslegung der Bibel, und auch nicht zur christlichen Nächstenliebe.

    • Ganz so einfach ist das nicht. Für viele Amerikaner, und besonders für die konservativen, ist die Hilfe für die Armen und Bedürftigen eine persönliche Aufgabe, die man nicht an den Staat delegiert. Sie engagieren sich also mit Geld und Zeit für “Charity”, ein mit “Wohltätigkeit” nur sehr unzureichend übersetzer Begriff. “Charity” setzt aber voraus, dass die Armen ihren Platz in der Gesellschaft akzeptieren und die Wohltaten dankbar entgegennehmen. Das Einfordern von Rechten gilt bei den edlen Spendern eher als Unverschämtheit.
      Viele Konservative sind überzeugt, dass ihr persönliches Engagement viel mehr mit christlicher Nächstenliebe zu tun hat, als die Verlagerung von Armenhilfe an den Staat.

    • Paul Krugman hat in der Kolumne On Fighting the Last War (On Poverty) dieses Thema – Republikaner wollen keine staatliche Hilfe für die Armen wieder angeschnitten. Und er schreibt:

      The trouble is that the American right is still living in the 1970s, or actually a Reaganite fantasy of the 1970s; its notion of an anti-poverty agenda is still all about getting those layabouts to go to work and stop living off welfare. The reality that lower-end jobs, even if you can get one, don’t pay enough to lift you out of poverty just hasn’t sunk in. And the idea of helping the poor by actually helping them remains anathema.

  4. Erschreckend, aber nicht wirklich überraschend. Ich fürchte in Deutschland sieht es nicht sehr viel besser aus; wenn auch mehr auf der fundamentalistisch-christlichen Sicht und nicht so auf der kruden ID Ideologie basierend.

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