Die Sonne kommt auf die Erde

Die Kernfusion wechselt von der Zukunft in die Gegenwart. Schon 2027 soll das erste Versuchskraftwerk ein Fusionsplasma erzeugen. Andere folgen dicht auf. Und deutsche Unternehmen sind ganz vorne dabei.

Künstliche Kernfusion gilt vielen Kritikern als Symbol der Hybris von Menschen, die sich erdreisten, die Sonne auf die Erde holen zu wollen. Technisch nicht machbar, zu teuer und in jedem Fall zu spät für die Energiewende, so lauten die Kommentare. Anders ausgedrückt: Das braucht keiner. Und wenn das nicht reicht, verweisen die Kritiker hämisch auf den International Thermonuclear Experimental Reactor (ITER), der in Cadarache in Südfrankreich gebaut wird. Sollte der nicht längst fertig sein? Und hat er nicht sein Budget um das Fünffache überzogen? Wo er die Machbarkeit des Prinzips beweisen solle, sei er zu einem Monument des Scheiterns geworden.

Nur: Der ITER leidet im Wesentlichen unter politischen Problemen. Zu Beginn waren die Zuständigkeiten unklar, und alle beteiligten Nationen wachten eifersüchtig darüber, dass sie angemessen an den Aufträgen beteiligt wurden. Nicht so sehr die Technik, sondern die Reibungsverluste der Organisation behinderten das Projekt. Deshalb wird voraussichtlich 2036 ein Reaktor in Betrieb genommen, der dann mehr als dreißig Jahre alten Plänen beruht.

Man sollte aber nicht meinen, dass Fusionsforscher mit angehaltenem Atem darauf warten, dass der ITER endlich fertig wird. Im Gegenteil: Die Forschung geht weiter, neue Verfahren und Materialien werden getestet und die vervielfachte Computerleistung ermöglicht feinere Simulationen des Plasmaeinschlusses. Der Global Fusion Industry Report 2026 verzeichnet 56 aktive Fusionsfirmen in der ganzen Welt, viele davon Ausgründungen von Universitäten.

Die Vorreiter

im Jahre 2018 gründeten Mitarbeiter des MIT Plasma Science and Fusion Center ein Start-up, um einen neuartigen Fusionsreaktor zu bauen. Das Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge bei Boston gehört zu den besten technischen Universitäten der Welt, und das Fusion Center hat einen exzellenten Ruf. Das Konzept der Gründer überzeugte mehrere große Geldgeber und die Firma Commonwealth Fusion Systems (CFS) konnte mit der Arbeit beginnen.

Der geplante Reaktor bekam den Namen ARC1, was für affordable, robust, compact steht.

Bis heute hat das Unternehmen nach eigenen Angaben drei Milliarden US$ eingesammelt, mehr als genug, um das Versuchskraftwerk SPARC (Smallest Possible ARC) fertigzustellen und zu testen.

Der Reaktor beruht – wie der ITER – auf dem erprobten Prinzip des Tokamak. Mehrere Versuchsreaktoren rund um die Welt haben nachgewiesen, dass diese Bauform geeignet ist, das 100 Millionen Grad heiße Fusionsplasma mit starken Magnetfeldern einzuschließen, damit es nicht die Reaktorwände durchschmilzt. Eigentlich sollte der ITER als erster Reaktor dieser Bauform tatsächlich Strom erzeugen, aber die vielen Querelen zwischen den Partnern haben ihn ausgebremst.

Im Gegensatz zum ITER nutzt SPARC Hochtemperatursupraleiter (HTS) für seine Magneten. Damit lassen sich sehr viel stärkere Magnetfelder erzeugen, so dass der Reaktor deutlich kleiner ausfällt – und damit auch um eine Größenordnung billiger. Als ITER entworfen wurden, gab es noch keine Möglichkeit, aus HTS ausreichend große Magnete herzustellen, er nutzte deshalb die herkömmlichen Supraleiter.

Im Jahr 2018 hatte sich das geändert, aber das Start-up hatte trotzdem einige Hürden zu überwinden. Schon der Versuchsreaktor SPARC benötigt 10.000 Kilometer supraleitende Drähte für seine Spulen. Nun sind HTS aber Keramiken, hart und spröde wie Porzellan, und lassen sie sich nicht auf Spulen wickeln. Einige Firmen erfanden daraufhin ein Verfahren, um das Material als ultradünne Schicht auf biegsame Stahlbänder (HTS-Tapes) aufzudampfen. Bei Gründung von CFS reichte die Weltjahresproduktion allerdings nicht aus, um auch nur den Versuchsreaktor zu bestücken. Und bei Preisen von über hundert US$ pro Meter hätten allein die HTS-Tapes mehr als eine Milliarde US$ verschlungen. Der ARC sollte aber Strom zu konkurrenzfähigen Preisen abgeben und dabei Gewinn machen.

Bob Mumgaard, der CEO von CFS, sagte 2023 der Zeitschrift IEEE Spectrum:

„Vom Standpunkt eines Physikers sehen unsere Reaktoren tatsächlich eher langweilig aus; wir verlassen uns auf die wohlerprobte Plasmaphysik des ITER und anderer Experimente. Stattdessen haben wir uns entschieden, bei den Magneten voll ins Risiko zu gehen.2

Die Wette ging auf. Nachdem CFS in den ersten Jahren einen großen Teil der Weltproduktion an HTS-Tapes aufkaufte, zog die Produktion an, während der Preis sank. Vor einem Jahr lag er ungefähr bei 20 US$ pro Meter, und damit immer noch eine Größenordnung höher als der von herkömmlichen Supraleitern.3

Die Fortschritte beim Bau des Reaktors hat CFS im Juli in einem Video dokumentiert. Die ersten vier von 18 Toroidspulen sind fertig montiert und weitere warten auf den Einbau. Das Vakuumgefäß ist angeliefert. In einem Jahr soll der Reaktor in Betrieb gehen – wenn nichts dazwischenkommt.

Der Standort für den ARC steht auch schon fest: Chesterfield County im amerikanischen Bundesstaat Virginia. Ab 2035 soll der erste Strom fließen. Google hat sich vertraglich verpflichtet, die Hälfte davon abzunehmen.

Strom aus Kernfusion ab 2028?

Auch der zweite Vorreiter, Helion Energy hat für seinen künftigen Fusionsstrom bereits einen Abnehmer gefunden: Die Firma Microsoft will ab 2028 etwa 50 Megawatt Strom von Helions Fusionskraftwerk „Orion“ beziehen, das allerdings erst im Bau ist.

Der Reaktor arbeitet nach einem ganz eigenen Prinzip. Anders als ITER und SPARC sieht nicht aus wie ein fetter Gummireifen in einer Hutschachtel, sondern eher wie Stück Pipeline, das von gewaltigen Magneten umringt ist. Während in einem Tokamak oder einem Stellarator das brennende Fusionsplasma Wärme erzeugt, die dann in einer herkömmlichen Turbine in Strom verwandelt wird, möchte Helion den Strom unmittelbar aus der Fusionsreaktion holen.

Bei einer Verschmelzung von Tritium und Deuterium (DT-Fusion), wie sie die meisten Fusionsreaktoren anstreben, funktioniert das nicht. Hier die Energiebilanz:

D + T → 4H (3,5 MeV) + n (14,1 MeV)

Die bei dieser Fusionsreaktion frei werdende Energie beschleunigt ein Neutron (n), das mit hoher Geschwindigkeit davonfliegt. Wenn man es abbremst, entsteht Wärme, die sich nutzen lässt. Wenn man einen Strom in einem Leiter induzieren will, braucht man aber ein geladenes Teilchen. Also muss eine Fusionsreaktion her, die ihre Energie auf ein geladenes Teilchen überträgt. Gesucht und gefunden: Bei der Fusion von Deuterium und Helium 3 trägt ein Proton die entstehende Energie davon. Nur: Diese Reaktion erfordert sehr viel mehr Hitze und Druck als die DT-Fusion.

