Don’t Panic!

BLOG: Gedankenwerkstatt

die Psychologie irrationalen Denkens
Gedankenwerkstatt

Wenn Sie als junger Wissenschaftler überlegen, ob Sie einen lieb gewordenen Blog weiterführen können, oder der Einladung von Scilogs zum Bloggen folgen dürfen, dann sollten Sie nicht lange überlegen. Bloggen schadet Ihrer Karriere nicht. Ganz sicher nicht.

Wie kann ich das so apodiktisch behaupten? Lassen Sie mich die Beweisführung kurz erläutern (und sagen Sie mir, ob Sie einen Fehler finden). Ein Blog ist eine Art Tagebuch. In einem Wissenschaftsblog schreiben Sie über Dinge aus Ihrem Fachgebiet (im weitesten Sinne), die Ihnen aufgefallen sind, oder die Ihnen wichtig genug erscheinen, um erläutert zu werden. Damit sind Sie öffentlich sichtbar, und natürlich angreifbar. Eventuell fühlt sich jemand beleidigt oder Ihre Kollegen bekommen den Eindruck, dass Sie bei gemeinsamen Forschungsvorhaben den Ruhm einstreichen möchten, indem Sie als erster darüber berichten. Wäre es also besser, öffentlich möglichst wenig in Erscheinung zu treten?

Nein, das ist keine Alternative. Als Wissenschaftler sind Sie heutzutage ständig in der Öffentlichkeit. Der Gelehrte im Studierstübchen oder einsame Forscher im Labor ist eine vom Aussterben bedrohte Spezies. Heutige Wissenschaftler, selbst Doktoranden mit halben Stellen, sind voll in die Lehre eingebunden. Sie halten Vorlesungen, leiten Seminare, betreuen Praktika. Und natürlich wird erwartet, dass sie zu Konferenzen und Workshops fahren, um sich mit Kollegen auszutauschen. Die meisten haben auch Accounts auf Facebook, Twitter und vielleicht Researchgate. Gewöhnen Sie sich daran: Als Wissenschaftler sind Sie ein öffentlicher Mensch. Möglicherweise gab es mal eine Zeit, in der jeder, der im Internet seine Meinung kundtat, eher misstrauisch beäugt wurde, aber das ist definitiv vorbei1.

Wer vor Studenten seine Kollegen schlechtmacht, wer auf Kongressen auf seinen Chef schimpft, wer bei 236 Facebook-Freunden über die Arbeitsbedingungen in seinem Institut lästert, der braucht keinen Blog mehr, um sich seine Karriere zu ruinieren. Und natürlich ist ein Blog nicht mehr als ein Hobby. Wie jede Freizeitbeschäftigung darf es die reguläre Arbeit nicht behindern. Mir persönlich ist kein Fall bekannt, in dem jemand allein oder vorwiegend durch seinen Blog die Berufung auf einen Lehrstuhl verpasst hat.

Man muss nicht darauf schielen, ob irgendeine Lebensäußerung die Karriere behindern könnte. Wer ständig mit stromlinienförmig angelegten Ohren herumläuft und die drei weisen Affen zu seinen wichtigsten Karriereberatern erkoren hat, sollte ohnehin kein Blog schreiben. Er sollte eigentlich auch kein Wissenschaftler werden, denn die lebendige Wissenschaft nährt sich von Kontroversen. Lehrmeinungen müssen ständig hinterfragt werden, sonst erstarrt die akademische Gemeinschaft in scholastischen Spitzfindigkeiten.

Also: Wer sich berufen fühlt, einen Blog zu schreiben, sollte sich nicht abhalten lassen. Wie Michael Blume eloquent und überzeugend ausgeführt hat, können Sie Ihre Karriere damit sogar befördern.

Übrigens: Martina hat sich zu dem Thema eine sehr humorvolle Zeichnung ausgedacht.

 

[1] heise online stellt heute (2.5.2012) in einer Kurzmeldung das Buch Der entfesselte Skandal des Medienwissenschaftlers Bernhard Pörksen vor. Der Autor vertritt darin die These, dass im Zeitalter der Smarthandys alles ständig mitgeschnitten werden kann und damit potenziell weltöffentlich ist.

