Biowissenschaften: Deutung und Hoheit

Eigentlich wollte ich an diesem Bloggewitter nicht teilnehmen. Ich habe die folgende E-Mail an die anderen Blogger geschrieben:

Für mich sind die Biowissenschaften empirische Wissenschaften, jede Deutung ihrer Erkenntnisse ist Sache der Geisteswissenschaften. Strenggenommen gehört also Deutung nicht mehr zu den Biowissenschaften. Natürlich ist es jedem Wissenschaftler unbenommen, seine empirischen Erkenntnisse zu deuten, aber er verlässt dann den Bereich der Biowissenschaften. Bei der
Beurteilung von Deutungshoheit bin ich vielleicht etwas empfindlich: Deutungshoheit setzt eine Hierarchie voraus, einschließlich eines eingeschränkten Rechts, abweichende Meinungen zu äußern. Natürlich weiß ich aus Erfahrung, dass es auch unter Wissenschaftlern Ansprüche auf die
allein richtige Interpretation von Erkenntnissen gibt, ich billige das aber nicht. Deutungen müssen unter Wissenschaftlern der freien Diskussion unterliegen, wo Hoheiten auftreten, wird es unsachlich. Da geht es dann um persönliche Eitelkeiten, um Hierarchien und Positionen.

Ich habe mehrfach wissenschaftliche Veröffentlichungen in deutlicher Form gegen solche Ansprüche verteidigen müssen. In aller Kürze:

1. Biowissenschaften sind empirische Wissenschaften. Deutung verlässt ihren Bereich
2. Deutungshoheit ist eine Problem menschlicher, beruflicher oder fachlicher Hierarchien, aber keines der Biowissenschaften.

Mit Antworten hatte ich eigentlich nicht gerechnet, aber da hatte ich wohl das Engagement der Blogger-Kollegen unterschätzt. Stefan Schleim und Markus Dahlem meinten, das wäre doch eigentlich schon ein Beitrag, und Lars Fischer fragte, ob da nicht (erstens) schon ganz klar eine Deutungshoheit postuliert würde. Weiter schrieb er:

„Zweitens, in der Realität läuft es völlig anders. Empirische naturwissenschaftliche Daten werden von Naturwissenschaftlern permanent routinemäßig gedeutet, anders wären Folgeexperimente nicht möglich. Naturwissenschaftliche Paper werden ohne Diskussionsteil auch gar nicht angenommen. Es wäre mir auch völlig neu, dass Geisteswissenschaften mit empirischen Rohdaten arbeiten, ohne auf die entsprechenden Deutungen der Naturwissenschaftler zurückzugreifen, unter anderem weil die nötigen methodischen Kenntnisse schlicht nicht vorhanden sind.

Schönes Beispiel sind die neuen bildgebenden Verfahren von Gross et al, die je nach Verfahren verschiedene “Abbildungen” von Molekülen erzeugen und damit natürlich die Frage aufwerfen, welche Bedeutung diese verschiedenen Abbildungen eigentlich haben. Es würde mich natürlich sehr interessieren, wenn sich ein Philosoph mal an einer Deutung versucht hätte, aber ich habe schon meine Zweifel, dass es einen gibt, der dazu überhaupt in der Lage ist.“

Ein sehr guter und wie bei Lars gewohnt, absolut druckreifer Kommentar.

Offenbar interpretieren wir das Wort “deuten” auf unterschiedliche Weise. Jede wissenschaftliche Arbeit hat eine Einleitung, in der die Autoren zunächst den Stand der Wissenschaft beschreiben und die Bedeutung der Frage herausarbeiten, die sie in der Arbeit zu beantworten versuchen. Bei experimentellen Arbeiten folgt die Beschreibung des Versuchsaufbaus und des Ergebnisses. In der anschließenden Diskussion vergleichen die Autoren ihre Versuche mit denen anderer Forscher, geben an, auf welche Weise ihre Ergebnisse den Erkenntnisstand verbessern und überlegen, welche neuen Fragestellungen ihre Ergebnisse nahelegen.

Ich habe bei dem Begriff “Deutung” eher die ausufernde Diskussion um den freien Willen oder um die biologische Festlegung von bestimmten Aspekten des menschlichen Zusammenlebens gedacht, wie sie Elmar Diederich in seinem Beitrag zum Bloggewitter genannt hat.

Die blinde Übertragung von biologischen Erkenntnissen auf Themen der Philosophie, des Rechts, der Wirtschaft oder des menschlichen Zusammenlebens führt unweigerlich zu Kategorienfehlern, wie zum Beispiel Christian Wolf in den Scilogs schon drei Jahren festgestellt hat. Ein Beispiel:

Wenn der jeweilige physikalisch/chemische Zustand des Gehirn unsere Handlungen festlegt, dann gibt es keine Willensfreiheit und entsprechend keine Verantwortung. Also kann man auch niemanden für seine Handlungen zur Verantwortung ziehen.

Nun ist der Begriff der Verantwortung aber im Rahmen der Hirnforschung nicht definiert. Er hat schlicht keine Bedeutung. Er ist unter anderem eine Grundlage unseres Rechtssystems. Dort hat es durchaus seinen Sinn. Im biologischen Kontext würde man jemanden nicht „zur Verantwortung ziehen“, sondern man würde ihn bestrafen, oder mit Strafe bedrohen, um sein Verhalten zu konditionieren. Das heißt aber nicht, dass der Begriff der Verantwortung in einem System der Rechtsphilosophie entfallen müsste.

