Einige Worte zur Genetik, oder: wie Evolution nicht funktioniert

Hat der Glaube einen evolutionären Vorteil? Wenn ja, dann sieht er nicht so aus, wie in den letzten Wochen diskutiert. Denn: So einfach funktioniert Genetik nicht. Beispielsweise sagt die große Kinderzahl der Amish-People nichts über den evolutionären Vorteil der Religion aus und schon gar nichts über eine genetische Disposition des Menschen zur Religion.

Lebewesen lassen sich grundsätzlich in zwei Gruppen einteilen: Die ausgestorbenen und die noch nicht ausgestorbenen. Grundsätzlich wird jede Art früher oder später aussterben. Wenn man also den evolutionären Erfolg einer Spezies betrachtet, dann sollte man immer im Auge behalten, dass ihr biologisches Überleben nur die Verweildauer eines Wanderpokals hat. Keinesfalls gibt die Reihenfolge der Arten eine Rangfolge der Besten wieder. Der Mensch ist dem Dinosaurier oder dem Trilobiten nicht allein deshalb überlegen, weil diese Tierklassen lange vor ihm ausgestorben sind. Die Evolution bringt neue Arten hervor, aber nicht unbedingt bessere. Wer soll das auch beurteilen? Einen unabhängigen Schiedsrichter dafür gibt es nicht.
Die Menschen sehen sich gerne als die Krone evolutionärer Entwicklung an, aber in Wahrheit wird diese Auszeichnung überhaupt nicht vergeben.
Wie findet Evolution statt? Bilden sich ständig neue Mutationen, von denen die besten erhalten bleiben und so eine immer bessere Anpassung an die Umwelt bewirken, im Sinne von Darwins „Survival of the Fittest?“
Antworten wir mit Radio Eriwan: Im Prinzip ja, aber …
DNA und Aussehen (Genotyp und Phänotyp)
Mutationen bedingen eine Veränderung des Erbguts. Die DNA, die Träger der Erbinformation, kodieren Proteine. Sie enthalten den Bauplan der Lebewesen aber keineswegs als einfache Blaupause. Im Gegenteil: Viele Bereiche erzeugen keine Proteine, sondern beeinflussen lediglich Aktivität anderer Abschnitte. In verschiedenen Körperzellverbänden zeigt die DNA ein jeweils charakteristisches Aktivitätsmuster, das wiederum komplizierten Regelvorgängen unterliegt.
Die Ausbildung von äußeren Eigenschaften beruht nur indirekt auf der DNA-Aktivität. Ein Beispiel: Bei der Evolution des Menschen spielte wahrscheinlich die sogenannte Neotenie (=Bewahrung von Jugendmerkmalen) eine wichtige Rolle. Erwachsene Menschen zeigen viele Merkmale, die bei ausgewachsenen Schimpansen verschwunden sind, zum Beispiel das Überwiegen des Hirnschädels gegenüber dem Gesichtsschädel, die Größe des Kopfs im Verhältnis zum Körper und die spärliche Körperbehaarung. Eventuell erleichtert die Neotenie auch den Wechsel zum zweibeinigen Gang. Bei Frauen wirken jugendliche Merkmale wie hohe Stirn oder große Augen besonders anziehend. Die Veränderung der genetischen Regulation der Jugendentwicklung verändert viele äußere Merkmale gleichzeitig, die wiederum Angriffspunkte für weitere Entwicklungen bieten. So bietet das verlängerte Wachstum des Hirnschädels einem stark vergrößerte Gehirn Platz. Andererseits bewirkt ein kleiner Gesichtsschädel, dass die Kraft der Kiefer nachlässt und die Zähne unscheinbar bleiben. Diese Entwicklung konnte sich nur positiv auswirken, wenn die Nahrung durch Kochen oder Braten vorbereitet wurde, also nach der Zähmung des Feuers.
Veränderungen der DNA erzeugen nicht direkt ein einzelnes makroskopisch erkennbares Merkmal des Phänotyps, sie verändern lediglich Regelkreise. Deshalb gibt es mit großer Sicherheit auch kein einzelnes Gen für Religiosität.
Sind wir also, biologisch gesehen, hypertrophe Affenbabys? Also, im Prinzip … sollten wir uns mit wichtigeren Fragen befassen.
Umwelt, Selektion und Gendrift
