Die Anfälligkeit komplexer Systeme

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die Psychologie irrationalen Denkens
Gedankenwerkstatt

Die Veröffentlichung eines Buchs über ein kontroverses Thema ist für den Autor ein spannendes Erlebnis. Kann das Internet tatsächlich zugrunde gehen? Viele meiner Diskussionspartner konnten sich das nicht vorstellen. „Wenn irgendwas nicht funktioniert, kann man es doch austauschen“, meinten sie. Und wenn Teile nicht mehr verfügbar sind? „Sobald eine Marktlücke da ist, wird sich jemand finden, der sie füllt.“ Und wenn der Transport um die Welt nicht mehr funktioniert? „Dann werden die Teile eben hier montiert.“

Aber so einfach ist das alles nicht. Unsere Kultur, unser Wissen und unsere Wirtschaft ist ein dynamisches System, dessen einzelne Teile sich gegenseitig stützen, und das ständig in Bewegung ist. Man kann es nicht einfach anhalten, und später wieder starten, als sei nichts gewesen. Ich möchte das an einigen Beispielen erklären. Das erste Beispiel stammt aus der Geschichte.

Reiche und Kulturen steigen auf, erleben eine Blütezeit und zerfallen. Im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert haben verschiedene Historiker versucht, allgemeine Regeln aufzustellen, nach denen dieser Buchcover Offline!Prozess abläuft.1 Letztlich hat sich keiner damit durchsetzen können. Kulturgeschichte ist zu vielgestaltig für allgemeine Regeln. So ist bis heute umstritten, ob das Weströmische Reich der Spätantike von den Germanen einfach weitergeführt wurde oder sie es zerstörten. In jedem Fall zerstörten die Germanen die materielle Grundlage des Reichs. Römische Häuser waren äußerst stabil gebaut und hatten eine komfortable Heizung. Die städtische Mittel- und Oberschicht hatte Glasgefäße und feines Geschirr. Die weitgehend sicheren Handelswege im Reich erlaubten es, Güter des täglichen Gebrauchs in großen Fabriken zentral herzustellen. Feines Glas kam aus Syrien, Wein aus Spanien. Die für den römischen Zement unentbehrliche Vulkanasche kam aus Puzzuoli bei Neapel oder der deutschen Vulkaneifel. Wenn das Transportnetz intakt ist, entstehen natürlicherweise spezialisierte Zentren für die Herstellung von Waren aller Art. Auch die Verwaltung und die höhere Bildung konzentrierten sich an wenigen Orten. Im fünften Jahrhundert brach die Ordnung im Reich zusammen. Der Warenverkehr hörte auf, die Fabriken bekamen keine Rohstoffe mehr und konnten keine Waren mehr absetzen. Das Reich konnte seinen zivilisatorischen Standard nur als Ganzes halten. Als es durch die Germaneneinfälle immer mehr fragmentiert wurde, brach mit der inneren Ordnung auch die Zivilisation zusammen. Der englische Archäologe Bryan Ward-Perkins hat den Zerfall der römischen Zivilisation in England untersucht. Er fand, dass der Zerfall der römischen Ordnung und Lebensweise nicht erst mit der Eroberung der Insel durch die Sachsen begann, sondern bereits Jahrzehnte vorher, als die Provinz durch den Germaneneinfall in Gallien vom Rest des Reichs abgeschnitten wurde. Das feine Geschirr wurde durch Gröberes ersetzt, und die neu gebauten Häuser entsprachen kaum noch dem römischen Standard.

Wir haben ein ähnliches Problem: Sollte aus irgendeinem Grund der Welthandel zum Erliegen kommen, könnten die Rohstoffe aus Chile oder Afrika nicht mehr nach Ostasien verschifft werden. Dort entstehen die Hightech-Produkte für die ganze Welt. Eine zersplitterte Welt könnte solche Waren nicht bauen. Das gesamte System würde verfallen, und bereits nach zehn oder zwanzig Jahren wären die Schäden so hoch, dass ein Neuaufbau untragbar teuer würde. Es gäbe auch kaum noch erfahrenes Personal, alle müssten sich neu einarbeiten. Verlieren aber die Menschen ihr Wissen wirklich so schnell? Auch dafür gibt es ein aktuelles Beispiel. Als das 20ste Jahrhundert zu Ende ging, mussten viele Computerprogramme umgestellt werden. Sie speicherten das Jahr nur zweistellig, also 92 für 1992. Ab dem Jahr 2000 würde das aber nicht mehr reichen. Viele Firmen stellten jetzt fest, dass ihre wichtigsten Programme

  • erstens aus den siebziger Jahren stammten und
  • zweitens in COBOL geschrieben waren, einer Sprache, die niemand mehr wirklich beherrschte.

Keiner der Mitarbeiter konnte die alten Programme umstellen oder auch nur lesen! Rentner wurden aus dem Ruhestand geholt, um ihren ehemaligen Firmen einen reibungslosen Übergang ins 21ste Jahrhundert zu sichern. Nach nur 20 Jahren war das Wissen um die Programme und die Sprache, in der sie geschrieben waren, bereits verschwunden!

Jedes dynamische System muss ständig laufen, es lässt sich ohne Schaden nicht anhalten. Die Komplexität ist durch seine Größe bestimmt, jede Zersplitterung führt unweigerlich zu einer Vereinfachung. Das Problem ist auch in der Ökologie bekannt: wenn man ein großes Naturgebiet durch breite Straßen und Siedlungen immer stärker unterteilt (Verinselung), dann schwindet die Artenvielfalt drastisch2.

Für uns heißt das: Digitaltechnik und Internet entwickeln sich sehr schnell zu einem System von bisher einmaliger Komplexität. Es kann nur erhalten werden, wenn die gesamte Welt weiterhin einen einheitlichen Wirtschaftsraum bildet. Jede Verinselung würde eine Vereinfachung erzwingen, die zur Zerstörung des Internets in der heutigen Form führt.

Aber könnte man eine Fragmentierung der Weltwirtschaft und eine Unterbrechung der Versorgung mit Rohstoffen und Hightech-Produkten nicht einfach aussitzen? Nach einigen Jahren, wenn die Störung vorbei ist, tauscht man die defekten Teile aus, nimmt die wegen Ölmangels stehen gebliebenen Autos und Heizungen wieder in Betrieb und macht weiter wie vorher. Oder nicht? Nun, eher nicht. Eine so komplexe Kultur wie unsere ist einem lebenden Organismus ähnlich. Ein Mensch kann 100 Jahre leben, wenn aber sein Blutkreislauf zum Stillstand kommt, seine Atmung versagt, oder das Blut zu wenig Energieträger enthält, stirbt er innerhalb weniger Minuten. Spätestens nach weiteren 15 Minuten ist der Tod unumkehrbar.

Nicht nur der Mensch, sondern jedes Säugetier ist so komplex gebaut, dass seine Gewebe ständig mit Sauerstoff und Nahrung versorgt werden müssen. Auch seine interne Steuerung (Nerven und Hormone) darf niemals versagen. Ein komplexer Organismus mag zwar extrem langlebig sein, aber sein Stoffkreislauf und Nervensystem sind trotzdem extrem anfällig und dürfen niemals stillstehen.

Unsere Weltkultur könnte bereits einen ähnlichen Komplexitätsgrad erreicht haben. Genau wissen wir das nur, wenn wir es darauf ankommen lassen. Aber wollen wir das?