So sehr interdisziplinären Denken sinnvoll ist, man muss doch zunächst sicherstellen, dass man Fehler bei der Übertragung von Begriffen vermeidet. Das gilt auch – und ganz besonders – wo Ergebnisse der Hirnforschung auf die Regeln des Zusammenlebens von Menschen angewandt werden sollen. In dieses Gebiet gehört auch die Diskussion um die künstliche Erhöhung der Intelligenz durch chemische Mittel (Neuro-Enhancement). Es gibt Studien, die behaupten, dass Menschen mit höherer Intelligenz mehr verdienen, bessere Positionen in der Gesellschaft einnehmen und glücklicher sind. Da stellt sich natürlich gleich die Frage, wie man soetwas messen will, und wie man das deutet.

In meinem neuen Buch „Klüger als wir“ habe ich mich damit ausführlich auseinandergesetzt. Hier nur ein kurzes Beispiel:

Im Jahre 1994 erschien das Buch „The Bell Curve“ der amerikanischen Autoren Richard Hernnstein und Charles Murray. Es wurde auf Anhieb ein Bestseller und erregte die Gemüter in den USA ähnlich wie Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ hierzulande. Die Autoren postulieren, dass die USA von einer (besonders intelligenten) „kognitiven Elite“ regiert werden. Weil Intelligenz erblich ist, und die Mitglieder dieser Elite vorwiegend untereinander heiraten, ist dieser Regierungsanspruch quasi erblich. Dieser Kastengesellschaft gelte es gegenzusteuern. Man müsse also die Gesetze so vereinfachen, dass sie etwa auf dem Niveau der zehn Gebote stehen und damit auch für die „weniger Intelligenten“ verständlich sein. Die Ehe müsse ihren alten Platz als feste Institution bekommen. Die Politik müsse deutlich vereinfacht werden. Arme und dumme Mütter müssen freien Zugang zu idiotensicheren und flexiblen Maßnahmen der Geburtenkontrolle erhalten.

Weil allerdings Schwarze deutlich weniger intelligent seien als Weiße, so unterstellen Herrnstein und Murray impliziert, sind sie in der regierenden kognitiven Elite logischerweise wenig vertreten, dafür aber das verstärkte Ziel der Vereinfachung von Justiz, Moral und Politik.

Herrnstein und Murray leiten ihre Thesen aus der Hirnforschung ab. Aber rechtfertigen solche Erkenntnisse ein alttestamentarisches Regime, durchgesetzt von einer erblichen Elite für die „weniger bemittelten“? Haben wir es hier wirklich mit einer unerbittlich logischen und unausweichlichen Folge biologischer Tatsachen zu tun, oder maßen die Autoren sich eine Deutungshoheit an, die man ihnen besser nicht zugestehen sollte?

Veröffentlicht von

www.thomasgrueter.de

Thomas Grüter ist Arzt, Wissenschaftler und Wissenschaftsautor. Er lebt und arbeitet in Münster.

22 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. “Bell Curve” = Hirnforschung?

    Leiten Herrnstein und Murray ihre Thesen aus der HIRNFORSCHUNG ab? Ich hätte ja nichts dagegen, glaube aber nicht, daß man so den Schwerpunkt ihrer Argumentation kennzeichnen kann. Es sei denn, man erklärt Intelligenztests zum Kernbereich der Hirnforschung. Aber eigentlich hat man das bisher der traditionellen Psychologie zugeordnet.

    Sie erörtern die Erblichkeit der Intelligenz. Da allein geht es in den Bereich der Biowissenschaften. Ansonsten argumentiert ihr Buch sozialwissenschaftlich und sozialpsychologisch. Der durchschnittliche IQ innerhalb der unterschiedlichen Universitätsfächer etwa wird behandelt oder zwischen Elite-Universitäten und anderen.

    Und insbesondere wird ja auch behandelt die ETHNISCH unterschiedliche Verteilung von IQ. Daß eben die (etwaig) erbliche Intelligenz-Elite auch wesentliche ETHNISCHE Ungleichverteilungen aufweist. Nämlich vor allem einen überproportionalen Anteil aschkenasischer Juden. Wenn man es so formuliert, wird die Fragestellung noch einmal deutlich verschärft, wie ich denke.

    Es wird sich in KEINER Gesellschaft vermeiden lassen, daß die Intelligenteren über die weniger Intelligenten mitbestimmen. In jeder Gesellschaft sind die Intelligenteren die “Meinungsmacher” und die “Entscheider”.

    Insofern ist auch die Rolle des aschkenasischen Judentums in einer Gesellschaft “vorgegeben”, wenn es keine ethnischen Diskriminierungen gibt.

    Auch andere Ergebnisse aus den Biowissenschaften lassen das traditionelle Demokratieverständnis in einem neuen Licht erscheinen. Nämlich daß auch das INTERESSE für Politik angeborene Anteile aufweist. Woraus sich natürlich ergibt, daß nicht alle gleichermaßen an Politik interessiert sind. Inzwischen gibt es ja sogar eine Genetik des Wahlverhaltens.

    Die Biowissenschaften werfen unglaublich viele neue Fragen auf.

    Vor einigen Jahrhunderten beanspruchten für alle diese Bereiche die Theologen die Deutungshoheit. Zwischenzeitlich haben sich Philosophen und Ideologen (Politikwissenschaftler etc.) dazwischen geschoben.

    Wenn es heute Naturwissenschaftler sind, die die Deutungshoheit übernehmen, liegt darin schiere Konsequenz. Es übernimmt immer derjenige die Deutungshoheit, der sich mit der Ausgangslage, von der aus die Deutungshoheit übernommen wird (WAS also “gedeutet” wird) am besten auskennt.