Bei der Selektion setzt sich ein Merkmal durch, wenn es zu mehr lebensfähigen Nachkommen führt. Diese Wirkung ist aber immer an eine bestimmte Umwelt gebunden. Je genauer die Anpassung, desto größer das Risiko, bei einer Änderung der Umweltbedingungen auszusterben. Ein Beispiel: Die Sichelzellenanämie ist eine Erbkrankheit, bei der die roten Blutkörperchen ihre Form verändern und dazu neigen, in den kleinsten Blutgefäßen stecken zu bleiben und den Blutfluss zu unterbinden. Deshalb leben die Betroffenen mit der homozygoten Form der Krankheit meist nicht allzu lange. Menschen mit der heterozygoten Form zeigen aber wenig Krankheitssymptome und sind gegen Malaria resistent. In Gebieten mit einer hohen Malariasterblichkeit hat sich das Gen deshalb verbreiten können, anderswo aber nicht.
Grundsätzlich haben sich Menschen (und Ratten) über die Welt ausgebreitet, weil sie eben nicht
perfekt an eine bestimmte Umwelt angepasst sind.
In einer kleinen isolierten Gemeinschaft kann ein zufällig überwiegendes Gen alle anderen verdrängen (Gendrift). Alle Menschen sind genetisch betrachtet, sehr eng verwandt. Viele Wissenschaftler vermuten deshalb, dass die Gesamtzahl ihre Vorfahren vermutlich mindestens einmal auf weniger als 10.000 Individuen geschrumpft war. Die Gendrift mit ihrer zufälligen Auswahl von Genen spielt deshalb eine wichtige Rolle bei der Menschwerdung.
Es ist deshalb falsch zu sagen, dass ein allgemein vorhandenes Merkmal entweder einen positiven Effekt auf die Fortpflanzung haben muss, oder auf einem solchen Merkmal huckepack gereist ist. Die Wahrheit ist sehr viel komplizierter.
Beispielsweise könnte die Disposition zur Religion eine Wirkung der Neotenie sein. Kindliche Gehirne sind so beschaffen, dass die Kinder den Erwachsenen ein besonderes Vertrauen entgegen bringen. Wenn aber kindliche Gehirnmerkmale bis ins Erwachsenenalter bestehen bleiben, dann würde das Vertrauen auf eine Art Übervater und Übermutter transferiert, eben göttliche Wesen (das ist nur meine Spekulation, keine wissenschaftliche Theorie).
Evolution braucht Zeit
Bis genetische Veränderungen sich durchsetzen, vergeht im Allgemeinen ein lange Zeit. Beim Menschen wären die ca. 8000 Jahre sesshafter Lebensweise kaum lang genug dafür, es sei denn, der Selektionsdruck wäre extrem (war er aber nicht).
Wenn die Amish also derzeit eine sehr starke Vermehrungsrate zeigen, besagt das nichts über die genetische Verankerung der Religion, denn die Umwelt der Amish entspricht nicht der des Homo Sapies der letzten 100000 Jahre.
Ebenso beweist eine Momentaufnahme der Kinderzahl von Moslems, Hindus, Christen und Atheisten nichts über evolutionäre Vor- oder Nachteile der Religion. Zunächst ist nicht klar, ob Religiosität vererbt wird. Wenn es vererbt würde, wären Atheisten übrigens auch genetisch bedingt ungläubig, und nicht bekehrbar.
Der Religionsmonitor 2008 der Bertelsmann Stiftung findet zwischen 1982 und 2007 keinen Rückgang nicht religiöser Weltbilder in Deutschland. Für Europa stellt er sogar fest, dass die Entkirchlichung anhält. Die besonders religiösen Länder Italien und Polen haben einen deutlich niedrigeren Geburtenüberschuss als das eher säkulare Frankreich.
Die höhere Kinderzahl von religiösen Menschen hat nur dann einen Vorhersagewert für die Ausbreitung der Religion, wenn ihre Kinder (kulturell oder genetisch bedingt) wiederum religiös werden. Zumindest für die letzten 25 Jahre ist das aber nicht belegt.
Fazit: Bisher kann ich nicht erkennen, dass
a) die Religion genetisch verankert sein muss, weil sie
b) einen evolutionären Vorteil bietet und
c) dass religiöse Menschen auch religiöse Kinder haben und die Atheisten deshalb langfristig aussterben.