Deuterium-Tritium-Fusion und Fusion von Deuterium mit Helium3

Helion möchte das erreichen, indem es an den beiden Enden seiner „Pipeline“ Plasmaringe erzeugt, die dann komprimiert und gegeneinander geschossen werden. In der Mitte prallen sie zusammen und sollen dabei ein Produkt aus Dichte und Temperatur erreichen, das für eine kurzzeitige Fusionsreaktion vom Typ

D + 3H → 4H (3,6 MeV) + p (14,7 MeV)

ausreicht. Die schnellen Protonen (p) sollen in den umgebenden Spulen kurzzeitig einen Strom induzieren. Dann fliegt alles auseinander und der Zyklus beginnt von neuem. Das Plasma „brennt“ also nicht, sondern „zündet“ – wie das Treibstoffgemisch in einem Dieselmotor.

Sollte das Prinzip funktionieren, würde Microsoft ab 2028 – als erstes Unternehmen überhaupt – Strom aus Kernfusion beziehen. Vielen Experten erscheint das etwas gewagt, und Helion muss beweisen, dass dieses revolutionäre Konzept tatsächlich umsetzbar ist. Am Geld wird es jedenfalls nicht scheitern. Das Start-up hat bisher 1,5 Milliarden US$ an Investorengeldern eingesammelt.

Kernfusion in Deutschland

Die dritte Firma, die ich hier vorstellen möchte, ist eine Ausgründung des Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik in Garching bei München. Proxima Fusion möchte die Erfahrungen mit dem Versuchsreaktor Wendelstein 7-x nutzen, den das Institut in Greifswald betreibt. Der Reaktor hat alle Erwartungen deutlich übertroffen und funktionierte von Anfang wie geplant, was bei Großprojekten eher die Ausnahme ist. Zusammen mit dem inzwischen abgeschalteten Joint European Torus hält er diverse Weltrekorde für Experimentalreaktoren.

Der Reaktor Stellaris, den Proxima Fusion bauen will, nutzt das gleiche Bauprinzip wie Wendelstein 7-x – den Stellarator (wie der Name schon andeutet). Während ein Tokamak das Plasma unter anderem durch ein dort induziertes Magnetfeld stabilisiert, nutzt der Stellarator nur externe Magnetfelder. Dieser Unterschied hat gravierende Folgen. Ein Tokamak muss nach einigen Minuten das Magnetfeld abschalten und neu aufbauen, ein Stellarator arbeitet im Dauerstrichbetrieb. Wo ist dann der Haken? Der Stellarator braucht eine bizarre Magnetfeldstruktur, weil er auf das stabilisierende Feld im Plasma verzichtet. Die Geometrie der in drei Dimensionen deformierten Magnetspulen erfordert langwierige Berechnungen. Und wenn sie perfekt entworfen sind, müssen sie auch noch gebaut werden – mit wenigen Millimetern Toleranz. Bei den tonnenschweren Kolossen keine einfache Aufgabe.

Zu der Zeit, als der ITER geplant wurde, reichte die verfügbare Computerleistung kaum aus, um die Spulen eines Stellarators genau genug zu berechnen, und der Bau wäre ein enormes Risiko geworden. Also entschied sich internationale Gemeinschaft damals für einen Tokamak.

Heute setzen aber immer mehr Start-ups auf Stellaratoren.

Aber selbst der prototypische Stellarator Wendelstein 7-x ist schon lange überholt.

Wie mir Francesco Sciortino, der CEO des Start-ups, in einem Interview sagte, liegen zwischen Wendelstein 7-X und Stellaris mindestens zwei Technologie-Generationen. Proxima Fusion hat den Bauplan für seinen künftigen Reaktor Stellaris übrigens in einem wissenschaftlichen Journal veröffentlicht4 und damit zur Diskussion unter Fachleuten freigegeben.

Ein erstes Versuchskraftwerk (Alpha) soll am Standort des Atomkraftwerkes Grundremmingen entstehen und 2031/32 fertig werden. Am Geld wird es nicht scheitern: Proxima Fusion hat bisher mehr als 600 Millionen Euro an Investorengeldern eingesammelt. Der Bund und das Land Bayern haben weitere Fördermittel in Aussicht gestellt.

Und noch ein weiteres Unternehmen möchte bis Mitte der 2030er-Jahre ein Fusionskraftwerk in Deutschland errichten. Focused Energie plant, im hessischen Biblis ein Laserfusionskraftwerk zu errichten, das bis 2035 Strom liefern soll.

Die Bundesregierung hat das ausdrückliche Ziel ausgegeben, das erste Fusionskraftwerk der Welt in Deutschland zu errichten, und einen Aktionsplan dafür erarbeitet. Die Start-ups dürfen also mit großzügiger Unterstützung rechnen.

Aber die USA und Deutschland sind nicht allein auf weiter Flur: China und Japan treiben den Bau von Versuchsreaktoren entschlossen und mit viel Geld voran. Auch in Südkorea, Schweden, Frankreich und England sollen in den nächsten Jahren solche Anlagen gebaut werden.

Können Fusionskraftwerke am Markt bestehen?

Ist aber der Strom aus Fusionskraftwerken überhaupt konkurrenzfähig? Viele Start-up machen dazu keine Angaben. Einige peilen 4 Cent pro Kilowattstunde an, was durchaus marktgängig wäre, aber optimistisch kalkuliert ist.

Alle Fusionskraftwerke haben einen großen Vorteil: Der Brennstoff kostet praktisch nichts. Aus einem Kilo Deuterium und Tritium lässt sich so viel Strom erzeugen wie aus 11 000 Tonnen Kohle. Allerdings muss das Reaktorgefäß alle drei bis fünf Jahre ersetzt werden. Warum? Der ständige Neutronenbeschuss macht die Wände radioaktiv, die Isotope sind aber glücklicherweise kurzlebig. Wenn einige Dutzend Fusionskraftwerke der gleichen Bauart in Betrieb sind, wären fünf bis zehn Cent Grenzkosten (= reine Betriebskosten ohne Bau- und Entwicklungskosten) durchaus realistisch.

Das Umfeld in Deutschland

In Deutschland werden Fusionskraftwerke zuerst die Gaskraftwerke ersetzen, die bei einer Dunkelflaute (=Winter und Windstille) einspringen sollen. Weil Erdgas alles andere als CO2-neutral ist, sollen diese Kraftwerke mit grünem Wasserstoff betrieben werden. Nur: Der Strom aus solchen Backup-Systemen kostet mehr als 40 Cent pro Kilowattstunde und steht nicht vor 2040 zur Verfügung5. Da können Fusionskraftwerke locker mithalten.

International hat das Rennen um die Marktführerschaft schon begonnen, denn die Technik verspricht, ein Milliardengeschäft zu werden. Und deutsche Firmen sind ganz vorne mit dabei. Wenn sie nicht wieder ausgebremst werden, weil Kernfusion gegen das deutsche Reinheitsgebot der Energiewende verstößt, nach dem Strom ausschließlich durch Sonne und Wind erzeugt werden darf.

Anmerkungen

[1] Vielleicht hat auch der Reaktor Arc aus den Ironman-Filmen Pate gestanden.

[2] Im Original: “In fact, from a physicist’s standpoint, our machines look kind of boring; we’re relying on plasma physics that’s well established by Iter and other experiments. Instead, we decided to put all our risk in the magnet technology.”

[3] Angesichts der vielen geplanten Versuchsreaktoren erwartet die Hersteller von HTS-Tape in den nächsten Jahren ein glänzendes Geschäft. Bleibt zu hoffen, dass die Produktion schnell genug hochgefahren werden kann.

[4] Lion, J et. al. (2025): Stellaris: A high-field quasi-isodynamic stellarator for a prototypical fusion power plant. Fusion Engineering and Design 214, 114868.

