Aberglauben – sportlich gesehen

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die Psychologie irrationalen Denkens
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Normalerweise bemühen sich Naturwissenschaftler und Skeptiker, jeden Aberglauben auszurotten, aber in einigen gut eingezäunten Biotopen lassen sie ihn friedlich gedeihen. Eines davon ist der Sport, wie sich bei der Fußball-Europameisterschaft wieder zeigt.

Jogi Löw setzt bekanntlich auf Glück bringende Kleidungsstücke. Bei der WM 2010 führte er seine Mannschaft in einem blauen Kaschmir-Pullover bis zum dritten Platz, bei der EM 2012 trug er bei allen Spielen ein weißes Hemd. Er ließ den Pullover nach der Weltmeisterschaft zugunsten der Hilfsorganisation Ein Herz für Kinder versteigern. Eine Kaufhauskette erhielt den Zuschlag für 1 Million €. Da sage noch einer, dass Glücksbringer heutzutage außer Mode sind!

Giovanni Trappatoni setzte als Trainer der italienischen Mannschaft auf göttlichen Beistand. Er verspritzte bei der WM 2002 Weihwasser auf dem Fußballfeld, um seiner Mannschaft den Sieg zu sichern. Offenbar ließ sich Gott davon nicht beeindrucken: Italien schied im Achtelfinale aus.

Auch besondere Nahrungsmittel sollen den Fußballern die nötige Energie verleihen. Bei der WM 1986 bestand der argentinische Trainer Carlos Bilardo darauf, dass seine Mannschaft kein Hühnerfleisch bekam. Es bringe Unglück, so meinte er. Seine Mannschaft holte den Titel.

Holger Stromberg, der Chefkoch der deutschen Mannschaft, erklärte in einem Interview, dass er vor Spielen der deutschen Mannschaft bei der aktuellen EM stets Milchreis als Nachtisch servieren muss. Ein Spieler habe ihm gesagt, dass die Deutschen 2006 nicht Weltmeister geworden seien, weil vor dem Halbfinalspiel gegen Italien ausnahmsweise kein Milchreis auf dem Speiseplan gestanden habe1.

Einige Sportler schwören auf Rituale. Sie tragen ein bestimmtes Hemd oder Glück bringende Schuhe. Wade Boggs war einer der besten amerikanischen Baseballspieler in den achtziger und neunziger Jahren. Er war nicht nur für seine Leistungen auf dem Spielfeld berühmt, sondern auch für seine zahlreichen ausgefeilten Rituale. Er übte nur zu bestimmten Tageszeiten, ging auf dem Platz immer die gleichen Schritte und schlug immer die gleiche Anzahl von Übungsschlägen.

Wie können solche Rituale entstehen? Schon vor mehr als 50 Jahren glaubte der amerikanische Psychologe Burrhus Frederic Skinner, die Antwort gefunden zu haben.

Abergläubische Tauben

Er beobachtete, dass Tauben „abergläubische“ Rituale ausführen, wenn man sie nur richtig konditioniert. Er setzte sie in einem Käfig, an den in regelmäßigen Abständen für kurze Zeit ein Futterspender herangezogen wurde, sodass die Tiere fressen konnten. Einige der Vögel begannen damit, genau die Bewegung zu wiederholen, die sie zufällig gerade dann ausgeführt hatten, als das Futter freigegeben wurde. Das führte zu seltsamen Verrenkungen, die man sonst bei Tauben kaum beobachten konnte.

„Ein Vogel wurde konditioniert, sich gegen den Uhrzeigersinn im Käfig zu drehen … ein anderer drängte mit dem Kopf wiederholt in eine der oberen Ecken des Käfigs“, schrieb Skinner2. Operante Konditionierung nannte er diese Art der Verhaltenslenkung. Heute spricht man eher vom Lernen am Erfolg. Damit kann sich auch beim Menschen ein Aberglaube etablieren. Zum Beispiel so: Wir haben mittags Milchreis gegessen und unsere Spiele gewonnen. Dann gibt es einmal keinen Milchreis, und prompt verlieren wir.