Veröffentlicht von

www.thomasgrueter.de

Thomas Grüter ist Arzt, Wissenschaftler und Wissenschaftsautor. Er lebt und arbeitet in Münster.

11 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Na ja, man könnte aber auch spekulieren, dass genetisch Eigenschaften verankert sind, die religiöses Verhalten begünstigen und indirekt von der größeren Vermehrungsrate der Religiösen profitieren. Es wäre auch denkbar, dass Frauen eher die Schiene der Gläubigen abdecken und Männer eher für Atheismus oder den Geschäftszweig der Religionsstiftung oder der Simulation von Gläubigkeit zuständig sind.

  2. @Thomas Grüter

    Völlig richtiger grundlegender Einwand.

    Und ein zweiter grundlegender Einwand: was unterscheidet die religiösen Menschen in diesen Untersuchungen eigentlich von den nichtreligiösen, abgesehen von dem Bekenntnis. Peter Sloterdijk bestreitet in seinem jüngsten Buch “Du mußt dein Leben ändern” mit guten Gründen und in seinem artifiziell-ironischen Stil, daß es Religion gibt. Wenn man ihm zustimmt bleibt als einziger Unterschied vielleicht die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeninschaft bestehen, während nichtreligiöse Organisationen gegenwärtig eine entsprechende soziale Unterstützung seltener bieten können. Und das würde auch zwanglos die höhere Kinderzahl erklären, wo es diese gibt.

  3. Ich finde halt etwas unsauber gedacht, dass psychische, soziale und biologische Systeme vermischt werden. Ich mag auch hier wieder einmal dazu einladen, sie als operational geschlossen aber strukturell gekoppelt zu betrachten.

    Soziale (und auch psychische Systeme) operieren im Medium Sinn, was sie realisieren indem Kommunikationen an Kommunikationen (soziales S.) oder Gedanken an Gedanken (psychisches S.) anschliessen.

    Jedes dieser Systeme ist für das andere Umwelt.

    vgl. z.B. Strukturelle Kopplung

    Durch das gegenseitige zur-Verfügung-Stellen von Komplexität und über die strukturelle Koppelung mögen Religion (psychisches und soziales System) für Genetik (biolog. System) bedeutsam sein.

    Bisher lese ich auf beiden Seiten der Argumentation aber nur Deterministisches.

  4. Ja und Nein

    Danke für den Beitrag. Da wohl auch meine Forschungen angesprochen sind (?), gerne ein paar (er-)klärende Worte.

    1. Ich kenne keinen Forscher, der behaupten würde, dass die Amischen (oder irgendeine andere Religionsgemeinschaft) eine bestimmte Genetik aufweisen würden. Es gibt Amisch- oder Buddhismus-Gene ebensowenig wie Deutsch- oder Französisch-Gene. Aber selbstverständlich gibt es genetische Grundlagen der Sprachfähigkeit, die uns dann wiederum erlaubt, Deutsch oder Französisch zu lernen. Die Befunde z.B. von Zwillingsstudien ergeben bei Musikalität, Intelligenz und eben auch Religiosität das entsprechende Bild. Wo sollten diese Strukturen menschlichen Verhaltens, das weltweit beobachtbar ist, auch sonst veranlagt sein, wenn nicht in Genen und (dann) Gehirnen?
    Gene für Glauben? Neues aus der Verhaltensgenetik