[5] Grünen Wasserstoff gibt es bisher nicht. Deshalb sollen in den nächsten Jahren riesige Elektrolyseure gebaut werden, die Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff zerlegen, und zwar ausschließlich mit Hilfe von Grünstrom. Mehrere Vorhaben sind allerdings aufgegeben worden, weil jede Gewinnaussicht fehlt. Und das ist nicht alles: Weltweit läuft noch kein einziges großes Wasserstoffkraftwerk, es ist auch keines im Bau. Weil Wasserstoff anders verbrennt als Erdgas, müssen die Brennräume der Turbinen neu gestaltet werden. Wie unter diesen Umständen bis 2040 eine „Wasserstoffwirtschaft“ entstehen soll, ist nicht absehbar. Und selbst, wenn es gelingt: Der Wirkungsgrad ist miserabel (< 35%). Eine Bestandsaufnahme der Probleme bei der Wasserstoffwirtschaft findet sich zum Beispiel in der aktuellen Nummer von „Bild der Wissenschaft“ (08/2026), oder hier.

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www.thomasgrueter.de

Thomas Grüter ist Arzt, Wissenschaftler und Wissenschaftsautor. Er lebt und arbeitet in Münster.

50 Kommentare

  1. Die US-Startups haben Abnahmeverträge mit den TechBros. Welche Abnahmeverträge haben die deutschen Startups?
    Oder werden sie abgeregelt, weil die Leitungsinfrastruktur erst in 30 Jahren fertig ist?

    • Lieber Herr Grüter,
      „…die Sonne auf die Erde holen (?) Dann wird es in jedem Fall noch heisser auf der Erde. 2/3 der dann mit Riesenaufwand erzeugten Energie geht wie bei Atomkraftwerken als Abwärme in Flüsse, Meere und die Atmosphäre. Die 1/3 Nutzenergie gehen nach Ihrer Nutzung ebenfalls als Abwärme in die Umwelt.
      Egal, welche Fusions-Technologie zum Tragen käme. Es geht nur andersherum: Die vorhandene, nachhaltige Energieerzeugung noch effizienter nachen, Einsparungen auf der Verbraucherseite und größere Energiespeicher für den So-Wi- Ausgleich. Und radikaler Ausstieg aus der fossilen Energieerzeugung.

      • Erstens liegt der Wirkungsgrad moderner fossiler und nuclearer Kraftwerke beo 40% bis 50% wenn keine Abwärmenutzung intergiert ist. Mit Abwärmenutzung erhöht sich der Wirkungsgrad auf mindestens 75%.
        Bei der Fussion ist auf der Erde nur der Deuterium / Tritium Pfad möglich wobei Tritium in der Natur nicht vorkommt also in der Anlage erzeugt werden muss. Sowohl für die Tritiumproduktion als auch für die Energieauskopplung gibt es zur Zeit keine großtechnische Lösung – ITER macht keinen Strom!

        • Bei der Fussion ist auf der Erde nur der Deuterium / Tritium Pfad möglich wobei Tritium in der Natur nicht vorkommt also in der Anlage erzeugt werden muss. Sowohl für die Tritiumproduktion als auch für die Energieauskopplung gibt es zur Zeit keine großtechnische Lösung – ITER macht keinen Strom!

          Tatsächlich ist die Deuterium/Tritium-Fusion die Reaktion mit den geringsten Anforderungen an Dichte und Temperatur. Deshalb streben die meisten Firmen diesen Pfad an. Helion plant allerdings eine Deuterium/Helium3-Fusion, und zwar schon für 2028. Einige wenige Unternehmen (Z.B. TAE Technologies) möchten Bor-11 und Wasserstoff fusionieren, was mit Abstand am schwierigsten ist.
          Tritium ist radioaktiv und zerfällt mit einer Halbwertszeit von 12,3 Jahren zu Helium-3. Es muss also im Reaktor selbst hergestellt werden. Das ist auch vorgesehen, dabei entsteht Tritium aus Lithium-6 unter Neutronenbeschuss. Die Energieauskoppelung geschieht mittels Kühlwasser. Sowohl CFS als auch Proxima Fusion haben das Design ihres Reaktors veröffentlicht, Sie können sich also ansehen, wie die Energieauskoppelung aussehen soll.

  2. Kleine Korrektur: HTS wurden bereits 1986 von Bednorz und Müller entdeckt (Nobelpreis dafür) und 1987 bereits YBaCuO, was jetzt von allen Fusionsfirmen mit klassischen Magneteinschlusssystemen wie Tokamak, Stellarator und magnetischer Spiegelmaschine genutzt wird. Allerdings hat man die Fertigung großer HTS Fusionsmagnete erst ab den 2010er Jahren gelernt, als ITER bereits im Bau war.

  3. @Hauptartikel

    „Nur: Der Strom aus solchen Backup-Systemen kostet mehr als 40 Cent pro Kilowattstunde und steht nicht vor 2040 zur Verfügungi. Da können Fusionskraftwerke locker mithalten.“

    Ich denke mal kaum, dass wir schon vor 2040 Flächendeckend Fusionskraftwerke haben werden?

    Fusionskraftwerke dürften zudem kaum wirtschaftlich sein, wenn sie nicht das ganze Jahr Tag und Nacht durchlaufen. Angesichts der hohen Anlagenkosten und den niedrigen Brennstoffkosten.

    Sie werden also nicht wie Wasserstoffkraftwerke nur in Dunkelflauten laufen. Deswegen kann man da nicht 40 Cent pro Kilowattstunde als Vergleichswert von Wasserstoffbackupkraftwerken für die Fusionskraftwerke heranziehen.

    Allerdings gibt es demnächst natürlich auch noch jede Menge Kurzfristspeicher, die alleine schon auch den Strom von Fusionskraftwerken so über die Zeit verteilen können, dass ein Dauerbetrieb von Fusionskraftwerken gut in den Gesamtmix passt. Hier würde ich dann aber eher Werte von um die 10 Cent die Kilowattstunde als Grenze für eine Wirtschaftlichkeit annehmen.

    Dass hier offenbar doch noch was aus der Kernfusion wird, finde ich eigentlich sehr interessant. Wenn das aber dann wieder nur Milliardengräber werden, dann ist das eben so. Wobei Kernfusion ja auch für interstellare Raumfahrt interessant wäre. Auch die Idee, hier Baupläne zu veröffentlichen, gefällt mir sehr. So kann das alles sehr viel schneller gehen, wenn viele unabhängige Experimente gemacht werden und die Erfahrungen konsequent geteilt werden.

    • Die ersten kommerziellen Fusionskraftwerke werden wahrscheinlich Mitte der 2030er Jahre in Betrieb gehen. Der erste, der sein System erfolgreich betreibt, darf dann auf lukrative Folgeaufträge hoffen. Und wenn die Teile in Serie gefertigt werden, sinkt der Preis. Wenn jemand ein modernes Auto als Einzelstück bauen wollte, müsste er schon mit einem Preis von zehn Millionen und mehr rechnen.
      Wenn ein Baumuster etabliert ist, sollte ein Fusionskraftwerk nicht mehr kosten als ein Gaskraftwerk. Wenn diese Entwicklung bis Mitte der 2030er Jahre absehbar ist, haben Fusionskraftwerke sehr gute Chancen, auch wenn sie bis 2040 noch nicht flächendeckend eingesetzt werden können. Fusionskraftwerke lassen sich übrigens gut und schnell drosseln. Sie liefern also Strom nach Bedarf. Das sind gute Voraussetzungen für eine preiswerte und stabile Stromversorgung.

  4. @Laufzeiten der Fusionskraftwerke

    Interessant könnte es werden, wenn die Fusionskrafwerke nur Saisonal von November bis Februar laufen. Wenn die Reaktoren sowieso in einigen Jahren verschleißen, dann könnte es ich lohnen, wenn die Kraftwerke von März bis Oktober pausieren.

    Dann wäre der Fusionsstrom schon bei im die 20 Cent die Kilowattstunde konkurrenzfähig.

    Und würde tatsächlich auch deutlich weniger Wasserstoffbackup möglich machen.

    Insbesondere wenn wir sowieso viele kurzfristige und auch mittelfristige Speicherkapazitäten haben.