Thomas Grüter

Veröffentlicht von

www.thomasgrueter.de

Thomas Grüter ist Arzt, Wissenschaftler und Wissenschaftsautor. Er lebt und arbeitet in Münster.

8 Kommentare

  1. Schadet doch

    “Bloggen schadet Ihrer Karriere nicht. Ganz sicher nicht.
    Wie kann ich das so apodiktisch behaupten?”

    Ich habe kürzlich unter “Warum dieser Blog” in “Landschaft & Ökologie” (Chronologs) das Gegenteil behauptet und ausführlich begründet, eben aber in einem längeren Kommentar im Blog “Der Islam” (auch Chronologs) ein wenig differenziert und zugegeben, daß es Ausnahmen gibt, in denen das Bloggen nicht schadet. Aber eben nur Ausnahmen.

  2. @Ludwig Trepl

    Es ist wirklich spannend zu sehen, wie sehr sich das Bild der Wissenschaft wandelt. Sie vertreten die sehr traditionelle Sichtweise, nach ein Wissenschaftler sich nicht mit der Öffentlichkeit abzugeben hat. Sie wird ihn sowieso nicht ganz verstehen, und so hält man sich davon fern. Das ist aber definitiv vorbei. Universitäten suchen die Öffentlichkeit, sie erwarten von den Forschern, dass sie zumindest der Pressestelle der Universität verständlich erklären können, was sie leisten und warum das wichtig ist. Vielleicht ist meine Sichtweise auch von meinem Fach beeinflusst: Als Arzt bin ich verpflichtet, den Patienten verständlich zu erklären, welche Krankheit ich bei ihnen vermute, welche diagnostischen Maßnahme ich ergreifen möchte und wie ich ihm helfen kann. Ich habe das immer sehr ernst genommen, weil es auch eine gewisse Selbstkontrolle darstellt. Ich habe das immer so gesehen: Was ich nicht verständlich erklären kann, habe ich möglicherweise selbst nicht recht begriffen.
    Ich habe selber auch einige Erfahrungen mit Berufungen. Zumindest für mein Fach kann ichsagen, dass die Frage, ob jemand einen Blog schreibt oder populärwissenschaftliche Bücher veröfentlicht, niemanden interessiert. Bei den meisten Berufungsverfahren hat (vorsichtig ausgedrückt) ein Kandidat schon im Vorfeld deutlich bessere Chancen als alle anderen. Wenn er sich nicht in letzter Sekunde einen Skandal leistet, kann er schreiben was er will.
    Die verständliche Darstellung von Wissenschaft ist heutzutage wichtig und wird immer wichtiger. Die verächtliche Bezeichnung “Popularisierer” ist nicht angebracht und zeugt von einer unzeitgemäßen akademischen Arroganz.

  3. @ Thomas Grüter

    (zu mir:) „Sie vertreten die sehr traditionelle Sichtweise, nach ein Wissenschaftler sich nicht mit der Öffentlichkeit abzugeben hat. …. Die verächtliche Bezeichnung “Popularisierer” ist nicht angebracht und zeugt von einer unzeitgemäßen akademischen Arroganz.“

    Nein, ich vertrete nicht diese Sichtweise, ich beschreibe sie nur, und „Popularisierer“ bin ich auch und war es von Anfang an.

    Wenn ich diese Sichtweise aber beschreibe, dann sage ich damit auch: wenn ihr „popularisieren“ wollt, dann macht das im Bewußtsein der Risiken. Man sollte jungen Leuten nicht dazu verleiten, leichtfertig etwas zu tun, was ihnen dann schadet. Man sollte sagen, daß sie das tun sollen, was auch Sie meinen, daß sie tun sollen, denn es ist richtig, aber man sollte dazu sagen, daß es riskant ist.