    Die Geisteswissenschaftler geben sie schon allein deshalb zunehmend mehr auf, weil sie sich allzu oft nicht ausreichend mit der Naturwissenschaft beschäftigen, um überhaupt mitreden zu können. (Oft fehlt ihnen dazu auch der IQ 😉 .) Und sich lieber in schierer Ignoranz üben.

    Künftig werden deshalb naturwissenschaftliche Fächer noch viel beliebter werden als heute, weil man sieht, daß man Geisteswissenschaften auch nebenher studieren kann, Naturwissenschaften nicht.

    Man sollte sich also als Naturwissenschaftler nicht um die vorliegende Deutungshoheit herum drücken.

    Wenn man aber Besseres zu tun hat – nämlich forschen -, sollte man natürlich gerne auch Besseres tun. Und das Geschwätz den anderen überlassen …

  2. @Ingo Bading

    Thomas Grüter hat hier ein paar gute Argumente gebracht. Leider überziehen Sie wieder alles mit Ihren kruden Thesen. M.E. sollte jeder Mensch die gleichen Chancen haben, denn eine moderne Gesellschaft wird ohne Arbeitsteilung nicht funktionieren und deshalb benötigt man Menschen mit unterschiedlichen Talenten.

    Sie schreiben:
    “Wenn es heute Naturwissenschaftler sind, die die Deutungshoheit übernehmen, liegt darin schiere Konsequenz. Es übernimmt immer derjenige die Deutungshoheit, der sich mit der Ausgangslage, von der aus die Deutungshoheit übernommen wird (WAS also “gedeutet” wird) am besten auskennt.
    Die Geisteswissenschaftler geben sie schon allein deshalb zunehmend mehr auf, weil sie sich allzu oft nicht ausreichend mit der Naturwissenschaft beschäftigen, um überhaupt mitreden zu können. (Oft fehlt ihnen dazu auch der IQ 😉 .) Und sich lieber in schierer Ignoranz üben.
    Künftig werden deshalb naturwissenschaftliche Fächer noch viel beliebter werden als heute, weil man sieht, daß man Geisteswissenschaften auch nebenher studieren kann, Naturwissenschaften nicht.”

    Zu diesen Erkenntnissen fällt mir nur ein Ausspruch von Spock ein:

    “Er ist intelligent, aber nicht erfahren. Seine Struktur deutet auf zweidimensionales Denken hin.”

  3. @Ingo Bading: Machtanmassung

    Ihr Kommentar, Herr Bading bestätigt Herr Grüter’s Verdacht aus Beste, dass

    Die blinde Übertragung von biologischen Erkenntnissen auf Themen der Philosophie, des Rechts, der Wirtschaft oder des menschlichen Zusammenlebens unweigerlich zu Kategorienfehlern führt

    Ja bei ihnen wird sogar Machtanmassung spürbar, wenn sie schreiben Künftig werden deshalb naturwissenschaftliche Fächer noch viel beliebter werden als heute, weil man sieht, daß man Geisteswissenschaften auch nebenher studieren kann, Naturwissenschaften nicht.
    Im Zusammenhang ihres Kommentars und unter Berücksichtung der Spitzen gegen die Geisteswissenschaflter legen sie die geistigen Grundlagen für eine Art Machtübernahme der Naturwissenschaftler. Anstatt das Gericht oder die Politiker sollen diese (die Naturwissenschaftler also) dann Kraft ihrer Deutungshoheit über die gesellschaftspolitische Relevanz ihrer Forschungsergebnisse die frühere Willkür im Gericht und der Politik durch naturwissenschaftlich wohlbegründete Vollzugsmassnahmen ersetzen.

    Auf welch wackligen Füssen diese Deutungshoheit steht demonstrieren sie gleich selbst mit ihrem anekdotisch eingestreuten “Wissen”:

    Auch andere Ergebnisse aus den Biowissenschaften lassen das traditionelle Demokratieverständnis in einem neuen Licht erscheinen. Nämlich daß auch das INTERESSE für Politik angeborene Anteile aufweist. Woraus sich natürlich ergibt, daß nicht alle gleichermaßen an Politik interessiert sind. Inzwischen gibt es ja sogar eine Genetik des Wahlverhaltens.

    Dass es einen statistischen Zusammenhang zwischen Politikinteresse und bestimmten Genkonstellationen oder sogar Einzelgenen gibt, wird wohl kaum jemanden hier überraschen. Zumindest ich kenne kaum einen Bereich, der nicht schon mit Vererbung und mit bestimmten Genen in Verbindung gebracht wurde. Doch da beginnt ja genau das Problem. Wie wollen sie einen solchen statistischen Zusammenhang in politisches Handeln oder in gesellschaftliche Konsequenzen umsetzen. Das ist doch genau das Kategorienproblem. Sie liegen falsch, wenn sie die Gesellschaft als naheliegenden Anwendungsfall und Labormodell für frische naturwissenschaftliche Ergebnisse sehen. In unseren politischen und juristischen Entscheidungsprozessen mögen viele falsche Begründungen stecken und auch viel Unwissen. Doch es ist eine eigene Welt mit ihrer eigenen Geschichte und ihren eigenen Erfahrungen. Wenn die Naturwissenschaft die Deutungshoheit übernimmt und in Zukunft naturwissenschaftliche Experten die Gerichtsurteile fällen, könnte es sich herausstellen, dass dies für die menschliche Gesellschaft gar keinen Gewinn mit sich bringt, sondern nur eine neue Form von Diktatur bedeutet.