    • T.Jeckenburger
      „Interessant könnte es werden“
      Bei dem Hype um die Fusionskraftwerke sollte man realistisch bleiben.
      Der Bau des Berliner Flughafens hat 14 Jahre gedauert. Stuttgar 21 war für 2021 geplant, jetzt peilt man 2033 an.

      Das Prinzip der Kernfusion ist verstanden und funktioniert auch, aber es gibt noch kein Fusionskraftwerk das einen Überschuss an Energie liefert, der verkauft werden kann.

      Mit den Start Ups verlagert man das Risiko auf die Privatwirtschaft, die sich ja große Gewinne erhofft. Zweifel bleiben bestehen.

      • Der Bau des Berliner Flughafens hat 14 Jahre gedauert. Stuttgart 21 war für 2021 geplant, jetzt peilt man 2033 an.

        Das ist einer der Unterschiede zwischen öffentlichen und privaten Projekten. Bei öffentlichen Projekten muss der initiale Kostenvoranschlag möglichst niedrig sein, weil die Wahrscheinlichkeit dann größer ist, dass die zuständigen Parlamente den Etat bewilligen. Die Kostensteigerungen sind von vornherein einkalkuliert. Jeder weiß, dass sich die politisch Verantwortlichen keine Bauruine leisten können, also wird bezahlt. Und Verzögerungen sind ebenfalls kein Problem, sie erlauben es, die Zusatzkosten auf immer mehr Jahreshaushalte zu verteilen.
        Bei Start-ups ist das anders. Für unrealistische Projekte gibt es kein Geld. Die Folgeinvestitionen sind an Ergebnisse (Milestones) gekoppelt. Und die meisten Investoren scheuen sich nicht, den Geldhahn zuzudrehen, wenn das Start-up nicht liefert. Deshalb stehen die Chancen gut, dass zumindest CFS und Helion ihre Anlagen einigermaßen pünktlich fertig bauen. Bei chinesischen Projekten gelten eher noch brutalere Bedingungen, auch wenn Staatsgelder involviert sind.
        Das ist natürlich kein Garantie, aber die Chancen stehen nicht schlecht.

        • Thomas Grüter, Betreff Start- ups

          „Deshalb stehen die Chancen gut, dass zumindest CFS und Helion ihre Anlagen einigermaßen pünktlich fertig bauen.“

          Kein Einwand. Was nicht kalkuliert werden kann sind die Folgen beim Dauerbetrieb eines Fusionsreaktors. Dazu fehlen einfach die Erfahrungen.

          Um 1900 waren 38 % der Fahrzeuge in Nex York Elektroautos. Sie wurden bald durch die Benzinautos verdrängt, weil die eine größere Reichweite erzielten.
          Wenn die laufenden Betriebskosten der Fusionsreaktoren zu hoch werden, dann wird dieser Reaktortyp wieder verschwinden.

          Anmerkung: wir haben doch schon einen Fusionsreaktor am Himmel, der liefert uns die Wärmeenergie kostenfrei.

          • Klar, die Kosten für den Betrieb lassen sich nur grob kalkulieren, und sind vielleicht höher als erwartet, zumindest am Anfang.

            wir haben doch schon einen Fusionsreaktor am Himmel, der liefert uns die Wärmeenergie kostenfrei.

            In der nächsten Woche werden wir uns sicher wünschen, der Reaktor am Himmel ließe sich irgendwie abregeln. Aber er liefert eben Wärme und Licht nur zu eigenen Bedingungen, nicht nach unseren Wünschen.

  5. Ich sehe noch zwei große Probleme bei Fusionsreaktoren:
    Als Brennstoff wird neben Deuterium das radioaktive Isotop Tritium verwendet, das erst aus Lithium erbrütet werden muss. Das bringt erhebliche technologische Probleme mit sich, und der Verbrauch an Lithium steht in Konkurrenz zur Verwendung in Akkus.
    Zumindest bei Tokamaks und Stelleratoren ist die erste Wand des Vakuumgefäßes einem intensiven Bombardement von Neutronen und heißen Ionen ausgesetzt. Das führt dann zu Absputtern des Wandmaterials, das meistens Wolfram ist, und in Folge zu einer Kontamination des Plasmas. Ob das mit einem Dauerbetrieb kompatibel ist ist noch völlig offen.
    Ich vermute, dass der Einschluss des Plasmas noch das kleinere Problem ist, und dass diese technischen Probleme den Preis für die erzeugte elektrische Energie in nicht akzeptable Bereiche treiben wird.

    • Der Bedarf an Lithium für Fusionsreaktoren ist im Vergleich mit der Akkuherstellung verschwindend gering, er reicht nicht einmal, um die Preise zu treiben. Die Weltjahresproduktion von Lithium beläuft sich auf ca. 150000 Tonnen. Für die Herstellung von Tritium braucht man aber keine 1000 Tonnen, eher deutlich weniger.
      Die Wände der Vakuumgefäße von Fusionsreaktoren werden in der Tat extrem belastet. Hitze, Neutronen und (wenige) andere Ionen machen es notwendig, das Gefäß alle drei bis fünf Jahre auszutauschen. Das Absputtern von Wolfram (oder anderem Wandmaterial) ist ein bekanntes Problem. Solche Verunreinigungen, wie auch die „Fusionsasche“, also das Helium, werden durch einen sogenannten Divertor aus dem Plasma geholt. Der Divertor ist ein hoch belastetes kritisches Bauteil, und ist inzwischen vielfach getestet worden. Ich sehe an dieser Stelle kein unüberwindliches Hindernis.

  6. Wenn man die Versprechen zur Kernfusion liest, dann müsste man jedes Märchen für einen Tatsachenbericht halten – denn bisher wurde nichts geliefert:

    – Zum Start von Kernfusion werden enorme Mengen an Energie benötigt – dafür gibt es kein Konzept
    – Bisher gibt es keine einzige Fusion, welche auch nur kurze Zeit aufrecht erhalten werden konnte – wie man dies für längere Zeit schaffen will, ist völlig offen
    – Bisher gibt es keine technische Struktur, welche die Abnahme enormer Energiemengen ermöglicht
    – Bisher gibt es auch keine Konzepte dafür, was man mit der erzeugten Energie machen kann, wenn man es doch schaffen würde eine Kernfusion am Laufen zu halten.

    • – Zum Start von Kernfusion werden enorme Mengen an Energie benötigt – dafür gibt es kein Konzept

      Die bisherigen Experimentalreaktoren wie Wendelstein 7-x und der Joint European Torus müssen ihr Plasma selbst aufheizen, weil sie nicht für dauerhaftes Plasmabrennen ausgelegt sind. Diese Technik wird inzwischen gut beherrscht.

      – Bisher gibt es keine einzige Fusion, welche auch nur kurze Zeit aufrecht erhalten werden konnte – wie man dies für längere Zeit schaffen will, ist völlig offen

      Das ist in der Tat die nächste Stufe der Experimente und wird z.B. mit dem SPARC erforscht. Und das Verhalten des Plasmas lässt sich inzwischen immer besser simulieren, es gibt also durchaus Strategien, wie eine Kernfusion dauerhaft aufrecht erhalten werden soll.

      – Bisher gibt es keine technische Struktur, welche die Abnahme enormer Energiemengen ermöglicht.

      Doch, die gibt es schon lange. Ähnliche Energiemengen entstehen auch in Gas- und Kohlekraftwerken.

      – Bisher gibt es auch keine Konzepte dafür, was man mit der erzeugten Energie machen kann, wenn man es doch schaffen würde eine Kernfusion am Laufen zu halten.

      Wie gesagt, die erzeugte Energie hat die Größenordnung eines Gas- oder Kohlekraftwerks und die ersten Reaktoren in Deutschland sollen an den Standorten von ehemaligen Kernkraftwerken gebaut werden. Dort gibt es bereits ausreichend dimensionierte Hochspannungsleitungen.