 

Anmerkungen

1 Der englische Historiker Arnold Toynbee und sein deutscher Kollege Oswald Spengler waren die bekanntesten Universalhistoriker. Spengler lehrten, dass eine Kultur wie eine Pflanze wachse, blühe und welke. Sie lebe etwa tausend Jahre, bevor sie verschwinde. In seinem Hauptwerk Der Untergang des Abendlandes sah er die westliche Kultur bereits im Spätherbst ihrer Entwicklung und sagte voraus, dass sie bald von der jungen und lebenskräftigen russischen Kultur abgelöst werde. Er garnierte seine Beweisführung mit viel Esoterik, und presste den Gang der Geschichte in ein unsinnig starres Gerüst. Wissenschaftlich ist sein Buch heute bedeutungslos, auch wenn sein Titel zu einem geflügelten Wort geworden ist. Toynbee ging in seiner Universalgeschichte (Der Gang der Weltgeschichte) differenzierter vor und gab den Kulturen unterschiedliche Lebenszeiten und gestand ihnen verschiedene Entwicklungen zu. Eine Vorhersage des Schicksals bestehender Kulturen hielt er für unmöglich.

2 David Quammen: Der Gesang des Dodo. Eine Reise durch die Evolution der Inselwelten. List München, 3. Auflage 2004.
Ein exzellentes Buch, das ich nur empfehlen kann! Der Titel erklärt sich so: Ausgerottete Arten lassen sich vielleicht aus erhaltener DNA nicht wiederherstellen. Damit ist aber noch nicht viel erreicht. Der Gesang der Vögel wird beispielsweise erst im Leben erlernt, er ist nicht angeboren. Selbst wenn wir den ausgestorbenen Dodo aus einem DNA-Strang züchten, werden wir niemals wissen, wie die plumpen Riesenvögel gesungen haben.

Thomas Grüter

Veröffentlicht von

www.thomasgrueter.de

Thomas Grüter ist Arzt, Wissenschaftler und Wissenschaftsautor. Er lebt und arbeitet in Münster.

37 Kommentare

  1. Ich finde ihre Argumentation immernoch nicht schlüssig. Bspw. basieren viele wichtige Programme immernoch auf Cobol, weil es billiger ist jemandem viel Geld zu zahlen um das Programm zu warten, als die Programme durch neue zu ersetzen und die Kosten eines Systemwechsels inkauf zu nehmen. Das heißt aber längst noch nicht, dass ein Wechsel nicht möglich ist, sondern einfach nur, dass günstiger ist viel Geld für ein bischen Cobol auszugeben, als wenig Geld für viel neue Programmiersprache. Das gibt es in der Computerwelt auch genau umgekehrt. Bspw. gibt es Highfrequencytrading in Java. Obwohl Java ganz bestimmt nicht für lowlatency Anwendungen geeignet ist, entscheiden Betriebswirte sich trotzdem dafür. Die Argumentation ist, dass es heutzutage so viele Java-Programmierer gibt, dass die Preise für java-low-latency-Experten geringer sind, also für ein System mit geeigneter Programmiersprache. Das ist also genau der umgekehrte Fall von Cobol. Bei Cobol wirft man Spezialprogrammierer auf Massenprobleme und bei Java wirft man Massenprogrammierer auf Spezialprobleme. Sie haben damit längst nicht gezeigt, dass eine andere Lösung nicht möglich ist. Ganz im Gegenteil, das Cobolbeispiel zeigt, dass eine andere Lösung möglich ist. Und hier und da wird immer mehr Cobol ersetzt.

    • Es ging beim Millenium-Bug nicht um die Frage, ob es möglich ist, Cobol-Programme zu migrieren. Es ging um die für viele Firmen erschreckende Erkenntnis, dass wichtige Geschäftsabläufe auf Programmen basierte, die keiner der Angestellten mehr richtig verstand. Die Programme waren noch im produktiven Einsatz, aber alle Fachleute dafür hatten das Unternehmen verlassen. Sollte wirklich ein Stillstand eintreten, müsste man also damit rechnen, dass die Experten noch sehr viel schneller in alle Winde zersterut sind.

      • Die eingesetzten Programme sind nichts weiteres als Werkzeug für den Betrieb. Was hier also passiert ist, ist dass der Schmied in Pension gegangen ist und durch keinen neuen ersetzt wurde, als das Werkzeug den Geist aufgab. Der Manager stand nun vor der Aufgabe, das Werkzeug warten zu lassen oder von einem neuen Werkzeug ersetzen zu lassen. Der Manager hat sich dazu entschieden das Werkzeug reparieren zu lassen und zwar von dem pensionierten Schmied, weil der neue Schmied nicht mit dem alten Werkzeug vertraut war und es so einfach billiger ist.

        Ich kann es nur wiederholen: Die ALTEN Programmierer waren nicht notwendig, sie waren nur billiger. Das heißt, wenn es die Alten nicht gegeben hätte, dann hätte es die neuen gegeben. Diese hätten sich entweder in Cobol eingelesen oder ein neues System hingestellt. Dabei kommt es nur darauf an, was billiger ist. Angenommen aus irgendeinem Grund verschwinden alle Cobol-Lehrbücher, dann wird ein neues System hingestellt. Warum das eine Sackgasse darstellt aus der wir potenziell nicht rauskommen haben sie immernoch nicht erklärt.

        • Ihre Argumentation läuft etwa auf folgende Feststellung: Wenn man genugend Geld einsetzt, kann man jedes Problem in einer vorgegebenen Zeit lösen. Da habe ich so meine Zweifel. Wenn eine Firma feststellt, dass es billiger ist, eine neue Software für die Steuerung interner Prozesse einzuführen, dann braucht sie dafür auf jeden Fall viel Zeit. Die Migration von Datenbeständen und Prozessen ist selbst für mittelständische Firmen eine größere Aufgabe, bei Großfirmen kann es ein Alptraum werden.
          Mein Beispiel bezog sich auch nicht so sehr auf die Lösbarkeit, sondern illustrierte den Verlust von Wissen und Fertigkeiten.
          Wenn Sie die Auffassung vertreten, dass jedes Problem gelöst werden kann, wenn es auftritt und ein materieller Engpass oder Mangel garantiert nicht auftreten wird, ist das durchaus legitim. Ich kann sie allerdings nicht teilen.

          • Ich habe überhaupt keine These vertreten. Sie sind derjenige der Thesen vertritt und daraus Folgerungen schließt. Ich zeige nur auf, dass ihre Folgerungen nicht konsistent sind. Ob damit das Gegenteil wahr ist habe ich noch lange nicht gezeigt und ich weiß es schlicht weg nicht.

            Das Problem ist, dass Sie sich auf ein argumentum ad ignorantiam stellen und sich weigern jegliche ökonomischen Überlegungen anzustellen.

          • Sie sind derjenige, der Thesen vertritt und deswegen haben Sie auch eine Bringschuld. Das Cobol Beispiel demonstriert eben NICHT, dass man NICHT jedes Problem mit genug Geld lösen kann. Es ist ein Beispiel für das Gegenteil. Daraus folgt nicht, dass das Gegenteil allgemein gültig ist. Ich vertrete überhaupt keine Thesen.