Skinner war der wichtigste Vertreter des Behaviorismus. Diese psychologische Schule geht davon aus, dass man die inneren Prozesse des Gehirns nicht beobachten kann, nur das Verhalten eines Tieres (oder eines Menschen) lässt sich zuverlässig beschreiben. Durch klassische oder operante Konditionierung lässt sich das Verhalten aber zuverlässig ändern. Skinner träumte davon, die Menschen so zu konditionieren, dass sie friedlich miteinander umgingen, sodass Gewalt und Kriege überwunden werden konnten. Das kam nicht gut an, Skinners Zeitgenossen betrachteten eine umfassende Konditionierung eher als negative Utopie.

Heute sieht man das Lernen durch Konditionierung nicht mehr als ausreichende Erklärung für die Entstehung von magischen Ritualen an. Auch der Behaviorismus ist etwas aus der Mode gekommen. Die aktuell vorherrschende Kognitionspsychologie geht davon aus, dass die Funktion des Gehirns mit Konzepten der Informationstheorie beschreibbar ist. Also lassen sich durch geeignete Experimente auch Erkenntnisse über die internen Abläufe im Gehirn gewinnen. Treten magische Rituale als Nebenwirkungen der normalen Abläufe im Gehirn auf, oder müssen wir sie eher als Abweichungen von der Norm ansehen? Um das zu entscheiden, müsste man feststellen, wie verbreitet abergläubisches Verhalten bei Sportlern ist. Es könnte ja schließlich sein, dass einige schillernde Ausnahmefälle unsere Wahrnehmung verzerren. Die amerikanischen Psychologen Jerry M. Burger und Amy L. Lynn haben eine entsprechende Studie durchgeführt und fanden bei 57 von 77 amerikanischen und japanischen Baseballspielern magische Rituale3. Solche Verhaltensweisen sind also eher die Regel als die Ausnahme. Allerdings glaubten die meisten Spieler nicht daran, dass sie damit eine reale Wirkung erzielten. Das ist verblüffend, denn eigentlich sollte sie ihre Rituale aufgeben, wenn damit keinerlei Wirkung verbunden ist. Burger und Lynn vermuten, dass die Sportler die Rituale beibehalten, weil sie sich sagen: „Es kann ja schließlich nicht schaden.“ Die wenig aufwendigen Rituale könnten ja zu zum Sieg beitragen, wer weiß? Dann hätte der Sportler mit einem geringen Aufwand eine große Wirkung erzielt. Solche abergläubischen Handlungen bezeichne ich als Gelegenheitsrituale. Nicht nur Sportler verlassen sich darauf. Es gibt Menschen, die immer ihren Regenschirm mitnehmen, wenn sie einen Spaziergang antreten. Sie behaupten, dass es nur dann sicher nicht regnen wird. Sie schließen sozusagen eine Regen-Versicherung ab.

Zwangsrituale

Normalerweise kommen solche Rituale irgendwann auf und verschwinden wieder. Manchmal aber entwickeln sie ein unheimliches Eigenleben. Die Menschen leider unter unbezähmbarer Angst, wenn sie das Ritual auslassen. Beispielsweise hat die Mutter eines Schulkinds irgendwann angefangen, den Küchentisch mit bestimmten Bewegungen abzuwischen, weil sie von der Vorstellung geplagt wird, ihrem Kind könne sonst etwas zustoßen. Sie kann diesen Gedanken nur mithilfe des Rituals verdrängen, und das ergänzt es im Laufe der Zeit um immer neue, genau einzuhaltende Bewegungen. Obwohl sie genau weiß, dass der Zusammenhang nur in ihrem Kopf besteht, kann sie ihre Angst nicht anders im Zaum halten. Die Medizin spricht hier von einer Zwangserkrankung. Die sogenannten Zwangsrituale fressen sich manchmal immer weiter in den Alltag hinein, bis sie schließlich das ganze Leben der Patienten beherrschen. Ohne fremde Hilfe können sich die Kranken dann kaum aus den Krallen ihres Zwangs befreien.