      Sie dürfen davon ausgehen, dass die Gründer der Start-ups sich durchaus Gedanken gemacht haben, wie die Fusionsenergie zuverlässig erzeugt und ins Netz gebracht werden soll.

  7. @Thomas Grüter 26.07. 08:02

    „Wenn ein Baumuster etabliert ist, sollte ein Fusionskraftwerk nicht mehr kosten als ein Gaskraftwerk.“

    Da wäre ich mir nicht so sicher. Zumal man ja auch schon sehr viel elektrische Energie in die Magnete und das Aufheizen des Plasmas stecken muss? Diese elektrische Energie muss dann ja zusätzlich mit den Dampfturbinen und Generatoren erzeugt werden.

    Dafür sind dann aber die Brennstoffkosten wohl sehr niedrig.

    „Fusionskraftwerke lassen sich übrigens gut und schnell drosseln. Sie liefern also Strom nach Bedarf. Das sind gute Voraussetzungen für eine preiswerte und stabile Stromversorgung.“

    Das kann jetzt nicht schaden. Ich denke aber, dass vor allem ein Saisonaler Betrieb nur im Winter, aber dann recht durchgängig, am interessantesten wäre. Genau dann hat die Summe aus Wind- und Solarenergie ein saisonales Defizit, das sich nicht mit kurz- und mittelfristigen Speichern auffangen lässt. Dafür bräuchte es den teuren Wasserstoff.

    Und genau diesen Aufwand könnten Fusionskraftwerke reduzieren, wenn sie hauptsächlich von November bis Februar laufen und auch ohne ganzjährigen Betrieb wirtschaftlich sind.

    Ich bin mir aber unsicher, ob die nicht doch einfach viel zu teuer bleiben. Ich würde mich auf keinen Fall drauf verlassen, und wir sollten entsprechend so planen, dass wir auch ohne Kernfusion auskommen müssen, wenn das eben dann doch nichts Bezahlbares wird.

    Noch gibt es da nun wirklich nur Pläne und eine Diskussion dieser Pläne.

    • Ich bin mir aber unsicher, ob die nicht doch einfach viel zu teuer bleiben. Ich würde mich auf keinen Fall drauf verlassen, und wir sollten entsprechend so planen, dass wir auch ohne Kernfusion auskommen müssen, wenn das eben dann doch nichts Bezahlbares wird.

      Das ist ja der heutige Stand der Dinge. Nur führen die aktuellen Pläne wohl dazu, dass der Strom in Deutschland dauerhaft teuer bleibt. Da ist also genug Raum für neue Ideen.

    • @Tobias Jeckenburger. Ihr Kommentar passt sehr gut zur Grundhaltung im heutigen Deutschland „Geht nicht oder ist nicht erwünscht“. In Deutschland (und bei den EU-Kommissaren) ist eine Art planwirtschaftliches Denken, ein Denken das nur gerade „das Beste und ethisch Richtige“ zulassen will, weit verbreitet. Die Folge: in Deutschland entsteht grosse Forschung, aber verwirklicht wird praktisch nichts. Diese konservative, planwirtschaftliche Haltung hat etwa zur Konsequenz, dass bedeutende deutsche Firma mit humanoiden Robotern (wie Neura Robotics) nicht von deutschen Investoren Geld erhalten, sondern von Tether, Amazon, Nvidia und Qualcomm.

      Kurzum: Der Rückstand Deutschland bei klassisch Digitalem (Cloud, Software, Datenzentren) , bei der Elektromobilität, bei Batterien, bei humanoiden Robotern und bei KI geht nicht primär auf einen technischen Rückstand zurück, sondern auf eine zutiefst risiko-averse Geisteshaltung, die Investoren, Regierung, Intellektuelle und auch einen breiten Teil der Gesellschaft in ihren Klauen hält.

  8. Besten Dank für diesen Überblick über die erfolgversprechendsten Ansätze für eine baldige kommerzielle Kernfusion. Ja, es gibt 56 private Fusions-Startups weltweit (28 davon in den USA) mit folgenden Technologieansätzen: 48% Magneteinschluss, 21% Laser-/Träheitsfusion und der Rest exotische Ansätze wie etwa die von Thomas Grüter erwähnte Magneto-Inertiale Fusion von Helion, bei der versprochen wurde, ab 2028 Strom zu erzeugen.

    Sehr gut auch, dass Herr Grüter hier das Hauptproblem von Tokamaks und Stellaratoren (Magneteinschluss) erwähnt (Zitat): „Allerdings muss das Reaktorgefäß alle drei bis fünf Jahre ersetzt werden. Warum? Der ständige Neutronenbeschuss macht die Wände radioaktiv, die Isotope sind aber glücklicherweise kurzlebig.“ Allerdings erwähnt Thomas Grüter nicht, dass es dieses Problem der „First Wall“ (Wand, die mit schnellen Neutronen beschossen wird) hauptsächlich für Tokamaks und Stellaratoren gibt und viel weniger bis überhaupt nicht für Laserfusionssysteme, also für Systeme mit Trägheitseinschluss. Warum gibt es das Problem der Wandzerstörung durch die Neutronen, die bei der Fusion, entstehen, bei der Laserfusion viel weniger bis gar nicht? Ganz einfach: Weil die Wände eines Tokamaks oder auch eines Stellarator sehr viele Funktionen erfüllen (etwa Abschirmung für dahinter liegende Magnete), während die Wände einer Laserfusionsanlage nur gerade die Hitze abführen müssen, die bei der Funktion über den Neutronenbeschuss entsteht. Die (hier nicht erwähnte) Firma „Inertial Fusion“ kopiert und skaliert die Laserfusion, welche in der Lawrence Livermore -Anlage Kernfusionsanlage „National Ignition Facility“ zum Erfolg führte, wobei ein etwas stärkerer und um ein vielfach effizienterer Laser eingesetzt wird. Diese Laserfusionsanlage von „Inertia“ wird nach eigenen Angaben alle 5 Jahre die Wand ersetzen, die die Wärme aufnimmt und von den Neutronen zerstört wird. Nur werden die Kosten für den Ersatz bei „Inertia“ sehr viel günstiger sein als bei einem Tokamak oder einem Stellarator, weil es sich bei der Laserfusion um „dumme Wände“ handelt, um Wände, die eigentlich nur gerade aus einer Art Blech bestehen während die Wände in einem Tokamak oder Stellarator aus Wolfram oder aus noch teureren Materialien bestehen.

    Kurzum: Kernfusion kann schon bald nach 2030 kommerziell gehen. Doch Probleme wie die Wandzerstörung durch den Neutronenbeschuss werden Tokamaks und Stellaratoren das Leben schwer machen, während Laserfusionsanlagen keine grossen Probleme damit haben sollten.

    Einsicht: Kernfusion kommt bald, aber welche Technologie die Nase vorn hat ist noch ungewiss.

  9. HTS ist ja immer noch erbärmlich kalt. Für SPARC habe ich 10-20 K statt 4 K gefunden. Trotzdem sind die Kosten für die Kühlung im laufenden Betrieb ja niedriger. Gleichen sie die Anschaffungskosten (laut Artikel 10x höher als normale Magnete) wieder aus?
    Und wie ist es mit den Materialien? Werden die im „Westen“ gefördert oder hat China den Fuß drauf.

    • HTS ist ja immer noch erbärmlich kalt. Für SPARC habe ich 10-20 K statt 4 K gefunden. Trotzdem sind die Kosten für die Kühlung im laufenden Betrieb ja niedriger. Gleichen sie die Anschaffungskosten (laut Artikel 10x höher als normale Magnete) wieder aus?

      Die Temperatur ist nur marginal höher, aber die Kosten für die Isolierung und Kühlung sind schon deutlich geringer. Entscheidend bei der Verwendung von HTS ist das stärkere Magnetfeld. Damit kann man deutlich kleiner bauen, was die Kosten dramatisch senkt. Der SPARC soll etwa 2 Milliarden US$ kosten, davon machen 10000 km HTS-Tape ungefähr ein Zehntel aus. HTS enthalten seltene Erden und die kommen eigentlich alle aus China. Auf der anderen Seite: finden Sie mal irgendetwas, das keine Komponenten aus China enthält.