            Das Beispiel ist für ihre These einfach nicht geeignet. Wenn Sie es nur als Beispiel für Fehlplanung vorführen, dann haben Sie Marktwirtschaft nicht verstanden. Arbeitskraft ist ein Gut wie jedes andere. Wenn die besagten Großkonzerne fehlplanen, eröffnet das eine Marktlücke für Unternehmer, die nicht fehlgeplant haben. Das kann verschiedenste Formen annehmen. Was in der Marktwirtschaft wichtig ist, sind nicht die Planer, sondern evolutionäre Eigenschaften von Selektion und Adaption. Angenommen es gäbe keine Möglichkeit die Cobolprogramme zu warten und angenommen die Probleme würden so groß werden, dass Sie unlösbar würden. Dann würden die Cobolunternehmen allesamt ausselektiert werden und das würde Raum für andere Unternehmer eröffnen, die geplant oder zufällig nicht Cobol abhängig sind. Wie auch immer das funktioniert.

            Hier ist der grundsätzliche Fehler in ihrem Buch:
            Der Zusammenbruch einer Abhängigkeitskette demonstriert noch nciht, dass Sie nicht ersetzbar sind. Bisher haben Sie keine geeigneten Beispiele gebracht, außer der abstrakten Vorstellung, dass der gesamte Welthandel zusammenbricht. Solange dieses Szenario abstrakt bleibt, benutzen Sie einen Zirkelschluss um ihre Thesen zu stützen.

          • Ich schlage vor, die Diskussion etwas sachlicher zu führen. Es macht wenig Sinn, mit Vorwürfen zu operieren. Haben Sie das Buch gelesen, oder wissen Sie auch ohne den Inhalt zu kennen, wo der grundsätzliche Fehler des Textes liegt?

          • Entschuldigen Sie, bitte nehmen Sie es nicht persönlich. ich habe vielleicht unfair extrapoliert. Wenn Sie mich aber fragen worauf ich wetten sollte, würde ich darauf wetten, dass Sie auch im gesamten Buch vielfältigen Gebrauch von Argumentum ad ignorantiam und Zirkelschlüssen machen. Schlicht und einfach, weil Sie auf Nachfrage und Kritik, das Argument wiederholen. Grundsätzlich verbleibe ich bei meiner obigen Argumentation.

            Nebenbei bemerkt hätten Sie hier auch wieder ein geeignetes Beispiel nennen können, wenn Sie eins hätten. Die beste Antwort auf ungerechtfertigte Kritik ist, ist die richtige Antwort und kein – sei es gerechtfertigt oder ungerechtfertigt – Verweis auf Etiquette.

            Aus diesem und anderen Gründen erhöhe ich meinen Wetteinsatz, dass ihre anderen Beispiele auch auf “argument from ignorance” oder “begging the question” basieren.

      • Was sie als erschreckende Erkenntnis betrachten ist Grundprinzip der Arbeitsteilung. Ich kann nur das 100 Jahre alte Bleistiftbeispiel zitieren: Es gibt grundsätzlich keine einzige Firma auf der Welt die in der Lage wäre einen Bleistift zu produzieren.

      • Die Firmen mögen zwar “erschreckt” gewesen sein, ökonomisch ist aber rein garnichts besonderes passiert.

  2. Ich kritisiere 3 Punkte:
    1. Ihre Argumentation ist nicht kleinschrittig genug. Dadurch machen Argumentationsfehler indem Sie Dinge übersehen.
    2. Sind ihre Beispiele oft unpassend.
    3. Sie scheinen nicht zu versuchen ihre eigenen Thesen zu kritisieren.

    Was Sie brauchen sind detailierte ökonomische Analysen. Gehen Sie detailierte Szenarien durch und überlegen Sie sich, wie sie die aufkommenden Probleme lösen würden. In diesem Text bspw. diskutieren Sie das Beispiel, das die britischen Insteln abgeschnitten sind und übertragen es auf einen kompletten Zusammenbruch des Welthandels. Ich muss ihnen doch nicht sagen, dass das keinen Sinn macht oder?

    • Zu ihren drei Punkten: Ich schreibe hier ein elektronisches Tagebuch, kein wissenschaftliches Lehrbuch. Für detaillierte ökonomische Analysen ist hier kein Platz, sie würden Hunderte von Seiten einnehmen. In diesem Beitrag versuche ich lediglich klarzustellen, dass es in der Geschichte Beispiele gibt, an denen sich meine Argumente illustrieren lassen. Das dient dem besseren Verständnis. So habe ich gesagt, dass die Isolierung der Provinz Britannien zu einem schnellen Absinken des materiellen Lebensstandards führte, weil der Handel aufhörte. Damit belege ich, dass es keineswegs abwegig ist, eine Gefährung unseres Lebensstandards zu befürchten, wenn der Welthandel zusammenbricht.

  3. Selbst wenn Ihre Argumentation schlüssig wäre, so ist die Bezeichnung “Ende des Internets” doch mindestens irreführend. Für das “Ende des internets” ist ja anscheinend notwendig, dass “aus irgendeinem Grund der Welthandel zum Erliegen [kommt]”. Aber dann hätte unsere Zivilisation doch wesentlich größere Sorgen, als den Ausfall standardisierter elektronischer Kommunikation…

    • Durchaus möglich, dass wir dann größere Sorgen haben. Wenn wir aber beispielsweise unsere Stromversorgung und die gesamte Warenverteilung über Internet steuern, rückt die Funktion des Internet auf der Sorgenrangfolge bald ziemlich weit nach oben.

  4. Wenn man das Mitteleuropa des Jahres 1945 mit dem Mitteleuropa von heute vergleicht, dann stellt man keine Spur eines Niederganges fest.

    Der Ausfall des Internets kann uns aber höchstens auf das Jahr 1969 zurückwerfen, und damals liess es sich gut leben (ich wurde im Jahre1946 geboren).

    Während des Krieges und des Embargos haben die Chemiker aus bodenständigen Rohstoffen Gummi, Benzin, Kunststoffe, Düngemittel, Sprengstoffe (leider) und viele andere Dinge hergestellt.

    Ich sage mit Daniel Düsentrieb und Erika Fuchs: “Dem Ingeniör ist nichts zu schwör,” denn das Fachwissen der Techniker geht nicht so schnell verloren (ich bin Chemotechniker).

    Der Niedergang der antiken Kulturen dauerte immer mehrere Generationen lang.

    Heute haben wir den umgekehrten Effekt, weil die meisten Technologien während einer einzigen Generation mehrmals verbessert werden.

    Jeder, der Bücher lesen kann, kann auch frühere Technologien erlernen, und macht das auch bereits während seiner Fachausbildung.

  5. Nachtrag: Es sind nicht nur die Chemiker.

    Vor dem Jahre 1945 wurden in völliger Isolation in Deutschland zwei funktionsfähige Relais-Computer gebaut (Konrad Zuse), und auch noch einige funktionsfähige Flüssigkeits-Raketentriebwerke (leider).

    Wenn wir aber nur auf das Jahr 1969 zurückgeworfen werden, dann erinnere ich daran, dass wir damals schon zum Mond fliegen konnten.

    Die Elektronik verwendete damals eine Kombination aus Elektronenröhren, einzelnen Transistoren, und sehr einfachen integrierten Schaltkreisen.

    Einen weltweiten Rundfunk kann man aber schon mit einer Technologie aus dem Jahre 1910 aufbauen, und einige Bastler machen das sogar noch heute.

    Die meisten Elektronenröhren halten sogar einen nuklearen elektromagnetischen Impuls aus, und jeder Glasbläser kann sie herstellen.