  4. Bading-Sarrazin-Widerspruch

    Ich kann Thomas, Mona und Martin Holzherr hier nur zustimmen. Und möchte noch auf einen weiteren, zentralen Widerspruch in der “Argumentation” von Ingo Bading hinweisen: Wenn doch angeblich Intelligenz das Qualitätsmerkmal per se sei und die Intelligenten in den freien Gesellschaften seit je die Eliten bildeten – warum “schafft sich dann Deutschland ab”? Wie kann man eine vermeintlich intelligente Elite gleichzeitig feiern und verteufeln?

  5. Murray und Herrnstein…

    @Thomas Grüter

    “Die blinde Übertragung von biologischen Erkenntnissen auf Themen der Philosophie, des Rechts, der Wirtschaft oder des menschlichen Zusammenlebens führt unweigerlich zu Kategorienfehlern…” Volle Zustimmung hierfür!

    Nichtdestotrotz sei erwähnt: Murray ist Politologe und Herrnstein war Psychologe. Sie haben für “The Bell Curve” weniger die Hirnforschung verwurstet als vielmehr mittels statistischer Taschenspielertricks versucht, ihrem rassenideologischem Weltbild einen naturwissenschaftlichen Anstrich zu geben. Sarrazin hat diese Schiene ca. 15 Jahre später hierzulande erfolgreich kopiert.

  6. @ Michael

    Michael,

    das Argument grad eben ist doch wohl nicht von Dir? Ich muß dir doch wohl nicht sagen, daß die in IQ-Tests gemessene Intelligenz für sich genommen absolut nichts mit Moral zu tun hat. Ich kann meine Intelligenz für böse und für gute Taten benutzen. Und wir tun es alle alle Tage.

    (Ich natürlich besonders für böse … 😉 )

    Wenn böse Taten getan werden, wünscht man sich natürlich gerne, daß sie mit nicht so viel Intelligenz getan werden würden. Leider ist dem heute nicht der Fall.

  7. @Bading – “böse Intelligenz”

    “Wenn böse Taten getan werden, wünscht man sich natürlich gerne, daß sie mit nicht so viel Intelligenz getan werden würden. Leider ist dem heute nicht der Fall.”
    War das früher (in der “guten alten Zeit”) anders? Ich meine nicht.

  8. @ Harald Andresen

    Nein, habe ich nicht sagen wollen. Wobei “früher” natürlich relativ ist. Da “Intelligenz” nach allem, was wir derzeit sagen können, nicht nur in den, sagen wir letzten 65 Millionen Jahren, nicht nur in den letzten 2,5 Millionen Jahren und nicht nur seit den letzten 200.000 Jahren, sondern sogar in den letzten tausend Jahren evoluiert ist (sichtbar an den IQ-Unterschieden zwischen sephardischen und aschkenasischen Juden) ist früher wirklich relativ.

    Vor 200.000 Jahren und wohl auch noch vor 10.000 Jahren war die menscliche Intelligenz sicherlich noch nirgendwo auf dem Erdball so effektiv, um so viel Böses wie Gutes tun zu können, wie dies heute der Fall ist.

    (Nunja, ist vielleicht ein Allgemeinplatz im Zeitalter der Atombombe etc. und im Zeitalter nach der Kantischen Philosophie oder nach Einsteins Relativitätstheorie.)

  9. @Ingo Bading

    Irgendwie habe ich den Eindruck, Sie sehen sich in einem einsamen Kampf für das Primat der Naturwissenschaften gegenüber der Political Correctness.

    Dann sollten Sie aber doch beachten, dass wissenschaftliche Erkenntnis ständig fortschreitet und nicht zuletzt vom Dialog lebt, von der ständigen Anpassung von Theorien an neue Erkenntnisse, und nicht zuletzt von einer gewissen Genauigkeit bei dem Zitieren der Erkenntnisse anderer. Lassen Sie mich das etwas konkretisieren:

    Sie haben mehrfach das Beispiel der Aschkenasim (Selbstbezeichnung der mittel- und osteuropäischen Juden) als Beleg für die Erblichkeit und die schnelle Evolution der Intelligenz genannt. Als Referenz haben Sie unter anderem die Arbeit von Gregory Cochran (1) genannt. Nun ist aber die Hauptthese der Arbeit nicht etwa die höhere Intelligenz der Aschkenasim, sondern stellt die These in den Raum, dass die heterogenen Träger bestimmter, unter den Aschkenasim verbreiteter Erbkrankheiten eine höhere Intelligenz haben („In particular we propose that the well-known clusters of Ashkenazi genetic diseases, the sphingolipid cluster and the DNA repair cluster in particular, increase intelligence in heterozygotes.“) Einen Beweis führen die Autoren nicht an. Sie begründen ihre Thesen mit den Lebensbedingungen der Aschkenasim im Mittelalter und in der frühen Neuzeit. Allerdings bemühen sie dabei ein verzerrt/verklärtes historisches Bild, das als wissenschaftliche Begründung für ihre These eher ungeeignet ist. In einer neueren Arbeit konnten Cochrans Thesen allerdings nicht bestätigt werden (2). Sie sind nach dem derzeitigen Wissensstand kaum noch haltbar.