    • Der entscheidende Unterschied zwischen 4K und 20K: bei 20K braucht man kein Helium mehr, da reicht dann auch Wasserstoff. Das macht einen riesigen Unterschied in den Kosten.

  10. @Thomas Grüter 26.07. 15:15

    „Das ist ja der heutige Stand der Dinge. Nur führen die aktuellen Pläne wohl dazu, dass der Strom in Deutschland dauerhaft teuer bleibt. Da ist also genug Raum für neue Ideen.“

    Wenn es denn die Kernfusion wird, die den Strom billiger macht, mir wäre es recht.

    Allerdings gibt es noch mehr Potenzial für Kostensenkungen. Immer billigere PV-Module, und immer günstigere Lithium- und Natriumbatterien etwa. Mit genug solcher Kurzfristspeicher braucht man wenig Netzausbau, ebenso wenn mehr Windenergie in Süddeutschland und mehr PV im Norden installiert wird.

    Keine neuen Gaskraftwerke, solange die bestehenden Kohlekraftwerke noch das Backup liefern können, und überhaupt immer weniger Laufzeiten von Gaskraftwerken, wenn zügig in PV mit gleich integrierten Kurzfristspeichern investiert wird.

    Gerne in den Städten in der Nähe der Verbraucher, das spart Anschlusskosten.

    Und der Ausbau der Elektromobilität mit flächendeckend bidirektionalen Lademöglichkeiten mag alles andere auch noch nachhaltig unterstützen können. Auch immer mehr Wärmepumpen.

    Ich sehe da durchaus Potentiale. Für niedrigere Strompreise, und für niedrigere Mobilitätskosten. Und auch die Wärmepumpen müssen das Heizen nicht nur teurer machen.

    @Martin Holzherr 26.07. 15:14

    „Einsicht: Kernfusion kommt bald, aber welche Technologie die Nase vorn hat ist noch ungewiss.“

    Also ehrlich gesagt, ich tippe mal auf überhaupt keine. 100 millionen Grad zu beherrschen, um 500 Grad heißen Dampf zu erzeugen, das kann nicht wirtschaftlich sein. Naja, wir werden sehen. Offenbar will man es jetzt wissen, das kann ich dennoch nur unterstützen. Vielleicht klappt es ja doch.

    PV hat es ja auch von eigentlich unbezahlbar zu richtig billig geschafft. Und dass es mal so billige, leichte und leistungsfähige Fahrzeugakkus geben wird, hätte vor 30 Jahren auch kaum einer gedacht. Da ging man noch davon aus, das Elektromobilität nur mit Wasserstoffbrennstoffzellen funktionieren kann.

    • Es geht ja nicht nur um Strom. Bisher kommen rund nur 24 % des Bruttoendenergieverbrauchs aus erneuerbaren Energien. Für die restlichen drei Viertel können wir jede Hilfe gebrauchen, sonst wird das etwas knapp mit der CO2-Neutralität bis 2045 und selbst bis 2050. Und Kurzfristspeicher für Strom mag es genug geben, aber bei Langfristspeichern sieht es schlecht aus. Da wären CO2-neutrale Kraftwerke, die Strom nach Bedarf liefern, schon eine gute Lösung. Es dürfen auch gerne Geothermie-Kraftwerke sein. Auch daran wird gearbeitet, und die Wärme aus dem Inneren der Erde ist auch praktisch unerschöpflich. Aber die Energie aus Kernfusion könnte schon in den nächsten Jahren kommen, bei Geothermie dauert es wohl etwas länger.

      • @Thomas Grüter(Zitat): „Bisher kommen rund nur 24 % des Bruttoendenergieverbrauchs aus erneuerbaren Energien.“
        Ja. Nur ist der Bruttoendenergieverbrauch nicht der richtige Massstab, denn die Verbrennungsprozesse (Öl, Erdgas) sind viel weniger effizient als die entsprechenden strombetriebenen Prozesse (Wärmepumpen, Elektromotoren). Es gilt wohl folgende Betrachtung: Heute verbraucht Deutschland 500 Terawattstunden Strom pro Jahr, wovon 300 Terawattstunden aus Erneuerbaren stammen. In einem voll elektrifizierten Deutschland wird Deutschland 1000 Terawattstunden Strom verbrauchen, womit die heute 300 Terawattstunden erneuerbar erzeugter Strom etwa 30% des Endenergieverbrauchs im Jahre 2045 sind. Es sind also nicht 24%, sondern 30% des Endenergieverbrauchs, die Deutschland bereits erneuerbar erzeugt. Allerdings ist das nicht viel besser, bedeutet es doch, dass mehr als 3 Mal soviel Erneuerbare notwenig sind wie heute um Deutschland zu 100% erneuerbar zu machen. Es müssen also noch sehr viele Windturbinen aufgestellt werden. Dazu kommen Kurz- und Langfristspeicher.
        Kurzum: Das erste Drittel der Energiewende hat Deutschland hinter sich. Es bleiben noch zwei Drittel, die zwischen 2026 und 2045 (19 Jahre) dazu kommen müssen.

    • ok, wir kommen der Fusion etwas näher. Dass bedeutet aber noch nicht, dass es dann auch wirklich
      a) technisch
      b) wirtschaftlich
      funktionieren wird.
      Also: weiterforschen, aber UNBEDINGT einen Plan B haben falls es nicht klappt. Das heißt, die Fossilen jetzt deutlich zurückfahren.

  11. Frage an die Gemeinschaft:
    Was läuft zuerst in industriellem Massstab: Fusionsreaktoren oder Quantencomputer?

    Bisher haben bei mir fast alle Physiker auf Quantencomputer getippt..nicht weil man diese in der nächsten Zeit erwartet, sondern weil kein Physiker in meinem Umfeld an Fusionsreaktoren vor 2080+ glaubt.
    Setzt jemand dagegen? Argumente?
    Ziel wäre: industrieller Massstab, nicht Einzelprojekte.

    • Ich möchte jetzt keine Diskussion um Quantencomputer anfangen. Die Frage ist also: Kann es kommerzielle Fusionsreaktoren vor 2080 geben? Ich würde „industrieller Maßstab“ mal so übersetzen, dass es ein Muster gibt, nach dem serienweise Fusionsreaktoren gebaut werden, ähnlich wie Gaskraftwerke. Wenn ich die Frage also umkehren darf: Können Sie aufzeigen, dass keine der jetzt an solchen Kraftwerken arbeitenden Firmen auf einem erfolgversprechenden Weg ist? Und da habe ich dann doch meine Zweifel. Ich erwarte, dass ein Musterkraftwerk bis 2040 zur Verfügung steht. Möglicherweise werden es wieder die Chinesen sein, die als erste in die industrielle Produktion einsteigen. Aber bisher muss das nicht sein, auch die deutschen Firmen haben noch gute Chancen.

      • Thomas Grüter, Betreff: Die Frage ist also: Kann es kommerzielle Fusionsreaktoren vor 2080 geben?

        Höchstwahrscheinlich ja, denn wirtschaftliche Gründe sind nicht das einzige Motiv für die Weiterentwicklung eines Fusionsreaktor.

        Die Spaltreaktoren wurden gepuscht, weil sie den Brennstoff für die Kernwaffen liefern. Für Länder, denen Kernkraftwerke aus politischen Gründen versagt werden, sind die Fusionskraftwerke eine Alternative.

        Und jetzt schauen wir uns einmal die praktische Seite an. Ein großer Schiffsdieselmotor hat eine Höhe von 10 m und eine Länge von über 20m.
        Ein Fusionskraftwerk kommt auf ähnliche Größen, Höhe 11m , Länge 20m.
        Das Fusionskraftwerk passt in ein herkömmliches Schiff.
        Und wenn das jetzt in internationalen Gewässern fährt, dann ist dem rechtlich nichts entgegenzusetzen.
        Spaltkraftwerke sind dagegen klein, es gibt mittlerweile welche mit 4m Höhe und 8m Länge. Aber hier greifen eben die Gesetze über die Verbreitung von Kernbrennstoff.