    2. Die Amisch sind also keine “Spezies” (sie stammen aus dem 17. Jahrhundert aus dem Bereich Süddeutschland – Schweiz – Elsaß), sondern vielmehr eine (unter vielen) Fallstudien für die Frage, ob Religiosität mit Fortpflanzungserfolg einhergehen “kann”. Andere Beispiele wären Mormonen, orthodoxe Juden, Hutterer usw., die ebenfalls je keine eigenen Spezies bilden (zumindest kenne ich keinen seriösen Forscher, der so etwas behaupten würde). Die Shaker haben dagegen auf Fortpflanzung völlig verzichtet. Es bietet also nicht einfach pauschal “Religion einen evolutionären Vorteil”, sondern Religiosität (ebenso wie Musikalität und Sprachfähigkeit) ein Potential, das sich kulturell reproduktiv erfolgreich ausprägen “kann”.

    3. Genau deshalb prägen sich Sprachen, Musiken und Religionen stets in einem historischen und soziokulturellen Kontext aus, sie sind Teil unserer biokulturellen, gerade nicht eng festgelegten Ausstattung. Ich kenne ebenfalls keinen ernsthaften Forscher, der vertreten würde, Religiosität habe vor 8.000 Jahren begonnen. Die ersten gesicherten Spuren, Bestattungen, finden wir bei Homo Sapiens und Homo Neanderthalensis seit der mittleren Altsteinzeit – also mindestens seit mehreren tausend Generationen. Und seitdem haben wir eine Zunahme der Funde und Befunde, was ebenfalls ein Indiz (nicht mehr, nicht weniger) auf einen evolutionären Selektionsvorteil darstellt.

    4. Selbstverständlich haben religiöse Eltern auch bisweilen atheistische Kinder und vice versa, ganz abgesehen von Religionswechseln. Wieder kenne ich keinen ernsthaften Forscher, der das bestreiten würde. Vor allem in wohlhabenden Gesellschaften gibt es sogar einen weiterhin starken Trend zur Säkularisierung! Nur gleichen die durchschnittlich höheren Geburtenraten von religiös vergemeinschafteten Menschen diesen Effekt teilweise oder sogar vollständig aus, wie sich vor allem in den USA und Israel und inzwischen auch in Europa beobachten lässt. Dieser “reproductive benefit” religiös vergemeinschafteter Menschen wird weltweit beobachtet, sei es in Studien oder Auswertungen ganzer Volkszählungen. Dass das Merkmal Religiosität von Stammes- bis zu Weltreligionen heute den Fortpflanzungserfolg steigern “kann”, ist ein weiterer, starker Hinweis darauf, dass dies auch in unserer Evolutionsgeschichte möglich war – nicht mehr und nicht weniger. Eine Auflistung frei zugänglicher Studien Dutzender verschiedener Demographen, Ethnologen usw. hier:
    Religiosity is adaptive

    Insofern freut es mich und ich danke Thomas Grüter dafür, dass dieser Beitrag hier einigen Irrtümern widerspricht, die offenbar irgendwo aufgeschnappt wurden, aber nicht dem Stand der ernsthaften Evolutionsforschung zur Religiosität entsprechen.

    Eine übrigens gerade auch die Beiträge von Psychologen würdigende Einführung in die aktuelle Forschung bietet dagegen u.a. auch Thema in Gehirn & Geist, Artikel kostenlos abrufbar hier:
    Homo religiosus

    Als Fachpublikationen zum Thema liegen inzwischen auch mehrere Monographien und Tagungsbände vor, auch da ist also niemand mehr auf wilde Spekulationen angewiesen, was Evolutionsforschung zur Religiosität denn angeblich so tue oder aussage. Stattdessen schließt die Religions- schlichtweg mit der Sprach- und Musikwissenschaft (auch) naturwissenschaftlich auf und hat den “Es könnte ja sein…”-Status auf der Basis empirischer Arbeiten schon einige Zeit hinter sich.

    Vielen Dank und herzliche Grüße!

  5. @ Jürgen Bolt

    Danke auch für Ihre Überlegungen!