    Sie schreiben, dass das Buch The Bell Curve „vor allem einen überproportionalen Anteil aschkenasischer Juden“ an der Kognitiven Elite thematisiert. Das ist falsch. Dieses Thema nimmt im ganzen Buch lediglich einen Absatz ein (S. 275).
    Schließlich und endlich gibt es in der Wissenschaft keinen Konsens darüber, ob oder in wieweit die
    höhere Intelligenz der Aschkenasim auf Erbfaktoren oder kulturelle Einflüsse zurückzuführen ist (hier eine Zusammenfassung der aktuellen Diskussion). Dabei ist unbestritten, dass in den USA und in England die Aschkenasim unter Akademikern deutlich überproportional vertreten sind, wie übrigens auch unter den amerikanischen Nobelpreisträgern zwischen 1901 und 1965. Kann aber der mehrfach bestätigte Vorsprung von ca. 15 Punkten (eine Standardabweichung) in Intelligenztests überhaupt kulturell bedingt sein? Nach dem heutigen Stand der Dinge ist das durchaus möglich. In den dreißiger bis neunziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts hat sich der Intelligenz-Durchschnitt in allen westlichen Ländern einschließlich Japan immer weiter nach oben verschoben. In den USA betrug der Anstieg seit 1932 mehr als eine Standardabweichung. Der Effekt wird nach dem Erstbeschreiber James Flynn als Flynn-Effekt bezeichnet. Für eine genetische Änderung ist dieser Anstieg viel zu schnell, er muss also kulturell bedingt sein (3). Demzufolge wäre es auch denkbar, dass der Vorsprung der Aschkenasim bei Intelligenztests teilweise oder ganz auf kulturelle Einflüsse zurückgeht.

    Ich habe kein Problem, Ihre Meinung zur Deutungshoheit der Biowissenschaften als eine von mehreren möglichen zu aktzeptieren, aber sie ergibt sich nicht zwingend aus dem bisherigen Stand der Wissenschaft oder aus den von Ihnen zitierten Arbeiten.

    Literatur

    [1] Cochran G et al. (2006) Natural History of Ashkenazi Intelligence.
    Journal of Biosocial Science 38 (5): 659–693

    [2] Bray SM et al. (2010) Signatures of founder effects, admixture, and
    selection in the Ashkenazi Jewish population. Proceedings of the
    National Academy of Science 107(37): 16222–16227

    [3] Grüter (2011) Klüger als wir? Auf dem Weg zur Hyperintelligenz. Spektrum akademischer Verlag, Heidelberg. (Im Druck)

  10. Danke für Unaufgeregtheit

    Lieber Herr Grüter,

    Ihre Diskussionshaltung unterscheidet sich sehr deutlich von der vieler anderer – und das ist zunächst wohltuend festzustellen.

    Überhaupt ist es schön, sich über Einzelheiten zu unterhalten. Die Studie “Natural History of Ashkenazi Intelligence” war ein erster Wurf, so verstand ich ins damals, ins Blaue hinein fabuliert, mit ein paar wissenschaftlichen Fakten angereichert, um überhaupt mal etwas Konkreteres zum Thema gesagt zu haben, einem Thema, das bis dahin schwersten Tabus unterlag.

    Der Aufsatz war in meinen Augen für sich mehr ein “Politikum”. Denn über ihn wurde nicht nur in “New York Times” und im “Economist” so auffallend gut plaziert berichtet, sondern auch eine ganze Reihe führender amerikanischer Juden fühlten sich damals veranlaßt, positiv zu ihm Stellung zu nehmen – und das war zunächst einmal eine politische Botschaft: Wir, die ADL (die Anti-Defamation-League, die umfangreiche unveröffentlichte Gegendarstellungen zu Kevin MacDonald bisher in ihren Schubfächern verschlossen liegen gelassen hat) und alle ihre Wissenschafts-Analysten (von denen sie viele hat), und alle sonstigen, die mit ihr sympathisieren, halten es nicht mehr für so sinnvoll, Forschungen rund um das Thema “The Bell Curve” so zu tabuisieren und in Grund und Boden zu verdammen wie das bis 2005 “gängig” war in den großen Medien.

    Ich war 2005 erstaunt über diese “Botschaft”, über dieses “Signal”. Und erst nach und nach kriegte ich die BEWEGGRÜNDE für diese Botschaft heraus, erfuhr ich überhaupt erst, daß lokale, jüngste Humanevolution auf allen Ebenen der menschlichen Physis immer unübersehbar geworden war im menschlichen Genom seit 2000.

    – – – Ich habe meine “private” Theorie zur Evolution des aschkenasischen IQ’s, die ich auf meinem Blog auch gelegentlich thematisiert habe. Bzw. die auch Kevin MacDonald so ähnlich sieht und andere. Nämlich sozusagen 1. eine bewußte “Züchtung” auf höheren IQ dadurch, daß den ERFOLGREICHSTEN Schülern in den Rabbinerschulen, mögen sie auch noch so arm gewesen sein, von reichen Schwiegervätern rote Teppiche ausgerollt bekamen, damit sie mit ihren Töchtern kinderreiche Familien gründen können (Belege dafür hat Kevin MacDonald viele gesammelt).

    Das zum einen. Zum zweiten vermute ich in der Tat Gründereffekte. Die neueste von Ihnen zitierte Studie kenne ich allerdings noch nicht und muß ich erst noch lesen.

    Und zum dritten entstehen so angereichert Erbkrankheiten ja bekanntlich auch durch starke Inzucht und durch viele Verwandtenheiraten. Auch diese sind bei den Aschkenasim traditionell sehr gefördert worden, so daß heute in vielen Familien schwere Erbkranheiten und IQ-Hochbegabung parallel nebeneinander her vererbt werden.

    Diese Beobachtung war wohl der Auslöser für die These von Cochran und Harpending.

    Die aschkenasischen Juden leben in ihrer Mehrheit erst seit 100 Jahren in Nordamerika. Die Amerikaner afrikansicher Herkunft viel länger in dieser möglicherweise für IQ-Entwicklung sehr vorteilhaften Umgebung. Und doch gibt es heute so beträchtliche IQ-Unterschiede zwischen Aschkenasim und Afroamerikanern.