    • @S.Marti: Quantencomputer waren von Beginn weg ein Hype und ich kenne keinen Physiker, der aufzeigen kann, wie man mit heutiger Technologie fehlerfrei eine längere Quantenberechnung durchführen kann.
      Die nukleare Fusion ist viel einfacher zu erreichen. Es genügen starke Magnetfelder oder effiziente Hochleistungslaser. Starke Magnetfelder können mit den Hochtemperatursupraleitern erzeugt werden, die es seit etwa 10 Jahren in genügend grosser Menge gibt und Hochleistungslaser stehen sogar schon länger zur Verfügung.

      • Danke!
        Wir werden das hoffentlich noch erleben, wenn Sie recht haben.
        Ich setze ein Tafel Schweizer Schokolade auf die Quantencomputer, in der Hoffnung, sie für eine schlaue Energieversorgung an Sie zu verlieren.
        Freundliche Grüsse
        S. Marti

  12. @Martin Holzherr 26.07. 15:54

    „Die Folge: in Deutschland entsteht grosse Forschung, aber verwirklicht wird praktisch nichts.“

    Muss man denn Deutschland immer so schlecht reden? Wir haben trotz alledem einen Außenhandelsüberschuss von 200 Mrd Euro pro Jahr. Offenbar produzieren wir hier immer noch weit mehr als genug. Es wäre sogar ganz, ganz viel Import von PV und Lithiumakkus sinnvoll. Viel besser, als wenn wir das alles selber zu weit höheren Kosten selber herstellen würden.

    Das wäre nicht nur wesentlich teurer, die Handelsbilanz wäre noch viel höher, was nicht nachhaltig ist. Und wo sollen die Arbeitskräfte dafür herkommen?

    @Thomas Grüter 26.07. 17:53

    „Es geht ja nicht nur um Strom. Bisher kommen rund nur 24 % des Bruttoendenergieverbrauchs aus erneuerbaren Energien.“

    Der Strom ist aber bei PV und Wind die Primärenergie. Und die ersetzt bei der Mobilität mittels Lithiumakkus vergleichsweise verlustfrei den hohen Aufwand von Diesel und Benzin, dessen Effekt nur 40 bis 25 % ergibt. Außerdem sind die Fahrzeugakkus fahrende Energiespeicher, die vielfältig nebenbei nutzbar und in erheblicher Gesamtsumme zur Verfügung stehen können.

    Und auch Wärmepumpen erzeugen mit direktem Einsatz von Strom ein Mehrfaches an Wärme als Öl oder Gas, wenn es direkt verfeuert wird.

    Entsprechend sind wir wesentlich weiter als diese 24 %. Die Sektoren Mobilität und Heizung sind viel leichter klimaneutral zu machen, als wenn wir den grünen Strom nutzen müssten, um erstmal Diesel, Benzin, Heizöl und Erdgas zu produzieren, womit dann gefahren und geheizt wird.

    „Und Kurzfristspeicher für Strom mag es genug geben, aber bei Langfristspeichern sieht es schlecht aus.“

    Allein der wirklich konsequente Einsatz von Kurzfristspeichern erlaubt aber schon die Verdopplung der installierten PV-Leistung, und auch noch ein gutes Plus an Windenergie. Das ist jetzt aktuell. Mittelfristspeicher haben noch Zeit, und saisonale Speicher haben noch mehr Zeit.

    Genauso die Zeit haben auch Fusionskraftwerke, die vor allem im Winter Strom liefern. Das würde in 10 oder 15 Jahren wunderbar passen. Das muss aber auch echt funktionieren und darf nicht zu teuer dabei sein. Sonst wird das nichts.

    Sonst bleibt nur der recht teure Wasserstoff als saisonaler Speicher. Naja, man kann auch Biogas für den Winter sammeln, oder Holz sehr gezielt zum Heizen oder auch zur Stromerzeugung nutzen, wenn der Energiemangel am größten ist. Das ginge vermutlich auch mit Müll.

    Dass das mit Geothermie wirklich viel wird, kann ich mir eigentlich nicht vorstellen. Dann schon eher etwas tiefere Bodensonden für Wärmepumpen bzw. Großwärmepumpen. Aber Strom erzeugen geht damit wohl nur unter besonderen geologischen Bedingungen.

    • @Tobias Jeckenburger(Zitat): „ Es wäre sogar ganz, ganz viel Import von PV und Lithiumakkus sinnvoll. Viel besser, als wenn wir das alles selber zu weit höheren Kosten selber herstellen würden.
      In der Tat sind in Deutschland hergestellte Autos inzwischen zu teuer für den Durchschnittsdeutschen. Deshalb etwa ist bei den Elektromobilen Skoda das in D meistgekaufte Fahrzeug. Doch es sind nicht nur die Deutschen, die sich deutsche Elektromobile nicht leisten können. Das ist ja gerade der Grund, dass VW 100‘000 Stellen (bis zu 4 Werke) abbauen will. Indirekt werden es wohl 3 Mal soviel Arbeitsstellen sein, denn es hängen Zulieferer etc. davon ab. Der Aussenhandelsüberschuss von D ist übrigens nichts schlechtes. Zumal es ihn seit vielen Jahrzehnten gibt. Wenn Deutschland seinen Status als Exportland verliert und zugleich anfängt jedes Jahr seinen Schuldenstand zu erhöhen, dann gleicht sich D Frankreich an und von Frankreich sagt man zurecht, dass sein wachsender Schuldenstand sogar den Euro und die EU insgesamt in Gefahr bringen kann.
      Kurzum: Wenn Deutschland aufhört das führende Industrieland Europas zu sein, dann ist das nicht nur für D, sondern auch für die EU ein Problem.

  13. Thermische Kraftwerke brauchen Kühlwasser. Das ist ja augenscheinlich ein zunehmendes Problem.
    Solar- und Windstrom, verstetigt mit Batteriespeichern, braucht kein Kühlwasser.
    Außerdem sind diese Bestrebungen eine Fortsetzung der Haltung: Wird schon noch klappen, wir sind die Herren des Planeten.
    Was für ein Irrtum!

    • @Eberhard Erben(Zitat): „ Wird schon noch klappen, wir sind die Herren des Planeten.“
      Nukleare Fusion ist nicht etwas, mit dem man fest rechnen kann. Man kann überhaupt mit sehr wenig fest rechnen. Auch nicht mit Wind- und Solarstrom, denn die entsprechenden Mengen, 3 Mal so viel wir bereits installiert, müssen ja noch bewilligt und gebaut werden. Ein Problem eines Erneuerbaren Ausbaus in ganz kurzer Zeit weltweit ist zudem der grosse Ressourcenbedarf, also etwa die grossen Mengen an seltenen Erden und Kupfer, die in den nächsten 20 bis 30 Jahren gefördert werden müssen. Für Kupfer gilt: Die Nachfrage wächst von heute ca. 28 Millionen Tonnen auf rund 42 Millionen Tonnen im Jahr 2040 an.Bis zu 24% des weltweiten Bedarfs könnten fehlen, da die Minenproduktion ihren Höchststand um 2030 erreichen dürfte. Neben Elektroautos und dem Ausbau der Stromnetze treiben vor allem KI-Rechenzentren und der Verteidigungssektor den Verbrauch stark an.
      Und ja, auch in D müssen die Stromnetze wegen den Erneuerbaren weiter ausgebaut werden, was bei der Verknappung von Kupfer immer teurer wird.

    • @Eckehard Erben: DeGrowth in Deutschland bedeutet einfach Armut in Deutschland mit tiefen Renten und ungenügender Pflege – und das bei einer starken Zunahme der Renter und Pflegebedürftigen.
      Zudem: China und die Chinesen werden sie nie von DeGrowth überzeugen können.