  6. Wir leben in einer in jeder Hinsicht beschleunigten Welt verglichen nur schon mit den beiden Nachkriegsjahrzehnten. Nicht nur im Guten auch in Bezug auf die Gefahren, die unserer technischen Zivilisation drohen. Vor dem mit dieser Beschleunigung verbundenen verkürzten Zeitmassstab ist schon die vorauszusehende Erschöpfung von Kohle, Öl und Erdgas in vielleicht 100 Jahren fast unendlich weit entfernt und kaum jemand zweifelt heute daran, dass wir schon lange vorher diese Energierohstoffe durch andere Energiequellen ersetzt haben werden. Wir befunden uns heute im Overshoot, ist unser ökologischer Fussabdruck doch so gross, dass wir mehr als eine Erde “benötigen”, doch trotzdem sind wir frohen Mutes, denn gleichzeitig entwickeln wir Techniken wie wir mit immer weniger Land immer mehr Nahrungsmittel produzieren können und die Konzepte für eine Kreislaufwirtschaft haben wir längst erarbeitet und müssen sie nur noch realisieren. Das Internet und die dazugehörigen Basistechnologien wie es in Besprechungen des Buches Offline beschrieben wird, ist alles andere als eine statische Angelegehnheit. Die Infrastruktur, die es benötigt, könnte sich nach den Vorstellungen des MIT-Ingenieuers Skylar Tibbits schon in Kürze selbst bauen und regenerieren, denn er sieht eine Zukunft von smarten Dingen voraus, die sich selbst aufbauen und selbst erhalten ähnlich wie sich Wälder und andere Ökosysteme auch und gerade ohne Eingriffe des Menschen selbst erhalten und aufbauen.

    Komplexe Systeme sind allerdings generell anfällig für Störungen. Das gilt sogar für natürliche Ökosysteme. Nur geringe Änderungen des Klimas können beispielsweise den Amazonasregenwald zum Verschwinden bringen und dazu führen, dass er durch Prärie und Steppe ersetzt wird. Ähnliches gilt auch für unsere technische Umwelt. Gefährlich wird das in einer globalisierten, monokulturellen Welt in der alles von allem abhängt. Dieses Problem hat sich beispielsweise in der Finanzkrise ab 2007/2008 gezeigt, die schnell von den USA auf die ganze Welt übergriff. Einerseits gilt es Teilsysteme voneinander zu entkoppeln, andererseits hilft hier auch eine Dezentralisierung. Das erste Problem, die Reduzierung von gegenseitigen Abhängigkeiten und das Vorauserkennen zukünftiger Krisen wird im Bereich der Ökonomie bespielsweise von Didier Sornette angegangen. In How can wie predict the next financial crisis behauptet er, er könne Blasen erkennen und den fast exakten Zeitpunkt ihres Platzens voraussagen. Etwas was er regelmässig auf einer seiner Internetseiten zu Risikomanagement und Unternehmensrisiken macht. Didier Sornette fordert beispielsweise eine Art Trennbankensystem wie es mit dem Glass-Seagal-Akt geschaffen wurde. Ich bin überzeugt, dass ähnlich gelagerte Forscher wie er auch Strategien entwickeln können wie man die Gefahr eines Internetzusammenbruchs verkleinert.

  7. Zweiter Nachtrag: Exotische Materialien.

    Vor dem Jahre 1966 gab es eine große Menge an elektrischen Generatoren und an Elektromotoren, aber kein einziger davon hat Seltene-Erden-Magnete enthalten.

    Zum Bau von Elektronenröhren benötigt man weder Wolfram noch Platin.

    Als Einschmelzlegierung für Glas kann man Platinit verwenden, das nur aus Eisen und Nickel besteht.

    Als Glühkathode kann man Bariumoxid verwenden, das schon unterhalb von 800 °C arbeitet.

    Ich bin der Meinung, dass der Wiederaufbau der Zivilisation höchstens eine halbe Generation benötigt.

    • Die Glasbläserkunst in allen Ehren, aber ich glaube nicht, dass jeder Glasbläser eine Elektronenröhre bauen könnte. Wenn ich einem Glasbläser sagen würde: “Ich brauche eine Pentode, hier sind die Kenngrößen, bitte bis Ende nächster Woche”, dann würde er mich allenfalls erstaunt ansehen. Mit Elektronenröhren lässt sich zwar ein Radio und ein Fernseher bauen, aber kein Computer. Der bekannte Röhrencomputer Univac leistete weniger als jeder Taschenrechner und war mehr als die Hälfte der Zeit außer Betrieb, weil eine der Röhren ausgefallen war.
      Ich behaupte nicht, das Ende der Zivilisation stehe bevor, sondern das Ende der Informationsgesellschaft. Das ist glücklicherweise ein deutlicher Unterschied. In meinen Augen ist es ein extrem wichtiger Fortschritt, dass wir das Wissen der Welt quasi auf Knopfdruck abrufen können. Und das würde ich gerne erhalten.

  8. Ein Land, ein Landesteil, ja selbst ein Firmensitz kann Inter- und Intranetzdienste weiter nutzen, selbst wenn die Verbindungen zur Aussenwelt vorübergehend ausfallen. Dies zu

    Jede Verinselung [von Digitaltechnik und Internet] würde eine Vereinfachung erzwingen, die zur Zerstörung des Internets in der heutigen Form führt.

    Mir scheint sogar, dass eine gute, ja empfehlenswerte Vorsorgemassnahme gegen die Folgen eines längerdauernden Verbindungsausfall eine lokale Replikation wichtiger Internetdaten und -dienste ist. Deutschland beispielsweise wäre vielleicht gar nicht schlecht beraten alle frei im Internet zugänglichen Daten – wie Wikipedia und noch vieles mehr – regelmässig lokal zu replizieren und zu archivieren um im Fälle von längerdauernden Verbindungsausfällen darauf zurückgreifen zu können.
    Wenn der Rückfall auf ein nur noch regional oder national verfügbares Internet richtig geplant ist, dann ist auch folgendes keine Problem mehr:

    Wenn wir aber beispielsweise unsere Stromversorgung und die gesamte Warenverteilung über Internet steuern, rückt die Funktion des Internet auf der Sorgenrangfolge bald ziemlich weit nach oben.

    Richtig geplant, würde die über das Internet geregelte Stromversorgung oder Warenverteilung dann halt nur noch national oder regional richtig funktionieren. Das Internet ist ja schon von der Konzeption her so aufgebaut, dass solche ein Szenario mit vorübergehenden Verbindungsverlust zu weiter entfernten Netzknoten bewältigt werden kann.

    Eine Verinselung wäre erst ein Problem, wenn es zu einem dauernden Verbindungsausfall käme, beispielsweise weil wichtige Komponenten des globalen Internets ausfallen. Doch – und hier kann ich dem Kommentator Sven nur zustimmen:

    Für das “Ende des internets” ist ja anscheinend notwendig, dass “aus irgendeinem Grund der Welthandel zum Erliegen [kommt]”. Aber dann hätte unsere Zivilisation doch wesentlich größere Sorgen, als den Ausfall standardisierter elektronischer Kommunikation…

  9. Viele zivile Institutionen besitzen bereits heute einen Bunker oder einen Safe für ihre Daten, natürlich auch mit den geeigneten Lesegeräten, und fallweise auch mit einem Notstromaggregat.

    Die militärischen Institutionen besitzen Arbeitsstationen, die gegen elektromagnetische Impulse abgeschirmt sind, und die durch elektrisch nichtleitende Glasfaserkabel verbunden sind.