    Der IQ der letzteren liegt verdächtig nah bei ihren Verwandten in Afrika. Warum ist er aber um 10 Punkte höher? Dazu paßt so ganz und gar hervorragend die Erkenntnis, daß die Afroamerikaner im Durchschnitt auch 10 bis 20 Prozent europäischer Herkunft sind (durch Rassemischung).

    Die evolutionär-genetische Komponente des IQ wird ja auch von der Mainstream-IQ-Forschung gar nicht mehr infrage gestellt. Und insofern kann man ganz ruhig alle Themen, die sich daran anknüpfen zu Ende denken.

    Gerne versuche ich auch noch einmal auf die bis hier von mir offen gelassenen Fragen zu antworten, so bald ich dazu komme.

    Noch einmal vielen Dank für den ruhigen, sachlichen und unaufgeregten Diskussionstil.

    Der macht schon für sich Werbung für Ihre Bücher, in die ich gerne einmal hineinschauen werde. (Insbesondere überrascht es mich, darunter auf “Magisches Denken” zu treffen, weil ich mich mit dem Thema Okkultismus im letzten halben Jahr sehr intensiv beschäftigt habe.)

  11. Bray SM et al. (2010)

    Ich habe jetzt noch einmal in die von Ihnen genannte Studie

    Bray SM et al. (2010)

    hineingeschaut, sowie noch einmal den meiner Meinung nach immer bestens geschriebenen und aktuell gehaltenen Forschungsüberblick auf Wikipedia gelesen:

    http://en.wikipedia.org/wiki/Ashkenazi_Jews#Genetics

    http://en.wikipedia.org/wiki/Genetic_studies_on_Jews

    und sehe noch nicht so recht, wie die grundlegenden Voraussetzungen der Studie von Cochran und Harpending durch neuere Studien “kaum noch haltbar” sein sollen.

    Cochran und Harpending sagen, daß der IQ wie in der Evolutionären Medizin zahlreiche Krankheiten (soll kein Scherz sein – macht aber auch nichts, wenn es einer ist, denn IQ kann ja *auch* als Krankheit verstanden werden …) evoluiert sein muß. Und daß man dafür eine Erklärung braucht, daran ändern auch die neueren Studien nichts.

    Was immer man widerlegt, es stünde ja dann immer noch eine Erklärung aus, wie es zu dem deutlichen IQ-Unterschied zwischen sephardischen und aschkenasischen Juden gekommen ist, der ja, wenn IQ zu 50 bis 80 % genetisch bedingt ist, auf irgendwelchen Selektionsereignissen beruht haben muß – auf welchen auch immer.

    Und zwar innerhalb der letzten tausend Jahre!!!

    Die Forschung ist im vollen Fluß, da stimme ich Ihnen völlig zu. Ich habe auch nirgendwo einen anderen Eindruck zu erwecken versucht. Daß aber IQ eine genetische Grundlage hat und darum evoluiert, heute immer noch, wird, soweit ich sehe, von ernsthaften Forschern, die wirklich in der Materie drinstecken (wie Detlef Rost, Heiner Rindermann, Gerhard Roth, um nur den deutschsprachigen Raum zu nennen, auch Jens Asendorpf) nicht mehr bestritten.

    Und das ist zunächst der zentralste Punkt, der ziemlich viel in unserem Denken ändert, bzw. ändern wird, wenn man sich mal darauf einläßt, so zumindest meine starke Vermutung.

    Denn nicht nur der IQ evoluiert in unterschiedlichen Völkern unterschiedlich, sondern auch viele Verhaltensgene, etwa Serotonin-Transporter-Gene, die in Beziehung zu Depressionsneigung gesetzt werden.

    Ebenso Verdauungsgenetik (Milchverdauung, Alkoholverdauung, Fleischverdauung …Neigung zu Schizophrenie) und eben die ganzen sonstigen körperlichen und seelischen Merkmale.

    Mir käme es vor wie die alte Körper/Geist-Dichotomie, wenn man aus diesem evolutiven Geschehen nun ausgerechnet den IQ ausnehmen wollte, der wie kaum eine andere Eigenschaft eine so ausgeprägte, dem humanevolutionären Stammbaum von Südafrika nach der Nordhalbkugel entlang verteilte evolutionäre Weiterentwicklung aufzeigt (nach Richard Lynn).

    http://www.gnxp.com/blog/2006/02/world-of-difference-richard-lynn-maps.php

    Das Spannende finde ich ja: Wenn es so eine deutliche Korrelation zwischen IQ und Bruttosozialprodukt eines Landes gibt, wie R. Lynn aufgezeigt hat und andere, wann dann auch UNSER IQ und der der Ostasiaten evoluiert ist. Lynn sagt während der Eiszeit. Aber dann müßten ja auch die amerikanischen Ureinwohner einen vergleichbar hohen IQ haben.

    Ich glaube eher, mit Entstehung der arbeitsteiligen Gesellschaft, mit seßhaften Bauernkulturen, die ja auch in der Verdauungsgenetik und (offenbar) in der Augenfarben-Genetik so deutliche Neuerungen mit sich gebracht haben und ZUGLEICH bei Pflanzen und Tieren so deutliche genetische Domestikations-Veränderungen bewirkt haben.

    Aber dann stellt sich immer noch die Frage, warum die frühen Hochkulturen viel weiter im Süden entstanden sind und man in nördlicheren Breiten so viel länger mit vielem gebraucht hat.

    Gewiß ist in Europa auch die “Gegenselektion” während des Mittelalters zu berücksichtigen dadurch, daß die Intelligentesten sehr oft kinderlos waren (Mönche, Nonnen). Das ist aber wohl wiederum durch die kinderreichen protestantischen Pfarrhäuser der Neuzeit ausgeglichen worden.