      • Ulrike Herrmann schlägt in „Ende des Kapitalismus“ ein Degrowth auf das Niveau der 1970er Jahre vor – jetzt bin ich erst in den 80ern geboren, aber so weit ich weiß, waren die Siebziger in Deutschland ganz gut zu leben.

        Das soll nicht heißen, dass Degrowth die beste Lösung, realistisch oder sonst was ist, ich halte nur die ständige Behauptung (oder ist es schon ein Narrativ?), dass Degrowth zu Armut führe, für wahrscheinlich stark verkürzt, wenn nicht sogar falsch. Das Wachsen und Schrumpfen des BIP sagt nämlich nichts über die Lebensqualität der Menschen aus, sondern nur, wie viel Geld ausgegeben wird.

        Um meinen Punkt mit Gedankenspiel zu illustrieren: Deutschland gibt pro Jahr 80 Mrd. Euro für fossile Brennstoffe aus. Angenommen, wir hätten die Elektrifizierung der Gesellschaft schon geschafft, wir aufgrund der damit einhergehenden Effizienzgewinne also weniger Geld für Energie ausgeben müssten und alles andere gleich bliebe, würde das BIP zurückgehen – wir hätten auf dem Papier eine Rezession oder Degrowth -, aber es hätte sich nichts am Lebensstandard der Bevölkerung geänder! Wir hätten immer noch warme Häuser und Mobilität etc. und trotzdem würden wahrscheinlich die üblichen wirtschaftsnahen Lobbyverbände Alarm schlagen, dass wir demnächst vor der großen Armut stünden.

        • Dass Konzept „Degrowth“ hört sich erstmal bestechend einfach an, aber der Teufel liegt im Detail. Die Vorstellung, einfach alles alles 20% kleiner zu machen, würde so nicht funktionieren. Einige Beispiele: In den siebziger Jahren konnte man gut leben, das kann ich bestätigen. Ich habe 1975 Abitur gemacht. Aber: Die Lebenserwartung für Männer lag 1970 bei 68 Jahren, für Frauen bei 73 Jahren. Rente gab es ab 65 Jahren. Dahin möchte sicher keiner zurück. Und „Degrowth“ heißt auch, dass für die dringenden Zukunftsaufgaben weniger Geld zur Verfügung steht. Die Infrastruktur – Schulen, Universitäten, Krankenhäuser, Brücken, Bahnlinien – muss modernisiert werden. Dafür fehlt jetzt schon das Geld. Die Kommunen schieben mehr als 150 Milliarden an Infrastrukturausgaben vor sich her. Und die Energiewende kostet erstmal richtig viel Geld. Bei „Degrowth“ wäre das alles gefährdet. Und das sind nur Beispiele.

  14. @Martin Holzherr 27.07. 02:17 / 11:10

    „Wenn Deutschland aufhört das führende Industrieland Europas zu sein, dann ist das nicht nur für D, sondern auch für die EU ein Problem.“

    Nicht wenn ein Teil der Produktion innerhalb der EU verlagert wird und gleichzeitig chinesische Firmen für den europäischen Markt auch in Europa produzieren. Das täte vor allem unseren Nachbarländern sehr gut.

    „DeGrowth in Deutschland bedeutet einfach Armut in Deutschland mit tiefen Renten und ungenügender Pflege – und das bei einer starken Zunahme der Renter und Pflegebedürftigen.“

    Zumindest wären mit DeGrowth mehr Mitarbeiter frei, und die könnten dann sogar mehr Pflege leisten. Wenn nachhaltig Steuergelder fehlen, dann könnte man es auch mit europaweiten Vermögens-, Erbschafts- und Kapitalertragssteuern probieren? Da kommen wir auf die Dauer sowieso kaum dran vorbei, wenn wir wirklich die Staatsschulden begrenzen wollen.

    „Zudem: China und die Chinesen werden sie nie von DeGrowth überzeugen können.“

    Das geht uns jetzt so viel auch wieder nicht an. Wir müssen nur in China kaufen, was wir wirklich haben wollen. Notfalls Zölle erhöhen und Chinesische Firmen wirksam motivieren, auch gleich in Europa zu produzieren.

    • @Tobias Jeckenburger:
      – Sie wollen, dass China für Europa produziert.
      – Sie wollen EU-weite Vermögens-Erbschafts-und Kapialsteuern. Etwas was etwa Schweden in den 1970er und 1980er Jahren hatte während seiner „sozialistischen Phase“, einer Phase des gleichzeitigen schwedischen Niedergangs.

      Beurteilung: Wirtschaftliche Schwäche kann man nicht mit mehr Besteuerung kompensieren. Man kann es nur mit stärkerer wirtschaftlicher Dynamik und einer flexibleren Produktionsweise kompensieren wie das gerade China vormacht.

      Vorschlag: Wenn Europa wirtschaftlich schwächelt und sich zugleich militärisch nicht verteidigen kann, wäre eine Lösung, dass sich die EU auflöst und sich die heutigen EU-Staaten als neue chinesische Provinzen bewerben. China würde dann auch für den atomaren Schutz der Europäer aufkommen (China hat 620 Atomsprengköpfe) und es würde wie von ihnen vorgeschlagen den europäischen Markt mit chinesischen Produkten überschwemmen.

  15. @Martin Holzherr 27.07. 12:10

    „Etwas was etwa Schweden in den 1970er und 1980er Jahren hatte während seiner „sozialistischen Phase“, einer Phase des gleichzeitigen schwedischen Niedergangs.“

    Als Nationalstaat im Alleingang ist es sicher schwieriger. Und man hat so weit ich weiß damals in Schweden auch insgesamt sehr hohe Steuern erhoben. Geschadet hat es vermutlich auch nur wenig, der Lebensstandard dort war ziemlich hoch, und ist es vermutlich immer noch.

    „Wirtschaftliche Schwäche kann man nicht mit mehr Besteuerung kompensieren.“

    Es geht mir überhaupt nicht um mehr Steuern insgesamt, es geht mir aber um eine Verschiebung mit mehr Steuern auf Kapital und weniger auf Arbeit. Das kurbelt auf jeden Fall gleich die Nachfrage an, und kann bei Vielen mehr Nachwuchs leichter machen.

    Was chinesische Firmen betrifft, die haben etwa bei PV und Lithiumakkus die beste Technik. Kombiniert mit vergleichsweise niedrigen Löhnen in Osteuropa würde es für alle Beteiligten Sinn machen, dass man auch dort für den europäischen Markt produziert.

    Das wäre jetzt nichts Neues, dass eine Firma mit Spitzentechnik weltweit produziert. Deutsche Autofirmen etwa, als sie noch Spitzentechnik hatten, zumindest, haben das auch sehr gerne gemacht.

    • @Tobias Jeckenburg
      chin. Firmen produzieren bereits
      – in Ungarn (CATL-Batteriewerk Debrecen),
      – in Spanien (Chery im ehemaligen Nissan-Werk in Bacelona), in Deutschland & Osteuropa mit Standorten wie Thüringen (Arnstadt) oder geplanten Werken in der Slowakei,
      – in Portugal.
      Die jährlichen chinesischen Direktinvestitionen (FDI) in Europa (EU und Grossbritannien) belaufen sich aktuell auf 16,8 Milliarden Euro (67 Prozent Anstieg im Vergleich zum Vorjahr).
      Die eine Hälfte der Investitionen geht in Neuerschliessungen, die andere Hälfte in Fusionen und Übernahmen.

    • @Tobias Jeckenburger betreffend Schweden:

      S BIP wächst stärker als in D und S hat mehr privaten Konsum als D, die Inflation ist niedriger in S, S reduziert die Steuern, auch die Mehrwertsteuer auf Lebensmittel, S ist nur mit 35% des BIP verschuldet und hat deshalb mehr Handlungsspielraum. Das Leben in Schweden (inklusive Miete) ist im Durchschnitt etwa 4 % bis 5 % günstiger als in Deutschland. Die Mietpreise sind 9 % bis 10 % niedriger als in D. Die schwedische Wirtschaft hat kein Deindustrialisierungsproblem.