Soweit kommt es aber glücklicherweise selten. Die deutschen Spieler werden wohl keine Angstzustände bekommen, wenn ihnen der Milchreis gestrichen wird. Der Koch kämpft übrigens gegen diesen Aberglauben an:

„Ich sage immer: Gewinnen müsst ihr, nicht der Milchreis.“

[1] Hamburger zur Belohnung. Chefkoch Holger Stromberg über die Vorleiben der Spieler, gesunde Ernährung und den Milchreis. Euro 2012, Beilage der Westfälischen Nachrichten, Münster, p7

[2] Skinner BF (1948) ‘Superstition’ in the pigeon. Journal of Experimental Psychology 38, 168-172

[3] Burger JM & Lynn AL (2005) Superstitious Behavior Among American and Japanese Professional Baseball Players. Basic and Applied Social Psychology, 27(1), 71–76

 

Wenn sich jemand genauer informieren möchte: In meinem Buch Magisches Denken habe ich das Thema Ritual ausführlich behandelt.

Veröffentlicht von

www.thomasgrueter.de

Thomas Grüter ist Arzt, Wissenschaftler und Wissenschaftsautor. Er lebt und arbeitet in Münster.

5 Kommentare

  1. Widerspruch.

    Burger und Lynn vermuten, dass die Sportler die Rituale beibehalten, weil sie sich sagen: „Es kann ja schließlich nicht schaden.“

    Damit unterstellen sie den Leuten ja im Grunde, dass sie eben doch abergläubisch sind und es nur nicht zugeben wollen. Das halte ich, mit Verlaub, für Blödsinn.

    Ich bin ziemlich sicher, dass viele Leute solche “magischen” Rituale ganz bewusst deswegen beibehalten, weil sie eine soziale Funktion haben bzw. Identität vermitteln.

    Ich trinke meinen traditionellen “Siegeskakao” für den magischen(!) FC nur dann, wenn andere Leute dabei sind oder ich drüber twittern kann.

  2. @Lars Fischer

    Richtig, Lars, sie unterstellen den Sportlern einen gewissen Aberglauben. Dieser Halbglauben ist aber durchaus typisch. Wenn du mal jemanden fragst, wieso er ständig seinen Regenschirm mitnimmt, dann wird er sagen:”Ja klar weiß ich, dass mein Regenschirm keinen Einfluss auf das Wetter ab. Aber ich schwöre, jedesmal wenn ich ihn vergessen habe, bin ich nass geworden!”
    Soziale Rituale sind übrigens ein anderes Thema und geben Anlass zu weiteren fantasievollen Theorien. Eine richtig gute Erklärung für Rituale habe ich noch nicht gesehen, bisher ist alles noch Theorie, genau genommen wohl eher Spekulation.

  3. @Lars

    Damit unterstellen sie den Leuten ja im Grunde, dass sie eben doch abergläubisch sind und es nur nicht zugeben wollen.

    Nein, die Sportler sind natürlich nicht abergläubisch, aber sie wissen halt, dass Rituale und Talismans auch dann zuverlässig wirken, wenn man nicht dran glaubt.

  4. Ritualisierung

    Die Ritualisierung macht spieltheoretisch Sinn. Wer bspw. in einer beliebigen Kooperationssituation bestimmte Parameter gesetzt hat, wird diese in der nächsten vergleichbaren Situation nicht anders setzen wollen, wenn die vorangegangene Situation das angestrebte Ergebnis hervorgebracht hat.

    Denn man weiß nie bzw. kann nie mit Sicherheit ausschließen, dass ein bestimmter Parameter am vorangegangenen Erfolg mitgewirkt hat. – War es eine bestimmte Krawatte, die einen Verhandlungserfolg unterstützt hat, ein bestimmtes Auftreten ein bestimmtes After-Shave? War es ein bestimmtes Sich-Vorstellen?

    MFG
    Dr. Webbaer

  5. Gewinnen müsst ihr, nicht der Milchreis.

    Und damit hat er vollkommen recht, denn ob sie gewinnen oder verlieren hängt nur von ihrem eigenen Können und Einstellung ab und kann nicht von einem Ritual bestimmt werden.