    Die militärischen Institutionen sind, schon von ihren Grundsätzen her, von einer globalen Kooperation unabhängig, und daher gut auf eine Fragmentierung vorbereitet.

    http://members.chello.at/karl.bednarik/NEMPSCHU.PNG

    Als Privatperson kann man seine USB-Sticks in einer Metalldose aufbewahren, und einen Reservecomputer mit Metallgehäuse oder in einer Metallkiste von allen seinen Anschlusskabeln getrennt lagern.

    Von allen diesen Keimzellen ausgehend, wird das Internet nach einer Katastrophe schnell wieder zusammen wachsen.

    Martin Holzherr hat ganz recht, wenn er schreibt:
    “alle frei im Internet zugänglichen Daten – wie Wikipedia und noch vieles mehr – regelmässig lokal zu replizieren und zu archivieren”

    Ausserdem ist der Besitz von Fachbüchern ganz nützlich, denn die funktionieren sogar in der Steinzeit.

    Im Gegensatz zur Bibliothek von Alexandria haben wir wesentlich mehr Bücher an wesentlich mehr Orten gelagert.

  10. Womöglich muß es eines der Ziele der Zukunft sein , eine Balance hinzukriegen zwischen sinnvoller Komplexität und sinnvoller Vereinfachung, zuviel technische Kompklexität führt über kurz oder lang in den Untergang , scheinbar aus dem Nichts .
    Offenbar haben immer koplexere Systeme auch eine innere Dynamik , die jedwede Form des Generalistentums zurückdrängt und eine immer blindere Spezialisierung befördert , konkret zu beobachten bei der politischen Einführung von G 8 , Bologna , Hartz 4 und der Ökonomisierung der schulischen Inhalte.
    Gleichzeitig stehen wir aber am Beginn einer anderen Entwicklung , die Globalisierung findet nicht nur ökonomisch statt , auch in allen anderen Bereichen gibt es eine immer größere Tendenz zur internationalen Kooperation , augenfällig bei der fast schon selbstverständlichen Katastrophenhilfe.

    Es ist eine spannende Frage , inwieweit das dazu führen wird , daß schwächelnde Regionen nicht mehr wie bisher platt gemacht werden , sondern gestützt , bis sie sich wieder berappelt haben.

    Genau genommen gibt es diese Entwicklung allerdings schon immer , die erfolgte Eroberung hat sehr häufig dazu geführt , daß man zwar unter die Knute geriet , aber auch von einem aktuell fitteren Volk besser regiert wurde.

  11. Komplexität und Risiko
    Komplex ist für uns Menschen etwas, wenn wir Mühe haben, es in jeder Hinsicht zu verstehen vor allem in Bezug auf die Einflussgrössen. Finanzen und Wirtschaft (Makroökonomie) beispielsweise sind wohl sogar für die Fachleute auf diesem Gebiet, die Ökonomen, etwas komplexes, weil es sich bei Ökonomien um hochgradig nichtlineare, dynamische Systeme handelt mit Neigung zu kaum vorhersehbaren Trendbrüchen – Crashes genannt. Solche System – eigentliche Drachen, bei denen man nie weiss, wann sie Feuer spucken – zu lenken ist heute (noch) keine Wissenschaft, sondern höhere Kunst. Wer von uns könnte mit Sicherheit sagen, dass beispielsweise das Fluten der Märkte mit Geld durch die Notenbanken, nötig sei oder etwa momentan nötig, im Endeffekt aber schädlich sei?
    Problematisch wird es, wenn etwas, was in dieser Art komplex und damit in seinem Verhalten kaum beherrschbar ist, zugleich fester Bestandteil unseres Alltags ist und wir auf Gedeih und Verderb davon abhängen. Die Ökonomie und auch vielleicht bis zu einem gewissen Grade auch das Internet gehören in diese Kategorie. Nicht selten gibt es Vorschläge solche Systeme durch Entkoppelungen einzelner Systemkomponenten sicherer zu machen, doch da eine solche Entkoppelung auch die Performance des Systems in “guten Zeiten” reduzieren kann, werden solche Verbesserungen von vielen abgelehnt. So wurde das Trennbankensystem, welches durch den Glass-Steagall Act nach der Depression der 1930er Jahre, eingeführt wurde in den 1990er Jahren wieder geschleift, mit der Begründung, die Finanzwirtschaft werde durch diese erzwungene Trennung gelähmt und in ihrer Dynamik eingeschränkt. Heute, nach der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 wird eine Wiedereinführung eines Trennbankensystems genau mit derselben Begründung – das System werde dadurch weniger performant – verhindert.

    Komplexität ist also in unserer Gesellschaft nicht etwas völlig neues. Es gab und gibt sie schon im Finanz- und Wirtschaftsbereich. Neu ist jedoch, dass sich neue komplexe Systeme gebildet haben zusätzlich zu den schon vorhandenen. Neue komplexe Systeme, die eine genau so gefährliche Dynamik entfalten können wie wir sie schon aus der Ökonomie kennen.

    Dazu zähle ich beispielsweise das System der gegenseitigen nuklearen Abschreckung, welches einerseits die Wahrscheinlichkeit eines erneuten Weltenkrieges reduziert, aber andererseits die Gefahr der Vernichtung der Menschheit mit sich bringt.

    Dazu gehört auch die Globalisierung der Warenströme und der Produktionsstandorte. Dann nämlich, wenn nur das Kriterium des Profits zählt und damit lokale Konzentrationen entstehen, die im Falle einer Störung, das ganze System zum Zusammenbrechen bringen können. Beispiele für solche Konzentrationen finden sich im Rohstoffbereich, wo seltene Erden zu mehr als 90% in China gefördert werden oder auch bie der Produktion von bestimmten elektronischen Komponenten.

    Auch die zunehmende Abhängigkeit vom Internet kann eine solche Situation schaffen, in der im Normallfall ein grosser Nutzen besteht, im Falle einer Störung aber eine gefährliche Situation entseht.

    Es gibt eine Tendenz, dass es mit der Globalisierung und den wissenschaftlichen und technischen Fortschritten immer mehr solche Risiken gibt.In Zukunft könnte die Biotechnologie zu einem solchen Risikofaktor werden. Wenn in vielen Laboren dieser Welt tödliche Krankheitserreger “gezüchtet” und schliesslich freigesetzt werden können, potenzieren sich die Risiken, die es durch die nukleare Aufrüstung schon gibt.

    Hohe Wahrscheinlichkeit != Realität
    Wir haben uns an potenzielle Gefahren gewöhnt und sehen oft keinen Grund vorzubeugen, wenn dieses Vorbeugen allzu grosse Kosten mit sich bringt. Es braucht den Ernstfall, damit wir umdenken und sogar der noch knapp glimpflich abgelaufene Ernstfall ist oft nicht genug um Vorkehrungen zu treffen. Die Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 ist ein gutes Beispiel dafür. Jetzt warnen viele vor zuviel Regulierungen im Finanz-und Wirtschaftbereich.