    Und ein zweiter grundlegender Einwand: was unterscheidet die religiösen Menschen in diesen Untersuchungen eigentlich von den nichtreligiösen, abgesehen von dem Bekenntnis.

    Genau das macht die Frage ja so spannend! Die Amischen sind z.B. ganz “normale” US-Amerikaner deutscher Herkunft, deren Lebensweise und außerordentlich hohe Kinderzahl also nicht ohne den Faktor “religiöse Vergemeinschaftung” zu erklären ist. Es sind eben keine Mutanten, sondern religiös vergemeinschaftete Menschen einer bestimmten Tradition!

    Peter Sloterdijk bestreitet in seinem jüngsten Buch “Du mußt dein Leben ändern” mit guten Gründen und in seinem artifiziell-ironischen Stil, daß es Religion gibt. Wenn man ihm zustimmt bleibt als einziger Unterschied vielleicht die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeninschaft bestehen, während nichtreligiöse Organisationen gegenwärtig eine entsprechende soziale Unterstützung seltener bieten können. Und das würde auch zwanglos die höhere Kinderzahl erklären, wo es diese gibt.

    Diese Hypothese ließe sich ganz einfach erhärten, indem (abgesehen von den demografischen Vergleichsstudien, die wir mal generös übergehen) säkulare Gemeinschaften aufgezeigt würden, die auch nur wenige Generationen hindurch vergleichbare Geburtenzahlen aufweisen würden wie beispielsweise die Amischen, Mormonen, orthodoxen Juden seit Jahrhunderten oder -tausenden. Solche sind der Wissenschaft aber weder historisch noch aktuell bekannt. Ein interessanter Vergleichsfall ist dagegen z.B. die israelische Kibbutzbewegung, die anfangs überwiegend säkular geprägt war. Aber die säkularen Kibbutzim sind heute demografisch und wirtschaftlich in der Krise, wogegen die Minderheit religiöser Kibbutzgemeinden nach wie vor reproduktiv und ökonomisch floriert. Richard Sosis konnte kooperative Unterschiede sogar in Experimenten nachweisen.

    Und auch unter Diskriminierung bleibt der reproductive benefit erhalten: Als kurz nach dem Ende der roten Diktatur endlich freie Forschung möglich war, wiesen die religiösen Minderheiten der ehemaligen DDR deutlich höhere Geburtenzahlen als die säkularisierte Mehrheit auf, obwohl der Staat hier erklärt religionsfeindlich agierte.

    Dass Religiosität auch reproduktiv keine eigenständige Wirkung entfalten könnte, wäre also denkbar gewesen, darf nach derzeitigem Erkenntnisstand aber als kaum haltbar gelten.

  6. @Michael Blume

    Lieber Michael, ich bin dir sehr dankbar für den ausführlichen Kommentar. Er stellt einiges klar, aber er illustriert auch die von mir beklagten Missverständnisse zwischen Genetikern und Religionsforschern. So schreibst du: „Ich kenne keinen Forscher, der behaupten würde, dass die Amischen (oder irgendeine andere Religionsgemeinschaft) eine bestimmte Genetik aufweisen würden.“
    Nun stammen die Amish (hier speziell die Old Order Amish) von nur ganz wenigen Familien ab und zeigen deshalb eine hohe genetische Übereinstimmung mit der Folge, dass sie recht häufig an Erbkrankheiten leiden. Es gibt eine ganze Reihe von wissenschaftlichen Veröffentlichungen zu diesem Thema, zum Beispiel hier (http://www.biomedcentral.com/1471-2350/9/67). Die Amish demonstrieren damit, welche Folgen die sogenannte Gendrift haben kann. Eine Gemeinschaft, die sich durch ihre Religion abschottet, muss aus genetischer Sicht eher mit Nachteilen als mit Vorteilen rechnen. Für die amerikanischen Hutterer gilt übrigens das gleiche. Zumindest dieser Aspekt der Evolutionsbiologie der Religionen sollte bei den Diskussionen berücksichtigt werden. In den Arbeiten auf deiner Homepage habe ich aber keinen Hinweis darauf gefunden.