    Daß die Universitäten heute aus bekannten Gründen sehr auf PR setzen, bedeutet nicht viel. Es gibt Gesetze der Wissenschaftsentwicklung, die sich durch solche Neuerungen im Universitätswesen (de-facto-Umwandlung der Universitäten in Firmen usw.) nicht außer Kraft setzen lassen. Paradigmatisierung einer Wissenschaft bedeutet nun einmal, daß die Sprache esoterisch wird, daß die „Gemeinde“ sich nur noch um sich selbst kümmert, daß sie nicht mehr versteht, was außen vorgeht, daß das für die Binnenentwicklung nicht mehr „zählt“, daß gerade in dieser Blindheit ein wesentliches Erfolgsgeheimnis der normal sciences liegt usw. – halt all das, was seit Thomas Kuhn, also seit über einem halben Jahrhundert ein Allgemeinplatz geworden ist. Diese Theorien sind natürlich umstritten, doch das für unsere Frage Wesentliche wird auch aus ganz anderer theoretischer Richtung bestätigt. Man kann nicht so tun, als gäbe es diese Erkenntnisse der Wissenschaftstheoretiker nicht, wenn man über Fragen von Möglichkeit und Relevanz der „Wissenschaftskommunikation“ reden will.

    In diesem Punkt – was ich „vertrete“ – sind wir uns also wohl gar nicht uneinig, Sie haben mich nur falsch verstanden. Nicht einig sind wir uns aber in der Einschätzung der aktuellen Situation. Ich meine: Wenn die Universitäten heute wollen, daß die Wissenschaftler ihre Ergebnisse nach außen tragen, dann hat das nicht das Geringste damit zu tun, daß es nun erwünscht wäre, die Öffentlichkeit über die Wissenschaft aufzuklären, die Wissenschaft transparent zu machen, die Allgemeinheit selbst im wissenschaftlichen Geist zu bilden und was man alles einst mit diesem Nach-außen-Gehen verbunden hat.

    Im Gegenteil: Mit dem, was einst unter „Intellektuelle Öffentlichkeit“ gemeint war, DARF diese „Wissenschaftskommunikation“ nichts mehr zu tun haben. Es handelt sich um Reklame wie bei jeder andere Firma auch: Die Produkte, die sich vorzeigen lassen, werden angepriesen. Daß man in vielen wichtigen Dingen nichts weiß, daß es Streit gibt – all so etwas aber hat unter der Decke zu bleiben, und das war früher längst nicht so. Sie sind Mediziner und wissen es vielleicht noch: Der Streit zwischen den beiden psychologischen Instituten der FU (um die richtige Theorie) war vor Jahrzehnten ein großes öffentlichen Thema; die heutige Universitätsleitung würde aber mit Sicherheit versuchen, ihn vor der Öffentlichkeit zu verbergen, und wahrscheinlich gelänge ihr das auch ziemlich gut.

  4. @Ludwig Trepl

    Zunächst Danke für die Klarstellung Ihrer Position. Da habe ich wohl ihren Beitrag “Warum blogge” etwas zu kursorisch gelesen. Tut mir Leid, wenn ich Sie da etwas aggressiv angegangen bin.
    Es geht mir nicht darum, jungen Leuten die Gefahren des Bloggens zu unterschlagen, aber ich bleibe dabei: Die Risiken sind minimal. Warum ist das so? Wer seinen Blog benutzt, um seinen Kollegen die Meinung zu sagen, ruiniert in der Tat seine Karriere. Andererseits ist ein Blog lediglich ein Ausdruck persönlichen Kommunikationsstils. Wer also im Blog über Kollegen herzieht, wird das auch anderswo tun. Es ist nicht der Blog, der seine Karriere ruiniert, sondern seine Kommunikationsstil. Und wie gesagt: heute ist praktisch alles öffentlich. Selbst Kongressbeiträge und die anschließende Diskussion, die vorher nur Insidern zugänglich waren, sind heute vielfach als Videos im Netz verfügbar. Auch die esoterische (gemeint ist hier: nur Eingeweihten verständlich) Ausdrucksweise vieler Fachgebiete weicht heute einer besseren Verständlichkeit, das ist zumindest meine Beobachtung. Zum Thema der Berufungen: Nach meiner Erfahrung ist die persönliche Vernetzung entscheidend für Berufungen. Das heißt natürlich nicht, dass nicht auch undurchsichtige persönliche und gruppenspezifische Interessen mitspielen. Aber wenn jemandem vorgeworfen wird, dass er unangemessen an die Öffentlichkeit geht, ist das fast immer eine vorgeschobene Begründung.