    Ein anderes Beispiel ist die nukleare Proliferation, welche scheinbar nur vorübergehend eingedämmt wurde und mit Pakistan und jetzt mit Nordkorea und den nuklearen Ambitionen Irans endgültig zu Fall kommen könnte. Doch hier gibt es von gewisser Seite die genau gleichen Überlegungen wie im Finanzbereich. So äusserst sich der ETH-Sicherheitsexperte Mathias Popp in der Aargauer Zeitung auf die Frage: “Könnte eine Atommacht Iran paradoxerweise für Stabilität sorgen, wie im Kalten Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion oder aktuell zwischen Indien und Pakistan?” so

    Durchaus. Die gegenseitige nukleare Bewaffnung von Rivalen hat tatsächlich historisch langfristig zu einer Form der Entspannung geführt. Aber auf dem Weg dazu gab es immer auch
    ganz gefährliche Atomkrisen, etwa die Kubakrise 1962 oder die Kargil-Krise 1999 zwischen Indien und Pakistan.

    Es ist doch so: Erst ein ernsthafter Atomzwischenfall, gar Atomkrieg, wird uns die Gefahren der Nuklearwaffen in ganz anderem Licht sehen lassen, also es die blosse Möglichkeit eines Atomkriegs macht.
    Genau das gleiche trifft auf die Gefahren der globalen Erwärmung zu: Erst wenn diese tatsächlich äusserst negative Auswirkungen hat, erst dann wird es für viele für uns ernst.

    Das Problem: Bei solchen Megarisiken wie der globalen Erwärmung oder einem nuklearen Zwischenfall kann es zu spät sein, wenn wir erst nach dem Eintreten reagieren.

    Auch für die zunehmende Abhängigkeit vom Internet gelten ähnliche Überlegungen.

  12. Die Argumentation von Herrn Grüter hat einen entscheidenden Fehler. Die von ihm beschriebenen Konsequenzen könnten – wenn überhaupt – nur eintreten, wenn der Warenaustausch und der Welthandel von heute auf morgen zum Erliegen kommen. Und zwar komplett.

    Sollte der Handel nur mit bestimmten Regionen ausfallen, ist dies problemlos verkraftbar. Dann substituiert man eben die Region. Hat es schon öfter gegeben, siehe Erdöllieferungen.

    Sollte der Handel mit bestimmten Waren ausfallen, wird es schon problematischer. Aber wenn man sieht, wie Länder, gegen die Handelsembargos verhängt sind, trotzdem munter weiterexistieren, sogar mit Internet, ist das auch nur ein partielles Problem.

    Und warum sollte der Welthandel von heute auf morgen zum Erliegen kommen? Dafür sehe ich nur eine Möglichkeit: Ein globaler Atomkrieg. Aber dann haben wir sowieso ganz andere Sorgen als ein funktionierendes Internet… nicht schön, wenn die ausfallenden Haare auf die Tastatur rieseln…

    Sollte der Welthandel in die Knie gehen, dann ansonsten nur in einem längeren Prozess. Und dieses Zeitfenster ermöglicht eine Umstellung auf andere Technologien. Dann wird eine Alternative z.B. zum DVD-Player entwickelt, und der alte DVD-Player eben einige Jahre länger genutzt, bevor eine neue gerätegeneration entwickelt wurde. Und wenn der Welthandel in die Knie geht, hat man Jahre Zeit, wieder COBOL zu lernen…..

    Achja, Jahr 2000-Problem: Da wurde ja richtig Geld ausgegeben, damit nicht alles zusammenbricht. Ein Kollege in einem hochkomplexen Großunternehmen hat damals daran mitgearbeitet, damit zum 1. Januar 2000 die Welt nicht untergeht. Ergebnis: Die Probleme waren so minimal, dass bei den Proläufen immer wider Fehler eingebaut wurden, um weiter Arbeit (und damit ein gutes Einkommen) vorzutäuschen. Nach seiner Einschätzung wäre ein Zehntel des Aufwandes völlig ausreichend gewesen…. Gilt im übrigen auch für die COBOL-Problematik: Einen Rentner zu reaktivieren für 80 € die Stunde ist doch die einfachste und günstigste Lösung und spart vor allem Zeit.

  13. Komplexität eines einzelnen Organismus ist kein Problem. Im schlimmsten Fall stirbt der Organismus, was in den meisten Fällen kaum Auswirkungen hat, ausser wenn es etwa eine Bienenkönigin ist, was ihr Volk zum Umdisponieren zwingt. Ein Problem entsteht erst, wenn alles mit allem zusammenhängt und es genügt, wenige kritische Stellglieder zu stören um das ganze System zum Einsturz zu bringen. So verminderte der Ansturm der Germanen auf die Nordgrenzen des römischen Reichs das Steuersubstrat was wiederum die Finanzierung der Armee beeinträchtigte, so dass immer stärkere Germanenverbände einer immer schwächeren römischen Armee gegenüberstanden. Solche  Dominoeffekte können auch die heutige Weltwirtschaft in eine Krise hineinführen. Und es gibt auf viele Gebieten potenzielle Kettenreaktionen, wo es genügt wenn ein erster Dominostein fällt. Ein Krieg im mittleren Osten könnte die Erdölversorgung der Weltwirtschaft beeinträchtigen, eine einzelne Atombombe, die über einer Stadt oder einer Militäranlage detoniert, könnte einen nuklearen Schlagabtausch mit Einsatz eines grossen Teils des nuklearen Arsenals auslösen. Thomas Grüter hält aber auch eine schleichende Entwicklung für möglich, einen langsamen Abstieg, der über eine Fragmentierung zur Auflösung führt. Angesichts der hohen Dynamik von Wirtschaft und Wissenschaft halte ich das in den nächsten 30 Jahren für unwahrscheinlich. Alles spricht dafür, dass China seinen Weg nach oben fortsetzt und dass Wissenschaft und Technologie unser Leben weiterhin immer schneller immer stärker ändern. In einer Welt in der schon bald intelligente Maschinen und Roboter zur Selbstverständlichkeit werden, Automobile autonom fahren und die Technologie Eigenschaften von lebendigen Organismen annimmt,  befinden wir uns in einer völlig anderen Situation als das untergehende Westrom. Wenn wir untergehen, dann nicht mit einem Wimmern, sondern mit einem Knall.

  14. “Ein Krieg im mittleren Osten könnte die Erdölversorgung der Weltwirtschaft beeinträchtigen,”

    Hat es gegeben, nannte sich Golfkrieg zwischen dem Iran und Irak. Der Benzinpreis lag damals bei ca. 90 Pfennig….. Argument widerlegt.

    “eine einzelne Atombombe, die über einer Stadt oder einer Militäranlage detoniert, könnte einen nuklearen Schlagabtausch mit Einsatz eines grossen Teils des nuklearen Arsenals auslösen.”

    Nein, kann sie nicht. Das geht nur, wenn diese Bombe beabsichtigt von einem Führer einer Nation losgeschickt wird. Bevor ich lange anfange, dies zu begründen, verweise ich auf Dr. Seltsam oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben…..

  15. Nur Offline oder Off-World?
    Ein Zusammenbruch oder eine Fragmentierung des Internets wie in Offline! prognostiziert, könnte ausgelöst werden durch Angriffe oder sonst wie verursachte Störungen der kritischen Internet Infrastruktur zu der Datenübertragungsmedien und -wege gehören, aber auch kritische Software-Services wie das Domain Name System, die EMail, das Website Hosting, die Authentizierung und Authorisierung, ferner auch Speichersysteme und Datenbankserver. Nicht alle diese Komponenten sind gleich kritisch. So zeigt das langjährige “Abhören” des Internetverkehrs durch westliche Geheimdienste, dass Schwachstellen in Authentizierung und Authorisierung den täglichen Gebrauch von Internetdiensten nur wenig tangieren.
    Wer annimmt, nur gerade Thomas Grüter beschäftige sich mit Critical Internet Infrastructure, täuscht sich. Das gerade verlinkte Seminar widmet sich (unter anderem) folgenden Fragen:

    How can we define and extract a locally relevant view of the globally distributed Internet?
    Which countermeasures and improvements are feasible to protect the Internet as critical infrastructure without narrowing its flexibility and openness? What is the role of specific ASes (infrastructures) for reliably interconnecting the Internet infrastructure of a country?