    (Ich rekapituliere hier eigentlich nur Gedanken, die schon 2005 an vielen Stellen im englischsprachigen Wissenschaftsbereich und innerhalb des aschkenasischen Judentums diskutiert worden sind.)

  12. Danke für die freundliche Erwähnung

    Dieser Interpretation von Deutung schließe ich mich gerne an. Allein schon deswegen, weil ich der Meinung bin, dass die biologischen Erkenntnisse über den Menschen politisch und gesellschaftlich insgesamt bedeutungslos sind.

    Wir und unsere Gesellschaft sind ganz und gar das, zu dem wir selbst uns machen, das und nicht weniger sollte der Anspruch sein. Politischer Biologismus ist widerwärtig.

  13. Kevin MacDonald

    Bei seinem (sorry, ich kann es nicht anders benennen) stinkigen Geschreibsel über die “Züchtung” intelligenter Juden beruft sich Ingo Bading wenig überraschend auf den rassistischen, antisemitischen Anthropologen Kevin MacDonald.

    Über jenen hier ein Auszug aus einer ausführlichen Replik des Soziologen Jonathan Harrison: “However, antisemitism brings other ingredients to the party that are not always found in Scientific Racism. It is important to recognize that MacDonald’s work also contains these elements. He is not simply riding on the coat-tails of the Bell Curve racists but is also tapping into a repertoire of libels that depict Jews as a pollutant, a spoiler race, and a conspiratorial menace. Whereas racists such as Jensen frame their discussions around the supposed ‘passivity and low IQ’ of blacks, MacDonald accuses Jews of the opposite offences: over-activity and hyper-intelligence.This therefore leads to the third, and most virulent, connection to Holocaust denial: a reading of history that ultimately holds that, in many cases, the Jews deserved their rough treatment. For MacDonald, it was Jewish activism, not a corrupt bunch of medieval clerics, which was responsible for the torture and murder of Jews during the Inquisition… Quelle: http://holocaustcontroversies.blogspot.com/2007/08/kevin-macdonald-old-whine-in-new.html

  14. Schlechte Umgebung…

    … unterdrückt vorhandene Intelligenz. Dies gilt für schwarze, weiße, gelbe und natürlich auch für blaue Schlümpfe 😉

    Die Biologen Jörg Albrecht und Volker Stollorz fassten diese Erkenntnisse in einem ausgezeichneten Artikel für die FAZ zusammen, siehe http://www.faz.net/artikel/C30512/intelligenz-forschung-wir-sind-alle-schluempfe-30003335.html

    Höchst interessant darin ist der Verweis auf eine Arbeit der israelischen Psychologen Shlomo Kaniel und Shraga Fisherman: “Am Beispiel Äthiopien, einem Land, in dem immerhin achtzig verschiedene Sprachfamilien zu Hause sind, kann man gut zeigen, was von solchen Zahlen zu halten ist. Gewonnen wurden sie 1989 mit Hilfe eines nonverbalen Multiple-Choice-Tests, und zwar an einer Gruppe von 250 äthiopischen Jugendlichen, die vom israelischen Geheimdienst unter dramatischen Umständen aus ihrer von Bürgerkrieg und Hungersnot geschüttelten Heimat ausgeflogen worden waren. Sie gehörten zum Stamm der Falasha, die seit Jahrhunderten in der Diaspora lebten und sich zum jüdischen Glauben bekannten, bis ihnen das Recht zuerkannt wurde, israelische Staatsbürger zu werden. Unterernährt und traumatisiert durch den Verlust von Familienangehörigen, dazu noch neu in einer vollkommen ungewohnten Umgebung, schnitten die Jugendlichen zunächst mit dem erwähnten Intelligenzquotienten von 63 ab. Nachdem sie eine Vorschule und spezielle Lernprogramme absolviert hatten, änderte sich der Wert dramatisch: Nach ein paar Jahren waren ihre Testergebnisse nicht mehr von denen ihrer Mitschüler zu unterscheiden.”

  15. @ Lars

    Oh Mann, oh Mann, Lars, ihr dreht ja alles durch. So viel Herabsetzung ist nun wirklich nicht nötig. Einfach nur einen sachlichen Ton einhalten kann man ja wohl nicht, wenn dein Welt- und Menschenbild von gewissen Entwicklungen in der Wissenschaft auch nicht im leistesten angekrazt werden soll.

    Mann, oh Mann, was für eine Gereiztheit. Schon die Gereiztheit selbst sagt einem doch alles in dieser Angelegenheit.
    Wie würdest du, Elmar oder Michael mich (oder andere) so persönlich herabsetzen, wenn es nicht um dieses Thema ginge. Ich möchte mal euch erleben, wie ihr euch fühlt, wenn ständig so herumgetreten wird auf das bloße Hinweisen auf Entwicklungen in der Wissenschaft und auf das Hinweisen von Schlußfolgerungen, die man daraus ziehen kann.

    Hätte ich echt nicht gedacht, daß ich sowas noch erleben muß.

    Ich behandele das Thema ja nicht erst seit kurzem. Seit den letzten fünf Jahren habe ich dieses Thema auf meinem Blog im Wesentlichen nicht anderes behandelt als jetzt. Der Unterschied ist eigentlich nur, daß ich inzwischen durch Thilo Sarrazin “unerhebliche” Unterstützung bekommen habe oder durch Gerhard Roth, Detlef Rost, Heiner Rindermann, Frank Schirrmacher … . Ich hatte eigentlich gedacht, daß einen das MEHR als bisher vor Verunglimpfung bewahren sollte. Aber nein, es ist umgekehrt.

    Plötzlich ist so eine Gereiztheit da.