    Unbestritten ist natürlich auch, dass Streitigkeiten nach Möglichkeit unter der Decke gehalten werden. Bittere persönliche und fachliche Fehden sind oft nur Insidern bekannt. Aber auch hier gilt: Vorwürfe der ungehörigen Popularisierung werden nur von einem Lager zum Anderen verschossen und sind lediglich wohlfeile Waffen im Streit, aber keine echten Argumente.

  5. @ Thomas Grüter

    Man sollte vielleicht erst einmal unterscheiden zwischen popularisieren überhaupt und bloggen.

    Popularisieren ruft im allgemeinen Naserümpfen hervor. Man darf es durchaus machen, aber nur, wenn der Ruf fachintern schon felsenfest steht. Dann wird man dafür sogar gelobt. Wenn die populärwissenschaftlichen Tätigkeiten aber ziemlich am Anfang der Laufbahn geschehen oder einen so großen Teil der Arbeit ausmachen, daß man den Namen eher damit verbindet als mit dem fachinternen Leistungen, dann wird’s riskant. Wenn Habermas auch in Zeitungen schreibt, mehrt das seinen Ruhm. Andere, deren Bücher in allen Regalen stehen und die jeder kennt, gelten z. B. als „Boulevardsoziologen“, ihr Ruf ist ruiniert.

    Zu den Spielchen in Berufungskommissionen: Natürlich, es gibt Wichtigeres, z. B. ob man dem richtigen Netz angehört. Aber meist ist es so, daß nur wenige in der Kommission sind, die das interessiert, die jemanden durchboxen oder unbedingt raushalten wollen, und es sind auch nur wenige, die in der Lage sind, jemanden fachlich zu beurteilen. Der Rest hört auf die. Und wenn es auf der Kippe steht und dann einer angesichts einer langen Publikationsliste eine feine spöttische Bemerkung macht, ist’s oft schon um einen Bewerber geschehen.

    Zur esoterischen Ausdrucksweise: Die ist ein systematischer Bestandteil des Paradigmatisierungsprozesses, dagegen ist nichts zu machen. Chemiker reden nun einmal in Formeln. Anders ist es mit abgehängten Disziplinen, wo man sich wichtig machen muß und das oft mit einem künstlich komplizierten Stil zu unterstützen versucht. Dagegen kann man etwas machen, aber mein Eindruck ist eher, daß es immer schlimmer wird. Ich kann ein Lied davon singen, denn das ist mein Milieu.

    Nun speziell das Bloggen. Ich kann mich da nur auf gelegentliche, aber deutliche Bemerkungen berufen, die ich gehört habe, und auch darauf, daß kaum ein Wissenschaftler das tut oder auch nur zur Kenntnis nimmt – auch die nicht, die doch recht viel Öffentlichkeitsarbeit in Druck- oder anderen Medien machen. Das ist so trotz offensichtlicher Vorteile, die das Bloggen hat. Vielleicht ist es nur das Unanständige, das Neues immer hat in seriöseren Kreisen. Man darf auf keinen Fall zu den ersten gehören, die sich nach der neuen Mode kleiden. Jazz war jahrzehntelang anrüchig und galt nicht als Kunst, usw. Eine revolutionäre Inszenierung wird immer ausgebuht. Aber Jahrzehnte später wird sie vielleicht gefeiert. Das heißt, möglicherweise ist das nur eine Frage der Zeit.

  6. @Ludwig Trepl @Thomas Grüter

    Vielleicht müssen Sie beide sich darauf einigen, dass bloggen erstmal nur veröffentlichen ist. Es gibt auch bloggs die überhaupt nichts mit ihrem Verständnis von bloggen zu tun hat. Blogs, die ausschließlich an Fachpublikum und Spartenpublikum gerichtet sind und keinerlei PR etc. sind.
    Es fällt mir grad nur schwer meine Beispiele zu finden, weil ich kein Quantenphysiker bin.

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