    Hier möchte ich aktuelle Entwicklungen im Bereich Datenübertragung und Speicherung darstellen um zu zeigen, dass mindestens diese Gebiete sich rasant entwickeln in Richtung mehr Kapazität, mehr physische Parallelität (zusätzlich neue Übertragungs”kanäle”) und mehr Langlebigkeit (Datenspeicher, die Menschenleben lang halten).

    Viele Wege für die Breitbandübertragung
    Internetdaten werden heute vor allem über Glasfaserkabel und Satellit übertragen. Doch auch die Übertragung über Stromleitungen wäre möglich und wird teilweise auch benutzt. Der Artikel Five Ways to Bring Broadband to the Backwoods zeigt auch ein paar unkonventionelle Datenübertragungswege auf, die durchaus das Potenzial haben, eine neue parallele Datenübertragungsebene zu eröffnen, die ausfallende Glasfaserkabel und ausfallende Satelliten ersetzen könnte, so dass eine Datenübermittlung von einem beliebigen Punkt der Erde zu einem beliebig anderen weiterhin möglich bliebe.
    Die untere Stratosphäre in 20 km Höhe könnte zu einer Alternative zu Satelliten werden oder ein gemischtes Satelliten-/Stratoshpärensystem ermöglichen. Dort oben gibt es weder Wolken noch Winde. Im Google-Projekt Loon sind es Stratosphärenballone, welche untereinander und mit Bodenstationen kommunizieren und so beliebige, auch abgelegene Orte auf der Erde verbinden. Die Titan-Aerospace Corporation dagegen will Drohnen mehrere Jahre lang in der unteren Stratosphäre kreisen lassen. Solarzellen versorgen diese Telekommunkationsdrohnen mit Strom. Gibt es genügend Drohnen oder Ballone in der Stratosphäre könnten sie Daten um die ganze Erde herum übertragen. Falls sie untereinander mit Laser kommunizieren wären Tera-bis Petabit Datenraten denkbar. Stratosphärendrohnen könnten auch optisch mit Satelliten kommunizieren und damit eine ähnlich hohe Datenübertragungsrate wie mit Glasfaserkabeln erreichen, selbst wenn es keine Telekommunikationsdrohnen über dem Ozean gäbe.

    PetaByte von Daten für Millionen von Jahren speichern
    Google hat 2009 etwa 24 Petabytes Daten pro Tag verarbeitet. Um das Internet sicherer und für nachfolgende Generationen von Historikern etc. nutzmachbar zu machen, sollten mindestens Teile dieses Datenstrom archiviert werden – und zwar für tausende von Jahren sicher ohne dass man die Daten immer wieder umkopieren muss.
    Kürzlich wurde gezeigt, dass Petabytes von Daten für Zehntausende von Jahren gespeichert werden können. Das verwendete Speichermedium war synthetische DNA. Dass diese sehr lange erhalten bleiben kann zeigt die Decodierung des Neandertalergenomes. Das Projekt DNACloud: A Potential Tool for storing Big Data on DNA stellt die Software zur Verfügung um solch einen langlebigen Big-Data-Speicher zu betreiben.
    Wer Daten gar länger erhalten will als die Menschheit schon existiert sollte ein Silizium-Nitrid/Wolfram basiertes Medium verwenden, wo erste Abschätzungen Daten-Lebensdauern von mindestens Millionen, vielleicht auch von Milliarden Jahren ergeben.

    Globalisierung bringt die Gefahr der Auslöschung der Nation Erde mit sich
    Wenn eine von vielen Nationen verschwindet, ein Volk den Niedergang erlebt oder gar ausgelöscht wird, hat das global unter Umständen nur geringe Auswirkungen. Wenn es aber nur noch ein Volk überhaupt gibt, das Volk der Erdenmenschen, dann bringt diese Globalisierung nicht nur Vorteile sondern auch die Gefahr des globalen Untergangs mit sich. Wäre die Menschheit eine mulitplanetare Spezies, so wäre immerhin das Überleben dieser Spezies selbst dann gesichert, wenn das Leben auf einem Planet ausgelöscht würde. Doch eine multiplanetare Spezies wird die Menschheit auch in 100 Jahren noch nicht sein. So gesehen sollten für diese Übergangszeit Überlebensstrategien ausgearbeitet werden für Fälle wie einen globalen Nuklearkrieg, eine globale Freisetzung eines Killervirus und so weiter. Vielleicht ist ja das Fermiparadox – kein Kontakt mit Extraterrestriern obwohl es viele ET’s geben müsste – rein dadurch erklärt, dass jede technisch fortgeschrittene Zivilisation sich schon sehr früh selbst auslöscht. Wir könnten die nächsten sein, wenn wir keine Vorkehrungen treffen.

    • Die Internet-Idee – ein gegen Störungen gut gefeites potenziell die ganze Erde umspannnendes Netz – ist weiterhin aktuell.
      Gerade wird berichtet, Facebook habe Titan Aerospace gekauft.
      Diese Firma baut Solarflieger, die bis zu 5 Jahre in 20 km Höhe, also über allen Wolken, kreisen können. Damit können sie die Funktion von Kommunikationssatelliten übernehmen. Und das zu einem Bruchteil der Kosten von Kommunikationssatelliten.
      Mit dieser zusätzlichen physischen Kommunikationsschicht wird das Internet noch einmal sicherer und redundanter was die Kommunikationsmittel angeht.

  16. Ein möglicher Weltuntergang wäre eine grey-goo-nano-Katastrophe, die zu der vollständigen Auslöschung der Biosphäre führen könnte.

    Ein einziger, sich selbstständig und unkontrolliert reproduzierender Mikroroboter würde schon für eine grey-goo-nano-Katastrophe ausreichen.

    Unter den sieben Milliarden Menschen gibt es vermutlich einige, die reich genug (1/1000), klug genug (1/1000), und böse genug (1/1000) sind, um so einen Mikroroboter zu bauen (7.000.000.000 / 1.000.000.000 = 7).

    In zwanzig Jahren kann vermutlich jeder technisch begabte Schüler so einen Mikroroboter bauen.

  17. Life after Death
    Die Auslöschung eines grossen Teils der Menschheit in naher Zukunft ist so gut wie sicher. Die Technologie die der Mensch schuf, die Geister, die er rief, die wird er nicht mehr los.

    Das ist allerdings keine neue Erkenntnis, sondern wird selbst von vielen Wissenschaftlern und Künstlern geteilt. Der Künstler Trevor Paglen

    Released in 2012, The Last Pictures is a collection of 100 images to be placed on permanent media and launched into space on EchoStar XVI, as a repository available for future civilizations (alien or human) to find

    Auch Elon Musk spricht davon, die Menschheit müsse eine interplanetere Spezies werden in Übereinstimmung mit Steven Hawking, der sagt

    Humanity Won’t Survive Without Leaving Earth

    “It will be difficult enough to avoid disaster in the next hundred years, let alone the next thousand or million,” Hawking said. “Our only chance of long-term survival is not to remain inward-looking on planet Earth, but to spread out into space.”