    Der Begriff von „Spezies“ (oder Tierart) in deinem zweiten Punkt entspricht nicht ganz dem der Genetiker. Wären die orthodoxen Juden, Amish oder Hutterer eine eigene Art, hätten sie sich so weit vom Genpool anderer Menschen getrennt, dass sie mit ihnen nur noch eingeschränkt fortpflanzungsfähige Nachkommen zeugen könnten. Das steht nun wirklich nicht zu Diskussion, denn bis es soweit wäre, müssten mindestens tausend Generationen geboren werden.

    Religiosität ist kein einzelnes Merkmal, es ist ein abstrakte Zahl, die aus Fragebögen gewonnen wird. Es gibt, zumindest soweit mir bekannt ist, keine Definition, die weltweit allgemein anerkannt ist und es gibt nach wie vor mehrere Fragebögen mit nur teilweiser Übereinstimmung.

    Ich stimme voll mit dir überein, dass Religiosität heute den Fortpflanzungserfolg steigern kann – aber sie muss nicht. Wenn man gegenwärtig in Deutschland eine höhere Kinderzahl bei Menschen feststellt, die häufiger beten, dann sollte man sich auch die Frage vorlegen, warum in den letzten 25 Jahren die Anzahl der Atheisten nicht abgenommen hat und warum, wie in Welt online berichtet, die Zahl der Kinder pro Frau im eher atheistischen Ostdeutschland inzwischen wieder genauso hoch ist wie im deutlich religöseren Westen.

    Für eine wirkliche wissenschaftliche Diskussion (die ich gerne führen würde) ist hier sicher nicht der richtige Platz. Der Auslöser meines Artikels war die sehr plakative Darstellung in Focus online . Da purzeln die Pauschalaussagen nur so übereinander. Die Atheisten, heißt es da, „schaffen sich selber wieder ab“ – mangels Nachwuchs. Du wirst zitiert mit der Aussage „Die Säkularen, die sich als Speerspitze des Fortschritts verstehen, sind in der Folgegeneration stets schwächer vertreten“, was sich allerdings in den letzten hundert Jahren nicht nachweisen läßt. Ich nehme mal an, dass du etwas verkürzt wiedergegeben bist. Auch die Aussage: „Die Männer können beim weiblichen Geschlecht punkten, wenn sie sich religiös gebärden“, kann ich nicht bestätigen, zumindest läßt der Stand der empirischen Attraktivitätsforschung eine solchen Schluss nicht zu.

    Ich meine, dass die Forschung zu den biologischen Grundlagen der Religion noch ganz am Anfang steht. Genetik und Evolution sind komplexer, als man noch vor wenigen Jahrzehnten gedacht hat, und müssen deshalb sorgfältig berücksichtigt werden.

  7. Schwanzfedern

    Am interessantesten fand ich den vorletzten Absatz im Focus-Artikel:

    “Mehr Chancen auf einen Sexpartner: Die Männer können beim weiblichen Geschlecht punkten, wenn sie sich religiös gebärden und so Zuverlässigkeit und Treue signalisieren – als ein attraktives Merkmal wie die Schwanzfedern beim Pfau.”

    Ich nehme mal an, daß Dr. Blume auch dort verkürzt wiedergegeben worden ist 🙂

    Ich hatte schon davon gehört, daß es nach Vorträgen von Dr. Blume oft zu spontanen Masseneintritten junger Männer in die örtlichen Kirchgemeinden kommt. Jetzt verstehe ich auch, warum.