  16. Ehrlich gesagt…

    …habe ich die Kommentare hier gar nicht gelesen. Dazu habe ich im Moment keine Zeit, es ist halt nur höflich, sich zu melden, wenn man schon auf diese Weise erwähnt wird.

    Ich beziehe mich auf Thomas’ Interpretation der Deutung und warum ich mit ihr einverstanden bin. Dass Du Dich angesprochen fühlst, spricht wahrscheinlich für sich.

  17. @ David: Isolationsangst

    Da fallen mir übrigens gleich ein paar Gedankenansätze doch noch ein:

    Larmoyanz als eine Begleiterscheinung von “Isolationsfurcht”. So nennt es Elisabeth Noelle-Neumann in “Schweigespirale” und beschreibt alle dazu gehörigen psychischen Phänomene schon sehr gut.

    Und aus evolutionärer Sicht dient Isolationsfurcht sicherlich dazu, daß das Gruppenleben leichter funktioniert und es nicht zu viele Abweichler gibt, die nur Chaos in ein wohlgeordnetes Gruppen- und Gesellschaftsleben bringen. “Normabweichendes Verhalten” gefährdet insbesondere Gesellschaften deren Altruismus vornehmlich auf dem labilen Gegenseitigkeits-Prinzip beruht.

    Konservative “Konsensgesellschaften” stehen hierbei mehr innovativen “Individual-Gesellschaften” gegenüber. In letzteren könnte es häufiger das Neugier-Gen für ADHS geben, während in ersteren häufiger angeborene Depressionsneigung dazu führen könnte, daß “Abweichler” kulturell noch schneller als in den Individual-Gesellschaften zur Raison gebracht werden.

    Ich weiß allerdings grad nicht, ob die Isolationsfurcht der Noelle-Neumann schon direkter in Bezug gesetzt wurde zu evolutionären Theorien.

  18. “Magisches Denken”

    Paßt zwar nicht ganz zum Faden hier – aber wo soll ich’s sonst loslassen:

    Nach einem solchen Buch wie “Magisches Denken” suche ich schon seit mehreren Monaten. Nämlich seit ich mich so sehr darüber wundere, daß von kritischen Geistern (auch auf Blogs) zwar viele abstruse Ideen als solche herausgestellt werden, aber das Denken selbst, das alle diese abstrusen Ideen erst ermöglicht, selten bis nie grundlegender erörtert und kritisiert.

    Bin noch gespannt, in der weiteren Lektüre zu beobachten, wie tief Sie in die verrückte Welt des Okkultismus eingedrungen sind. Das Internet ist voll mit diesem Quatsch und es wird einem unheimlich, wenn man da ansonsten nüchterne und vernünftige Leute plötzlich so etwas reden sieht. Renommierteste Verlage verdienen mit diesem Quatsch Millionen.

    Mein Zugang zu diesem ganzen Thema war die multiple Persönlichkeitsstörung und rituelle, satanistische Gewalt, die – soweit ich sehe – im Gegensatz zur sexuellen Gewalt an Kindern noch längst nicht ausreichend thematisiert worden ist in der Öffentlichkeit.

    – Zu der Einleitung Ihres Spiegel-Artikels von 2006 über Verschwörungstheorien möchte ich allerdings sagen, daß man magisches Denken, wenn es sich mit einer Weltmacht wie dem Vatikan verbindet, auch auf politischem Gebiet nicht unterschätzen sollte.

    Die derzeitigen Diskussionen um den Papst-Besuch zeigen ja (nur als Beispiel) wie sehr es die Politiker aller Parteien fürchten, es mit der katholischen Lobby zu verderben. Wenn ich Papst wäre, würde ich da schon so einige Allmacht-Gefühle kriegen …

  19. “Politischer Biologismus”

    Entschuldigung, aber da der Begriff hier gefallen ist, will ich doch noch etwas zu ihm festhalten.

    Politischen Biologismus gibt es heute eigentlich gar nicht mehr. Sondern höchstens noch bei jenen, die auf politischem Gebiet im vergangenen typisch ideologischen Denken verhaftet sind.

    Es gibt entweder Berücksichtigung des naturwissenschaftlichen Kenntnisstandes, wenn ich Politik mache (Gesetze über Reproduktionsmedizin, Bildungspolitik, Umweltpolitik etc. pp.). Oder aber es gibt Nichtberücksichtigung des letzteren.

    Nichtberücksichtigung ist einer modernen Wissensgesellschaft, die sich der Aufklärung verpflichtet fühlt und nicht der Gegenaufklärung, natürlich schlicht unwürdig.

    Die Wissenschaft ist heute sogar so weit fortgeschritten, daß man viel leichter als früher erkennen kann, wann politische Forderungen weit hinter dem naturwissenschaftlichen Kenntnisstand zurückbleiben oder weit über ihn hinausschießen.

    Wenn Michael Blume zum Beispiel dem IQ-Wert eines Menschen moralische Konnotationen gibt (“minderwertig”), dann schießt das natürlich weit über den naturwissenschaftlichen Kenntnisstand hinaus und ist auch mit einem humanistischen Menschenbild in keiner Weise verträglich. Es entspringt typisch ideologischem (oder gar theologischem) Denken.

    Aber wenn so von Politikern geredet würde, könnte man das ja noch nicht einmal Biologismus nennen, sondern einfach nur Blödheit und Inhumanität. – Also was soll der Begriff “Politischer Biologismus” eigentlich? Worauf kann er sinnvoll angewendet werden?

    Er ist für sich selbst schon dem ideologischen Begriffsrepertoire einer vergangenen Epoche entnommen und darum kann auf ihn leicht verzichtet werden.

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