    Im Artikel Towards Gigayear Storage Using a
    Silicon-Nitride/Tungsten Based Medium
    wird sogar über praktische Lösungen nachgedacht wie man bis jetzt geschaffene Wissen über Millionen bis Milliarden Jahre hinweg retten kann.

    If we want to preserve anything about the human race which can outlast the human race itself, we require a data storage medium designed to last for 1 million to 1 billion years. In this paper a medium is investigated consisting of tungsten encapsulated by siliconnitride which, according to elevated temperature tests, will last for well over the suggested time.

    Ist doch schön, wenn man über das Erreichte sagen kann

    The human race has achieved many things we consider worth storing. From paintings found in caves as shown in figure 1 to pieces currently on display in musea. … Musea are filled with art and most of the music and movies today are accessible through the internet, but for how long? At some point humanity as we know it will cease to exist [1] and slowly all our achievements will disappear. Given sufficient time, all memory of humanity will be erased.
    To ensure that knowledge about human life is available for many future generations or even future lifeforms we require a form of data storage suitable for storage at extreme timescales.

  18. Einmal mehr ein sehr treffender Blogbeitrag!

    Ich möchte hierzu nur kurz ein paar Zitate aus Nassim Taleb’s “Der Schwarze Schwan” anbringen:

    Die Globalisierung bringt aber nicht nur Gutes: Sie erzeugt eine verzahnte Brüchigkeit, reduziert die Schwankungen und erweckt den Anschein von Stabilität. Anders ausgedrückt: Sie erzeugt verheerende Schwarze Schwäne. Wir haben noch nie unter dem Risiko eines globalen Zusammenbruchs gelebt. S. 275. [Ev. schon im Kalten Krieg durch die Gefahr eines Nuklearkrieges]
    Die stärkere Konzentration bei den Banken scheint Finanzkrisen zwar unwahrscheinlicher zu machen, aber wenn sie doch eintreten, haben sie ein globales Ausmaß und treffen uns sehr hart. Wir haben uns von einer diversifizierten Ökologie mit kleinen Banken mit unterschiedlicher Geldpolitik zu einem homogeneren System von Firmen bewegt, die sich alle gleichen. Ja, es gibt weniger Zusammenbrüche, aber wenn sie eintreten … Mir schaudert bei diesem Gedanken. Ich sage es noch einmal: Es wird weniger, aber schwere Krisen geben. Je seltener ein Ereignis ist, desto weniger wissen wir über seine Wahrscheinlichkeit. Das bedeutet, dass wir immer weniger über die Gefahren einer Krise wissen. S. 276, [Das Buch wurde vor der Finanzkrise 2007 fertig; Die Aussage trifft auch für die stärkere Vernetzung des europäischen Stromversorgungssystems zu]
    Netzwerkeigenschaften: Es gibt eine Konzentration unter ein paar Knoten, die als zentrale Verbindungen dienen. Netzwerke haben eine natürliche Neigung, sich um eine extrem konzentrierte Architektur zu organisieren: Einige wenige Knoten sind sehr stark verbunden, andere hingegen kaum. Die Verteilung dieser Verbindungen weist eine skalierbare Struktur auf. Diese Konzentrationsform ist nicht auf das Internet beschränkt; wir finden sie auch im Sozialleben, in Strom- und Kommunikationsnetzen. Sie scheint Netzwerke robuster zu machen: Zufällige Beschädigungen werden bei den meisten Teilen des Netzwerks keine schwerwiegenden Konsequenzen haben, da sie wahrscheinlich eine schlecht verbundene Stelle treffen werden. Andererseits macht sie Netzwerke aber leichter durch Schwarze Schwäne verwundbar. S. 276. [vgl. The extreme vulnerability of interdependent spatially embedded networks, Nature Physics 9, 667–672 (2013)]

    Da Schwarze Schwäne nicht wiederholbar sind, besteht zwischen den Belohnungen für die Leute, die sie verhindern, und für diejenigen, die ihre Auswirkungen bekämpfen, eine Asymmetrie. S. 367.

    Problem der stummen Zeugnisse: Bei der Betrachtung der Geschichte sehen wir nicht alles, sondern nur die rosigeren Teile des Prozesses. S 369.

    Retroperspektive Verzerrung: Untersuchung vergangener Ereignisse ohne Berücksichtigung der Vorwärtsbewegung der Zeit. Führt zur Illusion von Vorhersagbarkeit im Nachhinein. S. 369.

    Und ich habe erst heute diese Zeilen zum Thema Strom-Blackout geschrieben:
    Es sei hier aber einmal mehr festgehalten, dass es nicht um die (nicht erfassbare) Wahrscheinlichkeit eines solchen Szenarios geht, sondern um die damit verbundenen Konsequenzen. Und hier lassen sich eindeutige Aussagen treffen, wie etwa, dass „bereits nach wenigen Tagen im betroffenen Gebiet die flächendeckende und bedarfsgerechte Versorgung der Bevölkerung mit (lebens)notwendigen Gütern und Dienstleistungen nicht mehr sicherzustellen ist.“

    Quelle: Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag (Hrsg.): Gefährdung und Verletzbarkeit moderner Gesellschaften – am Beispiel eines großräumigen und langandauernden Ausfalls der Stromversorgung. In: Internet, 2011, S. 119, unter URL: http://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/17/056/1705672.pdf [10.01.14]

    Die Analogie mit dem komplexen System Mensch ist daher sehr treffend – wenn das Stromversorgungssystem den Blutkreislauf darstellt, dann ist das Internet wohl das Nervensystem.

  19. Ein guter Beitrag, dessen Argumentation ich grundsätzlich zustimme. Das Beispiel zum Jahrtausendwechsel und den damit verbundenen Computerproblemen enthält aber eine Ungenauigkeit.

    Sie schreiben: “Viele Firmen stellten jetzt fest, dass ihre wichtigsten Programme
    erstens aus den siebziger Jahren stammten und zweitens in COBOL geschrieben waren, einer Sprache, die niemand mehr wirklich beherrschte. Keiner der Mitarbeiter konnte die alten Programme umstellen oder auch nur lesen!”

    Die Programmiersprache COBOL ist sogar heute noch im Einsatz und es gibt immer noch viele Programmierer, die sie beherrschen. Es gab also genügend Mitarbeiter, die mit dieser Sprache umgehen konnten. Das war auch für die Firmen wichtig, denn Programme müssen ständig weiterentwickelt werden und an neue Gegebenheiten angepasst werden.

    Das Problem war, dass die ursprünglichen Ersteller der Software nicht mehr im Haus waren. Es fehlten bei den neueren Mitarbeitern Kenntnisse über die zugrundeliegenden Prinzipien, die unter Zeitdruck hineinprogrammierten Krücken und Abkürzungen. Weiterentwicklung geschieht nur an den Stellen der Software, die häufig geändert werden muss – und hier hatten die Mitarbeiter auch genügend Kenntnisse. Die zweistelligen Jahreszahlen gehörten meist zu den Bestandteilen, die relativ konstant gewesen waren. Zudem war diese Problematik über außerordentlich umfangreiche Gesamtsysteme verstreut. Das Problem lässt sich also gut durch “Sanierung ohne noch vorhandene Baupläne” beschreiben – und damit ist es dann wieder ein gutes Beispiel für Ihre Thesen.

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