  8. @ Thomas: Klar! 🙂

    Lieber Thomas,

    danke für Deine Antwort. Natürlich muss ein Artikel, der auf 2 Seiten mit Bildern und Grafiken einen ganzen Forschungszweig darstellen will, zuspitzen und verkürzen. Und so stammt der Satz z.B. mit den Säkularen völlig zu Recht aus der Frage, warum es soweit wir wissen nie eine freiheitliche Gesellschaft gegeben hat, in der Religionen ausgestorben wären, denn schließlich weisen alle wohlhabenden Gesellschaften offene oder verdeckte Säkularisierungsprozesse auf (die Menschen benötigen z.B. Sozial- und Freizeiteinrichtungen der Religionen nicht mehr, es bieten sich weltanschauliche und soziale Alternativen etc.). Dass aber nie eine Nulllinie erreicht wurde, ist Folge der Demografie. Und ob 80% oder 20% einer Population religiös vergemeinschaftet sind – der (biologisch entscheidende) Reproduktionsvorteil besteht, soweit wir sehen, eben (zumindest in freiheitlichen Gesellschaften) immer.

    Zu Amischen, orthodoxen Juden etc. gibt es inzwischen eine ganze Reihe auch genetischer Studien, die hoch spannend sind. Aber dass Du es darstelltest, als ob irgendjemand diese Menschen als eine distinktive Art bezeichnen würde, fand ich doch etwas… schwer verdaulich. Danke, dass Du das jetzt klar stellst.

    Und natürlich, da stimmen wir überein, ist Religiosität als biokulturelles Phänomen sowohl polygen veranlagt wie schwer gegen andere Merkmale abgrenzbar. Aber das gilt doch für Musikalität, Sprache, Intelligenz u.v.m. ganz genau so – und niemand käme deswegen auf den Gedanken, diesen Merkmalen eine genetisch-biologische Grundlage und Erfolgspotential abzusprechen!? Warum ticken so viele Menschen aus, sobald Religiosität einfach so erforscht wird wie andere Aspekte menschlicher Natur auch?

    Es ist für mich einfach immer wieder überraschend, wie emotional und auch irrational bisweilen gerade auch Menschen, die sich für vernünftig und wissenschaftlich halten, auf die Befunde zur Evolutionsforschung zur Religiosität reagieren, die ihnen nicht in die eigene Weltanschauung zu passen scheinen. Von völlig unsachlichen “Entgegnungen” (meist ohne jede vertiefte Lektüre der Originalbefunde) über Beleidigungen, wirren Verschwörungstheorien bis zu Cyberstalking habe ich da in den letzten Monaten staunend schon viel erlebt. Anfangs noch verletzt, inzwischen aber mit heiterem, erstaunten Interesse. Denn Du hast m.E. mit Deinem Blogmotto und sicher auch vor dem Hintergrund Deiner Buchrecherchen völlig Recht: Die Psychologie des Menschen ist nun einmal immer auch eine Psychologie irrationalen Denkens!

    Danke also auch für diese Blogdiskussion, herzliche Grüße!

    Michael

  9. ERS durch Iran-Wahl bestätigt

    Eine überzeugende Bestätigung der Thesen zur Evolutionären Religionswissenschaft (ERS) ist auch das Wahlergebnis im Iran.

    Während die Gruppen mit “höherer Verbindlichkeit” sich innerhalb von nur 4 Jahren von gut 50 Prozent auf 63 Prozent verbessert haben, haben die Verteter eines “liberaleren, wissenschaftlichen, gebildeten” Islam massiv an Prozenten verloren, so wie es die Theorien der wissenschatlichen Religionsdemografie ja auch vorhersagen.

    Irritierend dabei ist allerdings, daß bisher alle Wissenschaftler die demografische Entwicklung anders eingeschätzt hatten: sie waren der Meinung, in den (eher Mussawi zuneigenden) großen Städten sei die Bevölkerung viel rascher gewachsen als in den (eher Amadinedschad zuneigenden) ländlichen Regionen.

    Aber alle diese Wissenschaftler, Empiriker und Statistiker sind ja jetzt eindeutig widerlegt durch das Wahlergebnis, das inzwischen auch vom Wächterrat offiziell bestätigt wurde. (Vielleicht brauchen wir auch in Deutschland einen Wächterrat, der den Empirikern und den “liberaleren, wissenschaftlichen, gebildeten Mainline-Kirchen” mal erklärt, warum ihre Statistiken falsch sind?) Jedenfalls eine grandiose Bestätigung für die wissenschaftliche Religionsdemografie.

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